Der zweite Band von Ken Lius „Dandelion Dynasty“-Reihe schließt unmittelbar an den ersten Band „Grace of Kings“. Entsprechend macht es keinen Sinn, hier die Handlung auch nur anreißen zu wollen, denn das würde unweigerlich das Ende des ersten Bandes spoilern. Über Themen, Erzählweise und Struktur kann ich aber natürlich eine Menge sagen.
Nachdem „Grace of Kings“ ein sehr hohes Erzähltempo hat und oft von Ort zu Ort und durch die Zeit springt, ist „The Wall of Storms“ deutlich klassischer, ja fast schon minimalistisch. Es erzählt eine geradlinige Geschichte aus zwei oder drei Perspektiven und streut die eine oder andere ausführliche Rückblende ein. So kommt man als Leser natürlich näher an die Figuren heran. Das lohnt sich auch, denn die Figuren sind nochmal wesentlich lebendiger, tiefgründiger und komplexer als im ersten Band.
Während die Struktur also ein wenig klassischer wird, setzt sich Liu bei den Themen deutlich von seinen Genre-Kolleg*innen ab. Es geht zwar weiter auch um Macht, Loyalität und Herrschaft, aber hier setzt Liu schon seinen ersten Twist an: Diesmal geht es ganz explizit um den Versuch, ein gerade „befreites“ Land tatsächlich fair und gerecht zu regieren. Das ist mit all den bestehenden Strukturen nämlich gar nicht so einfach.
Dann gibt Liu aber auch noch einen Einblick in die vier dominierenden philosophischen Schulen des Kontinents, die natürlich von philosophischen Systemen auf der Erde inspiriert sind. Es ist aber sehr spannend, sie hier mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Im weiteren Verlauf verschiebt sich das Thema dann auf die naturwissenschaftliche Forschung und insbesondere die Erforschung fremdartiger und die Entwicklung eigener neuer Waffen. Dazu kommen schließlich auch Fragen der militärischen und der diplomatischen Strategie. Das sind Themen, die man in dieser Form in der Fantasy selten findet.
„The Wall of Storms“ ist also durchaus anders als der erste Band der Reihe, aber mindestens genauso gut. Auch wenn es diesmal 800 Seiten waren und die nächsten Bände noch länger sind, werde ich mir die definitiv bald zu Gemüte führen.

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