Weltenkreuzer

MOOC-Rückblick: The Analytics Edge

Neben der Astrophysik habe ich mich in den letzten Wochen auch mal wieder mit der quantitativen Datenanalyse auseinandergesetzt. In meiner eigenen wissenschaftlichen Arbeit habe ich bislang in erster Linie qualitativ gearbeitet, schätze aber das Potenzial, das sich in den quantitativen Methoden findet. The Analytics Edge, angeboten von MITx auf der Plattform edX war dabei nicht mein erster Kurs in diesem Bereich, aber sicherlich der umfangreichste.

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Drei Ideen aus „Perfektionismus“ von Raphael M. Bonelli

Raphael M. Bonelli: Perfektionismus (Pattloch 2014)

Raphael M. Bonelli: Perfektionismus (Pattloch, 2014)

Bis vor ein paar Wochen habe ich an dieser Stelle Sachbücher ausführlich zusammengefasst. Jetzt versuche ich mich mal an einem etwas knapperen Format, das ich mir ganz dreist von Konrad Lischka leihe: die zwei, drei oder vier zentralen Punkte eines Buchs knapp und großes Drumherum.

Den Anfang macht das Buch Perfektionismus des Wiener Psychiaters Raphael M. Bonelli, der einer  Störung auf den Grund geht, die heute irgendwie als schick gilt:

  1. Perfektionismus beruht nicht auf zu hohen Ansprüchen. Für Bonelli sind hohe Ansprüche sogar erstrebenswert, da sie uns dabei helfen, immer besser zu werden und es uns ermöglichen, Exzellenz anzustreben.
  2. Das erstrebenswerte SOLL wird zu einem gefühlten MUSS. Perfektionisten gelingt es nicht, die zwangsläufig entstehende Spannung zwischen den selbstgestellten Anforderungen und der tatsächlichen Leistungsfähigkeit zu ertragen. Sie können sich selbst nicht transzendieren und vermischen das Idealbild mit ihrem mangelbehafteten Selbst. Dabei sind sie nicht in der Lage, den Dingen ihren angemessenen Platz einzuräumen.
  3. Die Angst vor dem „Versagen“ führt zu einem Vermeidungsverhalten. Da sie nicht mit ihrer Fehlerhaftigkeit konfrontiert werden wollen, meiden Perfektionen die Herausforderungen und suchen in erster Linie nach Sicherheit.

In den ersten Kapiteln des Buchs gelingt es Bonelli hervorragend, das Phänomen des Perfektionismus auf seinen Kern zu reduzieren: Die Unfähigkeit, die eigenen wahrgenommenen Fehler und Mängel aus einer realistischen Perspektive zu betrachten. Im weiteren Verlauf verliert er dann zwar ein wenig seine analytische Schärfe, das Buch bleibt aber durchaus lesenswert.

MOOC-Rückblick: Alien Worlds: The Science of Exoplanet Discovery

Ab und an packt mich der MOOC-Wahn und ich schreibe mich in mehrere dieser Massive Open Online Courses gleichzeitig ein. Hin und wieder schaffen es die Kurse dann sogar, mich so zu fesseln, dass ich tatsächlich bin zum Ende dabei bleibe, mir alle Videos anschaue, die Übungen rechtzeitig einreiche und schließlich auch die Abschluss“prüfung“ erfolgreich hinter mich bringe. Eine solche intensive Phase mit drei parallelen Kursen ist gerade zu Ende gegangen und ich möchte euch meine Eindrücke dieser drei Kurse nicht vorenthalten.

Den Anfang macht heute der von Andrew West von der Boston University auf der Plattform edX angebotene Kurs Alien Worlds: The Science of Exoplanet Discovery and Characterization.

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Egal, wie schlimm alles noch wird – und selbst wenn ich bei der Securitate lande: Mir steht noch ein ganzes Leben bevor, ich will es – egal ob hart, oder mit Hürden. Ich. Will. Leben. Ich will Liebe erfahren, ich will mich verlieben, ich will irgendwann vielleicht Leben in mir spüren, ich will ganz viel sehen von dieser wunderbaren Welt. Ich will schwitzen und frieren, ich will Gerüche wahrnehmen. Ich will in Meeren und Seen schwimmen und Sonnenuntergänge bestaunen… Ich will arbeiten, ich will etwas in dieser Welt hinterlassen, ich will Freunde haben und eine gute Zeit. So lange wie es geht.

In einem eindrucksvollen Artikel beschreibt Tollabea, wie sie sich unter extremen Umständen entschlossen hat, zu leben.

Zu Fuß von Dortmund-Zentrum nach Dortmund-Holzen

Um mal wieder ein wenig mehr vor die Tür und in die Natur zu kommen, habe ich in den letzten Wochen mal ausprobiert, ob das gute alter Wandern für mich nicht eine interessante Freizeitbeschäftigung wäre. Und tatsächlich hat das bei mir gezündet. Nachdem ich mich im Urlaub auf den 12 Kilometer kurzen Weg von Preetz nach Kiel gemacht habe und dabei die goldene Schönheit der Gerstenfelder entdeckt habe, ging es diesmal auf eine etwas längere Mission direkt vor meiner Haustür: vom Dortmunder Zentrum in den Süden der Stadt, nach Holzen.

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Einen Schritt zurück

Regelmäßige Besucher werden gemerkt haben, dass sich in den letzten Tagen hier beim Weltenkreuzer wieder einiges verändert hat: eine weniger durchgestylte Optik und ein Aufbrechen des starren Formats der Zusammenfassungen von Sachbüchern. Und warum?

Anfang dieses Jahres hielt ich es für eine gute Idee, den Weltenkreuzer vom Journal meiner persönlichen Leidenschaften zu einem Produkt umzugestalten. Zu etwas, das sich an eine bestimmte Zielgruppe richten und möglicherweise einen Markt bedienen sollte. Doch jetzt, ein halbes Jahr später, habe ich gemerkt, dass es mir immer weniger Spaß gemacht hat, „Content“ für dieses Produkt zu verfassen – genau wie es Maria Popova in dieser großartigen Podcast-Episode beschreibt.

Auch meine Neugier beim Lesen von Sachbüchern ist mehr und mehr einem Gefühl der Arbeit und der Pflicht gewichen. Schließlich hat sich auch das enge Format, das ich mir selbst auferlegt hatte, irgendwie einengend angefühlt. Mir fehlte die Möglichkeit, auch mal einfach ein spannendes Video, einen interessanten Link oder einen kurzen Kommentar zu teilen, ohne dass dieser sofort im reißenden Strom der Social-Media-Echtzeitkanäle untergeht.

Damit wird der Weltenkreuzer wieder zu einem privaten Blog, ohne feste Formate und mit all dem, was mir so über den Weg läuft. Ausführliche Artikel und Argumentationen wird es ebenso geben, wie persönliche Berichte, kurze Kommentare, Links, Videos und was mit sonst noch so spannend erscheint. Damit will ich vor Allem auch wieder ein wenig der ursprünglichen Form des Bloggens frönen und ein wenig den Geist von 2005 am Leben erhalten: das Teilen, Kommentieren und Vernetzen.

Thematisch wird sich hier vermutlich nicht viel ändern: Meinen Schwerpunkt lege ich weiterhin auf Wissenschaft, Gesellschaft und das gute Leben, aber es dürfte persönlicher werden und bunter. Der Weltenkreuzer wird jetzt einfach wieder zu meinem privaten Hub im Netz, zu meiner digitalen Spielwiese auf die ich euch herzlich einlade.

Die Arbeitsteilung zwischen bewusstem und unbewusstem Denken

Optische Täuschungen oder der auf Autopilot gefahrene tägliche Weg zur Arbeit sind nur zwei der zahlreichen Phänomene, die uns zeigen, dass wir selbst komplexe Handlungen oft durchführen, ohne uns ihrer bewusst zu sein. Es muss also unterhalb unseres aktiven Bewusstseins Prozesse geben, die dafür sorgen, dass wir die richtige Abzweigung nehmen, eine Geschwindigkeitsbegrenzung erkennen oder auch nur die Gänge wechseln. Doch welche Rolle spielt dann eigentlich noch unser Bewusstsein?

Das Wechselspiel zwischen unterbewusster Wahrnehmung und dem Bewusstsein steht neben den neuronalen Signaturen des Bewusstseins im Mittelpunkt des Buchs Denken. Wie das Gehirn Bewusstsein schafft des Neurowissenschaftlers Stanislas Dehaene. Dabei entwickelt er eine Theorie, die das Bewusstsein als übergreifenden Speicher versteht, der Informationen für unterschiedliche unbewusste Verarbeitungsprozesse bereitstellt.

Zwischen unbewusster Fleißarbeit und bewusster Entscheidung

Stansislas Dehaene: Denken. Wie das Gehirn Bewusstsein schafft (Knaus 2014, ISBN: 978-3813504200)

Stansislas Dehaene: Denken. Wie das Gehirn Bewusstsein schafft (Knaus 2014, ISBN: 978-3813504200)

Dehaene, der sich ausführlich mit dem Unterschied zwischen bewussten und unbewussten kognitiven Prozessen auseinandersetzt, referiert ausführlich die zahlreichen Studien, die aufzeigen, dass ein großer Teil unserer Wahrnehmung unterbewusst abläuft. Dabei geht es nicht nur um das Ausblenden nebensächlicher Reize oder das Zusammensetzen unserer sinnlichen Wahrnehmung in ein kohärentes Bild, das uns dann präsentiert wird.

Auch die Zuweisung von Bedeutung und einfache logische Schlussfolgerungen können ohne einen bewussten Zugriff erfolgen. So sind Versuchspersonen in der Lage einzuschätzen, ob eine Zahl, die ihnen nur wenige Millisekunden gezeigt wurde und die sie nicht bewusst wahrnehmen konnten, kleiner oder größer ist als Fünf.

Das Resultat all dieser Experimente ist eindeutig: Unser Gehim beherbergt eine Sammlung schlauer unbewusster Vorrichtungen, welche die uns umgebende Welt ständig überwachen und ihr Werte zuordnen, unsere Aufmerksamkeit lenken und unser Denken formen. Dank dieser unterschwelligen Markierungen werden die amorphen Reize, die uns bombardieren, zu einer Landschaft der Gelegenheiten, die sorgfältig nach ihrer Relevanz für unseren aktuellen Ziele geordnet sind. (S. 116)

Es ist also nicht so, dass das Unterbewusstsein nur für Prozesse zuständig ist, die grundlegende Wahrnehmungs- oder Überlebens-Funktionen sicherstellen. Es ist auch zentral an höheren kognitiven Prozessen beteiligt, die uns helfen, die Welt um uns herum zu verstehen und ihr einen Sinn abzugewinnen. Diese unterbewussten Prozesse sind jedoch hoch-spezialisiert und nicht in der Lage strategische Prozesse aus mehreren Interpretationsschritten durchzuführen. Hierzu ist ein bewusster Geist notwendig.

Das mächtige Unbewusste erzeugt komplexe Ahnungen, doch nur ein bewusster Geist kann Schritt für Schritt eine rationale Strategie verfolgen. Indem es als Router fungiert, der Informationen in jede beliebige Serie aufeinanderfolgender Prozesse einspeist, scheint das Bewusstsein uns Zugang zu einem völlig neuen Betriebsmodus zu verschaffen – der Turingmaschine des Gehirns. (S. 159)

So schildert Dehaene, dass der oben vorgestellte Vergleich zwischen zwei Zahlen nicht mehr unbewusst ablaufen kann, sobald zu der angezeigten Zahl die Drei addiert werden soll. Hier sind zwei aufeinanderfolgende Schritte notwendig – die Addition und der Vergleich – die einzeln durchaus unbewusst ablaufen können, zu deren Verknüpfung jedoch ein bewusster Akt notwendig ist.

Das Bewusstsein als universell verfügbarer Arbeitsspeicher

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Auf dieser Grundlage und dem Nachweis spezifischer neuronaler Signaturen leitet Dehaene seine Theorie des Bewusstseins als universell verfügbarer Arbeitsspeicher ab. Für ihn übernimmt das Bewusstsein demnach in erster Linie die Funktion, bei einer spezifischen Frage die verfügbaren Informationen strategisch in die zahlreichen unterbewussten Verarbeitungsprozesse einzuspeisen und die Ergebnisse weiter zu vermitteln:

Bewusstsein ist eine entwickelte Vorrichtung, die es uns ermöglicht, eine Information aufzugreifen und dafür zu sorgen, dass sie innerhalb dieses Übertragungssystems wirksam bleibt. (S. 233)

Das Bewusstsein lässt sich dementsprechend mit der Zwischenablage des Computers vergleichen, in der Informationen abgelegt und anderen Programmen zugänglich gemacht werden können. Es fungiert als Koordinationszentrale unseres Gehirns, die die Resultate unterbewusster Prozesse aufgreift. Dabei verfolgt es einen konkreten Plan, der der Lösung eines spezifischen komplexen Problems dient:

Wenn wir sagen, wir seien uns einer bestimmten Information bewusst, meinen wir damit einfach Folgendes: Die Information ist in ein spezifisches Speicherareal eingetreten, das sie für den Rest des Gehirns verfügbar macht. (S. 236)

Diese Theorie eröffnet nicht nur der Neurowissenschaft neue Herangehensweisen, sondern verändert auch unsere Sicht auf Bewusstseinszustände wie das Koma oder das Locked-In-Syndrom, bei dem sich durch den Einsatz bildgebender Verfahren ganz neue Untersuchungsmöglichkeiten ergeben. Sogar die Kommunikation mit Patienten, die keinerlei bewusste Kontrolle über ihren Körper haben scheint auf diese Weise möglich.

Über die Lebenskunst und die Freundschaft mit sich selbst

Wir fühlen uns gerne frei. Wir lieben das Gefühl, ungebunden zu sein und den eigenen Interessen und Neigungen nachgehen zu können, ohne dabei von gesellschaftlichen Erwartungen und religiösen Konventionen eingeschränkt zu werden. Doch gleichzeitig müssen wir lernen, mit dieser Freiheit umzugehen. Mit seinem Konzept der Lebenskunst gibt uns der Philosoph Wilhelm Schmid einen Leitfaden an die Hand.

Die Freiheit, unser Leben zu gestalten, wie wir es wollen, bedeutet gleichzeitig eine Verpflichtung, für uns selbst herauszufinden, was wir denn eigentlich wollen. Der Sinn in unserem Leben kommt nicht länger aus der Religion, der Familientradition oder der Liebe für die Heimat, sondern ist ein Ergebnis unserer eigenen freien Entscheidung. So schreibt Wilhelm Schmid in seinem Buch Mit sich selbst befreundet sein:

Wenn Sinn nicht mehr von selbst zur Verfügung steht, dann beginnt die Arbeit des Selbst an den Zusammenhängen des eigenen Lebens, soll es trotz allem sinnvoll gelebt werden. (S. 399)

Gleichzeitig bietet Schmid wertvolle Hinweise, wie wir diesen Prozess gestalten können, ohne dabei an der fehlenden Orientierung zu verzweifeln.

Pläne und bewusste Arbeit

Wilhelm Schmid: Mit sich selbst befreundet sein  (Suhrkamp 2013, 978-3-518-45882-2)

Wilhelm Schmid: Mit sich selbst befreundet sein (Suhrkamp 2013, 978-3-518-45882-2)

Auch heute ist es noch(?) möglich, sich dem Fluss des Lebens zu überlassen und sich von dessen Strömung treiben zu lassen, ohne eine aktive Rolle in der Gestaltung einzunehmen. Doch mit zunehmender Bildung und der wachsenden Vielfalt als Optionen wird dies immer seltener als befriedigend wahrgenommen und ist auch gesellschaftlich immer weniger akzeptiert. Wir müssen Schmid zufolge zu Lebenskünstlern werden – in dem Sinne, dass “Kunst von Können kommt”. Wir müssen lernen, unser Leben bewusst selbst zu gestalten und es zu einem Kunstwerk zu machen, in dem wir uns wahrhaftig ausdrücken.

Den entscheidenden Schritt unternimmt das einzelne Selbst, wenn es die Wahl trifft, seine Selbstbestimmung zu beanspruchen und wahrzunehmen oder nicht: denn Selbstbestimmung ist keine Norm, sondern eine Option. (S. 123)

Die Entscheidung, die eigene Selbstbestimmung zu beanspruchen, wird damit zu dem Moment, in dem wir entscheiden, das Leben nicht länger passiv zu erdulden oder uns irgendwie durchzumogeln, sondern es selbst und aktiv in die Hand zu nehmen. Das heißt nicht, dass wir ab jetzt unabhängig von unserer Umgebung wären, jede unserer Ideen umsetzen können und alle unsere Wünsche erfüllt bekommen. Es bedeutet lediglich, dass wir den Anspruch an uns selbst entwickeln, unser Denken und unser Handeln bewusst zu planen und zu gestalten:

Daher macht es durchaus Sinn zu planen – nur nicht mit der Erwartung, das Leben werde sich dem fügen, eher um eine eigene Vorstellung zu formulieren und somit ein Korrektiv fürs Leben zu gewinnen: Hieran lässt sich ermessen, wie »anders als gedacht« es kommt, um dann darüber nachdenken, was davon hinzunehmen ist und was nicht. (S. 65)

Damit wird nicht länger die Religion, die Tradition oder die gesellschaftliche Erwartung zur Richtschnur unseres Lebens, sondern unsere eigenen Ideale, Ideen und Prinzipien. Die kontinutierliche Entwicklung und Anpassung einer solchen Richtschnur bezeichnet Schmid als Lebenskunst.

Die Freundschaft mit sich selbst

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Diese selbstbestimmte Herangehensweise an das Leben führt als erste Konsequenz dazu, dass wir uns aus der Gesellschaft herauslösen. Wir akzeptieren ihre Glaubenssätze nicht länger als selbstverständlich, sondern haben den Mut, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen. Damit entgeht uns aber auch die Bestätigung, die es bringt, ein selbstverständlicher Teil einer funktionierenden Gesellschaft zu sein und ihre Erwartungen zu erfüllen. Wir verlieren soziale Unterstützung, die wir jetzt auf anderen Wegen einholen müssen. Einen solchen Weg sieht Schmid dabei in der engen Freundschaft mit sich selbst:

Denn wie mit einem wahren Freund kann der Umgang mit sich selbst gestaltet werden: freimütig und offen, reichhaltig und vielfältig, nicht langweilig und zuweilen rätselhaft; zuweilen geht es darum, sich zu schonen und zu pflegen, denn ohne Erholung wird keine Mühe zu bewältigen sein: zuweilen sich zu mühen und sich herauszufordern, denn im Genuss allein wird das Glück nicht zu finden sein. (S. 22)

Auch wenn wir unser Leben bewusst planen und gestalten wollen, heißt dies nicht, dass wir in einen Optimierungswahn verfallen und uns beständig zu Höchstleistungen antreiben sollen. Im Gegenteil ist der schwierigste Teil an dieser Entwicklung, einen entspannten Umgang mit sich selbst zu finden. Wer kennt nicht die Selbstgespräche, in denen man sich selbst kasteit für das Ausfallenlassen der eigentlich täglich geplanten Jogging-Runde oder den blöden Fehler auf der Arbeit? Inkonsistenzen und schlechte Tage sollte man sich, wie eben einem guten Freund, verzeihen und sich immer wieder auch um das eigene Wohlbefinden kümmern:

Das Selbst kann sich zuweilen einen Morgen, einen Abend, einen ganzen Tag schenken, ohne »Verpflichtungen«, ohne drängende Arbeit, auch wenn sie drängt, um nur da zu sein für sich selbst. Ideell bleibt das Geschenk auch dann, wenn es materiell in Erscheinung tritt: Ein Abend im Kino, ein Gespräch mit dem Freund, eine geliebte Musik, eine Stunde der Muße im Café, eine Einladung zum Essen nur für sich selbst, um auf diese Weise sich selbst die Wertschätzung zuteil werden zu lassen. die von anderen vielleicht erhofft worden war. (S. 329)

Diese Freundschaft mit sich selbst impliziert nicht eine Überhöhung der eigenen Person in der Form eines Selbstkultes, sondern betont vielmehr, was wir oftmals vergessen: dass wir uns auch um uns selbst und unsere Beziehung zu uns selbst sorgen müssen – im Sinne einer Selbstkultur.

Selbstlosigkeit als freie Entscheidung

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Im Rahmen einer aktiven Lebenskunst ist auch die bewusste Selbstlosigkeit ein wichtiges Werkzeug für die Gestaltung des eigenen Lebens. Sie ist nicht mehr vorgegeben, wie die Hingabe an eine Religion oder die Heimat, sondern eine bewusste Entscheidung, die jederzeit widerrufen werden kann. Sie zwingt uns nicht in Lebensformen, in denen wir nicht wir selbst sein können, sondern erlaubt uns das Eintauchen in einen sozialen Zusammenhang, in dem das Selbst die Verbindungen finden kann, auf die es angewiesen ist:

Die Sorge um sich läuft also nicht darauf hinaus, am Selbst um jeden Preis festzuhalten: Sie kann auch bedeuten, sich von ihm zu lösen und Selbstlosigkeit zu leben. Das Selbst ist kein Selbstzweck, es kann verzichtbar sein. Von vornherein verzichtbar ist es in festen Bindungen der Tradition, Konvention, Religion, Unter den Bedingungen der Befreiung hiervon bedarf das Selbst jedoch, um absehen zu können von sich (sofern es diese Option wahrnehmen will), eines willentlichen Selbstverzichts, der ihm ermöglicht, sich anderen und Anderem zuzuwenden, zeitweilig oder dauerhaft, aus gefühlten oder überlegten Gründen. (S. 182-183)

Nur wenn wir mit uns selbst befreundet sein können und in der Lage sind, bewusste Selbstlosigkeit zu leben, sind wir in der Lage unser Leben bewusst und aktiv zu gestalten; uns auf der einen Seite von gesellschaftlichen Zwängen zu emanzipieren und auf der anderen Seite dabei nicht einem selbstsüchtigen Selbstkult zu verfallen. Wir können frei sein und uns verbunden fühlen, können unsere Flügel ausstrecken und wissen, dass es Wurzeln gibt, die uns halten.

Von neuronalen Lawinen und mentalen Symphonien

Die Musik, die mich begleitet während ich schreibe – das neue Muse-Album Drone -, löst in meinem Kopf eine Vielzahl an Assoziationen aus: Ich könnte sie mit einem großartigen Konzert verbinden, mich von ihrer Atmosphäre mitreißen oder von den Texten inspirieren lassen. Ich wäre überzeugt davon, dass meine Reaktion auf diese Musik meine eigene ist und nichts mit der anderer Menschen gemein hat. Doch neurowissenschaftliche Erkenntnisse wecken Zweifel daran, dass dem wirklich so ist.

In seinem aktuellen Buch Denken. Wie das Gehirn Bewusstsein schafft geht der Kognitionswissenschaftler Stanislas Dehaene der großen Frage nach, welche Prozesse eigentlich in unserem Gehirn ablaufen, während wir Dinge wahrnehmen. Dabei wecken Titel wie Klappentext große Erwartungen, doch bereits auf den ersten Seiten erwartet den Leser ein Akt der naturwissenschaftlichen Reduktion, der diese Erwartungen vorerst enttäuscht: In einem – zugegebenerweise gut begründeten – Handstreich reduziert Dehaene den gesamten Fragenkomplex um das Bewusstsein auf ein einziges kleines Phänomen: den bewussten Zugang.

Bewusstsein und bewusster Zugang

Stansislas Dehaene: Denken. Wie das Gehirn Bewusstsein schafft (Knaus 2014, ISBN: 978-3813504200)

Stansislas Dehaene: Denken. Wie das Gehirn Bewusstsein schafft (Knaus 2014, ISBN: 978-3813504200)

Auf den ersten Blick wirkt diese Vereinfachung unzureichend und übermäßig reduktionistisch, doch sie macht ein so vielfältiges Thema wie das Bewusstsein überhaupt erst experimenteller Untersuchung zugänglich. Unter bewusstem Zugang versteht Dehaene dabei den Vorgang, eine Information “an die vorderste Front unseres Denkens [zu] beförder[n]” (S. 35).

Das grundsätzliche Design der Experimente, auf denen zahlreiche der Forschungen in diesem Bereichen basieren ist dabei äußert clever: Es nutzt den Umstand aus, dass wir Bilder, die wir nur einen kurzen Moment gezeigt bekommen, nicht bewusst wahrnehmen. Die Forscher zeigen ihren Probanden Bilder unterhalb und oberhalb dieser Wahrnehmungsschwelle von ca. 50 Millisekunden und können so bewussten Zugang von unbewusster Wahrnehmung abgrenzen:

Das entmutigende Problem des Bewusstseins war auf das experimentelle Ziel reduziert worden, jene Gehirnmechanismen zu entschlüsseln, die sich aus zwei unterschiedlichen Versuchsanordnungen ergeben – ein sehr viel leichter zu bearbeitendes Problem. (S. 20)

Auch wenn diese Vereinfachung unangemessen erscheinen kann, ermöglicht sie bereits einen tiefen Einblick in den Zusammenhang zwischen neuronaler Signalübertragung in unserem Gehirn und dem, was wir landläufig Bewusstsein nennen.

Messbare Signaturen des Bewusstseins

Dehaene zielt in seiner Arbeit auch nicht darauf ab, das Phänomen des bewussten Zugangs vollständig zu erklären, sondern versucht eine möglicht starke Verbindung zwischen messbaren Gehirn-Prozessen und bewusstem Zugang herzustellen:

Am Ende kommen wir zu einem simplen Forschungsprogramm – der Suche nach objektiven Mechanismen subjektiver Zustände, systematischen »Signaturen« in der Gehirnaktivität. die den Übergang vom Unbewussten zum Bewusstsein anzeigen. (S. 29)

Es geht also darum, messbare Muster in der Aktivität des Gehirns zu finden, die immer dann auftreten, wenn gerade eine bewusste Wahrnehmung erfolgt und die nie auftreten, wenn gerade keine bewusste Wahrnehmung erfolgt. Und tatsächlich kann Dehaene die Existenz solcher Signaturen nachweisen. Insgesamt findet er vier solcher Signaturen, welche er als eine “selbstverstärkende Lawine neuronaler Aktivität” zusammenfasst:

Bewusste Wahrnehmung ist das Ergebnis einer Welle neuronaler Aktivität, die den Kortex über seine Erregungsschwelle kippt. Ein bewusster Reiz löst eine selbstverstärkende Lawine aus, die am Ende viele Regionen zu einem verschränkten Zustand anregt. Während dieses bewussten Zustands, der annähernd 300 Millisekunden nach dem Einsetzen des Reizes anfängt, werden die Stirnregionen des Gehirns von unten nach oben über den sensorischen Input informiert, aber diese Regionen senden auch ausgeprägte Projektionen in die entgegengesetzte Richtung – von oben nach unten und in viele verstreute Areale. (S. 203)

Diese Beschreibung bezieht sich auf den Moment, wo wir die Existenz eines Objektes bewusst wahrnehmen. Sie beschreibt also die Reaktion auf einen bestimmten neuen Reiz, der in unsere Aufmerksamkeit und unsere bewusste Wahrnehmung tritt. Er verallgemeinert diese Signatur anschließend auf alle bewussten Wahrnehmungen und Erfahrungen:

All unsere bewussten Erfahrungen, vom Klang eines Orchesters bis zum Geruch von verbranntem Toast, stammen aus einer ähnlichen Quelle: der Aktivität ausgeprägter Hirnschaltkreise, die reproduzierbare neuronale Signaturen aufweisen. (S. 229)

Das Ende der Qualia?

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Dabei lassen die aktiven neuronalen Muster einen Rückschluss auf den Bewusstseinsinhalt zu. Dehaene beschreibt sogar eine Untersuchung, die bestimmte Neuronen identifizieren konnte, welche ausschließlich auf ein bestimmtes Objekt oder eine bestimmte Person reagieren und diese damit mental repräsentieren. Durch die elektrische Stimulation bestimmter Nervenregionen lassen sich demnach sogar bestimmte Bewusstseinsinhalte hervorrufen:

Im Prinzip glauben wir Neurowissenschaftler an die Fantasie der Philosophen vom »Gehirn im Tank«, wie sie der Film The Matrix eindrucksvoll illustriert. Wenn wir die richtigen Neuronen stimulieren und andere zum Schweigen bringen, sollten wir imstande sein, jederzeit Halluzinationen all der unzähligen subjektiven Zustände nachzubilden, die Menschen regelmäßig haben. Neuronale Lawinen sollten mentale Symphonien verursachen. (S. 230)

Aus dieser Fähigkeit leitet Dehaene eine weitreichende Schlussfolgerung ab: Er sieht auf dieser Grundlage die Idee der Qualia, also den subjektiven Charakter von Bewusstseinsinhalten, als unnötig an. Hier kommt er allerdings zu einem Zirkelschluss: Aus der forschungspragmatischen Setzung des bewussten Zugangs als Ersatz für das Bewusstsein und der Suche nach dessen Signaturen schließt er auf eine tatsächliche Identität dieser Phänomene:

Das hypothetische Konzept der Qualia als rein geistiger, von jeglicher Rolle der Informationsverarbeitung getrennter Erfahrungen wird als eigentümliche Vorstellung der vorwissenschaftlichen Ära angesehen werden. (S. 375)

Diese Hypothese ist nicht neu und wird in der Philosophie des Geistes bereits seit Langem kontrovers diskutiert, sie wird jedoch durch die empirische Forschung, die Dehaene schildert, nicht belegt.

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