Architektur und Gewalt

In den letzten Tagen habe ich hier schon mehrfach über Architektur geschrieben, ihre Beziehung zur sozialen Welt und auch die Möglichkeiten der Kontrolle, die sich aus ihr ergeben.

Jetzt bin ich passenderweise über einen weiteren Artikel gestolpert, der gerade den letzten Aspekt noch ein wenig vertieft und Architektur auch als Medium oder Mittel der Gewalt interpretiert. So schreibt Fernanda Eberstadt im European Review of Books über den israelischen Architekten Eyal Weizman und seine Überlegungen zu „forensischer Architektur“:

It’s as if you were a doctor involved in torture, Weizman wrote. The « most basic gestures of architecture — lines drawn on paper » become « crimes against the landscape and people », generating « social and political harm.»

Dabei ist Weizmans Perspektive geprägt durch den Bau israelischer Siedlungen auf palästinensischem Gebiet, mittlerweile denkt er das Thema mit seiner Forschungsagentur jedoch deutlich breiter. Ein besonders relevantes Thema ist zum Beispiel der deutsche Genozid an den Nama und den Herero. Hier versuchen die Wissenschaftler*innen das Leben der beiden Volksgruppen vor diesem Genozid räumlich zu kartieren und ihm damit eine neue Realität zu verschaffen:

They geolocated each rock that appeared on the photographs, each dip in the cliff-face, so they could pinpoint now-vanished villages and German colonial outposts — and, with help from Herero oral historians and using 3D computer models, reconstruct this pre-genocide life-world.

Durch diese spannende Mischung aus Archäologie (es gibt z. B. auch Arbeiten zu Jahrtausende-alten ukrainischen Städten), forensischer Detektivarbeit sowie digitaler Kartierung und 3D-Modellierung entsteht eine Kartographie abseits der offiziellen und klassisch-geographischen Kartographie, die gerade den Benachteiligten und den Opfern von Gewalt rückblickend eine- wenn auch leise – Stimme geben kann.

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