Weltenkreuzer

Der Rückzug aus der Gemeinschaft aus Angst vor dem Fremden

Klimawandel, Terroranschläge und die immer wieder aufwallende Wirtschaftskrise sind nur drei der aktuellen Entwicklungen, die den Eindruck erwecken, unsere Welt sei immer weniger kontrollierbar. Als Konsequenz wird der Rückzug in das Private und der Aufbau einer eigenen, überschaubaren Welt zu einem immer größeren gesellschaftlichen Phänomen. Auch der us-amerikanische Soziologe Richard Sennett beschäftigt sich in seinem aktuellen Buch Zusammenarbeit mit der abnehmenden Bereitschaft – und vielleicht auch Fähigkeit – der Menschen, sich auf kooperative oder gar kollektive Zusammenhänge einzulassen.

Für Sennett ist der Mensch grundsätzlich ein soziales Tier, dem die Zusammenarbeit und Kooperation mit anderne in die Wiege gelegt ist, wie er ausführlich anhand der frühkindlichen Entwicklung der Kooperationsfähigkeit erläutert. Im Anschluss zeigt er jedoch auf, wie die zentralen Grundlagen für unterschiedliche Formen der Kooperation – insbesondere solcher, welche nicht auf einem klar definierten Interessensaustausch oder etablierten Machtstrukturen basieren – immer weiter erodieren.

Rituale als Anker sozialer Einbettung

Richard Sennett: Zusammenarbeit (a href="http://www.amazon.de/Zusammenarbeit-Was-unsere-Gesellschaft-zusammenh%C3%A4lt/dp/3423348372/?tag=diekrise-21">978-3423348379)

Richard Sennett: Zusammenarbeit (978-3423348379)

Im Mittelpunkt von Sennetts Argumentation steht die Beobachtung, dass Kommunikation und Interaktion nicht in erster Linie auf der expliziten Inhaltsebene stattfinden, sondern stark von unterschwelligem Austausch und sozialen Erwartungen geprägt sind. Neben einer interessanten Kritik an der Vorstrukturierung der Kooperation durch digitale Werkzeuge wie das mittlerweile eingestellte Google Wave betont er dabei insbesondere die ordnende und strukturierende Funktion von Ritualen und Zeremonien.

Zeremonien entheben die Menschen gerade der Notwendigkeit, für sich selbst zu sprechen und den Menschen darzustellen, der sie sind. Die Teilnehmer finden Zugang zu einem größeren, gemeinsamen Ausdrucksbereich. (S. 130)

Auf diese Weise entlasten sie auf der einen Seite das Ich und auf der anderen Seite zeigen sie dem Einzelnen seine Zugehörigkeit zu etwas Größerem. So können sie an sich sinnlose Aktivitäten mit einem hohen Maß an Bedeutung und Befriedigung aufladen. Rituale binden den Einzelnen an seine Umgebung, sie machen ihn zugehörig und markieren seinen Status. So reduzieren sie Unsicherheiten und bieten Orientierung.

Solche Prozesse sind jedoch nur dann positiv zu bewerten, wenn die auf diese Weise geschaffene Zugehörigkeit des Einzelnen auf Augenhöhe geschieht. Sennett beschreibt hier, dass Rituale im Laufe der Zeit immer mehr zu Spektakeln geworden sind, an denen Einzelne nicht mehr selbst teilnehmen, sondern die sie passiv beobachten:

Aber schon damals war klar, dass etwas mit der Gemeinde und dem Individuum geschah, wenn Rituale in ein Spektakel verwandelt wurden. Das Spektakel verleiht der Gemeinschaft eine hierarchische Struktur, in der die Unteren zusehen und dienen, aber nicht als Individuen von eigenständigem Wert mitwirken (S. 150-151)

Zum Spektakel degradiert, stärkt das Ritual nicht mehr den Einzelnen in seiner sozialen Position, sondern unterwirft ihn einer etablierten Machtstruktur.

Rückzug aus Angst vor den Bedürfnissen Anderer

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Je mehr klassische Rituale zum Spektakel verkommen, desto weniger Struktur stiften sie für die direkte Interaktion auf Augenhöhe. Auf diese Weise verkomplizieren sie soziale Konfigurationen, in denen die unterschiedlichen Positionen nicht mehr klar definiert und erkennbar sind. Sie schwächen auch die eigene Position, die ebenso unscharf und unsicher wird. Damit beginnt der Rückzug aus dem Sozialen:

In der modernen Gesellschaft entsteht ein eigentümlicher Charaktertyp, ein Mensch, der mit anspruchsvollen, komplexen Formen sozialen Engagements nicht zurechtkommt und sich deshalb zurückzieht. (S. 241)

Besondere Bedeutung misst Sennet dabei der Angst der Menschen zu, die sich Denkweisen und Bedürfnissen ausgesetzt sehen, welche sie selbst nicht nachvollziehen und verstehen können. Diese wirken oftmals auf bedrohliche Weise fremd und lösen so eine Flucht- oder Vermeidungsreaktion aus. Statt sich also in der direkten Interaktion mit diesen Perspektiven auseinanderzusetzen, erfolgt eine Flucht in die formale Interaktion, welche durch abstrakte und an anderer Stelle bestimmte Kriterien geprägt wird. Dabei schwindet die Bereitschaft, sich auf überraschende und unbekannte Situationen einzulassen:

Wer den tausendsten industriell gefertigten Hamburger isst, kann von dem Geschmack nicht sonderlich begeistert sein, aber da er ihm vertraut ist, empfindet er ihn als angenehm. Ähnliches gilt für eine Couchpotato, die sich wohlfühlt, wenn sie mit halbem Auge Fernsehsendungen verfolgt, die ihre Aufmerksamkeit nicht wirklich fesseln. Beide erreichen einen hohen Wert auf der »Langeweile-Anfälligkeitsskala«. Sie wünschen sich eine Vertrautheit, die keine Überraschungen birgt. (S. 254)

Die Illusion der losgelösten Freiheit

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Für Sennett stellt dieser Rückzug, der durch Gleichgültigkeit oder Arroganz anderen Weltsichten gegenüber geprägt ist, den ultimativen Ausdruck des liberal-individualistischen Ideals dar. Er macht jedoch deutlich, dass dieses Ideal historisch und auch global als absolute Ausnahme zu werten ist.

Das autonome Individuum erscheint als frei. Doch aus der Sicht anderer Kulturen erscheint ein Mensch, der stolz darauf ist, andere nicht um Hilfe zu bitten, als eine zutiefst geschädigte Person, weil die Angst vor sozialer Einbindung sein Leben beherrscht. (S. 185)

Sie ist der Ausdruck einer europäischen Entwicklung, die in der Renaissance ihren Anfang nahm und sich in den letzten Jahrzehnten endgültig durchsetzen konte. Gleichzeitig machen die Komplexität gesellschaftlicher wie ökonomischer Zusammenhänge und die unzähligen wechselseitigen Abhängigkeiten eine Kooperation unterschiedlicher Menschen so unverzichtbar wie niemals zuvor – während sie ihre Grundlagen unterminieren. Dieses Spannungsverhältnis, verbunden mit der zunehmenden Unsicherheit – prägt für Sennett das Gefühl “unserer” Zeit:

Die Sehnsucht nach einer Solidarität, die inmitten ökonomischer Unsicherheit ein Gefühl der Sicherheit vermitteln könnte, führt heute zu einer radikalen Simplifizierung des sozialen Lebens: Abgrenzung gegen andere Gruppen, verbunden mit dem Gefühl, allein zu stehen und ganz auf sich selbst angewiesen zu sein. (S. 374)

Fünf mal anderswo: syrische Ersthelfer, eine stabilere Welt und illustrierte Dystopien

An dieser Stelle gibt es alle zwei Wochen Lesehinweise anderswo im Netz. Dieses Mal mit einen eindrucksvollen Blick nach Syrien, einer nüchternen Betrachtung der Gefahren der Welt, illustrierten Dystopien, der Generation Y und einem Strategy Guide für das Strategiespiel „Leben“.

Whoever Saves a Life (Matter)

In einer eindrucksvollen Foto-Reportage folgen Matthieu Aikins und Sebastiano Tomada einem Team von zivilen Ersthelfern im syrischen Bürgerkrieg:

On a typical day in Aleppo, they would soon be woken by the sound of helicopters and jets roaring in to drop the first bombs on the rebel-held side of the city, which the regime has sought to pound to dust. But it was quiet this morning, and so they slept.

The World Is Not Falling Apart (Slate)

Mitten in der medialen Aufregung werfen Steven Pinker und Andrew Mack einen nüchternen Blick auf die aktuelle Weltlage. Sie legen dar, dass die Welt in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer sicherer und stabiler geworden ist:

An evidence-based mindset on the state of the world would bring many benefits. It would calibrate our national and international responses to the magnitude of the dangers that face us.

Amusing Ourselves to Death (Stuart McMillen)

Der australische Comic-Zeichner Stuart McMillen hat sich in diesem kurzen Comic-Strip dem Vorwort von Neil Postmans bekanntem Buch Amusing Ourselves to Death angenommen, das die Dystopien von Aldous Huxley und George Orwell vergleicht:

Orwell feared the truth would be concealed from us. Huxley feared the truth would be drowned in a sea of irrelevance.

Warum die Generation Y so unglücklich ist (Die Welt)

Für die Welt hat Pia Frey einen Artikel des us-amerikanischen Blogs „Wait but why“ übersetzt, der sehr einfach erklärt, wie die Illusion, etwas ganz besonderes zu sein, in der „Generation Y“ zu unerfüllten Erwartungen führt.

Life is a game. This is your strategy guide (Oliver Emberton)

Oliver Emberton hat das geflügelte Wort vom Leben als Spiel wörtlich genommen und einen äußerst interessanten und in Pixel-Optik illustrierten Strategy Guide hierzu geschrieben:

All players die after about 29,000 days, or 80 years. If your stats and skills are good, you might last a little longer. There is no cheat code to extend this.

 

 

 

Wie Leonardo da Vinci die moderne Wissenschaft vorweg nahm

Leonardo da Vinci (1452 – 1519) gilt als das Universalgenie der menschlichen Ideengeschichte. Besonders bekannt ist er für seine Kunst – allen voran natürlich das Abendmahl und die Mona Lisa. Auch als Ingenieur hat da Vinci bis heute einen Namen. Dass er auch als Wissenschaftler seiner Zeit teilweise um Jahrhunderte voraus war, ist jedoch erst in den letzten Jahren wirklich deutlich geworden. Lesen…

Das Land, das an seinen Tugenden zweifelt

Ein ungläubiges Raunen geht durch das Land, wenn mal wieder eine Umfrage zeigt, dass Deutschland und seine Einwohner in der Welt durchaus beliebt sind. Erst kürzlich kürte eine BBC-Umfrage Deutschland sogar zum beliebtesten Land der Erde – noch vor Kanada. Abgesehen von angemessener Bescheidenheit und der generellen Fragwürdigkeit entsprechender Umfragen, warum fällt es “den Deutschen” so schwer zu glauben, dass andere sie in einem durchaus positiven Licht sehen?

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Amanda Palmer über die Kunst des Fragens und den Sinn der Kunst

Eigentlich solltes es eines der einfachsten Dinge der Welt sein, andere Menschen um Hilfe zu bitten: die Nachbarn, wenn uns Mehl zum Backen fehlt, den Chef, wenn wir die spontane Hochzeit unseres besten Freundes besuchen wollen, oder die gute Freundin, wenn wir gerade ein wenig klamm sind, aber eine Autoreparatur ansteht. Der Frage, warum uns dies trotz einer guten Beziehung oder gar einer Freundschaft zu diesen Menschen oft so schwer fällt, geht die Musikerin Amanda Palmer in ihrer “thematischen Autobiographie” The Art of Asking nach.

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Der tiefe Graben zwischen Wissenschaft und Gesellschaft

Warum wird Homöopathie von den Krankenkassen bezahlt? Sollen wir gentechnisch veränderte Lebensmittel erlauben? Was können wir gegen den Klimawandel tun? All dies sind Fragen, in denen naturwissenschaftliche Erkenntnisse auf soziale Prozesse treffen. Der französische Philosoph und Soziologe Bruno Latour setzt sich mit solchen Diskussionen auseinander und stellt dabei weder den Natur- noch den Sozialwissenschaftlern ein gutes Zeugnis aus. Lesen…

Der neue Weltenkreuzer

Seit mittlerweile fast 10 Jahren blogge ich als Weltenkreuzer in diesem unseren Internet. Bislang fand sich hier ein buntes Sammelsurium an längeren Texten, kurzen Kommentaren, Linkempfehlungen, Videos und vielem anderen Kram. Seit einiger Zeit war hier sogar vollständige Funkstille. Jetzt ist es an der Zeit, diese Webseite zu neuem Leben zu erwecken – mit einem grundlegenden Relaunch.

Der Weltenkreuzer soll nun zu einem Ort im Netz werden, an dem Raum ist für Ideen und Argumente, die uns helfen können, die Welt um uns herum zu verstehen:

In einer komplexen und schnelllebigen Welt ist es verlockend, sich an die einfachen Erklärungen zu halten. Das Tableau an möglichen Zusammenhängen und Wechselwirkungen ist zu unübersichtlich geworden, als dass sich ein Einzelner noch sicher darin bewegen könnte. Deswegen hat sich der Weltenkreuzer vorgenommen, Gedanken, Ideen, Analysen und Argumente zusammenzutragen – zahlreiche Versatzstücke des Verstehens und möglicherweise widersprüchliche Ansätze des Denkens. Es geht ihm dabei um die Zusammenhänge zwischen scheinbar Unabhängigem; zwischen Gesellschaft, Wissenschaft und dem guten Leben.

Gibt es das große Ganze? Das Übergreifende und Verbindende? Steckt es in der Wissenschaft von den Dingen? In den Beziehungen zwischen Menschen und Objekten oder in unserer Wahrnehmung? Fragen, auf die es keine Antworten gibt, die uns aber doch umtreiben und denen der Weltenkreuzer sind langsam und vorsichtig annähert. Nicht auf einer Seite stehend, sondern zwischen den Welten mit dem Blick in alle Richtungen und dem Respekt vor den Gedanken und Ideen. Distanziert und doch analytisch, aber immer mit dem Blick auf die Menschen, ihr Leben, ihre Träume und ihre Sehnsüchte; zwischen objektiver Wissenschaft und einfühlender Emotionalität.

Ohne sich in Details zu verbeißen oder dem reißenden Strom der Nachrichten nachzujagen, nimmt der Weltenkreuzer den breiten Blick auf die großen Fragen.

Dazu gibt es jede Woche mehrere Artikel aus den Bereichen Wissenschaft, Gesellschaft und Leben, die jeweils eine Argumentationslinie kurz vorstellen, welche andere Autoren in einem Buch aufbauen. Dazu kommen regelmäßige Linktipps und mittelfristig auch eigene Kommentare.

So soll der Weltenkreuzer zu einer Inspirationsquelle und Diskussionsgrundlage für diejenigen werden, welche die Welt um sie herum besser verstehen wollen. Abonnieren könnt Ihr den neuen Weltenkreuzer per RSS, als Newsletter, bei Twitter und bei Facebook. Wenn Ihr Ideen, Anregungen oder Kommentare habt, freue ich mich natürlich…

Der Milchkarton auf dem Beifahrersitz: dem Gedächtnis auf die Sprünge helfen

Natürlich weiß ich noch, welche Farbe das Hemd hatte, das ich vor fast 15 Jahren zu meinem Abiball getragen habe, aber wo habe ich vorhin nochmal mein Handy hingelegt? So geht es sicherlich jedem von uns. Immer und immer wieder. Während wir uns jederzeit an abstruse Dinge erinnern können, vergessen wir im Supermarkt Milch mitzunehmen oder lassen den neuen Schal in der Kneipe liegen.

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Warum Indiviualisierung und Säkularisierung uns Angst machen

Spätestens mit den unsäglichen Pegida-Protesten, die in den letzten Wochen und Monaten nicht nur in Deutschland für Schlagzeilen sorgten, ist der Begriff der “(diffusen) Angst” in die öffentliche Diskussion getreten. Diese wird meist als eigentlicher Grund für die ausländerfeindlichen Demonstrationszüge gesehen. Dabei spielt jedoch die tatsächliche Angst, Weihnachten in einer Moschee feiern zu müssen oder “Weihnachtsmärkte” nicht mehr so bezeichnen zu dürfen nur eine untergeordnete Rolle. Auch Terroranschläge wie das schreckliche Massaker in Paris Anfang Januar fungieren hier lediglich als Auslöser, nicht als eigentliche Ursache.

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