Ich bin lange um die Dandelion-Dynasty-Bücher von Ken Liu herumgeschlichen: Die Rezensionen gingen weit auseinander und ein erster Band mit mehr als 600 Seiten macht den Einstieg nicht gerade einfach. Doch, boy, bin ich froh, es dann jetzt doch gewagt zu haben, aber ich weiß jetzt auch, warum die Reihe die Gemüter so spaltet.
Die Geschichte ist erst mal nichts wirklich Besonderes: Ein Kaiser stirbt, sein Nachfolger ist schwach, und so beginnen die einzelnen Gebiete des Reichs nach Unabhängigkeit zu streben. Die Themen, die sich daraus ergeben, sind auch relativ offensichtlich: Loyalität, Macht, Vertrauen und die Frage nach dem „guten“ Regieren – wobei das vielleicht schon ein wenig vom Genrestandard abweicht.
Die Abweichung wird aber noch deutlicher bei Ken Lius Erzählweise, die sehr sachlich und fokussiert daherkommt. Er verzichtet nahezu komplett auf sprachliche Schnörkel oder weitschweifende Erklärungen. Es gibt auch keine langen introspektiven Phasen oder Charakterstudien. Stattdessen beschreibt er auf 10 Seiten ein wichtiges Ereignis und macht dann einen Sprung in Zeit und/oder Raum, um den nächsten historischen Moment zu beobachten.
Entgegen dem Fantasy-Trend schaut er dabei nicht auf den „kleinen Mann“ oder in den Mikrokosmos einer Stadt. Stattdessen behält er die historische Entwicklung im Blick. Dadurch kann er auf 600 Seiten eine epische und hochkomplexe Geschichte des Kontinents erzählen. Dabei schafft er es aber trotzdem, die zentralen Figuren nuanciert zu beschreiben und ihre inneren wie äußeren Konflikte spannend zu schildern.
Wer blumigen, ausschweifenden Eskapismus in einer romantisierten Mittelalter-Fantasy sucht, ist hier ebenso falsch wie Fans emotionalisierter und emotionalisierender Geschichten. Das Buch ist aber wie gemacht für Leser*innen, die die Geschichte eines Kontinents verfolgen und deren zentrale Protagonist*innen kennen- und verstehen lernen möchten.

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