Menschliche Intelligenz und moderne Wissenschaft als Irrweg der Evolution?

Der britische Biologe Richard Dawkins ist in der letzten Zeit in erster Linie durch fast schon fanatische Äußerungen zum Übel der Religion aufgefallen. Darüber darf man jedoch nicht vergessen, dass er einer der wichtigsten Evolutionsbiologen des 20. Jahrhunderts sein dürfte: In seinem Buch Das egoistische Gen (Original: The Selfish Gene) schlug er eine Interpretation von Darwins Evolutionstheorie vor, die nicht das Individuum oder die Spezies in den Mittelpunkt rückt, sondern das „Interesse“ der Gene an ihrer Verbreitung. Die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, hat er anschließend in zahlreichen Büchern aufgearbeitet und zu Ende gedacht ergeben sich interessante Fragen über die Position der menschlichen Intelligenz an der „Spitze“ der Evolution.

Das Auto als Teil des menschlichen Phänotyps?

Ricahrd Dawkins: Der erweiterte Phänotyp (Springer Spektrum 2010, ISBN:  978-3827427069)

Ricahrd Dawkins: Der erweiterte Phänotyp (Springer Spektrum 2010, ISBN: 978-3827427069)

Für Dawkins ist der zentrale Treiber der Evolution nicht das Überleben eines Individuums oder einer Spezies von Tier oder Pflanze, sondern die Weiterverbreitung von Informationen, die in Genen codiert sind. Entsprechend flieht eine Maus nicht deswegen vor einem Raubvogel, weil sie als Individuum überleben will, sondern weil sich ihr genetischer Code im Laufe der Evolution so entwickelt hat, dass er im entsprechenden Fall eine Flucht vorsieht. Es ist damit evolutionstheoretisch betrachtet kein bewusstes Verhalten der Maus, sondern Ausdruck ihres genetischen Codes (Genotyps) in der Form ihres Phänotyps.

Dawkins führt diese Argumentation weiter und betrachtet selbst materielle Artefakte, die von Tieren geschaffen werden, als Teil ihres (erweiterten) Phänotyps und damit als genetisch vorgegebenen Teil ihres Körpers:

The simplest sort of extended phenotype would be an artifact like a bird’s nest. So a bird’s nest is an organ, it’s an organ in just the same sense as a heart or a kidney is an organ, but it just happens to be outside the body and it happens to be made of grass and sticks rather than being made of the cells that contain the genes.

Denkt man diese Argumentation konsequent weiter, stellen sich zahlreiche spannende Fragen über die Intelligenz des Menschen und seine Fähigkeit, komplexe Artefakte wie Flugzeuge oder Autos zu erschaffen. Stellt ein Auto einen Ausdruck unseres Phänotyps dar? Dawkins zufolge nicht, da komplexe Fertigungsprozesse notwendig sind, welche nicht genetisch codiert sind, sondern kollektiv entwickelt und bewusst erlernt werden müssen.

In Verbindung mit seiner Idee der „Entwicklungsfähigkeit“ gerät diese Schlussfolgerung jedoch schnell ins Wanken:

Gene, die Entwicklungsfähigkeit ermöglichen erlauben höhere Komplexität

Dawkins beschreibt zwei unterschiedliche Typen von Genen: solche, die sich auf den Phänotyp eines Individuums auswirken – also z.B. seine Größe, seine Organe und die Farbe des Gefieders – und solche, die seine Entwicklungsfähigkeit prägen. Diese Gene erhöhen gewissermaßen die Anzahl der Möglichkeiten, die ein Individuum während seiner evolutionären Entwicklung hat. Sie beschleunigen damit die Veränderungsrate seines genetischen Codes und machen eine Anpassung an veränderte Umstände einfacher:

The evolution of evolvability, then, is an evolutionary change which makes a radical alteration in embryology, and that opens up floodgates of further evolution which were not possible before.

Diese Gene sind für Dawkins eine unverzichtbare Voraussetzung für die Entstehung komplexer Strukturen, wie wir sie heute in der Tier- und Pflanzenwelt finden.

Menschliche Intelligenz und moderne Wissenschaft als Irrweg der Evolution?

Nimmt man nun die Idee des erweiterten Phänotyps und der Entwicklungsfähigkeit zusammen, stellt sich die Frage nach dem Zusammenhang zwischen menschlicher Intelligenz und evolutionärer Entwicklung neu: Was, wenn unsere Fähigkeit zu komplexem wissenschaftlichen Denken eine Manifestation unserer genetisch codierten „Entwicklungsfähigkeit“ ist? Dann werden Flugzeuge und Autos, Kernkraftwerke und Atomwaffen, Computer und das Internet zu einem Ausdruck unseres erweiterten Phänotyps.

Damit würde die technisch-wissenschaftliche Entwicklung ebenso wie die Entwicklung der menschlichen Intelligenz zu einem Prozess, der im Verlauf von Generationen evolutionären Gesetzmäßigkeiten unterliegt und entsprechendem Selektionsdruck ausgesetzt ist. Demnach hätten wir uns nicht von der biologischen Evolution entkoppelt, sondern würden lediglich eine Mutation darstellen, welche Intelligenz und technische Entwicklung als eine Eigenschaft des erweiterten Phänotyps im großen Spiel der Evolution austestet. Ob sie sich langfristig als förderlich für die Verbreitung genetisch codierter Informationen erweisen, bleibt dabei abzuwarten.

Nils Müller
bringt nicht nur anderen Schreiben bei, sondern schreibt auch selbst leidenschaftlich gerne. Als Soziologe interessiert er sich für die Gesellschaft genauso wie für Wissenschaft und die Frage nach dem guten Leben. Er lebt und liest in Dortmund, Bielefeld und auf dem Weg im ICE. Mehr zu ihm gibt es unter nilsmueller.info

Ein Kommentar

  1. Erinnert mich ein wenig an die Bruno Latours Akteur-Netzwerk-Theorie, in der Maschinen und Menschen gemeinsam als Aktanten gesehen werden. Nur eben anders herum, nicht als Erweiterung eines Kerns, sondern als eigentlich zu betrachtende Einheit.

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