Autor: Nils Müller

Strukturen und Ideen lassen sich zwischen räumlicher und zeitlicher Dimension übertragen

Eine interessante Parallele zwischen zwei Themen, die mir in der letzten Zeit über den Weg gelaufen sind: In einer Episode seines Podcasts spricht Ezra Klein die Ideen von Rabbi Abraham Joshua Heschel an, der von einer „Architektur der Zeit“ spricht – also der Übertragung eines Konzepts, das wir in erster Linie räumlich denken, auf eine zeitliche Perspektive – damit sind Rhythmen und Strukturen gemeint, die unser Leben in der Zeit prägen und die uns erstens oft nicht bewusst sind und zweitens selten aktiv gestaltet werden. Ein Beispiel ist hier der Sabbat als besonderer und ritualisierter Ruhetag und als kurzfristige Pause im Fortschreiten der Welt. Eine gute Analyse dieser Strukturen findet sich beispielsweise in Eviatar Zerubavels The Seven Day Circle: The History and Meaning of the Week.

Diese Übertragung zwischen Raum und Zeit findet sich auch bei Piet Mondrian dessen berühmte Linienbilder, Rhythmik und „Energie“ des Jazz (in diesem Falle des Bebops) bildlich aufgreifen und damit in eine räumliche Struktur bringen. (Ausstellung Modrian – Evolution im K20, Düsseldorf)

Die Vorstellung einer „unberührten Natur“ im Gegensatz zur „menschlichen Zivilisation“ ist gefährlich

Das Bild der „unberührten Natur, in der der Mensch zu sich selbst finden kann“ ist in hohem Maße durch das romantische Ideal der Natur verklärt und damit in erster Linie eine Reaktion auf die Ängste und Unsicherheiten der Industrialisierung und der Urbanisierung im 19. Jahrhundert:

Human society is stale, predictable, effete. It lacks powerful sources of energy and renewal. People are alienated from one another and from themselves. The Industrial Revolution has made cities foul places where the human spirit is frequently crushed (as in Blake’s “dark Satanic Mills”). By contrast, out there somewhere—in the mountains, in the oceans, even in the wild West Wind—there beckons something truer, deeper, something uncorrupt and sublime, a type of vital energy that can restore us, because it is the analogue of our own deepest depths.

Martha C. Nussbaum: A Peopled Wilderness

Dabei liegt die Grenze zwischen Natur und Zivilisation historisch nicht unbedingt dort, wo wir sie heute ziehen. Denkt man diese Logik nämlich konsequent weiter, rücken Arme, Bauern und „Wilde“ von der Seite der Zivilisation auf die Seite der Natur und werden damit gleichzeitig verklärt und als auszubeutende Ressource markiert:

Many nineteenth-century Romantics even had the idea that peasants and other poor people were part of Nature or closer to Nature, and ought to stay there in rural poverty rather than venture into the city and try to get educated

Martha C. Nussbaum: A Peopled Wilderness

Siehe auch: Wir Menschen haben auch eine Verantwortung für Tiere in der „unberührten Natur“

Wir Menschen haben auch eine Verantwortung für Tiere in der „unberührten Natur“

Daraus, dass Mensch im Grunde die Kontrolle über die gesamte Welt übernommen hat, ergibt sich eine besondere Verantwortung ihr gegenüber, die sich auch mit einem romantischen Bild der „unberührten“ Natur nicht ablegen lässt. Denn auch diese ist – erstens – durch den Menschen geprägt und – zweitens – keineswegs auf das Gleichgewicht oder ein „gutes Leben“ ausgerichtet. So schreibt Martha C. Nussbaum:

It’s important to keep pointing out that antelopes were not made to be food; they were made to live antelope lives. The fact that so often they do not get to live those lives is a problem, and since we are in charge everywhere we need to figure out how much we can and should do about it.

Martha C. Nussbaum: A Peopled Wilderness

Daraus ergibt sich eine Verantwortung der Menschen gegenüber den Wildtieren, zumindest solange wir ihnen ein gewisses Maß an ethischen Rechten einräumen wollen. Wir können uns dann nicht einfach auf die Gegebenheiten der Natur zurückziehen:

If humans try to renounce stewardship, in a world where they are ubiquitously on the scene, shaping every habitat in which every animal lives, this is not an ethically defensible choice or one that promotes good animal lives.

MARTHA C. NUSSBAUM: A PEOPLED WILDERNESS

Bislang nutzen wir unsere Möglichkeit der Kontrolle über die Welt nur dann, wenn sie uns als Menschen – oder gar nur den „Unseren“ – unmittelbar nutzt. Wir haben aber eben auch die Möglichkeit, sie im Sinne der Tiere zu nutzen. Wenn wir hier eine Grenze ziehen, brauchen wir gute Gründe – und wenn wir überhaupt eine Grenze ziehen sollten – müssen wir sehr genau darauf achten, dass wir sie nicht auch – wie jetzt leider zu oft – zwischen unterschiedlichen Gruppen von Menschen ziehen.

Superhelden, der Status Quo und die Macht der Protagonisten

In einem äußerst sehenswerten Video zeigt Pop Culture Detective auf, warum die Superhelden-Geschichten aus dem Marvel-Universum grundlegend konservativ sind und in erster Linie den Status Quo verteidigen: Iron Man, Hulk und Co nutzen ihre Kräfte immer nur dann, wenn besagter Status Quo angegriffen wird und nie, um proaktiv eine bessere Welt für die Menschen zu gestalten.

Im Gegenteil, Wunsch und Wille nach Veränderung gehen immer von den Bösewichten aus. Während einige fraglos böse Ziele verfolgen, wollen andere die Gesellschaft tatsächlich in der einen oder anderen Form verbessern. Bevor die Zuschauer*innen aber echte Sympathien für sie entwickeln können, begehen sie irgendeine unverzeihliche Tat. Diejenigen, die Veränderungen vorantreiben, sind also immer als böse markiert und ihr Handeln überlagert in der moralischen Bewertung ihre Ziele.

Erinnert nur mich das an den Umgang der deutschen Öffentlichkeit mit den Umweltaktivist*innen von Die letzte Generation oder Extinction Rebellion? Kaum gewinnen echte gesellschaftliche Veränderungen ein wenig Unterstützung und echte Hoffnung auf Umsetzung (z. B. durch das 9€-Ticket), werden ihre Aktivist*innen als Bösewichte markiert und es wird fürderhin nur noch über den moralischen Wert ihres Protestes diskutiert. Und nicht mehr über seine Inhalte.

Diese Interpretation der Superhelden als Verteidiger des Etablierten lässt sich auch mit diesem extrem lesenswerten Artikel von Ada Palmer und Jo Walton verbinden: The Protagonist-Problem: Hier zeigen die beiden Autorinnen auf, wie wir uns in der westlichen (Pop-)Kultur daran gewöhnt haben, dass nur individuelle Protagonist*innen das Geschehen vorantreiben können. Nur sie können handeln und echte Veränderung bewirken. Was sagt es nun über die narrative Grundlage unserer Gesellschaft aus, wenn eines der größten Franchises grundlegend passive und konservative Protagonisten hat?

Dazu passt dann auch sehr gut das Buch Erzählende Affen von Samira El Ouassil und Friedemann Karig, das ich für Zwischen zwei Deckeln zusammengefasst habe: