Vergangenheit, Zukunft und die verrückte Zeit dazwischen

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Es kommt wirk­lich sel­ten vor, dass ich mich inner­halb von einem Monat durch drei Bände ein­er Fan­ta­sy-Rei­he grabe – wobei ich mich nicht erin­nern kann, dass mir das über­haupt schon mal passiert wäre. Wenn diese drei Bände zusam­men dann aber auch noch rund 2500 Seit­en haben, ist das Ganze noch über­raschen­der.

Es muss also etwas Beson­deres dran sein, an dieser „Dan­de­lion Dynasty“ und, boy, ist die beson­ders. Nach­dem die ersten bei­den Bände auf jew­eils sehr unter­schiedliche Weise eine sehr kom­plexe und faszinierende, aber doch irgend­wie „typ­is­che“ epis­che Fan­ta­sy-Geschichte erzählt haben, geht Band drei, „The Veiled Throne“, sehr eigene Wege: von der Geschichte eines Kon­ti­nents, wenn nicht sog­ar ein­er ganzen Welt, hin zur Geschichte einzel­ner Fig­uren in dieser Welt.

Es begin­nt noch mit ein­er gigan­tis­chen Schlacht, in der alle bekan­nten und neu entwick­el­ten Waffen‑ und Strategie‑Register gezo­gen wer­den – und das sind einige, die man in ein­er klas­sis­chen Fan­ta­sy­welt so nicht erwartet. Aber wir sind hier ja nicht in ein­er europäisch inspiri­erten Welt, son­dern in ein­er chi­ne­sis­chen. Und da gab es schon im 10. Jahrhun­dert eine Eisen­pro­duk­tion, wie sie Europa erst im 17. Jahrhun­dert erre­icht hat.

Über­haupt merkt man an allen Eck­en und Enden dieser faszinieren­den Welt, dass Ken Liu sich von der Geschichte Chi­nas hat inspiri­eren lassen – ange­fan­gen von den zen­tralen Prü­fun­gen für Beamte über die kon­tinuier­liche Zer­split­terung und Neuzusam­menset­zung des großen Reichs bis hin zur großen Bedro­hung durch Nomaden­völk­er. Alles klar der chi­ne­sis­chen Geschichte entlehnt, aber für die west­liche Fan­ta­sy vol­lkom­men anschlussfähig.

Aber zurück zur Geschichte: Nach der großen Schlacht wird es ein biss­chen klein­er und es gibt Intri­gen, Fam­i­lien­fe­hden und Rebel­lion, wie wir sie aus den ersten bei­den Bän­den schon ken­nen. Dann aber kommt ein Bruch, und das Buch nimmt eine etwas über­raschende Wen­dung: Von der großen Welt­geschichte wech­seln wir in eine einzelne Stadt und erleben einen Wettstre­it zweier Restau­rants. Über mehrere hun­dert Seit­en wirkt der Roman phasen­weise wie die Nacherzäh­lung ein­er Episode „Rach, der Restau­ranttester“ durch Ter­ry Pratch­ett und macht dabei eine Menge Spaß.

Am Ende schließt sich dann natür­lich wieder der Bogen zur über­greifend­en Geschichte, dieser bleibt jedoch vor­erst eher lose und dürfte im vierten und let­zten Band dann erst wieder richtig aufge­grif­f­en wer­den.

Auch the­ma­tisch ist „The Veiled Throne“ ein absolutes Fest: Die wis­senschaftlichen Ent­deck­un­gen, tech­nis­chen Erfind­un­gen und strate­gis­chen Über­legun­gen machen ein­fach Spaß. Nach­den­klich hinge­gen wird es, wenn es um Iden­tität geht, um die Geschicht­en, die wir uns selb­st und anderen erzählen, und um die Frage, wo im Krieg eigentlich die Guten sind. Dabei schafft es Liu her­vor­ra­gend, Hand­lung mit philosophis­chen Reflex­io­nen zu verknüpfen und jed­er Fig­ur ein kom­plex­es und wider­sprüch­lich­es Innen­leben zu ver­passen.

Ihr merkt ver­mut­lich, auch „The Veiled Throne“ hat mich wieder abso­lut gefes­selt und macht „Dan­de­lion Dynasty“ zum Anwärter auf eine der besten epis­chen Fan­ta­sy-Rei­hen, die ich bish­er gele­sen habe. Nach ein paar Tagen Pause und ein, zwei Per­ry-Rho­dan-Heften zur men­tal­en Erhol­ung werde ich mich dann wohl auch ziem­lich bald dem vierten und let­zten Band der Rei­he – „Speak­ing Bones“ – wid­men.

Fediverse reactions

Ein Kommentar

  1. Avatar von Matt Hall

    @weltenkreuzer.de

    I can’t read Ger­man but _anything_ by Ken Liu is worth your time. Full stop.

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