Weltenkreuzer

Ich denke nicht, ich tue – wie Gewohnheiten unser Leben bestimmen

Wir gehen gerne davon aus, dass wir jederzeit bestimmen können, was wir als nächstes tun. Und trotzdem ertappt man sich immer wieder dabei, auf einmal zum Kühlschrank gelaufen zu sein oder schon wieder auf das Handy geschaut zu haben. Mindestens ebenso wichtig wie unsere bewussten Entscheidungen sind nämlich etablierte Gewohnheiten, die wir immer und immer wieder durchführen, ohne uns dessen bewusst zu sein.

Diesen Gewohnheiten geht der us-amerikanische Journalist Charles Duhigg in seinem Buch The power of habit – Why we do what we do in life and business (dt. Die Macht der Gewohnheit: Warum wir tun, was wir tun) nach. Dabei betont er, welchen großen Einfluss diese Gewohnheiten auf alle Bereiche unseres Lebens haben:

Most of the choices we make each day may feel like the products of well-considered decision making, but they’re not. They’re habits. And though each habit means relatively little on its own, over time, the meals we order, what we say to our kids each night, whether we save or spend, how often we exercise, and the way we organize our thoughts and work routines have enormous impacts on our health, productivity, financial security, and happiness. (S. xv-xvi)

Ohne es zu bemerken, bestimmen Gewohnheiten also über unser Leben. Wenn wir uns ihrer bewusst werden, können wie sie allerdings auch strategisch einsetzen, um gewünschte Verhaltensweisen zu etablieren und schlechte Angewohnheiten zu überwinden.

Die Architektur von Gewohnheiten

Charles Duhigg: The Power of Habit (Random House 2012, 978-1-4000-6928-6)

Charles Duhigg: The Power of Habit (Random House 2012, 978-1-4000-6928-6)

Gewohnheiten setzten sich in Duhiggs Augen im Kern aus vier Komponenten zusammen: Im Normalfall lässt sich ein Reiz identifizieren, der als Auslöser für eine bestimmte Gewohnheit dient. So fungiert beispielsweise das morgendliche Aufstehen oftmals als Auslöser für das Anschalten der Kaffeemaschine oder den Sprung unter die Dusche. Diese ausgelöste Aktivität beziechnet Duhigg als die eigentliche Routine, welche schließlich zu einer angestrebten Belohnung führt.

Etabliert werden solche Gewohnheiten durch einen Prozess, der der Konditionierung nicht unähnlich ist. Durch das möglicherweise bewusste Wiederholen bestimmter Aktivitäten in der Reaktion auf einen konkreten Reiz, lernt das Gehirn, dass auf diesen Reiz eine Belohnung folgt, und erzeugt so nach und nach ein automatisches Reaktionsmuster. Für Duhigg spielt dieses durch die Konditionierung entstehende Verlangen eine zentrale Rolle:

Only when your brain starts expecting the reward – craving the endorphins or sense of accomplishment – will it become automatic to lace up your jogging shoes each morning. The cue, in addition to triggering a routine, must also trigger a craving for the reward to come. (S. 51)

Gewohnheiten bewusst etablieren oder verändern

Macht man sich diese Struktur von Gewohnheiten – Reiz, Verlangen, Routine und Belohnung – bewusst, wird deutlich, wie diese genutzt werden kann, um ganz bewusst bestimmte Verhaltensweisen zu verändern oder neu zu etablieren:

Rather, to change a habit, you must keep the old cue, and deliver the old reward, but insert a new routine, That’s the rule: If you use the same cue, and provide the same reward, you can shift the routine and change the habit. Almost any behavior can be transformed if the cue and reward stay the same. (S. 62)

Gewohnheiten lassen sich also nicht “abschalten”, sie können aber in dem zentralen Punkt der Routine – also des eigentlichen Tuns – verändert werden. Dazu gilt es, sich des Reizes bewusst zu werden und dann, anstelle der unerschwünschten Routine, mit einer anderen Aktivität zu reagieren. Diese muss jedoch wiederum dieselbe Belohnung hervorrufen, wie die zu ersetzende Routine. Der nachmittägliche Gang in die Caféteria könnte dementsprechend – wenn er in erster Linie dem Drang nach sozialem Kontakt entspringt – durch ein kurzes Schwätzchen mit den Kollegen am Wasserspender ersetzt werden.

„Bestie“ oder „Virus“? Wie die Sprache unser Denken prägt

Die alljährliche Diskussion um das „Unwort des Jahres“ macht deutlich, dass Sprache mehr ist als ein neutrales Werkzeug, mit dem wir Informationen von einer Person zur nächsten übertragen. Vielmehr ist die Sprache ganz eng mit unserem Denken und unserem Handeln verknüpft. Ob jedoch die Sprache Voraussetzung für das Denken und wie stark sie unsere Sicht auf die Welt prägt, ist nach wie vor umstritten.

In ihrem Buch Das Alphabet des Denkens – Wie Sprache unsere Gedanken und Gefühle prägt setzen sich die beiden ZEIT(Wissen) -Journalistinnen Stefanie Schramm und Claudia Wüstenhagen mit der aktuellen Forschung in diesem Gebiet auseinander. Dabei gehen sie in ihrer Darstellung von dem grundlegenden theoretischen Konflikt der Linguistik aus, dem Gegensatz zwischen „Universalisten“ und „Relativisten“:

Die Universalisten meinen, dass allen Menschen dasselbe Sprachvermögen und dieselben universellen Grundregeln der Sprache angeboren seien. Zudem verfügten alle Menschen von Geburt an über ein und dieselbe «Sprache der Gedanken»: Mentalese oder Mentalesisch […] Daraus folgern die Vertreter dieser Theorie, dass die natürliche Sprache keinen Einfluss auf das Denken hat. Dem widersprechen die Relativisten aufs heftigste: Sie sind überzeugt, dass wir in natürlichen Sprachen denken und dass diese unser Denken prägen. Die natürlichen Sprachen wiederum bildeten die Welt nicht auf ein und dieselbe Weise ab, sie sind nicht universell, sondern relativ. Folglich dächten Menschen in verschiedenen Sprachen bis zu einem gewissen Grad unterschiedlich; unsere Weltsicht hänge damit auch von der Sprache ab, die wir sprechen. (S. 53)

Ausgangspunkt dieses Konflikts war die sogenannte Sapir-Whorf-Hypothese, die im Kern davon ausgeht, dass die Sprache, die Menschen sprechen, ihr Denken in hohem Maße forme. Insbesondere formuliert sie, dass bestimmte Phänomene nur dann gedacht werden können, wenn es für sie einen sprachlichen Ausdruck gibt. Dieser Hypothese stellten sich jedoch Autoren wie Noam Chomsky oder Steven Pinker entgegen – unterstützt von zahlreichen empirischen Erkenntnissen, die aufzeigen, dass dieser Zusammenhang wesentlich schwächer ist, als zu Beginn angenommen.

Die Macht der Sprache – ob nun relativistisch oder universalistisch

Stefanie Schramm & Claudia Wüstenhagen: Das Alphabet des Denkens (978-3-498-06062-6)

Stefanie Schramm & Claudia Wüstenhagen: Das Alphabet des Denkens (978-3-498-06062-6)

Der Konflikt zwischen Universalisten oder der Relativisten ist jedoch in erster Linie theoretischer Natur. In der aktuellen empirischen Forschung sind die Ergebnisse insoweit eindeutig, als dass sich ein Zusammenhang zwischen der Sprache und dem Denken der Menschen eindeutig konstatieren lässt. Dabei deuten die Resultate auf eine gemäßigt-relativistische Position hin:

Sprache ist kein Gefängnis, sie determiniert nicht das Denken […]. Doch sie lenkt die Aufmerksamkeit in bestimmte Richtungen. Mal mehr, mal weniger subtil. (S. 177-178)

Dabei wird insbesondere deutlich, dass die Sprache neben der reinen Bereitstellung von Konzepten und Begriffen eine weitere zentrale Funktion in unserem Denken übernimmt: das Auslösen von Erinnerungen, Emotionen und entwickelten Denkmustern:

Denn die Muttersprache entfaltet ganz unabhängig von ihren Farbbegriffen, Orientierungsmaßen, Zeitformen oder grammatischen Geschlechtern ihre Macht. Jenseits von Grammatik und Semantik legt sie einen emotionalen Resonanzraum in uns an, verwurzelt sich in unseren Gefühlen. Sie ist die Sprache, mit der wir aufgewachsen sind, deren Klang wir von der ersten Lebensminute an hörten. Ihre Worte halfen uns, uns die Welt zu erschließen und eine Identität zu finden. Es ist diejenige Sprache, in der die Eltern mit uns schimpften und Trost spendeten. Kein «I love You» oder «Je t’aime» kann uns das «Ich liebe dich» ersetzen. Keine Schimpfwörter treffen uns so hart wie jene unserer Muttersprache. (S. 175)

Hier wird besonders deutlich, dass Sprache nicht nur ein rationales Werkzeug zum Verstehen von Zusammenhängen und zur Übertragung von Information darstellt, sondern eben auch ein emotionales Ausdrucksmittel. Im Laufe unseres Lebens – und insbesondere in unserer Kindheit – haben wir gelernt mit Begriffen Emotionen zu verbinden. Wir haben erfahren, wie unser Umfeld auf unterschiedliche Formulierungen reagiert und vermittelt bekommen, welche Ausdrücke in welcher Situation angemessen oder unangemessen sind. Kommunikation via Sprache ist demnach ein komplexer sozialer Prozess, der von den Beteiligten ebenso bestimmt wird, wie von ihrem Kontext. Die „Wahrheit“ liegt hier anscheinend – wie so oft – in der Mitte; irgendwo zwischen Nature und Nurture (s. dazu auch Der tiefe Graben zwischen Wissenschaft und Gesellschaft).

Sprache als Werkzeug zur Manipulation und Datensammlung

Wenn Sprache bestimmte Emotionen hervorrufen und Denkweisen auslösen kann, wird sie zum interessanten Werkzeug für diejenigen, die andere dazu bringen wollen, bestimmte Dinge zu denken oder zu tun. Die Autorinnen stellen mehrere Beispiele von Untersuchungen vor, die aufzeigen, wie sich durch die Nutzung bestimmter Begriffe die Reaktionen auf ansonsten identische Sachverhalte unterscheiden. Besondern eindrucksvoll ist dabei die Wahl von bestimmten Metaphern. So unterscheiden sich die von den Probanden vorgeschlagenen Lösungen für eine hohe Kriminalitätsrate je nachdem, ob der ansonsten identische einführende Text die Kriminalität mit mit einer „Bestie“ oder einem „Virus“ vergleicht. Das macht Metaphern  zu einem besonders geeigneten und unauffälligen Manipulationsmittel:

[…] Sprachbilder haben eine Tücke: Wer in den assoziativen Fäden eines Metaphernnetzes hängt, kann sich nur schwer wieder davon lösen. Die Gedankengänge und Schlussfolgerungen sind dann gebunden an die Bilder, die die Metaphern im Kopf erzeugen (S. 218)

Es verdichten sich mittlerweile sogar die Hinweise, dass wir bei der Wahrnehmung von Sprache schon einzelnen Phonemen – also kleinen Lauteinheiten – bestimmte Bedeutungen zuschreiben. Während das „i“ beispielsweise als klein wahrgenommen wird, steht das „o“ eher für groß. Solche Zuschreibungen laufen höchst unbewusst ab, lassen sich aber in unterschiedlichen Untersuchungen konsistent nachweisen.

Doch Sprache kann nicht nur zur Manipulation genutzt werden. Sie ermöglicht es auch, zentrale Informationen über uns zu erheben. So stellen die Autorinnen die Arbeit von James Pennebaker zu Pronomen vor:

In den kleinen, unscheinbaren Funktionswörtern liegt also eine Menge verborgen: Hinweise auf unsere Person – Geschlecht, Alter, sozialer Status – und auf unsere Persönlichkeit, ja sogar Indizien dafür, ob wir lügen und wen  wir lieben. Doch weil wir sie meist unbewusst benutzen und verarbeiten, brauchen wir Computerprogramme, um ihre Botschaft zu entschlüsseln. (S. 208)

Schramm und Wüstenhagen zeigen in ihrem Buch auf, dass unsere Sprache auf vielfältige Weise mit unserem Denken verbunden ist. Ob sie es nun wirklich determiniert ist dabei relativ egal, wenn empirische Untersuchungen zeigen, dass sie gezielt genutzt werden kann um Deutungen vorzugeben und durch statistische Analysen auch Informationen über uns als Person vermittelt. Doch eine emotionslose, objektive Sprache ist weder möglich noch wäre sie wünschenswert.

Der Rückzug aus der Gemeinschaft aus Angst vor dem Fremden

Klimawandel, Terroranschläge und die immer wieder aufwallende Wirtschaftskrise sind nur drei der aktuellen Entwicklungen, die den Eindruck erwecken, unsere Welt sei immer weniger kontrollierbar. Als Konsequenz wird der Rückzug in das Private und der Aufbau einer eigenen, überschaubaren Welt zu einem immer größeren gesellschaftlichen Phänomen. Auch der us-amerikanische Soziologe Richard Sennett beschäftigt sich in seinem aktuellen Buch Zusammenarbeit mit der abnehmenden Bereitschaft – und vielleicht auch Fähigkeit – der Menschen, sich auf kooperative oder gar kollektive Zusammenhänge einzulassen.

Für Sennett ist der Mensch grundsätzlich ein soziales Tier, dem die Zusammenarbeit und Kooperation mit anderne in die Wiege gelegt ist, wie er ausführlich anhand der frühkindlichen Entwicklung der Kooperationsfähigkeit erläutert. Im Anschluss zeigt er jedoch auf, wie die zentralen Grundlagen für unterschiedliche Formen der Kooperation – insbesondere solcher, welche nicht auf einem klar definierten Interessensaustausch oder etablierten Machtstrukturen basieren – immer weiter erodieren.

Rituale als Anker sozialer Einbettung

Richard Sennett: Zusammenarbeit (a href="http://www.amazon.de/Zusammenarbeit-Was-unsere-Gesellschaft-zusammenh%C3%A4lt/dp/3423348372/?tag=diekrise-21">978-3423348379)

Richard Sennett: Zusammenarbeit (978-3423348379)

Im Mittelpunkt von Sennetts Argumentation steht die Beobachtung, dass Kommunikation und Interaktion nicht in erster Linie auf der expliziten Inhaltsebene stattfinden, sondern stark von unterschwelligem Austausch und sozialen Erwartungen geprägt sind. Neben einer interessanten Kritik an der Vorstrukturierung der Kooperation durch digitale Werkzeuge wie das mittlerweile eingestellte Google Wave betont er dabei insbesondere die ordnende und strukturierende Funktion von Ritualen und Zeremonien.

Zeremonien entheben die Menschen gerade der Notwendigkeit, für sich selbst zu sprechen und den Menschen darzustellen, der sie sind. Die Teilnehmer finden Zugang zu einem größeren, gemeinsamen Ausdrucksbereich. (S. 130)

Auf diese Weise entlasten sie auf der einen Seite das Ich und auf der anderen Seite zeigen sie dem Einzelnen seine Zugehörigkeit zu etwas Größerem. So können sie an sich sinnlose Aktivitäten mit einem hohen Maß an Bedeutung und Befriedigung aufladen. Rituale binden den Einzelnen an seine Umgebung, sie machen ihn zugehörig und markieren seinen Status. So reduzieren sie Unsicherheiten und bieten Orientierung.

Solche Prozesse sind jedoch nur dann positiv zu bewerten, wenn die auf diese Weise geschaffene Zugehörigkeit des Einzelnen auf Augenhöhe geschieht. Sennett beschreibt hier, dass Rituale im Laufe der Zeit immer mehr zu Spektakeln geworden sind, an denen Einzelne nicht mehr selbst teilnehmen, sondern die sie passiv beobachten:

Aber schon damals war klar, dass etwas mit der Gemeinde und dem Individuum geschah, wenn Rituale in ein Spektakel verwandelt wurden. Das Spektakel verleiht der Gemeinschaft eine hierarchische Struktur, in der die Unteren zusehen und dienen, aber nicht als Individuen von eigenständigem Wert mitwirken (S. 150-151)

Zum Spektakel degradiert, stärkt das Ritual nicht mehr den Einzelnen in seiner sozialen Position, sondern unterwirft ihn einer etablierten Machtstruktur.

Rückzug aus Angst vor den Bedürfnissen Anderer

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Je mehr klassische Rituale zum Spektakel verkommen, desto weniger Struktur stiften sie für die direkte Interaktion auf Augenhöhe. Auf diese Weise verkomplizieren sie soziale Konfigurationen, in denen die unterschiedlichen Positionen nicht mehr klar definiert und erkennbar sind. Sie schwächen auch die eigene Position, die ebenso unscharf und unsicher wird. Damit beginnt der Rückzug aus dem Sozialen:

In der modernen Gesellschaft entsteht ein eigentümlicher Charaktertyp, ein Mensch, der mit anspruchsvollen, komplexen Formen sozialen Engagements nicht zurechtkommt und sich deshalb zurückzieht. (S. 241)

Besondere Bedeutung misst Sennet dabei der Angst der Menschen zu, die sich Denkweisen und Bedürfnissen ausgesetzt sehen, welche sie selbst nicht nachvollziehen und verstehen können. Diese wirken oftmals auf bedrohliche Weise fremd und lösen so eine Flucht- oder Vermeidungsreaktion aus. Statt sich also in der direkten Interaktion mit diesen Perspektiven auseinanderzusetzen, erfolgt eine Flucht in die formale Interaktion, welche durch abstrakte und an anderer Stelle bestimmte Kriterien geprägt wird. Dabei schwindet die Bereitschaft, sich auf überraschende und unbekannte Situationen einzulassen:

Wer den tausendsten industriell gefertigten Hamburger isst, kann von dem Geschmack nicht sonderlich begeistert sein, aber da er ihm vertraut ist, empfindet er ihn als angenehm. Ähnliches gilt für eine Couchpotato, die sich wohlfühlt, wenn sie mit halbem Auge Fernsehsendungen verfolgt, die ihre Aufmerksamkeit nicht wirklich fesseln. Beide erreichen einen hohen Wert auf der »Langeweile-Anfälligkeitsskala«. Sie wünschen sich eine Vertrautheit, die keine Überraschungen birgt. (S. 254)

Die Illusion der losgelösten Freiheit

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Für Sennett stellt dieser Rückzug, der durch Gleichgültigkeit oder Arroganz anderen Weltsichten gegenüber geprägt ist, den ultimativen Ausdruck des liberal-individualistischen Ideals dar. Er macht jedoch deutlich, dass dieses Ideal historisch und auch global als absolute Ausnahme zu werten ist.

Das autonome Individuum erscheint als frei. Doch aus der Sicht anderer Kulturen erscheint ein Mensch, der stolz darauf ist, andere nicht um Hilfe zu bitten, als eine zutiefst geschädigte Person, weil die Angst vor sozialer Einbindung sein Leben beherrscht. (S. 185)

Sie ist der Ausdruck einer europäischen Entwicklung, die in der Renaissance ihren Anfang nahm und sich in den letzten Jahrzehnten endgültig durchsetzen konte. Gleichzeitig machen die Komplexität gesellschaftlicher wie ökonomischer Zusammenhänge und die unzähligen wechselseitigen Abhängigkeiten eine Kooperation unterschiedlicher Menschen so unverzichtbar wie niemals zuvor – während sie ihre Grundlagen unterminieren. Dieses Spannungsverhältnis, verbunden mit der zunehmenden Unsicherheit – prägt für Sennett das Gefühl “unserer” Zeit:

Die Sehnsucht nach einer Solidarität, die inmitten ökonomischer Unsicherheit ein Gefühl der Sicherheit vermitteln könnte, führt heute zu einer radikalen Simplifizierung des sozialen Lebens: Abgrenzung gegen andere Gruppen, verbunden mit dem Gefühl, allein zu stehen und ganz auf sich selbst angewiesen zu sein. (S. 374)

Fünf mal anderswo: syrische Ersthelfer, eine stabilere Welt und illustrierte Dystopien

An dieser Stelle gibt es alle zwei Wochen Lesehinweise anderswo im Netz. Dieses Mal mit einen eindrucksvollen Blick nach Syrien, einer nüchternen Betrachtung der Gefahren der Welt, illustrierten Dystopien, der Generation Y und einem Strategy Guide für das Strategiespiel „Leben“.

Whoever Saves a Life (Matter)

In einer eindrucksvollen Foto-Reportage folgen Matthieu Aikins und Sebastiano Tomada einem Team von zivilen Ersthelfern im syrischen Bürgerkrieg:

On a typical day in Aleppo, they would soon be woken by the sound of helicopters and jets roaring in to drop the first bombs on the rebel-held side of the city, which the regime has sought to pound to dust. But it was quiet this morning, and so they slept.

The World Is Not Falling Apart (Slate)

Mitten in der medialen Aufregung werfen Steven Pinker und Andrew Mack einen nüchternen Blick auf die aktuelle Weltlage. Sie legen dar, dass die Welt in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer sicherer und stabiler geworden ist:

An evidence-based mindset on the state of the world would bring many benefits. It would calibrate our national and international responses to the magnitude of the dangers that face us.

Amusing Ourselves to Death (Stuart McMillen)

Der australische Comic-Zeichner Stuart McMillen hat sich in diesem kurzen Comic-Strip dem Vorwort von Neil Postmans bekanntem Buch Amusing Ourselves to Death angenommen, das die Dystopien von Aldous Huxley und George Orwell vergleicht:

Orwell feared the truth would be concealed from us. Huxley feared the truth would be drowned in a sea of irrelevance.

Warum die Generation Y so unglücklich ist (Die Welt)

Für die Welt hat Pia Frey einen Artikel des us-amerikanischen Blogs „Wait but why“ übersetzt, der sehr einfach erklärt, wie die Illusion, etwas ganz besonderes zu sein, in der „Generation Y“ zu unerfüllten Erwartungen führt.

Life is a game. This is your strategy guide (Oliver Emberton)

Oliver Emberton hat das geflügelte Wort vom Leben als Spiel wörtlich genommen und einen äußerst interessanten und in Pixel-Optik illustrierten Strategy Guide hierzu geschrieben:

All players die after about 29,000 days, or 80 years. If your stats and skills are good, you might last a little longer. There is no cheat code to extend this.

 

 

 

Wie Leonardo da Vinci die moderne Wissenschaft vorweg nahm

Leonardo da Vinci (1452 – 1519) gilt als das Universalgenie der menschlichen Ideengeschichte. Besonders bekannt ist er für seine Kunst – allen voran natürlich das Abendmahl und die Mona Lisa. Auch als Ingenieur hat da Vinci bis heute einen Namen. Dass er auch als Wissenschaftler seiner Zeit teilweise um Jahrhunderte voraus war, ist jedoch erst in den letzten Jahren wirklich deutlich geworden. Lesen…

Das Land, das an seinen Tugenden zweifelt

Ein ungläubiges Raunen geht durch das Land, wenn mal wieder eine Umfrage zeigt, dass Deutschland und seine Einwohner in der Welt durchaus beliebt sind. Erst kürzlich kürte eine BBC-Umfrage Deutschland sogar zum beliebtesten Land der Erde – noch vor Kanada. Abgesehen von angemessener Bescheidenheit und der generellen Fragwürdigkeit entsprechender Umfragen, warum fällt es “den Deutschen” so schwer zu glauben, dass andere sie in einem durchaus positiven Licht sehen?

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Amanda Palmer über die Kunst des Fragens und den Sinn der Kunst

Eigentlich solltes es eines der einfachsten Dinge der Welt sein, andere Menschen um Hilfe zu bitten: die Nachbarn, wenn uns Mehl zum Backen fehlt, den Chef, wenn wir die spontane Hochzeit unseres besten Freundes besuchen wollen, oder die gute Freundin, wenn wir gerade ein wenig klamm sind, aber eine Autoreparatur ansteht. Der Frage, warum uns dies trotz einer guten Beziehung oder gar einer Freundschaft zu diesen Menschen oft so schwer fällt, geht die Musikerin Amanda Palmer in ihrer “thematischen Autobiographie” The Art of Asking nach.

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Der tiefe Graben zwischen Wissenschaft und Gesellschaft

Warum wird Homöopathie von den Krankenkassen bezahlt? Sollen wir gentechnisch veränderte Lebensmittel erlauben? Was können wir gegen den Klimawandel tun? All dies sind Fragen, in denen naturwissenschaftliche Erkenntnisse auf soziale Prozesse treffen. Der französische Philosoph und Soziologe Bruno Latour setzt sich mit solchen Diskussionen auseinander und stellt dabei weder den Natur- noch den Sozialwissenschaftlern ein gutes Zeugnis aus. Lesen…

Der neue Weltenkreuzer

Seit mittlerweile fast 10 Jahren blogge ich als Weltenkreuzer in diesem unseren Internet. Bislang fand sich hier ein buntes Sammelsurium an längeren Texten, kurzen Kommentaren, Linkempfehlungen, Videos und vielem anderen Kram. Seit einiger Zeit war hier sogar vollständige Funkstille. Jetzt ist es an der Zeit, diese Webseite zu neuem Leben zu erwecken – mit einem grundlegenden Relaunch.

Der Weltenkreuzer soll nun zu einem Ort im Netz werden, an dem Raum ist für Ideen und Argumente, die uns helfen können, die Welt um uns herum zu verstehen:

In einer komplexen und schnelllebigen Welt ist es verlockend, sich an die einfachen Erklärungen zu halten. Das Tableau an möglichen Zusammenhängen und Wechselwirkungen ist zu unübersichtlich geworden, als dass sich ein Einzelner noch sicher darin bewegen könnte. Deswegen hat sich der Weltenkreuzer vorgenommen, Gedanken, Ideen, Analysen und Argumente zusammenzutragen – zahlreiche Versatzstücke des Verstehens und möglicherweise widersprüchliche Ansätze des Denkens. Es geht ihm dabei um die Zusammenhänge zwischen scheinbar Unabhängigem; zwischen Gesellschaft, Wissenschaft und dem guten Leben.

Gibt es das große Ganze? Das Übergreifende und Verbindende? Steckt es in der Wissenschaft von den Dingen? In den Beziehungen zwischen Menschen und Objekten oder in unserer Wahrnehmung? Fragen, auf die es keine Antworten gibt, die uns aber doch umtreiben und denen der Weltenkreuzer sind langsam und vorsichtig annähert. Nicht auf einer Seite stehend, sondern zwischen den Welten mit dem Blick in alle Richtungen und dem Respekt vor den Gedanken und Ideen. Distanziert und doch analytisch, aber immer mit dem Blick auf die Menschen, ihr Leben, ihre Träume und ihre Sehnsüchte; zwischen objektiver Wissenschaft und einfühlender Emotionalität.

Ohne sich in Details zu verbeißen oder dem reißenden Strom der Nachrichten nachzujagen, nimmt der Weltenkreuzer den breiten Blick auf die großen Fragen.

Dazu gibt es jede Woche mehrere Artikel aus den Bereichen Wissenschaft, Gesellschaft und Leben, die jeweils eine Argumentationslinie kurz vorstellen, welche andere Autoren in einem Buch aufbauen. Dazu kommen regelmäßige Linktipps und mittelfristig auch eigene Kommentare.

So soll der Weltenkreuzer zu einer Inspirationsquelle und Diskussionsgrundlage für diejenigen werden, welche die Welt um sie herum besser verstehen wollen. Abonnieren könnt Ihr den neuen Weltenkreuzer per RSS, als Newsletter, bei Twitter und bei Facebook. Wenn Ihr Ideen, Anregungen oder Kommentare habt, freue ich mich natürlich…

Der Milchkarton auf dem Beifahrersitz: dem Gedächtnis auf die Sprünge helfen

Natürlich weiß ich noch, welche Farbe das Hemd hatte, das ich vor fast 15 Jahren zu meinem Abiball getragen habe, aber wo habe ich vorhin nochmal mein Handy hingelegt? So geht es sicherlich jedem von uns. Immer und immer wieder. Während wir uns jederzeit an abstruse Dinge erinnern können, vergessen wir im Supermarkt Milch mitzunehmen oder lassen den neuen Schal in der Kneipe liegen.

Lesen…