Schlagwort: Kontrollillusion

  • Wir müssen lernen, um die Welt zu trauern

    Die Kli­makatas­tro­phe schre­it­et voran und auch der Vor­marsch des Faschis­mus scheint immer weniger aufzuhal­ten zu sein. Das ist eine Kränkung unseres mod­er­nen Ichs, das davon aus­ge­ht, die Welt werde von Tag zu Tag bess­er und alles ließe sich kon­trol­lieren. Das war schon immer eine Illu­sion, diese zer­bricht nun aber immer häu­figer, ohne dass wir indi­vidu­ell oder als Gesellschaft mit den…

  • Auch die moderne Küche war ein Projekt der Kontrolle

    Im Zen­trum unseres gesamten west­lichen Welt­bilds ste­ht die Kon­trolle des Men­schen über die Natur und auch über sich selb­st. Das zeigt z. B. Philip Blom in seinem lesenswerten Buch „Die Unter­w­er­fung“ (hier im Pod­cast vorgestellt: Zwis­chen zwei Deck­eln, Episode 81). Bish­er war mir allerd­ings noch nicht klar, dass auch die mod­erne europäis­che Küche in genau dieser Tra­di­tion ste­ht. Der Pod­cast…

  • KI schließt an Wandel der Menschen an

    Bei der ganzen Diskus­sion darum, ob die KI men­schlich wird, soll­ten wir uns lieber fra­gen, ob nicht wir Men­schen der KI immer ähn­lich­er wer­den, bzw. uns nicht schon länger in eine Rich­tung bewe­gen, die uns durch KI erset­zbar macht. Dazu for­muliert Joan West­en­berg auf Mastodon: We‘re wor­ried about AI doing human things. We should be equal­ly wor­ried about humans doing…

  • Arbeitsteilung macht Arbeit berechenbar

    Die Arbeit­steilung geht aber nicht nur der Automa­tisierung von Arbeit voraus. Sie ist auch eine zen­trale Grund­lage dafür, den notwendi­gen Arbeit­saufwand berechen­bar zu machen und Arbeit­szeit als eine beliebig kalkulier­bare Große zu ver­ste­hen. So schreibt Mat­teo Pasquinel­li in seinem Buch The Eye of the Mas­ter: The Bab­bage prin­ci­ple states that the organ­i­sa­tion of a pro­duc­tion process into small tasks (the divi­sion…

  • Abstraktionen haben eine materielle Grundlage

    For­male und erst recht automa­tisierte Algo­rith­men im Sinne Pasquinel­lis weck­en die Illu­sion ein­er uni­versellen Wahrheit, die los­gelöst ist von materiellen Beschränkun­gen. Doch wie eben Pasquinel­li in seinem Buch The Eye of the Mas­ter beschreibt, haben alle diese Algo­rith­men eine konkrete materielle Grund­lage: First, process­es of quan­tifi­ca­tion and com­par­i­son that were based on equiv­a­lence with­out involv­ing count­ing. Count­ing then emerged as…

  • Dicke Regeln verbinden Abstraktion und Konkretes

    Während dünne Regeln eine sta­bile Welt benöti­gen, boten „dicke“ Regeln auch in insta­bilen Wel­ten Ver­lässlichkeit und erlaubten ein gewiss­es Maß an Kon­trolle. Sie reduzierten kom­plexe Sit­u­a­tio­nen nicht auf eine einzelne Formel oder einen monokausalen Zusam­men­hang, son­dern umfassten ein bre­ites Spek­trum an Inter­pre­ta­tion­shil­fen und Entschei­dung­sun­ter­stützung. So schreibt Lor­raine Das­ton in ihrem Buch Rules: The world of ear­ly mod­ern prac­ti­tion­ers was too…

  • Dünne Regeln brauchen eine stabile Welt

    Damit sich Algo­rith­men als dom­i­nante Form von Regeln etablieren kon­nten, musste die Welt erst in eine Form gebracht wer­den, in der das, was Lor­raine Das­ton in ihrem Buch Rules „dünne Regeln“ nen­nt, aus­re­ichend ist, um kom­plexe Zusam­men­hänge zu erfassen und zu kon­trol­lieren. Vor- und früh­mod­erne Zeit­en waren von einem Regelmod­ell geprägt, das Das­ton „dick“ nen­nt und dessen Anwen­dung ein hohes…

  • Paradigmatische Regeln anzuwenden, braucht Ermessen

    Eine der Bedeu­tungsebe­nen von „Regel“, die Lor­raine Das­ton in ihrem Buch Rules beschreibt, ist die der Par­a­dig­men und Mod­elle. Im Mit­telpunkt dieser Bedeu­tungsebene ste­ht ein konkretes oder abstrak­tes Beispiel, das dem eige­nen Han­deln Ori­en­tierung gibt, ohne es bis ins kle­in­ste Detail zu bes­tim­men. Das­ton nimmt hier den Abt des klas­sis­chen Klosters als Beispiel: The abbot, whose name derives from the…

  • Algorithmen ersetzen Paradigmen als dominante Form von „Regeln“

    Auf den ersten Blick scheint uns der Begriff „Regel“ rel­a­tiv klar zu sein. Doch in ihrem Buch Rules: A Short His­to­ry of What We Live By zeigt die Wis­senschaft­shis­torik­erin Lor­raine Das­ton auf, dass wir hier min­destens drei Bedeu­tun­gen unter­schei­den müssen. Zudem hat sich auch die Gewich­tung dieser drei Ebe­nen verän­dert: Die erste Ebene kommt im deutschen Begriff „Regel“ nicht so…

  • Unterwerfung unter die Maschinen ist logische Konsequenz des westlichen Weltbildes

    Wenn wir auf die Entwick­lung des west­lichen Welt­bildes der let­zten 2000 Jahre blick­en, ist es let­ztlich nur fol­gerichtig, dass wir Men­schen uns in den let­zten rund 250 Jahren immer mehr den Maschi­nen unter­ge­ord­net haben. Und es über­rascht auch nicht, dass es mit­tler­weile en vogue ist, die Zukun­ft der Men­schheit in ein­er Art Sym­biose mit den Maschi­nen zu sehen. Den zen­tralen…

  • Fokuspunkte der Unterwerfung

    In seinem Buch „Unter­w­er­fung“ arbeit­et Phillip Blom her­aus, wie sich die Idee der Unter­w­er­fung durch die west­liche Ideengeschichte zieht. Dabei beschreibt er unter­schiedliche Kristalli­sa­tion­spunk­te dieser Ide­olo­gie, die sich his­torisch gegen­seit­ig abgelöst haben. Sie boten eine Recht­fer­ti­gung für die Unter­w­er­fung­spro­jek­te der entsprechen­den Epoche. Reli­gion: Hier sieht Blom den Ursprung dieser Ide­olo­gie, uns zwar im ersten Schritt in der Unter­schei­dung zwis­chen göt­tlich­er…

  • Von Luftpumpen und Vögeln

    Ein bes­timmtes Gemälde von Joseph Wright of Der­by zeigt das Ver­hält­nis der Men­schen zur begin­nen­den Indus­tri­al­isierung und der wis­senschaftlichen Rev­o­lu­tion: „Das Exper­i­ment mit dem Vogel und der Luft­pumpe“, das heute in Lon­don zu sehen ist. Im Mit­telpunkt ste­ht der Vogel in der Glaskugel, aus der rot gek­lei­dete Exper­i­men­ta­tor nach und nach die Luft her­aus lässt. Der Vogel windet sich im…

  • Wir müssen akzeptieren, dass wir nicht verstehen

    Als Reak­tion auf meine Über­legun­gen zu Kom­plex­ität und Kon­trol­lver­lust kam im Fedi­verse die Frage auf, ob wir Men­schen über­haupt in der Lage sind, kom­plexe Sys­teme zu ver­ste­hen. Ich tue mich schw­er, darauf defin­i­tiv zu antworten, weil wir Men­schen immer ganz gut darin waren, unsere geglaubten „natür­lichen“ Gren­zen zu über­winden. Aber selb­st wenn es möglich sein sollte, bin ich mir sich­er,…

  • Versuchte Kontrolle über Komplexität erzeugt einen instabilen Teufelskreis

    Das große Pro­jekt der Men­schheit in den let­zten zwei bis drei­hun­dert Jahren war die immer stärkere Kon­trolle über die Welt. Ganz im – klis­chee­haften – bib­lis­chen Sinne hat­ten wir uns vorgenom­men, sie uns unter­tan zu machen und unser Leben auf ihr bis auf den let­zten Aspekt zu opti­mieren. Immer wenn wir einen Schritt genom­men hat­ten, tat­en sich neue Schwierigkeit­en, aber…

  • Komplexität annehmen, heißt Kontrollverlust zu akzeptieren

    Ein angemessen­er Umgang mit Kom­plex­ität bedeutet einen grundle­gen­den Par­a­dig­men­wech­sel für das west­liche, vorge­blich ratio­nale Denke. Diese basiert auf der Annahme, dass Kausal­ität lin­ear funk­tion­iert und sich für jedes Phänomen eine oder mehrere Ursachen iden­ti­fizieren lassen und unmit­tel­bar das zu erk­lärende Phänomen aus­lösen. Gle­ichzeit­ig erlaubt es uns das Wis­sen um diese Ursachen, ein hohes Maß an Kon­trolle auszuüben: Wenn wir sie…

  • Die Klimakatastrophe verläuft beispiellos aber nicht unvorhergesehen

    Vor einiger Zeit hat­te ich schon darüber geschrieben, wie wir uns sta­tis­tisch fast schon auf einem neuen, unbekan­nten Plan­eten befind­en. David Wal­lace-Wells hat in seinem Newslet­ter dankenswert­er Weise ein paar plas­tis­che Beispiele zusam­mengestellt: Die Tem­per­a­turen im Nor­dat­lantik liegen aktuell mehr als vier Stan­dard­ab­we­ichun­gen vom langfristi­gen Mit­tel­w­ert ent­fer­nt und bei der Aus­dehnung den antark­tis­chen Meereis­es sind es sog­ar sieben(!) Stan­dard­ab­we­ichun­gen. Das…

  • Die Vorstellung einer „unberührten Natur“ im Gegensatz zur „menschlichen Zivilisation“ ist gefährlich

    Das Bild der „unberührten Natur, in der der Men­sch zu sich selb­st find­en kann“ ist in hohem Maße durch das roman­tis­che Ide­al der Natur verk­lärt und damit in erster Lin­ie eine Reak­tion auf die Äng­ste und Unsicher­heit­en der Indus­tri­al­isierung und der Urban­isierung im 19. Jahrhun­dert: Human soci­ety is stale, pre­dictable, effete. It lacks pow­er­ful sources of ener­gy and renew­al. Peo­ple…

  • Wir Menschen haben auch eine Verantwortung für Tiere in der „unberührten Natur“

    Daraus, dass der Men­sch im Grunde die Kon­trolle über die gesamte Welt über­nom­men hat, ergibt sich eine beson­dere Ver­ant­wor­tung ihr gegenüber, die sich auch mit einem roman­tis­chen Bild der „unberührten“ Natur nicht able­gen lässt. Denn auch diese ist – erstens – durch den Men­schen geprägt und – zweit­ens – keineswegs auf das Gle­ichgewicht oder ein „gutes Leben“ aus­gerichtet. So schreibt…

  • Gefährlicher Technikglaube

    Gestern schrieb ich von der gefährlichen Verquick­ung zwis­chen dem Glauben in die Tech­nolo­gie und ihre Fähigkeit, Gesellschaft zu gestal­ten auf der einen Seite und dem fanatis­chen Willen, die Welt nach den eige­nen Vorstel­lun­gen gestal­ten zu müssen. Dieses Phänomen ist jedoch (lei­der) nicht nur his­torisch – zum Beispiel in der Span­nung zwis­chen Bauhaus und Nation­al­sozial­is­mus – zu find­en, son­dern bricht sich…

  • Glauben an die Moderne im Bauhaus und im Nationalsozialismus

    Ein paar Jahre lang war ich regelmäßig in Weimar und jedes Mal auch ein paar Stun­den im dor­ti­gen – mit­tler­weile umge­zo­ge­nen – Bauhaus-Muse­um. Die Ausstel­lung und der her­vor­ra­gende Audio­gu­ide ver­mit­tel­ten mir eine tiefe Fasz­i­na­tion mit der Kom­bi­na­tion aus kün­st­lerisch­er Frei­heit und handw­erk­lich­er Strenge, die gle­ichzeit­ig sehr prag­ma­tisch auf die Nüt­zlichkeit der gestal­teten Objek­te aus­gerichtet war. Den kün­st­lerischen Blick ver­lor das…

  • Wir stehen der Welt aggressiv gegenüber

    Einen Punkt aus den Über­legun­gen zu Res­o­nanz und Unver­füg­barkeit aus dem Buch von Hart­mut Rosa möchte ich hier nochmal auf­greifen und ver­tiefen: Unser gestörtes Ver­hält­nis zur Welt, das uns dazu treibt, die Welt mehr und mehr unter unsere Kon­trolle brin­gen zu wollen. Rosa beschreibt, wie wir uns in eine Sit­u­a­tion manövri­ert haben, in der es uns grund­sät­zlich schw­er fällt der…

  • Handeln aus Demut, nicht aus Hybris

    Die gesamte Geschichte unser­er Mod­erne ist darauf aus­gelegt, dass wir als Men­schen die Welt unter unsere Kon­trolle brin­gen – von der christlichen Idee, sich die Erde Unter­tan zu machen, über den Ide­al­is­mus, der die Welt vom Ich her denkt, bis hin zu dem aktuellen Glauben, dass wir nur die richtige Tech­nolo­gie find­en müssen, um all unsere Prob­leme zu lösen. Aus…

  • Ambiguitätstoleranz in der Wissenschaft

    Der Wis­senschaft kommt in der öffentlichen Debat­te die Funk­tion zu, klare und ein­deutige Antworten auf rel­e­vante Fra­gen zu liefern und damit grund­sät­zlich Ambi­gu­i­tät in der Gesellschaft zu reduzieren. Ger­ade bei gesellschaftlich hoch-rel­e­van­ten The­men wie zum Beispiel der Coro­na-Pan­demie wer­den diese Antworten auch erwartet, um richtig han­deln zu kön­nen. Diese Erwartung dient unter anderem dazu, den Einzel­nen von der Ver­ant­wor­tung zu…

  • Die Vermessung der Welt und das Ende des gesunden Menschenverstandes?

    Die Liste der Büch­er, die sich mit dem dig­i­tal­en Wan­del auseinan­der­set­zen, wird von Jahr zu Jahr länger. Mit Chistoph Kuck­lick hat sich nun auch der Chefredak­teur der Zeitschrift GEO dieses The­mas angenom­men und einen sehr inspiri­eren­deren Zugang gefun­den: Er beschränkt sich nicht darauf, die Rev­o­lu­tion der Wirtschaft oder der Medi­en zu propagieren, son­dern nimmt den all­ge­meinen gesellschaftlichen Wan­del in den…