Vergangenheit, Zukunft und die verrückte Zeit dazwischen

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Der britis­che Biologe Richard Dawkins ist in der let­zten Zeit in erster Lin­ie durch fast schon fanatis­che Äußerun­gen zum Übel der Reli­gion aufge­fall­en. Darüber darf man jedoch nicht vergessen, dass er ein­er der wichtig­sten Evo­lu­tions­bi­olo­gen des 20. Jahrhun­derts sein dürfte: In seinem Buch Das ego­is­tis­che Gen (Orig­i­nal: The Self­ish Gene) schlug er eine Inter­pre­ta­tion von Dar­wins Evo­lu­tion­s­the­o­rie vor, die nicht das Indi­vidu­um oder die Spezies in den Mit­telpunkt rückt, son­dern das „Inter­esse“ der Gene an ihrer Ver­bre­itung. Die Kon­se­quen­zen, die sich daraus ergeben, hat er anschließend in zahlre­ichen Büch­ern aufgear­beit­et und zu Ende gedacht ergeben sich inter­es­sante Fra­gen über die Posi­tion der men­schlichen Intel­li­genz an der „Spitze“ der Evo­lu­tion.

Das Auto als Teil des menschlichen Phänotyps?

![](https://weltenkreuzer.de/wp-content/uploads/2023/08/dawkins_phaenotyp.jpg)

Für Dawkins ist der zen­trale Treiber der Evo­lu­tion nicht das Über­leben eines Indi­vidu­ums oder ein­er Spezies von Tier oder Pflanze, son­dern die Weit­er­ver­bre­itung von Infor­ma­tio­nen, die in Genen codiert sind. Entsprechend flieht eine Maus nicht deswe­gen vor einem Raub­vo­gel, weil sie als Indi­vidu­um über­leben will, son­dern weil sich ihr genetis­ch­er Code im Laufe der Evo­lu­tion so entwick­elt hat, dass er im entsprechen­den Fall eine Flucht vor­sieht. Es ist damit evo­lu­tion­s­the­o­retisch betra­chtet kein bewusstes Ver­hal­ten der Maus, son­dern Aus­druck ihres genetis­chen Codes (Geno­typs) in der Form ihres Phäno­typs.

Dawkins führt diese Argu­men­ta­tion weit­er und betra­chtet selb­st materielle Arte­fak­te, die von Tieren geschaf­fen wer­den, als Teil ihres (erweit­erten) Phäno­typs und damit als genetisch vorgegebe­nen Teil ihres Kör­pers:

The sim­plest sort of extend­ed phe­no­type would be an arti­fact like a bird’s nest. So a bird’s nest is an organ, it’s an organ in just the same sense as a heart or a kid­ney is an organ, but it just hap­pens to be out­side the body and it hap­pens to be made of grass and sticks rather than being made of the cells that con­tain the genes.

Denkt man diese Argu­men­ta­tion kon­se­quent weit­er, stellen sich zahlre­iche span­nende Fra­gen über die Intel­li­genz des Men­schen und seine Fähigkeit, kom­plexe Arte­fak­te wie Flugzeuge oder Autos zu erschaf­fen. Stellt ein Auto einen Aus­druck unseres Phäno­typs dar? Dawkins zufolge nicht, da kom­plexe Fer­ti­gung­sprozesse notwendig sind, welche nicht genetisch codiert sind, son­dern kollek­tiv entwick­elt und bewusst erlernt wer­den müssen.

In Verbindung mit sein­er Idee der „Entwick­lungs­fähigkeit“ gerät diese Schlussfol­gerung jedoch schnell ins Wanken:

Gene, die Entwicklungsfähigkeit ermöglichen erlauben höhere Komplexität

Dawkins beschreibt zwei unter­schiedliche Typen von Genen: solche, die sich auf den Phäno­typ eines Indi­vidu­ums auswirken – also z.B. seine Größe, seine Organe und die Farbe des Gefieders – und solche, die seine Entwick­lungs­fähigkeit prä­gen. Diese Gene erhöhen gewis­ser­maßen die Anzahl der Möglichkeit­en, die ein Indi­vidu­um während sein­er evo­lu­tionären Entwick­lung hat. Sie beschle­u­ni­gen damit die Verän­derungsrate seines genetis­chen Codes und machen eine Anpas­sung an verän­derte Umstände ein­fach­er:

The evo­lu­tion of evolv­abil­i­ty, then, is an evo­lu­tion­ary change which makes a rad­i­cal alter­ation in embry­ol­o­gy, and that opens up flood­gates of fur­ther evo­lu­tion which were not pos­si­ble before.

Diese Gene sind für Dawkins eine unverzicht­bare Voraus­set­zung für die Entste­hung kom­plex­er Struk­turen, wie wir sie heute in der Tier- und Pflanzen­welt find­en.

Menschliche Intelligenz und moderne Wissenschaft als Irrweg der Evolution?

Nimmt man nun die Idee des erweit­erten Phäno­typs und der Entwick­lungs­fähigkeit zusam­men, stellt sich die Frage nach dem Zusam­men­hang zwis­chen men­schlich­er Intel­li­genz und evo­lu­tionär­er Entwick­lung neu: Was, wenn unsere Fähigkeit zu kom­plex­em wis­senschaftlichen Denken eine Man­i­fes­ta­tion unser­er genetisch codierten „Entwick­lungs­fähigkeit“ ist? Dann wer­den Flugzeuge und Autos, Kernkraftwerke und Atom­waf­fen, Com­put­er und das Inter­net zu einem Aus­druck unseres erweit­erten Phäno­typs.

Damit würde die tech­nisch-wis­senschaftliche Entwick­lung eben­so wie die Entwick­lung der men­schlichen Intel­li­genz zu einem Prozess, der im Ver­lauf von Gen­er­a­tio­nen evo­lu­tionären Geset­zmäßigkeit­en unter­liegt und entsprechen­dem Selek­tions­druck aus­ge­set­zt ist. Dem­nach hät­ten wir uns nicht von der biol­o­gis­chen Evo­lu­tion entkop­pelt, son­dern wür­den lediglich eine Muta­tion darstellen, welche Intel­li­genz und tech­nis­che Entwick­lung als eine Eigen­schaft des erweit­erten Phäno­typs im großen Spiel der Evo­lu­tion austestet. Ob sie sich langfristig als förder­lich für die Ver­bre­itung genetisch codiert­er Infor­ma­tio­nen erweisen, bleibt dabei abzuwarten.

Quellen

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