„Liberal“ – ein gefährliches Teekesselchen

Teekesselchen sind per­fek­te Unter­hal­tung für sprach­in­ter­essierte Kinder: das­selbe Wort, zwei Bedeu­tun­gen, die auf den ersten Blick nichts miteinan­der zu tun haben. Für gesellschaftliche Diskurse sind Teekesselchen hinge­gen brandge­fährlich, weil ver­schiedene Men­schen das­selbe Wort benutzen, aber fak­tisch unter­schiedliche Dinge damit meinen.

Schon länger kur­siert online das Meme über das Wort Respekt, das ich hier mal para­phrasiere: Respekt kann sich darauf beziehen, grundle­gend wie ein Men­sch behan­delt zu wer­den. Er kann aber auch darauf abzie­len, die Autorität ein­er Per­son anzuerken­nen. Der Satz „Bring du mir Respekt ent­ge­gen, dann bringe ich auch dir Respekt ent­ge­gen“ kann also prob­lem­los bedeuten: „Nur, wenn du meine Autorität anerkennst, behan­dle ich dich wie einen Men­schen.“

In der aktuellen Aus­gabe des Jacobin-Mag­a­zins zeigt Pav­los Roufos (@proufos@mastodon.social) in einem Artikel sehr schön auf, dass man Ähn­lich­es für den Begriff lib­er­al sagen kann: Die einen reden von ökonomis­ch­er Lib­er­al­ität. Also davon, dem Markt möglichst freien Raum zu geben und dadurch entste­hende Autoritäten sowie Ungle­ich­heit­en zu akzep­tieren. Poli­tis­che Lib­er­al­ität hinge­gen zielt auf demokratis­che Entschei­dungs­find­ung ab, auf Gle­ich­heit, Men­schen­rechte und Diver­sität.

Roufos wirft nun dem Lib­er­al­is­mus als gesellschaftlich­er Diskur­spo­si­tion einen grundle­gen­den Kat­e­gorien­fehler vor:

Der Lib­er­al­is­mus jedoch ver­tritt eine im Grunde heuch­lerische Hal­tung, wonach bei­de Bere­iche har­monisch nebeneinan­der beste­hen kön­nen.

Tat­säch­lich lassen sich an dieser Stelle jedoch die Unter­schiede zwis­chen z. B. lib­ertären oder auch faschis­tis­chen Posi­tio­nen ein­er­seits und linken oder gar „sozial­is­tis­chen“ Posi­tio­nen ander­er­seits deut­lich machen:

In gewiss­er Weise zie­len autoritäre und faschis­tis­che Ten­den­zen darauf ab, die Bedin­gun­gen des ökonomis­chen Bere­ichs auf den poli­tis­chen Bere­ich auszuweit­en. Im Gegen­satz dazu ver­ste­hen viele Linke den Sozial­is­mus als eine ent­ge­genge­set­zte Bewe­gung, näm­lich als Ausweitung der Ver­sprechen des poli­tis­chen Lib­er­al­is­mus auf die Wirtschaft.

Links wie Rechts fordern also eine „lib­eralere“ Gesellschaft, meinen damit jedoch sehr unter­schiedliche Dinge …

Dabei sind eine gemein­same Sprache und eine geteilte Real­ität unab­d­ing­bar für einen pro­duk­tiv­en Diskurs.

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