Vergangenheit, Zukunft und die verrückte Zeit dazwischen

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Nach rund 85 Stun­den Hör­buch auf mehreren Hun­dert Jog­ging-Kilo­me­tern quer durch Dort­mund habe ich meinen Re-„Read“ der Ter­ra Igno­ta-Rei­he abgeschlossen – logis­cher­weise als Hör­buch und nicht mit dem Kin­dle vor der Nase. Ich bin üblicher­weise nicht so der ganz große Fre­und von englis­chsprachi­gen Hör­büch­ern, da sie mir für „neben­bei“ zu viel aktives Zuhören erfordern. Doch für die großar­tig insze­nierte Graph­i­cAu­dio-Ver­sion dieser faszinieren­den Rei­he habe ich dann doch eine Aus­nahme gemacht. Dafür kon­nte ich die dann halt nicht beim Haushal­ten hören, son­dern „nur“ auf dem wöchentlichen Pen­del­weg und mit Lauf­schuhen an den Füßen.

Die Rei­he erzählt die Geschichte der Men­schheit im 25. Jahrhun­dert, die mehrere Jahrhun­derte des Friedens hin­ter sich hat. In der beste­hen­den Ord­nung zeigen sich jet­zt aber die ersten Risse. In den ersten bei­den Bän­den kom­men immer mehr Geheimnisse, Intri­gen und unüber­brück­bare Dif­feren­zen ans Licht, bis die Welt vor dem Abgrund eines neuen Krieges ste­ht. Die Anspan­nung von diesem Krieg prägt dann den drit­ten Band mit dem passenden Titel The Will to Bat­tle, bevor der vierte und let­zte Band – Per­haps the Stars – den Ver­lauf des Krieges zeigt und die Entste­hung ein­er neuen Ord­nung begleit­et.

Das war jet­zt aber nur die abso­lut ober­fläch­liche Grobzusam­men­fas­sung eines fil­igra­nen Geflechts aus Fig­uren, Frak­tio­nen und sozialen Struk­turen, die sich im Laufe der Romane langsam erschließen. Gle­ichzeit­ig sind nur wenige Akteure das, was sie auf den ersten Blick zu sein scheinen.

Es ist also kom­plex, was durch den faszinieren­den, aber anspruchsvollen Erzählstil noch ver­stärkt wird. Die Autorin Ada Palmer (@adapalmer) – eine US-amerikanis­che His­torik­erin – lässt sich von der Erzählform früher Romane inspiri­eren und erzählt die Geschichte durch die Augen mehrerer unzu­ver­läs­siger Erzäh­ler. Auch sprach­lich ori­en­tiert sie sich eher am 18. bzw. 19. Jahrhun­dert als an unser­er Zeit. Wenn dann noch zahlre­iche his­torische Fig­uren wie Achilles oder Thomas Hobbes auftreten, wird endgültig klar, dass es hier nicht nur um die Zukun­ft des Men­schen geht, son­dern genau­so sehr, wenn nicht gar mehr, um ihre Ver­gan­gen­heit.

Ich kön­nte jet­zt ver­mut­lich über tausende Wörter all die The­men her­ausar­beit­en und Par­al­le­len zwis­chen der Zukun­ft Ada Palmers und unser­er jet­zi­gen Welt aufzeigen. Das würde meine aktuell für solche Kapri­olen ver­füg­bare Freizeit aber dann doch mas­siv über­fordern. Also greife ich mal nur zwei Punk­te her­aus:

Direkt im ersten Band ler­nen wir eine Fig­ur ken­nen, deren geschichtliche Rolle und gesellschaftliche Posi­tion mich frap­pierend an einen gewis­sen amerikanis­chen Inselbe­sitzer erin­nert, der aktuell (Feb­ru­ar 2026) die Nachricht­en dominiert. Darauf ange­sprochen sagt Palmer auch: „Descend­ed from the same cul­tur­al arche­type, alas.“ Über­haupt spie­len diese kul­turellen Arche­typen eine zen­trale Rolle, und Palmer bedi­ent sich dabei aus der Geschichte eben­so kreativ wie aus ihrer leb­haften Fan­tasie.

Ein ander­er Aspekt, der eher in den späteren Roma­nen aufkommt, ist die Frage nach den Ambi­tio­nen der Men­schheit: „Welche Ziele stellt sie sich?“, „Welche Ziele ver­wirft sie?“ und „Welche Opfer ist sie bere­it, dafür zu erbrin­gen?“ – ich bleibe hier mal bewusst vage, um euch nicht über die Maßen zu spoil­ern.

Weit­ere The­men sind die Rel­e­vanz unser­er „biol­o­gis­chen“ Grundbedürfnisse auch in ein­er sehr aufgek­lärten Gesellschaft, alter­na­tive Lebens- und Gesellschafts­for­men, das Weit­er­wirken alter und teil­weise vergessen geglaubter kul­tureller Muster, die Unver­mei­dlichkeit(?) von Kon­flikt und, und, und…

Es gibt also unendlich viel zu ent­deck­en, sodass ein Re-Read sehr lohnenswert ist. Und wer auch nur grundle­gend etwas mit Hör­büch­ern anfan­gen kann, sollte spez­i­fisch dafür in die aufwendig ver­tonte Ver­sion von Graph­i­cAu­dio rein­hören: Das ist keine ein­fache Lesung, son­dern eine umfängliche Insze­nierung mit vie­len großar­ti­gen Sprecher*innen, passenden Hin­ter­grundgeräuschen und sog­ar ein wenig Musik, die dem Abspann zufolge von Ada Palmer selb­st geschrieben und einge­spielt wurde. Als Erstkon­takt mit der Serie ist diese Insze­nierung vielle­icht etwas zu hart, für einen zweit­en, drit­ten oder späteren Durch­gang aber per­fekt.

Die Reise ist lang, aber sie lohnt sich, und es gibt keinen Roman, der so lange und stark in mir nach­hallt, wie diese Rei­he.

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