Kategorie: Notiz

  • Kapitalisierung von Wissen als Gefahr für den Kapitalismus schon im 19. Jhdt. erkannt

    Die zen­trale Rolle von Wis­sen für die Wirtschaft – auch die Pro­duk­tion­swirtschaft – war schon Charles Bab­bage am Anfang des 19. Jahrhun­derts bewusst. Ins­beson­dere sah er in der zunehmenden Kap­i­tal­isierung des Wis­sens der Arbeit­er­schaft in Maschi­nen ein langfristiges Risiko für das langfristige Funk­tion­ieren eines arbeit­szen­tri­erten Kap­i­tal­is­mus – ähn­lich übri­gens wie das unlike­ly cou­ple aus David Ricar­do und Karl Marx. Mat­teo…

  • Moderner Blick auf Entstehung des Computers versteckt kollektive Leistung hinter Genie-Kult

    Wenn wir heute auf die frühe Entwick­lung des Com­put­ers zurück­blick­en, ste­hen da in erster Lin­ie zwei Namen: Charles Bab­bage und Ada Lovelace. Sie gel­ten als Erfinder*innen des Com­put­ers bzw. der heute so zen­tralen Unter­schei­dung von Hard­ware und Soft­ware. Doch gegen­teilig zu der dominieren­den Erzählweise indi­vidu­eller Genies waren bei­de in erster Lin­ie Kinder ihrer Zeit und grif­f­en die dort dom­i­nan­ten Nar­ra­tive…

  • Spinozas Philosophie konnte kollektive Selbsttäuschung nicht überwinden

    Ein weit­eres Beispiel für einen Philosophen, der schon im 17. Jahrhun­dert einen sehr mod­er­nen Blick auf die Welt hat­te, ist Brauch de Spin­oza. Doch da er die unbe­que­men Fra­gen stellte und nicht bere­it war, seine neuen Ideen für die „alte Garde“ ver­daulich zu ver­pack­en, ist er bis heute nicht Teil des großen west­lichen Kanons, son­dern eher eine bekan­nte Fig­ur des…

  • Gig-Economy auch in der Pflege

    In den USA gibt es mit­tler­weile Apps, die das Geschäftsmod­ell der Gig-Econ­o­my, wie beispiel­sweise beim klas­sis­chen Uber oder Plat­tfor­men wie Mechan­i­cal Turk, auf den Bere­ich der Pflege über­tra­gen: Hier reg­istri­eren sich beru­flich Pfle­gende auf ein­er Plat­tform, über die sie dann von Pflegeein­rich­tun­gen und Kranken­häuser für einzelne Schicht­en gebucht wer­den kön­nen. Dabei find­en sich all die aus­beu­ter­ischen Geschäft­sprak­tiken, wie wir sie…

  • Vom Lesen, Denken und Bloggen

    Es ist mal wieder so weit. Ein neuer Wel­tenkreuzer geht online, wieder in einem neuen For­mat. Der Wel­tenkreuzer ist jet­zt nicht mehr „nur“ Blog, er ist auch kein „Mag­a­zin“, er ist auch nicht meine beru­fliche Web­seite in diesem Netz. Er ist Teil meines Denkraums, mein­er Noti­zen­welt, meines „Zettelka­s­tens“. Wenn dir das als Info schon reicht, dann klick dich doch ein­fach…

  • Zahlen können anderes bedeuten als Wert

    Ein ganz zen­traler Schritt in der Entwick­lung des Com­put­ers und damit unser­er mod­er­nen durchtech­nisierten Welt war die Erken­nt­nis, dass Zahlen mehr kön­nen, als „nur“ Werte widerzus­piegeln. Die zen­trale Fig­ur war hier Ada Lovelace, die immer mal wieder als „erste Pro­gram­miererin“ beze­ich­net wird. Während die ursprüngliche Dif­fer­ence Engine von Charles Bab­bage den Ablauf der Berech­nung noch fest in die physis­che Hard­ware…

  • Arbeitsteilung macht Arbeit berechenbar

    Die Arbeit­steilung geht aber nicht nur der Automa­tisierung von Arbeit voraus. Sie ist auch eine zen­trale Grund­lage dafür, den notwendi­gen Arbeit­saufwand berechen­bar zu machen und Arbeit­szeit als eine beliebig kalkulier­bare Große zu ver­ste­hen. So schreibt Mat­teo Pasquinel­li in seinem Buch The Eye of the Mas­ter: The Bab­bage prin­ci­ple states that the organ­i­sa­tion of a pro­duc­tion process into small tasks (the divi­sion…

  • Arbeitsteilung geht der Automatisierung voraus

    Am Beispiel der ersten mech­a­nis­chen Com­put­er lässt sich sehr gut erken­nen, dass die Automa­tisierung von Arbeit nicht in erster Lin­ie auf ein­er tech­nis­chen Inno­va­tion auf­baut, son­dern auf der konkreten Organ­i­sa­tion von Arbeit. So weist Mat­teo Pasquinel­li in seinem Buch The Eye of the Mas­ter darauf hin: In ear­ly nine­teenth- cen­tu­ry Eng­land, ‘com­put­er’ was not the name of a machine but…

  • Abstraktionen haben eine materielle Grundlage

    For­male und erst recht automa­tisierte Algo­rith­men im Sinne Pasquinel­lis weck­en die Illu­sion ein­er uni­versellen Wahrheit, die los­gelöst ist von materiellen Beschränkun­gen. Doch wie eben Pasquinel­li in seinem Buch The Eye of the Mas­ter beschreibt, haben alle diese Algo­rith­men eine konkrete materielle Grund­lage: First, process­es of quan­tifi­ca­tion and com­par­i­son that were based on equiv­a­lence with­out involv­ing count­ing. Count­ing then emerged as…

  • KI am Arbeitsplatz erzeugt Belastung und Stress

    Kaum gab es ein ein­fach ver­füg­bares und umfan­gre­ich trainiertes „Large Lan­guage Mod­el“, über­schlu­gen sich die Mel­dun­gen und Ver­sprechun­gen über Kün­stliche Intel­li­genz – wie sie uns Arbeit abnehmen würde und die Wirtschaft rev­o­lu­tion­ieren. Doch nach zwei Jahren ist von diesen Ver­sprechun­gen nicht mehr allzu viel übrig. So zeigt eine Umfrage in den USA: Although 96% of C‑suite lead­ers expect AI to…

  • Drei Typen von Algorithmen

    „Algo­rith­mus“ ist mit­tler­weile ein­er der wichtig­sten Begriffe gewor­den, wenn wir über den Ein­fluss von Tech­nolo­gie auf unsere Gesellschaft nach­denken. Dabei wird der Begriff selb­st jedoch sel­ten direkt the­ma­tisiert und bleibt auch in sein­er Ver­wen­dung unklar und nicht wirk­lich definiert. Dadurch geht ver­loren, dass es nicht nur die fast schon mythisch verk­lärten Algo­rith­men der Sozialen Medi­en und der KI gibt. Algo­rith­men…

  • Wir müssen gegen Software und das Internet kämpfen

    Cory Doc­torow hat mit der Idee der Enshit­ti­fi­ca­tion ein schönes Bild geschaf­fen, um zu analysieren, warum Plat­tfor­men wie Ama­zon oder Spo­ti­fy für Kund*innen wie Anbi­eter immer schlechter wer­den. In seinem Newslet­ter geht Ed Zitron jet­zt noch etwas weit­er und beschreibt den kon­tinuier­lichen Kampf, in dem wir uns mit „dem Inter­net“ und den Pro­gram­men, die viele täglich nutzen, befind­en: Our dig­i­tal…

  • Bildung gilt als weiblich und stößt damit Männer ab

    Nach­dem Frauen lange Zeit an US-amerikanis­chen Hochschulen mas­siv unter­repräsen­tiert waren, machen sie mit­tler­weile gut 60 Prozent der eingeschriebe­nen Studieren­den aus. (In Deutsch­land lässt sich diese Entwick­lung aktuell nicht beobacht­en, hier machen Frauen rund 51 Prozent der eingeschriebe­nen Studieren­den aus.) Die Gründe hier­für sind vielfältig, wie Celeste Davis in ihrem Newslet­ter beschreibt: von dem höheren Anteil von Män­nern im Mil­itär über…

  • Wir müssen lernen, ohne Arbeit zu leben

    Die Lohnar­beit ste­ht seit Jahrzehn­ten im Mit­telpunkt unser­er Gesellschaft. Sie dient uns nicht nur dazu, unseren Leben­sun­ter­halt zu bestre­it­en, sie ist auch eines der weni­gen Ele­mente, das unsere Gesellschaft aus Indi­viduen über­haupt noch zusam­men­hält. So schreibt There­sa Bück­er in ihrem Buch Alle_Zeit: In unser­er Gesellschaft ist es derzeit am ein­fach­sten, über eine Beruf­stätigkeit länger­fristig gesund und zufrieden zu bleiben, da…

  • Arbeitsteilung macht intellektuelle Arbeit zu physischer

    Ein zen­traler Aspekt bei der Automa­tisierung intellek­tueller Arbeit und der Ein­führung der frühen Rechen­maschi­nen war die Umwand­lung von intellek­tuell anspruchsvoller Arbeit in physisch anspruchsvolle. Diese brauchte jedoch eben nicht so sehr eine Aus­bil­dung als „nur“ physis­che Kraft und Aus­dauer. So schreibt Lor­raine Das­ton in ihrem Buch Rules über den Ein­satz der Hol­lerith-Maschi­nen Ende des 19. Jahrhun­derts: Instead of cal­cu­lat­ing 10,000…

  • Erste moderne Arbeitsteilung gab es bei intellektueller Arbeit

    Arbeit­steilung und Automa­tisierung von Arbeit verbinden wir im Nor­mal­fall mit physis­ch­er Arbeit und der Pro­duk­tion von Gütern. Nach­dem sie the­o­retisch bere­its im 18. Jahrhun­dert beschrieben wurde – z. B. bei Ques­nay und Adam Smith wird der Beginn ihres Siegeszugs üblicher­weise auf die Arbeit­en Fred­er­ick Tay­lors am Anfang des 20. Jahrhun­derts datiert. Hier wird die Pla­nung und Konzep­tion des Pro­duk­tion­sprozess­es als…

  • Vernetztes Denken braucht Auswendiglernen

    In Zeit­en dün­ner Regeln und abstrak­ter Kom­pe­ten­zen hat das Auswendigler­nen einen schw­eren Stand: Es gilt als ver­al­tet, da man doch alles ohne­hin nach­schla­gen kann und diverse Werkzeuge uns in unserem alltäglichen Leben und Arbeit­en unter­stützen. Während das Ler­nen man­i­fester Fak­ten wie dem Ein­maleins oder den sechzehn Bun­deslän­dern noch halb­wegs akzep­tiert ist, ger­at­en konkrete Jahreszahlen oder gar Gedichte oder Geschicht­en an…

  • Plattformen schwächen den Link als zentrales Element des Internet

    Links sind ein zen­trales Ele­ment des klas­sis­chen Inter­nets und unab­d­ing­bar für sein Funk­tion­ieren. Sie ermöglichen es, nahezu beliebige Inhalte im Netz miteinan­der in Verbindung zu brin­gen und so ein dicht geknüpftes Netz von Gedanken und Ideen zu spin­nen. Sie bergen damit intellek­tuelle Sprengkraft, wie sie Steven Hall in seinem Buch Maxwells Demon beschreibt: He’d called hyper­links atom bombs – punch­ing…

  • Dicke Regeln funktionieren über Analogien und Übertragung

    Ein wichtiges Ele­ment für den Ein­satz dick­er Regeln ist ein umfan­gre­ich­es Reper­toire an Anek­doten, Beispie­len und Mod­ellen, aus denen man sich in ein­er kom­plex­en und unüber­sichtlichen Sit­u­a­tion bedi­enen kann, um zu ein­er fundierten Entschei­dung zu kom­men. So schreibt Lor­raine Das­ton in ihrem Buch Rules: Over­ar­ch­ing rules sub­sum­ing many spe­cif­ic prob­lems were scarce, but a rich reper­toire of mem­o­rized exam­ples could…

  • Dicke Regeln verbinden Abstraktion und Konkretes

    Während dünne Regeln eine sta­bile Welt benöti­gen, boten „dicke“ Regeln auch in insta­bilen Wel­ten Ver­lässlichkeit und erlaubten ein gewiss­es Maß an Kon­trolle. Sie reduzierten kom­plexe Sit­u­a­tio­nen nicht auf eine einzelne Formel oder einen monokausalen Zusam­men­hang, son­dern umfassten ein bre­ites Spek­trum an Inter­pre­ta­tion­shil­fen und Entschei­dung­sun­ter­stützung. So schreibt Lor­raine Das­ton in ihrem Buch Rules: The world of ear­ly mod­ern prac­ti­tion­ers was too…

  • Dünne Regeln brauchen eine stabile Welt

    Damit sich Algo­rith­men als dom­i­nante Form von Regeln etablieren kon­nten, musste die Welt erst in eine Form gebracht wer­den, in der das, was Lor­raine Das­ton in ihrem Buch Rules „dünne Regeln“ nen­nt, aus­re­ichend ist, um kom­plexe Zusam­men­hänge zu erfassen und zu kon­trol­lieren. Vor- und früh­mod­erne Zeit­en waren von einem Regelmod­ell geprägt, das Das­ton „dick“ nen­nt und dessen Anwen­dung ein hohes…

  • KI-Trainingsdaten verändern englische Sprache und wirken dadurch rassistisch

    Die Sprache der „kün­stlichen Intel­li­genz“ ist (aktuell?) Englisch. Doch nicht irgen­dein Englisch. Vielmehr sind die Pro­duk­te der KI geprägt von dem Englisch, das im Train­ing­sprozess genutzt wird. Der Guardian berichtet nun, dass hier ein spezieller Mech­a­nis­mus am Werk ist, der let­ztlich mal wieder auf ras­sis­tis­ch­er Aus­beu­tung basiert und ras­sis­tis­che Struk­turen repro­duziert. In der let­zten Zeit sind einige sprach­liche Mark­er aufge­fall­en,…

  • Zettelkästen sind keine stummen Speicher

    Als Reak­tion auf einen Artikel von Cal New­port sah sich Sascha Fast auf zettelkasten.de genötigt, einen offe­nen Brief zu schreiben, der mit einem grundle­gen­den Missver­ständ­nis über kom­plexe, ver­net­zte Notizsys­teme wie den Zettelka­s­ten aufräumt: New­port address­es the claim that note sys­tems serve to relieve the user of the work of remem­ber­ing: If you have such a sys­tem, so the assump­tion goes,…

  • Klimakatastrophe konfrontiert uns mit den überdeckten Widersprüchen

    Gut 2000 Jahre ist die west­liche Philoso­phie mit­tler­weile damit beschäftigt, die Wider­sprüch­lichkeit­en des Welt­bilds der Unter­w­er­fung damit in Ein­klang zu brin­gen, dass wir Men­schen doch eigentlich gut, göt­tlich und vernün­ftig sind. Und dann kommt da diese Kli­makatas­tro­phe und macht unser ganzes schönes Gerede kaputt. So schreibt Phillip Blom in seinem Buch Unter­w­er­fung: Das Pro­jekt der Unter­w­er­fung der Natur durch den…

  • Paradigmatische Regeln anzuwenden, braucht Ermessen

    Eine der Bedeu­tungsebe­nen von „Regel“, die Lor­raine Das­ton in ihrem Buch Rules beschreibt, ist die der Par­a­dig­men und Mod­elle. Im Mit­telpunkt dieser Bedeu­tungsebene ste­ht ein konkretes oder abstrak­tes Beispiel, das dem eige­nen Han­deln Ori­en­tierung gibt, ohne es bis ins kle­in­ste Detail zu bes­tim­men. Das­ton nimmt hier den Abt des klas­sis­chen Klosters als Beispiel: The abbot, whose name derives from the…

  • Bernardino Telesio blickt im 16. Jhdt. mit modernem Blick auf den Menschen

    Auch wenn die Philosophen der Ideengeschichte, die heutzu­tage als Kanon gel­ten, im Kern nie am christlichen Motiv der Unter­w­er­fung der Welt gerüt­telt haben, gab es doch eben­solche Autoren. Diese wer­den heute jedoch wesentlich weniger disku­tiert, eben weil sie unseren grundle­gen­den Blick auf die Welt immer noch infrage stellen. Ein­er dieser Denker ist Bernardi­no Tele­sio, der bere­its Mitte des 16. Jahrhun­derts…

  • Wissenschaftliche Revolution im Kern eine pragmatische Wende

    Die „wis­senschaftliche Rev­o­lu­tion“ gilt gemein­hin als der Über­gang zu har­ter und sicher­er Wis­senschaft, die strenge Mes­sung und Logik an die Stelle hypo­thetis­ch­er Argu­men­ta­tion und all­ge­meinen Aber­glaubens stellt. In ihrem Buch Rules zeigt Lor­raine Das­ton jedoch, dass diese Wende eher prag­ma­tisch war: By the mid-eigh­teenth cen­tu­ry, the sci­ences had adopt­ed and refined empir­i­cal prac­tices orig­i­nal­ly devel­oped in the arts and crafts,…

  • Rassismus entstand um Sklaverei zu rechtfertigen

    Ein zen­trales Ele­ment der west­lichen Ideengeschichte sind die Span­nun­gen zwis­chen pos­i­tiv­en men­schlichen Werten wie göt­tlich gefordert­er „Moral“ oder men­schlich inhärenter „Ver­nun­ft“ und dem Streben danach, nicht nur die Natur, son­dern auch andere Men­schen zu unter­w­er­fen. Für Phillip Blom in seinem Buch Unter­w­er­fung ist es gar die zen­trale Auf­gabe der west­lichen Philoso­phie gewe­sen, diese Wider­sprüche aufzulösen. Das west­liche Welt­bild unter­schei­det klar…

  • Algorithmen ersetzen Paradigmen als dominante Form von „Regeln“

    Auf den ersten Blick scheint uns der Begriff „Regel“ rel­a­tiv klar zu sein. Doch in ihrem Buch Rules: A Short His­to­ry of What We Live By zeigt die Wis­senschaft­shis­torik­erin Lor­raine Das­ton auf, dass wir hier min­destens drei Bedeu­tun­gen unter­schei­den müssen. Zudem hat sich auch die Gewich­tung dieser drei Ebe­nen verän­dert: Die erste Ebene kommt im deutschen Begriff „Regel“ nicht so…

  • Kanon-Philosophen konnten Neues einbauen ohne Altes zu zerstören

    Ein grundle­gen­des Prob­lem bei unserem Ver­ständ­nis von Geschichte ist, dass wir sie nur im Rück­blick ver­ste­hen kön­nen und dazu neigen, die heutige Sit­u­a­tion als notwendi­ges Pro­dukt dieser Geschichte zu ver­ste­hen und alles andere als eben­so notwendi­ge Zwis­chen­schritte. Das­selbe gilt auch für die Ideengeschichte. Deswe­gen lohnt sich ein Blick auf die Philosophen (lei­der fast keine *innen), die heute als Kanon gel­ten.…

  • Aufklärung löst Trennung zwischen Mensch und Natur nicht auf

    Im Gegen­satz zur gängi­gen Inter­pre­ta­tion führte die Aufk­lärung nicht zu ein­er Ablö­sung religiös­er Ide­ale und Weltvorstel­lun­gen. Sie nahm lediglich das etablierte christliche Welt­bild und änderte das recht­fer­ti­gende Nar­ra­tiv. Es blieb bei der schar­fen Tren­nung zwis­chen „Men­sch“ und „Natur“, nur dass das entschei­dende Kri­teri­um nicht länger die Seele war, son­dern die Ver­nun­ft. Auch der Kon­flikt zwis­chen diesen bei­den Ebe­nen und der…

  • Klassische Ökonomie ist eng mit Religion verwandt

    In seinem Buch Unter­w­er­fung skizziert Phillip Blom den kap­i­tal­is­tis­chen Markt als die aktuell dominierende Form, mit deren Hil­fe wir Men­schen recht­fer­ti­gen, uns die Welt zu unter­w­er­fen. Er sieht dabei ins­beson­dere die neolib­erale Ökonomie in der besten Tra­di­tion der west­lichen Kanon-Philoso­phie – geübt darin, fun­da­men­tale Wider­sprüche rhetorisch zu überdeck­en: Nach den Apolo­geten der Reli­gion kamen die Apolo­geten des Mark­tes, Erben der…

  • Unterwerfung unter die Maschinen ist logische Konsequenz des westlichen Weltbildes

    Wenn wir auf die Entwick­lung des west­lichen Welt­bildes der let­zten 2000 Jahre blick­en, ist es let­ztlich nur fol­gerichtig, dass wir Men­schen uns in den let­zten rund 250 Jahren immer mehr den Maschi­nen unter­ge­ord­net haben. Und es über­rascht auch nicht, dass es mit­tler­weile en vogue ist, die Zukun­ft der Men­schheit in ein­er Art Sym­biose mit den Maschi­nen zu sehen. Den zen­tralen…

  • Fokuspunkte der Unterwerfung

    In seinem Buch „Unter­w­er­fung“ arbeit­et Phillip Blom her­aus, wie sich die Idee der Unter­w­er­fung durch die west­liche Ideengeschichte zieht. Dabei beschreibt er unter­schiedliche Kristalli­sa­tion­spunk­te dieser Ide­olo­gie, die sich his­torisch gegen­seit­ig abgelöst haben. Sie boten eine Recht­fer­ti­gung für die Unter­w­er­fung­spro­jek­te der entsprechen­den Epoche. Reli­gion: Hier sieht Blom den Ursprung dieser Ide­olo­gie, uns zwar im ersten Schritt in der Unter­schei­dung zwis­chen göt­tlich­er…

  • Unsere technologische Infrastruktur ist fragil

    Im Som­mer 2024 set­zte ein Bug in der Soft­ware Crowd Strike weltweit unzäh­lige Serv­er außer Gefecht und legte damit unter anderem den glob­alen Flugverkehr lahm. Für Ed Zitron ist dieses Ereig­nis ein weit­eres Zeichen für den grundle­gen­den Denk­fehler, dem die Tech­nolo­giebranche ins­beson­dere im Sil­i­con Val­ley unter­liegt: Every prob­lem you see is a result of a tech indus­try — from the…

  • Der Kapitalismus braucht Bullshit Jobs um Umverteilung zu legitimieren

    Let­ztens habe ich hier noch über Mit­tel­maß im Kap­i­tal­is­mus geschrieben und bin dabei irgend­wann auf das The­ma Bull­shit Jobs gekom­men – einen Begriff, den der Anthro­pologe und Aktivist John Grae­ber geprägt hat. Wenn man akzep­tiert, dass (zu) viele Jobs heutzu­tage im Kern unnötig sind, stellt sich doch die Frage, warum es dann jeman­den gibt, der bere­its ist, dafür Geld auszugeben.…

  • KI verhindert Lernen und zerstört Kompetenz

    Die Kun­st ist ein Bere­ich, in dem man beson­ders gut über die Unter­schiede zwis­chen men­schengemacht­en und maschinell gener­ierten Arte­fak­ten nach­denken kann. Dies tut Ted Chi­ang mal wieder auf seine unnachahm­lich pointierte Weise in seinem rel­a­tiv neuen Artikel Why A.I. Isn’t Going to Make Art. Er schließt dabei unmit­tel­bar an die Argu­mente an, die ich hier auch schon for­muliert habe: KI-Kun­st…

  • Dem Kapitalismus reicht Mittelmaß

    In der Diskus­sion um die Qual­ität der Ergeb­nisse von Large Lan­guage Mod­els ist eines der zen­tralen Argu­mente der Kri­tik­er die unzure­ichende Zuver­läs­sigkeit, die fehlende Qual­ität und die Gle­ich­för­migkeit der Ergeb­nisse. An dieser Stelle kann und will ich auch gar nicht wider­sprechen – das grundle­gende Funk­tion­sprinzip dieser Algo­rith­men ist es, Muster aus alten Dat­en auf neue anzuwen­den. Das Prob­lem ist nur,…

  • Ständiger Krieg und Zersplitterung trieben Innovation in Europa

    Den Entwick­lungss­chub, den Europa in der frühen Neuzeit nahm, erk­lärt Philipp Blom mit der spez­i­fis­chen poli­tis­chen Land­schaft auf dem Kon­ti­nent. Durch die Zer­split­terung in viele unter­schiedliche Reiche, standen die Herrschen­den unter dem kon­tinuier­lichen Druck, auf neue Entwick­lun­gen zu reagieren und sich weit­erzuen­twick­eln – im Gegen­satz z. B. zu Chi­na: Der Refor­m­druck war durch die Krise der Land­wirtschaft über­all gestiegen, aber…

  • Bei Konsumgütern gibt es keinen gemeinsamen europäischen Markt

    Es ist gefühlt schon ein halbes Leben her, dass ich meine Zeit damit ver­bracht habe, mir die Europäis­che Inte­gra­tion im All­t­agsleben der Men­schen wis­senschaftlich anzuschauen. In seinem Krautre­porter-Artikel Warum Pro­duk­te in anderen Län­dern oft bess­er sind macht Gabriel Yoran jet­zt noch eine span­nende Per­spek­tive auf, die unmit­tel­bar an die Gedanken in mein­er Diss anschließt. Yoran begin­nt dabei mit der Beobach­tung,…

  • Europa wurde mächtig, weil es im entscheidenden Moment keine Konkurrenz gab

    Beim Blick auf die glob­ale Geschichte stellt sich immer wieder die Frage, warum ger­ade dieser kleine Wurm­fort­satz im west­lichen Asien es in kurz­er Zeit schaffte, sich einen großen Teil der Welt zu unter­w­er­fen und in den eige­nen Dienst zu stellen. Philipp Blom bietet hier­für in seinem Buch „Unter­w­er­fung“ eine ein­fache Erk­lärung, die wenig mit irgen­dein­er Art sys­tem­a­tis­ch­er Über­legen­heit oder Vorteil…

  • Zwischen Rechtfertigung des Alten und Heterodoxie im Umgang mit dem Wandel

    Ein The­ma, das sich beson­ders durch den zweit­en Teil des Buch­es zieht, ist der Umgang mit der Wider­sprüch­lichkeit zwis­chen neuen, empirisch-basierten wis­senschaftlichen Ideen und dem weit­er­hin vorherrschen­den Chris­ten­tum. Auf der einen Seite gab es einen „mod­er­at­en Main­stream“, wie ihn Jonathan Israel nen­nt, der heute als philosophis­ch­er Kanon der wis­senschaftlichen Rev­o­lu­tion gilt. Autoren wie Renè Descartes nutzen ihr beachtlich­es intellek­tuelles wie…

  • Kapitalismus sorgt nicht für Qualität von Konsumgütern

    In seinem Krautre­porter-Artikel „Warum Pro­duk­te in anderen Län­dern oft bess­er sind“ wirft Gabriel Yoran nicht nur inter­es­sante Gedanken zu einem Europäschen Kon­sumer­leb­nis auf, son­dern for­muliert auch pointiert all­ge­meine Beobach­tun­gen zur Qual­ität von Kon­sumgütern in den ver­schiede­nen Län­dern. Er begin­nt dabei mit dem Punkt, dass die Dynamiken und Anreize der entsprechen­den Märk­te nicht dazu führen, dass beson­ders gute und/oder inter­es­sante Pro­duk­te…

  • Deutsche Identität verlangt Unterwerfung unter die Wirtschaft

    In ein­er großen Umfrage zum „Stolz auf das eigene Land“ zeigt sich in Deutsch­land eine Beson­der­heit. Hier sind es nicht die Demokratie oder die Kul­tur, die die meis­ten Stim­men auf sich vere­inen, son­dern die Wirtschaft. Extrem­is­mus­forsch­er Oliv­er Deck­er leit­et daraus im Inter­view mit der taz eine inter­es­sante Erk­lärung für den aktuellen Recht­srutsch in Deutsch­land und die erstark­ende Frem­den­feindlichkeit ab. Seine…

  • Von Luftpumpen und Vögeln

    Ein bes­timmtes Gemälde von Joseph Wright of Der­by zeigt das Ver­hält­nis der Men­schen zur begin­nen­den Indus­tri­al­isierung und der wis­senschaftlichen Rev­o­lu­tion: „Das Exper­i­ment mit dem Vogel und der Luft­pumpe“, das heute in Lon­don zu sehen ist. Im Mit­telpunkt ste­ht der Vogel in der Glaskugel, aus der rot gek­lei­dete Exper­i­men­ta­tor nach und nach die Luft her­aus lässt. Der Vogel windet sich im…

  • KI-Kunst ohne Intention

    In einem aktuellen Essay beschäftigt sich Cory Doc­torow (@plu­ral­is­tic) damit, warum „Kun­st“, die von kün­stlich­er „Intel­li­genz“ erzeugt wird, sich für ihn selt­sam, merk­würdig oder, auf Englisch tre­f­fend, eerie anfühlt. Er zitiert hier maßge­blich Hen­ry Far­rell bzw. Mark Fish­er: „Eeri­ness“ here is defined as „when there is some­thing present where there should be noth­ing, or is there is noth­ing present when…

  • Schreiben kann helfen, bessere Entscheidungen zu treffen

    Seit ich mich inten­siv­er mit dem Schreiben beschäftige, ist mir klar, dass es beim Denken helfen kann. Bis­lang habe ich dabei aber in erster Lin­ie an akademis­ches oder zumin­d­est pro­fes­sionelles Schreiben gedacht. Hier geht es um die Qual­ität des Argu­ments auf der sach­lichen Ebene – zumin­d­est in erster Lin­ie. Pri­vates Schreiben hat­te ich hier in erster Lin­ie als neudeutsch „Jour­nalling“…

  • Das Hirn reagiert nicht, es denkt voraus

    Es gibt ein klas­sis­ches Bild von unser­er Wahrnehmung: Danach lösen Impulse von Außen in unseren Sin­nesor­ga­nen – also z. B. Augen oder Ohren – bes­timmte Sig­nale aus, die dann an das Gehirn weit­ergeleit­et und dort ver­ar­beit­et wer­den. Ein bes­timmtes Muster wird dann dort inter­pretiert und zum Beispiel als Hund oder als Musik inter­pretiert. In ihrem Buch „Wie Gefüh­le entste­hen“ beschreibt…

  • Online-Publikationen brauchen Gewicht, um sie zu monetarisieren

    Mit der Schwäche von X/Twitter und anderen großen Online-Plat­tfor­men sowie jour­nal­is­tis­chen Ange­boten stellt sich die Frage nach ein­er Neu-Organ­i­sa­tion oder zumin­d­est Weit­er­en­twick­lung der Land­schaft für pro­fes­sionelles und bezahltes Pub­lizieren im Netz. Dabei haben sich in den let­zten Jahren zwei For­mate ger­ade für kleinere Ange­bote als (vor­erst) nach­haltig erwiesen: Pod­casts und Newslet­ter. Während Pod­casts außer­halb der großen Plat­tfor­men auf RSS-Feeds basieren,…

  • Koloniale Vergangenheit ist tief in Gesellschaft verankert

    Als jemand, der im „Glob­alen Nor­den“ aufgewach­sen ist und den Kolo­nial­is­mus daher in erster Lin­ie aus der Täter­per­spek­tive ken­nt, fällt es mir ein wenig schw­er, über das The­ma zu schreiben. Gle­ichzeit­ig ist unser Umgang mit der kolo­nialen Ver­gan­gen­heit fun­da­men­tal wichtig, wenn wir es ernst damit meinen, eine faire Welt ohne Aus­beu­tung zu gestal­ten. Ein sehr schön­er neuer Artikel von Amelia…