Weltenkreuzer

Yuval Noah Harari über die Überwindung des Todes und den Wert des Menschen

Der medizinische Fortschritt im 19. und 20. Jahrhundert ist sicherlich eine der größten Errungenschaften der Menschheit. Für die Webseite Edge hat sich der Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahnemann mit dem israelischen Historiker Yuval Noah Harari über die Zukunft der Medizin, die Überwindung des Todes und den zukünftigen Wert des Menschen unterhalten:

Der Tod als technisches Problem

Harari – dessen Buch Eine kurze Geschichte der Menschheit ich wärmstens empfehle – nimmt dabei eine äußerst pessimistische Position ein:

After medicine in the 20th century focused on healing the sick, now it is more and more focused on upgrading the healthy, which is a completely different project. And it’s a fundamentally different project in social and political terms, because whereas healing the sick is an egalitarian project […], upgrading is by definition an elitist project.

Er geht sogar noch weiter und hält fest, dass sogar der Tod, lange Zeit der „große Gleichmacher“ und mythische Selbstverständlichkeit der menschlichen Existenz, immer stärker als grundsätzlich zu lösenden technisches Problem verstanden wird. Ein Scheitern der Maschine Mensch, dass sich mit Hilfe der richtigen Werkzeuge aufschieben oder gar vollständig verhindern lässt. Zumindest für die Menschen, die über genügend Kapital verfügen, sich eine solche Behandlung leisten zu können.

Der wertlose Mensch der Zukunft

Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit (Pantheon 2015, ISBN: 978570552698)

Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit (Pantheon 2015, ISBN: 978570552698)

Dabei konstatiert Harari ebenfalls, dass der Wert des Menschen in Zukunft weiter sinken wird. In der industriellen Revolution war die Arbeitskraft des Einzelnen ein zentraler Motor der Entwicklung. Nur wer für seine Fabrik gesunde und kräftige Arbeiter anwerben konnte, hatte Erfolg. Es gab also ein ökonomisches wie funktionales Interesse daran, die Gesundheit der breiten Bevölkerung zu erhalten. Mit der technischen Entwicklung der nächsten Jahrzehnte könnte sich dies grundlegend wandeln:

There are a zillion things that the taxi driver can do and the self-driving car cannot. But the problem is that from a purely economic perspective, we don’t need all the zillion things that the taxi driver can do. I only need him to take me from point A to point B as quickly and as cheaply as possible. And this is something a self-driving car can do better, or will be able to do better very quickly.

Für die spezialisierten Aufgaben unserer Gesellschaft werden demnach in relativ naher Zukunft immer weniger Menschen benötigt, da Computer immer besser darin werden, eben genau solche spezifischen Aufgaben zu erfüllen.

Technischer Optimismus gepaart mit sozialem Pessimismus

Kahnemann und Harari sprechen noch zahlreiche weitere Punkte an, die dieses Gespräch äußerst inspirierend machen. Dabei spielt Harari nicht den Maschinenstürmer, sondern argumentiert nüchtern auf der Grundlage historischer Erfahrung, ohne diese zu dramatisieren oder unzulässig zu verallgemeinern:

[Technology] develops much faster than human society and human morality, and this creates a lot of tension. But, again, we can try and learn something from our previous experience with the Industrial Revolution of the 19th century, that actually, you saw very rapid changes in society, not as fast as the changes in technology, but still, amazingly fast.

 

Nudges – verdeckte Manipulation oder Zurückgewinnung der Freiheit?

Das Idealbild der individualistischen Gesellschaft sieht den Einzelnen als informierten und reflektierten Schmied seines eigenen Glücks. Wir handeln immer in unserem Interesse, kennen unsere Optionen und sind in der Lage, die notwendigen Informationen zu beschaffen und abzuwägen. Doch die verhaltenspsychologische Forschung hat in den letzten Jahrzehnten immer wieder aufgezeigt, wie vorhersehbar irrational wir uns verhalten. Wie sehr wir uns von den Reizen des Moments beeinflussen lassen und den großen Teil unserer Zeit quasi per Autopilot verbringen.

Dass dies massive Konsequenzen hat, zeigen der Ökonom Richard H. Thaler und der Jurist Cass R. Sunstein in ihrem 2008 erschienenen Buch Nudge – Improving decisions about health, wealth and happiness. Sie arbeiten heraus, wie sich diese Irrationalitäten und Verzerrungen nutzen lassen, um das Handeln von Menschen zu beeinflussen und schlagen dazu eine Governance-Form des libertären Paternalismus vor.

Die Zusammenhänge, in denen wir handeln, können bewusst gestaltet werden

Die Illusion des unabhängigen und von äußeren Einflüssen freien Entscheiders ist eine also Fiktion. Jede Entscheidng, die wir treffen ist eingebettet in einen umfassenden Kontext aus Einflussfaktoren, die uns dazu bringen, auf die eine oder die andere Weise zu handeln. Angefangen bei der Herausbildung unserer Persönlichkeit, dem Erlernen automatisierter Handlungsroutinen bis hin zu den situativen Auslösern in einem spezifischen Moment an einem konkreten Ort.

Dabei treffen wir keine bewusste Entscheidung zwischen unterschiedlichen Optionen, sondern reagieren unmittelbar auf spezifische Reize und aktivieren eine fest erlernte Handlungsroutine. Damit handeln wir so, wie wir in ähnlichen Situationen schon immer gehandelt haben:

In many situations, people put themselves into an ‘automatic pilot’ mode, in which they are not actively paying attention to the task at hand. (S.46)

Dieser Autopilot kann durch minimale Eingriffe in unsere “Entscheidungsumwelt” beeinflusst werden – eine Beobachtung, die beispielsweise in der Gestaltung von Supermärkten schon lange ausgenutzt wird. So werden die teuren Markenprodukte im Regal unmittelbar auf Höhe der Augen positioniert, während die preiswerteren Hausmarken meist unten im Regal platziert werden. Damit springen die Markenprodukte unmittelbar ins Auge und werden vom Autopiloten in den Einkaufswagen gelegt.

Richard H. Thaler & Cass R. Sunstein: Nudge - Improvising decisions about health, wealth and happiness  (Penguin 2009, 978-0-141-04001-1)

Richard H. Thaler & Cass R. Sunstein: Nudge – Improving decisions about health, wealth and happiness (Penguin 2009, 978-0-141-04001-1)

Dies wird oft als unagemessene Manipulation verstanden, welche bewusst versucht, uns zu bestimmten Handlungen zu verführen. Diese Interpretation ist durchaus korrekt, sie zieht jedoch eine zentrale Frage nach sich: Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, Produkte so im Regal zu platzieren, dass sie unsere Entscheidung nicht beeinflussen? Thaler und Sunstein stellen sich auf die Position, dass es eine solche Möglichkeit nicht gibt. Es existiert nunmal nur ein begrenzter Platz auf Augenhöhe der Käufer, und dementsprechend kann nur ein Teil der Waren dort ausgestellt werden. Der Supermarkt beeinflusst die Entscheidung also egal, was er tut:

In many situations, some organization or agent must make a choice that will affect the behavior of some other people. There is, in those situations, no way of avoiding nudging in some direction, and whether intended or not, these nudges will affect what people choose. (S. 11)

Entsprechende Situationen finden sich dabei nicht nur im Supermarkt, sondern auch bei wichtigen Entscheidungen, deren Konsequenzen wir kaum überblicken können: der Wahl einer Renten- oder einer Lebensversicherung, der Entscheidung für einen langfristigen Anlageplan oder dafür, Organspender zu werden. Auch hier werden Entscheidungssituationen von einem bestimmten Akteur gestaltet und können unsere Entscheidungen in die eine oder die andere Richtung lenken.

Entscheidungssituationen im Sinne des langfristigen Wohls gestalten

Die Frage ist, welche Prinzipien und Ziele einer solchen Gestaltung der Entscheidungssituation zugrunde liegen. Hier setzt Thalers und Sunsteins Konzept eines “libertären Paternalismus” an, einer Kombination aus einer grundsätzlich freiheitlichen aber intelligent gesteuerten Gesellschaftsordnung:

Still, the approach we recommend does count as paternalistic, because private and public choice architects are not merely trying to track or to implement people’s anticipated choices. Rather, they are self-consciously attempting to move people in directions that will make their lives better. They nudge. (S. 6)

Es geht also darum, in bestimmten Bereichen die Gestaltung der Entscheidungssituation so zu regeln, dass die gestaltenden Akteure nicht einseitig entscheiden, sondern das voraussichtliche Wohl aller Beteiligten in den Mittelpunkt rückt – so genannte Nudges (Beispiele hierzu im Blog zum Buch). Dabei sollen Handlungsmöglichkeiten jedoch nicht eingeschränkt oder entmutigt werden, sondern lediglich im (vermuteten) Sinn der Betroffenen vorstrukturiert werden.

Auf diese Weise rücken Gestaltungsprozesse in das Licht der öffentichen Diskussion, die bislang einseitig (also meist im Sinne des beteiligten Unternehmens) waren oder überhaupt nicht reflektiert wurden, und damit zu unerwünschten Konsequenzen führten.

Intelligente Defaults mit geringen Barrieren und umfangreichen Informationen zu anderen Optionen

Thaler und Sunstein schlagen sechs unterschiedliche Formen solcher Nudges vor, darunter die Wahl intelligenter Defaults und eine reflektierte Reduktion von Komplexität. Alle diese Nudges sind darauf ausgerichtet, die typischen Verzerrungen menschlicher Entscheidungsprozesse auszugleichen.

So sehen Thaler und Sunstein beispielsweise in der Wahl intelligenter Voreinstellungen eine Möglichkeit, das Handeln der Menschen im Sinne der Allgemeinheit zu beeinflussen. Dabei legen die Autoren großen Wert darauf, dass eine Abweichung von diesen Defaults so einfach wie nur möglich gemacht werden sollte, um keine Bevormundung zu produzieren. Auch sollte nicht versucht werden, alternative Entscheidungen aktiv zu verhindern. Es sollten vielmehr auf unterschiedlichen Komplexitätsniveaus alternative Optionen und Informationen angeboten werden und eine vollkommen freie Wahl ermöglicht und erleichtert werden.

Das Beispiel, mit dem die Autoren das Buch einleiten, ist die Positionierung von Süßigkeiten und Obst in einer Schulcaféteria. Sie plädieren nicht dafür, keine Süßigkeiten zu verkaufen, sondern diese nicht unmittelbar im Blickfeld der Schüler zu positionieren, sondern beispielsweise etwas unterhalb oder am Ende des Essensausgabe, um so den Anteil an gegessenem Obst zu erhöhen.

Eine gestaffelte Reduktion von Komplexität

Besonders schlechte Entscheidungen treffen wir in komplexen Situationen, deren Konsequenzen wir nicht abschätzen können. Hier schlagen Thaler und Sunstein eine gestaffelte Reduktion von Komplexität vor, die sie mit einem eingängigen Beispiel illustrieren:

At a restaurant, the default option is to take the dish as the chef usually prepares it, with the option to ask that certain ingredients be added or removed. In the extreme, […][free choice] would imply that the diner has to give the chef the recipe for every dish she orders! (S. 95)

Wir müssten bei wichtigen und langfristigen Entscheidungen darauf vertrauen können, dass die Optionen in unserem Sinne sinnvoll gestaltet sind – also das Essen uns schmeckt und nicht nur die Kosten des Restaurants minimiert. Dann ließen sich freie und informierte Entscheidungen treffen, ohne unbedingt jedes Detail selbst festelegen zu müssen. Dabei muss es jedoch möglich bleiben, sich sein Essen auch komplett selbst zusammenzustellen.

Die Autoren illustrieren diesen Punkt an der Gestaltung von Wertpapier-Portfolios für die Rentenversicherung: Anstatt sich für einen konkreten Fonds oder gar jeden einzelnen Anteil zu entscheiden, ließe sich die Komplexität mit drei auf drei Risikostufen abgestimmten Portfolios und einem Default auf das “gemäßigte Portfolio” massiv reduzieren. Wer tiefer in die Materie einsteigen will, kann dies dann natürlich gerne bis auf das Niveau einzelner Anteilskäufe tun.

Die freie und vollständig informierte Entscheidung ist und bleibt eine Illusion

Die Idee der Nudges hat eine kontroverse Diskussion darüber ausgelöst, inwieweit subtile Manipulationen zum Werkzeug gerade staatlicher Planung und Intervention werden sollten. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass die Vision des freien und rationalen Individuums, das seine Entscheidungen auf der Grundlage vollständiger Information unbeeinflusst treffen kann eine Fiktion darstellt. “Neutrale” Entscheidungssituationen gibt es ebensowenig wie unabhängig-rationale Individuen mit vollständiger Information.

Die Frage, die wir uns stellen müssen lautet, ob einzelne Akteure und ihre Partikularinteressen die allgegenwärtigen Verzerrungen und Irrationalitäten ausnutzen dürfen. Oder wollen wir lieber eine mehr oder weniger öffentliche Diskussion darüber, was für die meisten Betroffenen vermutlich die in ihrem Sinne beste Entscheidung wäre? Dabei muss es jedoch möglichst leicht gemacht werden, von dieser abzuweichen, um eine unangemessene Bevormundung zu verhindern.

Foto einer planetaren Nebula des Hubble-Teleskops (NASA)

Zeit oder nicht Zeit, das ist hier die Frage

Für unsere alltägliche Wahrnehmung sind die Kategorien “Raum” und “Zeit” unverzichtbare Voraussetzungen. Automatisch verorten wir Gegenstände und Personen innerhalb des Raums um uns herum und strukturieren unser Erleben entlang eines Zeitpfeils von der Vergangenheit über das Jetzt in die Zukunft. So selbstverständlich uns diese Dimensionen jedoch im Alltag erscheinen, so umstritten sind sie in ihrer wissenschaftlichen Betrachtung.

In seinem Buch Im Universum der Zeit geht der us-amerikanische Physiker Lee Smolin der Bedeutung der Zeit in der historischen Entwicklung der Physik ebenso nach, wie ihrer Konzeption in aktuellen Ansätzen der Quantenphysik und der Kosmologie. Dabei zeigt er auf, wie die Physik in den letzten Jahrhunderten die Zeit nach und nach zu einer Illusion der Wahrnehmung erklärt hat und aus ihren Erklärungsmodellen ausklammern konnte. Nun sieht er jedoch den Punkt gekommen, an dem sich zeigt, dass diese Herangehensweise ein Fehler war und die Zeit wieder Eingang in grundlegende physikalische Erklärungsmodelle finden sollte.

Die Idee zeitloser Wahrheit

Lee Smolin: Im Universum der Zeit (DVA 2014, 978-3-421-04575-1)

Lee Smolin: Im Universum der Zeit (DVA 2014, 978-3-421-04575-1)

Den Ursprung der Entfernung der Zeit aus der Wissenschaft sieht Smolin in der Idee, dass der Wahrheit immer etwas Zeitloses anhaftet. Dieser Gedanke geht im wissenschaftlichen Bereich zurück auf Platon und sein Konzept einer zeitlosen Welt der abstrakten Ideen und Formen. Hier stellen die konkreten Gegenstände nur unperfekte Abbildungen ihrer idealen Vorstellungen dar. Der Tisch, an dem ich diesen Text gerade schreibe, ist demnach nicht an sich ein Tisch, sondern eine Manifestation eines Idealbilds von “Tisch”. Damit etabliert Platon eine abstrakte Welt der Wahrheit, welche nicht nur außerhalb unserer sinnlichen Wahrnehmung liegt, sondern eben auch außerhalb der Zeit. Smolin zufolge lässt sich auch das moderne Ideal der Wissenschaft in dieser Form interpretieren, in der Phänomene unserer Welt lediglich als Manifestationen zeitloser und abstrakter Gesetzmäßigkeiten verstanden werden.

Unserem Denken über die Zeit wohnt etwas Paradoxes inne. Wir nehmen uns selbst als in der Zeit lebend wahr, doch wir stellen uns oft vor, dass die besseren Aspekte unserer Welt und unserer selbst über die Zeit hinausgehen. Was etwas wirklich wahr macht, so meinen wir, ist nicht, dass es jetzt wahr ist, sondern dass es immer wahr gewesen ist und immer wahr sein wird. (S. 14)

Diese Denkweise hat schwerwiegende Konsequenzen dahingehend, wie wir kausale Zusammenhänge interpretieren und daran gehen, unsere Welt zu verstehen. Es reicht aus diesem Blickwinkel nicht, ein konkretes Phänomen in seiner spezifischen Ausprägung zu verstehen, vielmehr müssen wir ein zugrunde liegendes allgemeines Prinzip oder Gesetz identifizieren, das unabhängig von seiner konkreten zeitlichen wie räumlichen Verortung und Ausprägung Bestand hat:

Das Newtonsche Paradigma ersetzt also kausale Prozesse – Prozesse, die sich im Laufe der Zeit vollziehen – durch eine logische Implikation, die zeitlos ist. (S. 94)

Dieses Ideal zeitlosen Wissens führt also dazu, dass wir die Zeit als irrelevant für die eigentliche Erklärung der Welt verstehen müssen. Denn wäre sie relevant, könnten logische Gesetze nicht unabhängig von einer zeitlichen Dimension gedacht werden.

Das isolierte System als Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnis

Um solche abstrakten Gesetzmäßigkeiten zu identifizieren, ist die moderne Wissenschaft in hohem Maße auf die Methode des Experiments und der kontrollierten Messung angewiesen. Dazu gilt es, einen möglichst kleinen und überschaubaren Teil aus der Welt zu isolieren und diesen dann so zu betrachten, als würde er vollkommen für sich alleine stehen. Hier muss die Welt also zwangsläufig verkürzt und vereinfacht werden, um tatsächlich nur ein einzelnes Phänomen, einen einzelnen Prozess beobachten zu können:

Um ein System zu studieren, müssen wir definieren, was zu ihm gehört und was von ihm ausgeschlossen ist. Wir behandeln das System so, als ob es vom übrigen Universum isoliert wäre, und diese Isolation ist selbst eine drastische Annäherung. (S. 80)

Diese Herangehensweise funktioniert so lange, wie sich isolierte Systeme tatsächlich wiederholt schaffen lassen, um kausale Zusammenhänge eindeutig zu identifizieren. Sie ist jedoch darauf angewiesen, dass es einen Standpunkt außerhalb des untersuchten Systems gibt, von dem aus man es beobachten kann. Genau diese Voraussetzung kann jedoch nicht länger erfüllt werden, wenn es um kosmologische Fragen, also Fragen nach der Natur unseres Universums und der grundlegenden Beschaffenheit unserer Existenz, geht. Hier gibt es kein unbewegtes “Außen” von dem aus sich das Universum aus neutraler Position beobachten ließe.

Unsere gegenwärtigen Theorien können auf der Ebene des Universums nur dann funktionieren, wenn unser Universum ein Subsystem eines größeren Systems ist. Also erfinden wir eine fiktive Umgebung und füllen sie mit anderen Universen. Das kann nicht zu wirklichem wissenschaftlichen Fortschritt führen, weil wir keinerlei Hypothese über Universen bestätigen oder falsifizieren können, die von unserem eigenen kausal entkoppelt sind. (S. 26)

Diese implizite Annahme eines wie auch immer gearteten “Raums” voller Universen ist jedoch lediglich eine theoretisches Postulat (vgl. meinen Artikel zu Peter Janichs Handwerk und Mundwerk) und keine Aussage über die tatsächliche Beschaffenheit der Welt. Sie ist vielmehr eine Voraussetzung dafür, dass einige der etablierten kosmologischen Modelle überhaupt konsistent sind. Präzise formuliert muss es also heißen: “Damit unsere Modelle stimmen können, muss es ein solches Multiversum geben” und nicht “Es gibt ein Multiversum, deswegen stimmen unsere Modelle” oder “Weil unsere Modelle stimmen gibt es ein Universum”.

Vom zeitlosen zum zeitgebundenen Univserum

Blick in die Tiefen des Alls (Hubble-Teleskop)

Blick in die Tiefen des Alls (Hubble-Teleskop)

Wie sehen aber nun diese zeitlosen kosmologischen Modelle aus, von denen in den letzten Abschnitten die Rede war? Sie gehen grundsätzlich davon aus, dass das Universum aus einer fiktiven Außenperspektive unbewegt und unverändert bleibt, also quasi in Raum und Zeit eingefroren ist. Die Wahrnehmung zeitlicher wie räumlicher Veränderungen entsteht demzufolge nur durch die Veränderung der relationalen Positionierung einzelner Elemente innerhalb dieses nach außen hin statischen Raums – ähnlich wie die molekulare Bewegung und Dynamik innerhalb eines Brühwürfels von außen nicht ohne spezielle Instrumente zu erkennen ist. Der britische Physiker Julian Barbour schlägt gar eine Theorie vor, die weder einen zeitlichen Ablauf noch kausale Zusammenhänge benötigt:

Barbours Theorie zufolge ist die Kausalität ebenfalls eine Illusion. Nichts kann Ursache von etwas anderem sein, weil in Wirklichkeit im Universum nichts geschieht: Es gibt einfach nur einen riesigen Haufen von Zeitpunkten, von denen einige von Wesen wie uns selbst erlebt werden. In Wirklichkeit ist jedes Erlebnis jedes Zeitpunkts einfach nur das: unverbunden mit allen übrigen. Es gibt zwar Zeitpunkte, aber keine Ordnung dieser Zeitpunkte, kein Vergehen der Zeit. (S. 135-136)

Auch wenn eine solche Theorie dazu beiträgt, den bestehenden Erklärungsmodellen Konsistenz zu verleihen, scheint sie uns doch zutiefst unbefriedigend. Natürlich kann es sein, dass die Wahrheit uns einfach nicht gefällt, was jedoch nichts an ihrer Geltung ändert. Doch Smolin erinnert an dieser Stelle erneut an die Funktion der Naturwissenschaft:

Um erfolgreich zu sein, muss eine naturwissenschaftliche Theorie uns die Beobachtungen erklären, die wir in der Natur machen. Doch unsere grundlegendste Beobachtung ist die, dass die Natur zeitlich organisiert ist. Wenn die Naturwissenschaft eine Geschichte erzählen muss, die alles, was wir in der Natur beobachten, umfasst und erklärt, sollte das nicht auch unser Erleben der Welt als einen Fluss von Augenblicken einschließen? Ist nicht die elementarste Tatsache der Struktur unserer Erfahrung auch ein Teil der Natur, den unsere fundamentale Theorie der Physik widerspiegeln sollte? (S. 142)

Dabei stellt für ihn insbesondere die Frage nach dem Ursprung unseres Universums und den Gründen für seine Beschaffenheit eine unüberwindbare Barriere dar. Konzepte eines zeitlosen Universums müssen voraussetzen, dass dieses einfach existiert. Sie können nicht die Frage stellen, warum sich genau die beobachteten Gesetzmäßigkeiten herausgebildet haben, die wir beobachten. Es gibt zwar die Idee der Existenz einer unendlichen Anzahl von Universen, die jede mögliche Kombination von Naturgesetzen realisieren, diese kann jedoch auch nicht mit kausalen Gründen für deren Entstehung argumentieren. Diese Idee wird oftmals unter dem Begriff des “unwahrscheinlichen Universums” zusammengefasst und schließt damit an die evolutionstheoretische Idee eines survival of the fittest an. Dabei wird jedoch übersehen, dass gerade die Evolution ein streng zeitgebundener Prozess ist, in dem sich nach und nach Strukturen entwickeln und ihre Reproduktionsfähigkeit in einem bestimmten Umfeld unter Beweis stellen müssen. Smolin fordert daher eine Konzeption der Entstehung des Universums, die diesen Zeitbezug und diese prozedurale Entwicklung berücksichtigt, dabei gleichzeitig aber nicht im Widerspruch zu empirisch gesicherten Erkenntnissen stehen darf:

In der zeitgebundenen Version, die ich vorschlage, ist das Universum ein Prozess zur Ausbrütung neuer Phänomene und Organisationszustände, der sich ständig erneuert, wobei er sich zu Zuständen immer höherer Komplexität und Organisation entwickelt. (S. 265)

An die Stelle des “unwahrscheinlichen Universums” will Smolin entsprechend das “sich entwickelnde Universum” stellen, in dem Naturgesetze keine ätherisch-zeitlosen Prinzipien darstellen, sondern vielmehr im Zeitverlauf entstandene und veränderliche Eigenschaften im Prozess einer andauernden kosmologischen Evolution.

Das Handwerk – der ungeliebte Bruder der Wissenschaft

Wissenschaftliche Erkenntnisse beanspruchen gerne eine universelle Geltung. Sie scheinen, einmal etabliert, unabhängig von ihren Entdeckern zu existieren und “objektiv” unsere Welt zu beschreiben – nicht umsonst habe ich gerade “entdecken” im Gegensatz zu “erfinden” geschrieben. “Naturgesetze” werden meist in mathematischen Formeln augedrückt, die dann als angemessene Abbildung der verborgenen Struktur unserer Welt gesehen werden. Insbesondere werden sie von den konkreten Umständen der zugrundeliegenden Messungen losgelöst.

Damit verleugnet die Wissenschaft als Mundwerk in den Augen des Marburger Philosophen Peter Janich ihren ungeliebten Zwilling, der für ihren Aufschwung jedoch unverzichtbar war: das Handwerk. Die abstrakte Formulierung von Gesetzen, Theoremen und Theorien muss, wie er in seinem Buch Handwerk und Mundwerk – Über das Herstellen von Wissen ausführt, durch ein Bewusstsein der manifesten und konkreten Hintergründe ihres Entstehens ergänzt werden.

Geringschätzung des Handwerks im Zentrum der antiken griechischen Philosophie

Ihren Ursprung hat die Geringschätzung des Handwerks aus der Perspektive der Wissenschaft Janich zufolge bereits im antiken Griechenland, der Geburtsstätte der modernen Wissenschaft. Hier waren es insbesondere die Philosophen Aristoteles und Platon, für die das Handwerk eine minderwertige Beschäftigung schien gegenüber dem Theoretisieren und dem Streben nach Erkenntnis:

Der Handwerker, etwa ein Schreiner, der einen Tisch oder ein Bett herstellt, übt seine Tätigkeit immer um einer anderen Sache willen aus. Er verfolgt einen nicht in der Tätigkeit selbst liegenden Zweck. Es geht ihm etwa um nützliche Möbel. Das heißt, der Sinn seiner Tätigkeit liegt außerhalb dieser. (S. 15)

Peter Janich: Handwerk und Mundwerk (C.H.Beck 2015, ISBN 978-3-406-67490-7)

Peter Janich: Handwerk und Mundwerk (C.H.Beck 2015, ISBN 978-3-406-67490-7)

Für beide lag der eigentliche Wert jedoch in den Tätigkeiten, die um ihrer selbst Willen ausgeübt werden, beispielsweise dem Streben nach Glück oder nach Erkenntnis. Da die Ideen Platons und Aristoteles eine zentrale Grundlage der wissenschaftlichen Revolution darstellten, konnte sich diese Einschätzung auch in der modernen Wissenschaft verankern. Vielmehr, sie wurde sogar zu einem zentralen Element der aufgeklärten Philosophie.

So stellt Janich dar, wie die Kant’sche Idee des a priori – also die Existenz nicht menschlich konstruierter Kriterien für die Wahrnehmung der Welt – die Illusion verfestigte, “objektives” Wissen sei möglich und unabhängig von der Art seiner Gewinnung. Dieses Denken hat sich bis heute bewahrt und zeigt sich unter anderem in der unkritischen Verwendung statistischer Daten und Modelle für die Erklärung, Planung und Prognose sozialer Prozesse. Mit der Quantenmechanik und den hiermit verbundenen theoretischen Herausforderungen gibt es zudem auch in der Physik starke Hinweise darauf, dass Erkenntnis immer auch im Kontext ihres Entstehens betrachtet werden muss.

Die Wissenschaft als Zweck an sich

Mit diesem Selbstverständnis entfernt sich Janich zufolge die moderne Wissenschaft aus der realen Welt und verliert ihre Verankerung. Er stellt dabei eine der zentralen Fragen der Wissenschaftstheorie und greift so eines der wichtigsten Postulate der Idee von “Naturgesetzen” an:

[…] es stellt sich die Frage, woher diese Sicherheit und, zuvor natürlich, woher erst einmal unser Wissen rührt, dass sich handwerklich hergestellte Formen in einer gewissen Weise zueinander verhalten, und das personenunabhängig. (S. 53)

Während sich beispielsweise die Sozialwissenschaften des Problems der Zeit- und Beobachterabhängigkeit ihrer Erkenntnisse bewusst sind und daher die Idee allgemeiner Gesetzmäßigkeiten weitestgehend aufgegeben haben, hängen die Naturwissenschaften weiterhin der Idee universellen und objektiven Wissens an. Hierzu hat sich auch Lee Smolin in seinem Buch Im Universum der Zeit äußerst spannende Gedanken gemacht, die ich hier demnächst vorstellen werde.

Der Unterschied zwischen Axiomen und Postulaten

Janich verortet das Vergessen der praktischen und handwerklichen Grundlagen der Wissenschaften an einem zentralen begrifflichen Unterschied, der in der antiken Geometrie noch beachtet wurde, in der modernen Mathematik jedoch meist ignoriert wird: dem Unterschied zwischen Postulaten und Axiomen. Ein Axiom ist dabei eine offensichtlich wahre und “objektive” Tatsache, die keiner weiteren Begründung bedarf – in gewisser Weise also ein kant’sches a priori. Ein Postulat hingegen stellt eine unüberprüfte Annahme über die Welt dar, die als Grundlage für ein Gedankenexperiment dienen soll – unabhängig davon, ob diese Annahme tatsächlich eine angemessene Beschreibung der Welt darstellt. Postulate vereinfachen die anschließende Argumentation und erlauben definitive logische Schlüsse, stehen aber immer unter dem Vorbehalt, des „als ob“.

In den modernen Naturwissenschaften ist diese Unterscheidung zwischen Axiom und Postulat Janich zufolge weitestgehend verschwunden. Vielmehr werden Aussagen, die eigentlich Postulate darstellen meist als Axiome verstanden und damit die Trennung zwischen dem Modell und der Welt aufgehoben. Auf diese Weise werden voraussetzungsvolle Argumente zu absoluten Wahrheiten verklärt und von der materiellen Welt isoliert.

Das Handwerk als Verbindung der Wissenschaft mit der materiellen Welt

Dabei wäre eine solche Isolation überhaupt nicht notwendig, wenn sich die Wissenschaft des Handwerks besinnen würde, welches eine solche Verankerung bereits seit Jahrhunderten sicherstellt – in der Form des Experiments und der Messung. Die moderne Naturwissenschaft brüstet sich, mit der Methode des Experiments und der Messung einen Weg gefunden zu haben, der Natur ihre Geheimnisse zu entreißen, schätzt dann jedoch die Leistung des Handwerks gering, welches die notwendigen Apparaturen und Messgeräte produziert. Denn wissenschaftlicher Fortschritt wird erst dann wertvoll, wenn sich die Theorien und Formeln in experimentellen Beobachtungen oder Messungen bestätigen.

Damit werden die Messgeräte und Apparaturen zum integralen Bestandteil wissenschaftlicher Erkenntnis und die ihn ihnen verarbeiteten Ideen, Grundannahmen und Erfahrungen zu ihren Postulaten. Es ist keineswegs gesagt, dass Geräte die Welt tatsächlich so messen, “wie sie ist”, sie bieten vielmehr einen möglichen Zugang neben zahlreichen anderen. Es ist also an der Zeit, das Handwerk als zweiten integralen Bestandteil der Wissenschaft neben dem heute ungleich höher geschätzen Mundwerk zu akzeptieren.

Mario Vargas Llosa über eine orientierungslose Moderne

Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht ein Feuilletonist oder selbsternannter bzw. zugeschriebener Intellektueller seinem Unbehagen über “das Internet”, “die Jugend” oder gleich “die Welt” Ausdruck verleiht. Ein weiterer Versuch stammt von dem peruanischen Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa.

In seinem Buch-Essay Alles Boulevard setzt sich Mario Vargas Llosa mit dem Ende der “Kultur” auseinander. Dabei wird schnell klar, dass er ein sehr klassisches Verständnig dieses Begriffs pflegt: Für ihn ist “Kultur” nicht allgemein jeder Ausdruck alltäglichen Lebens, sondern die formale künstlerische Manifestation, die sich selbst als eingebettet versteht in eine lange Geschichte und in die Tradition der entsprechenden Kunst.

In seiner Argumentation zum Ende der Kultur und der absoluten Boulevardisierung schießt er an zahlreichen Stellen über das Ziel hinaus und offenbart ein paradoxerweise äußerst eurozentrisches Weltbild, in dem er gar die kolonialen Begrifflichkeiten von “höheren” und “niederen” Kulturen verteidigt. Dies macht die Lektüre des Buches stellenweise äußerst anstrengend, ist jedoch selbst ein Ausdruck der tiefen Unsicherheit über die in seinen Augen orientierungslose Moderne, die er in dem Buch thematisiert.

Das Ende der Gewissheiten

Mario Vargas Llosa: Alles Boulevard (978-3518465264

Mario Vargas Llosa: Alles Boulevard (978-3518465264

[dc]V[/dc]argas Llosa beginnt seine Argumentation, indem er seinen Begriff der “Kultur” ausarbeitet. Diese ist für ihn nicht ein allgemeiner Begriff für Denkweisen, Routinen und Alltagsleben, sondern vielmehr eine spezifische soziale Sphäre. Diese ist von klaren Regeln, impliziten Erwartungen und definierten Formen geprägt, welche sich im Laufe der Zeit in der intellektuellen wie öffentlichen Debatte entwickeln.

Im Mittelpunkt der “Kultur” scheint für ihn dabei die “Kunst” zu stehen, also die Behandlung universeller menschlicher Zustände in der Form von Kunstwerken. Diese transportieren ihre Inhalte dabei nicht nur durch den unmittelbaren Ausdruck, sondern auch durch den Zusammenhang, in dem sie entstanden sind und in den sie gestellt werden. Was sie gegenüber dem heutigen “Entertainment” jedoch auszeichnet, ist ihr Anspruch auf zeitliche Transzendenz und Allgemeingültigkeit:

Der wesentliche Unterschied zwischen der vergangenen Kultur und dem heutigen »Entertainment« ist, dass früher ein Werk beanspruchte, die Gegenwart zu transzendieren und zu überdauern, in den kommenden Generationen lebendig zu bleiben, während die neuen Produkte hergestellt werden, um augenblicks, wie Kekse oder Popcorn, konsumiert zu werden und zu verschwinden. (S. 29)

Diese Dauerhaftigkeit und Beständigkeit sei der modernen Boulevardkultur abhanden gekommen. Vargas Llosa begrüßt zwar die allgemeinere Verfügbarkeit und breitere Zugänglichkeit von dem, was er Kultur nennt, wirft ihr jedoch gleichzeitig Beliebigkeit vor. Die stark formalisierte Kultur, welche nur mit einem hohen Maße an Vorbildung zu verstehen war, ist in seinen Augen der kurzfristigen Ausrichtung auf den aktuellen Geschmack der Menschen gewichen. Damit wird Kultur zwar offener aber eben auch undefiniert und dezentriert:

Wir wollten mit den Eliten aufräumen, denn das Privilegierte, Abwertende, Diskriminierende, das uns mit unseren egalitären Idealen allein schon aus diesem Begriff entgegenhallte, war uns moralisch zuwider, und im Laufe der Zeit haben wir auf verschiedene Weise diese exklusive Bande von Schulmeistern, die sich für etwas Besseres hielten und stolz Wissen. Werte und Geschmack für sich reklamierten, bekämpft und aufgerieben. Aber was wir erreicht haben, war ein Pyrrhussieg, ein Heilmittel, das schlimmer ist als die Krankheit: zu leben in einer verwirrten Welt, in der paradoxerweise, weil niemand mehr weiß, was sie eigentlich bedeutet, Kultur nun alles ist und nichts. (S. 69-70)

“Na und?”, könnte man jetzt fragen, “Warum soll denn Kultur nicht alles und nichts sein können? Nicht situativ und beliebig definiert und interpretiert werden und schließlich als die soziale Konstruktion aufgedeckt werden, die sie ist?”

Wir wissen so viel wie nie zuvor, was aber ist mit den großen Fragen?

[dc]F[/dc]ür Vargas Llosa ist die Antwort auf diese Fragen klar: Er sieht in der klassischen Kultur eine Art Spiritualität, die nach dem Verschwinden der Religion deren Platz einnehmen könnte. Für ihn ist “Kultur” ein Vehikel ethischer und moralischer Übereinkünfte, ein Ausdruck von Sinn und Bedeutung und damit schließlich von Orientierung. Sie bildet eine Grundlage für die freie Interaktion und die Entfaltung des Einzelnen. Sie schafft den notwendigen Rahmen für künstlerischen Ausdruck und gesellschaftliche Debatten und enthebt sie der kurzfristigen medialen Aufmerksamkeit, um für ein Mindestmaß an Stabilität zu sorgen:

Nie haben wir in einem an wissenschaftlichen Erkenntnissen und technischen Neuerungen so reichen Zeitalter gelebt wie heute, noch in einem, das besser gerüstet gewesen wäre, um Krankheiten, Unwissenheit und Armut zu besiegen; und gleichwohl waren wir vielleicht nie so ratlos, wenn es um fundamentale Fragen geht wie: Was tun wir auf diesem unserem Gestirn ohne eigenes Licht, wenn das bloße Überleben das einzige Ziel und die alleinige Rechtfertigung für das Leben ist? Bedeuten Wörter wie Geist, Ideal und Solidarität, Liebe und Lust, Kunst und Schöpfung, Schönheit, Seele, Transzendenz noch etwas, und wenn ja, was? Aufgabe der Kultur war es, eine Antwort auf solche Fragen zu geben. Heute ist sie dergleichen Verantwortung enthoben, denn wir haben aus ihr etwas sehr viel Oberflächlicheres und Flüchtigeres gemacht: eine Form des Zeitvertreibs für das große Publikum oder ein rhetorisches, okkultes und obskurantes Spielchen für eitle Zirkel von Akademikern und Intellektuellen, die der Gesellschaft die Schulter zeigen. (S. 214)

Für Vargas Llosa untergräbt die Boulevardisierung der “Kultur” die Grundlagen unserer modernen Welt. Noch sei vielen nicht bewusst, welche zentrale Rolle stabile Gewissheiten und etablierte Fundamente auch für uns moderne Menschen spielen. Schwindet nach der Religion – deren Verdrängung in das Private er explizit gutheißt – nun auch die Kultur fehlt uns in seinen Augen der Boden unter den Füßen.

Licht im dunklen Mittelalter

Das europäische Mittelalter gilt allgemein als eine dunkle Zeit für die Wissenschaft, in der Armut und religiöses Dogma sämtlichen wissenschaftlichen Fortschritt verhindert haben. Mit der Zerstörung der Großen Bibliothek von Alexandria (bis zum 5. Jahrhundert) und der Eroberung der Stadt durch die Araber (im Jahr 642) endete dieser Ansicht nach die Ära des wissenschaftlichen Denkens in Europa und das Zentrum der Gelehrsamkeit verlagerte sich in den Nahen Osten.

John Freely spürt in seinem Buch Aristoteles in Oxford nun der mittelalterlichen Wissenschaft in Europa nach. Dabei stellt er die These auf, dass das Mittelalter für die Wissenschaftt keineswegs eine verlorene Zeit war, sondern in den Jahrhunderten zwischen dem Niedergang des Römischen Reichs und der italienischen Renaissance wichtige Grundlagen für das gelegt wurden, was gerne als “wissenschaftliche Revolution” bezeichnet wird.

Der Beginn der europäischen Wissenschaft in der karolingischen Renaissance

John Freely: Aristoteles in Oxford (Klett-Cotta 2014, 978-3-608-94854-7)

John Freely: Aristoteles in Oxford (Klett-Cotta 2014, 978-3-608-94854-7)

Auch für Freely stellte der Verlust der umfangreichsten Sammlung des griechisch-europäischen Wissens in Alexandria eine Zäsur der Geistesgeschichte Europas dar. Nur wenige Schriften überlebten die Zerstörung der Bibliothek und die Eroberung der Stadt durch die Araber und wurden nach Konstantinopel gebracht. Doch dieses Eregnis leitet in seinen Augen keineswegs ein oftmals beschworenes “dunkles Zeitalter” ein:

So hinterließ das klassische Wissen im nachfolgenden frühen Mittelalter nur ein schwaches Licht – eben das, was dem Brand der großen Bibliothek von Alexandria entging. Auch wenn der damalige Wissensstand nicht sehr hoch war, so wurden doch erste Schritte in Richtung einer geistigen Wiederbelebung des Abendlandes unternommen. (S. 47)

Den wichtigsten dieser Schritte markierten für Freely die Bildungsreformen Karls des Großen, die oftmals unter dem Begriff der “karolingischen Renaissance” zusammengefasst werden: beispielsweise die Einrichtung einer Hofbibliothek mit kirchlichen wie klassischen griechischen Texten oder die Förderung der Gelehrtenarbeit in den Klöstern. Auch wenn hierbei höfische und elitäre Gelehrsamkeit im Mittelplunkt standen, legte die karolingische Renaissance den Grundstein für die Entwicklung allgemeinerer Bildungsbemühungen wie der Domschulen des 9. und 10. Jahrhunderts und schließlich der Universitäten. Vorerst blieben jedoch der kaiserliche Hof und kirchliche Einrichtungen die Zentren wissenschaftlicher Arbeit.

Inspiration durch die griechisch-islamische Wissenschaft

Ein weiterer wichtiger Faktor, der die europäische Wissenschaft des Mittelalters geprägt hat, war der immer stärkere Kontakt mit der islamischen Wissenschaft, die sich mitterweile insbesondere im Anschluss an die Arbeiten Aristoteles herausgebildet hatte:

Zum Beginn des zweiten Jahrtausends war aus der Kollision der Kulturen ein Kontakt, ja eine Begegnung der Kulturen geworden, denn die damals florierende islamische Wissenschaft floss in die im Abendland neu entstehende Wissenschaft mit ein, wobei nicht nur das von den Griechen Gelernte weitergegeben wurde, sondern auch die genuinen Werke islamischer Gelehrter. Die Auswirkungen waren enorm: Sobald die Lateiner über das griechisch-islamische Wissen verfügten, erlebte die abendländische Wissenschaft einen wahren Modernisierungsschub. (S. 74-75)

Die größte Barriere stellte dabei die Sprache dar: während die klassischen Texte und teilweise auch die darauf aufbauenden islamischen Arbeiten durchaus auf griechisch vorlagen, bedurfte es langwieriger Anstrengungen, diese auch der lateinisch geprägten höfischen und kirchlichen Wissenschaft zugänglich zu machen.

Die Emanzipation von Aristoteles und der Konflikt mit der Kirche

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Thomas von Aquin (Auszug aus einem Altarbild von Carlo Crivelli, 1476)

Eines der zentralen Probleme der europäischen Wissenschaft des Mittelalters waren die Widersprüche zwischen dem aristotelischen Weltbild und der kirchlichen Doktrin. Erst Thomas von Aquin gelang es im 13. Jahrundert diese in einer Form auflösen, welche es ermöglichte, wissenschaftliche Arbeit auf der Grundlage aristotelischer Ideen in Übereinstimmung mit der Glaubenslehre durchzuführen. Damit wurde es auch möglich, sich intensiver direkt mit den klassischen Arbeiten der Griechen auseinanderzusetzen:

Bis zum 12. Jahrhundert war die abendländische Kultur so weit gediehen, dass man sich nicht mehr mit den Werken der griechisch-arabischen Wissenschaft zufrieden geben wollte. Jetzt suchte man nach Übersetzungen direkt aus dem Griechischen. Man wollte das Wissen und Denken der klassischen und hellenistischen Philosophen und Wissenschaftler tiefer durchdringen. (S. 105)

Nachdem der Konflikt zwischen dem christlichen und dem aristotelischen Weltbild weitestgehend beigelegt war, begannen europäische Wissenschaftler nach und nach, die Ideen des Aristoteles aus einem empirischen Blickwinkel zu überprüfen. Die dabei auftretenden Widersprüche führten jedoch zu einem erneuten Aufbrechen einer Konfliktlinie zwischen Wissenschaft und kirchlichem Glauben. Gleichzeitig legten sie jedoch den Grundstein für den plötzlichen Aufschwung der empirisch basierten Wissenschaft:

Doch obwohl die höhere Bildung und die wissenschaftliche Forschung in Europa weiterhin im Aristotelismus wurzelten und viele Gelehrte in ihrem Denken darin verankert blieben, begannen bei Anbruch des 13. Jahrhunderts einige von ihnen, eine neue Naturphilosophie und eine wissenschaftliche Methode zu entwickeln, die sich auf Beobachtungen und Experimente stützte – ein Balanceakt am Rande des Konflikts mit der Kirche. (S. 136)

Einen Höhepunkt erreichte dieser Konflikt in der Entdeckung und des späteren empirischen Nachweises des heliozentrischen Weltbildes, welches das dominierende geozentrische Weltbild widerlegte: nicht die Erde, sondern die Sonne bildet das Zentrum der Bewegung der nahen Himmelskörper. Es war Nikolaus Kopernikus, der Mitte des 16. Jahrhunderts die mathematische Ausarbeitung dieser Theorie vorstellte, welche zu Beginn des 17. Jahrhunderts durch die Beobachtungen Galileo Galileis unterstützt wurde und schließlich im 18. und 19. Jahrhundert endgültig nachgewiesen werden konnte.

Freely macht in seinem Buch detailreich deutlich, dass die wissenschaftliche “Revolution” in Europa keineswegs revolutionär war, sondern die Konsequenz einer kontinuierlichen Entwicklung der wissenschaftlichen Arbeit auch in Europa. Die Konflikte mit der Kirche und der Verlust des Zugangs zu dem klassisch-griechischen Wissen mögen die Entwicklung verzögert haben, sie erzeugten aber nicht – wie oft kolportiert – ein “dunkles” Zeitalter, in dem das Licht der Wissenschaft vollkommen erlosch.

Gebt der Wissenschaft ihre Magie zurück!

Von außen betrachtet wirken die Naturwissenschaften wie ein Geheimbund, der sich in seiner eigenen Sprache mit Fragen befasst, die kaum ein Außenstehender nachvollziehen kann. Doch was, wenn wir Wissenschaft als eine menschliche Aktivität begreifen, die der Kunst nicht unähnlich ist: eine Annäherung an eine geheimnisvolle Welt, die der Mensch sich erfahrbar machen will?

Es ist noch nicht lange her, dass der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer sich in einem Streitgespräch für Spiegel Online mächtig in die Nesseln gesetzt hat. Der äußerst kritische Tenor des Gesprächs gegenüber Wissenschaftsblogs und etablierten Einrichtungen der Wissenschaftskommunikation in Deutschland hat, wie zu erwarten, im Netz für zahlreiche Reaktionen gesorgt: Den vorgeschobenen Konflikt zwischen Journalismus und Blogs nehmen Markus Pössel, Alexander Gerber und Florian Freistätter enerviert auseinander und Sören Schewe demontiert den altbekannten Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit von Blogs.

So weit, so gewohnt. Der spannende Punkt dieses Gesprächs liegt in meinen Augen jedoch in den Aussagen Fischers zu dem etablierten System der Wissenschafts-PR und -Kommunikation, auf die beispielsweise Jens Rehländer reagiert. Auf den ersten Blick wirkt Fischers Aussage, “Das Nichtvermitteln von Wissenschaft wurde vom organisierten Nichtvermitteln von Wissenschaft abgelöst”, tatsächlich äußerst polemisch, doch wer sich ausführlicher mit seinen theoretischen Überlegungen zur Vermittlung von Wissenschaft an Außenstehende befasst, der kann den äußerst bedenkenswerten Hintergrund dieser Aussage erkennen.

Wissenschaft wirkt wie eine ungeliebte und irrelevante Parallelwelt, die nur Eingeweihten zugänglich ist

Eröffnung der Wiener Weltausstellung am 1. Mai 1873. Holzstich nach einer Zeichnung Vinzenz Katzlers.

Eröffnung der Wiener Weltausstellung am 1. Mai 1873. Holzstich nach einer Zeichnung Vinzenz Katzlers.

In seinem aktuellen Buch Die Verzauberung der Welt setzt sich Ernst Peter Fischer ausführlich damit auseinander, in welcher Weise die Erkenntnisse und die Faszination der Naturwissenschaften auch Außenstehenden vermittelt und deutlich gemacht werden können. Dabei äußert er unter anderem sein Unbehagen darüber, dass die Naturwissenschaften in den Kreisen, die in der Öffentlichkeit als intellektuell wahrgenommen werden, geringschätzig betrachtet oder zumindest geflissentlich ignoriert werden:

Es gehört zu den Peinlichkeiten in der öffentlichen Rede zur Kultur, dass immer noch die Frage aufgeworfen werden kann, ob die Naturwissenschaften zur Kultur gehören und zur Bildung von Menschen beitragen. (S. 202)

Dabei steht es außer Frage, dass die Wissenschaft nicht nur die technische Entwicklung vorangetrieben hat, sondern auch einen wichtigen Treiber der kulturell-geistigen Entwicklung insbesondere des letzten Jahrhunderts darstellt. Erinnert sei hier an die Wunder der ersten Weltausstellungen oder das Rennen um die Eroberung des Weltraums. Heute hat die Wissenschaft diese Ausstrahlung und Fanszinationswirkung in der Breite verloren. Sie wirkt vielmehr wie eine langweilige Geheimgesellschaft.

Ernst Peter Fischer: Die Verzauberung der Welt  (Siedler 2014, 978-3-88680-981-3)

Ernst Peter Fischer: Die Verzauberung der Welt (Siedler 2014, 978-3-88680-981-3)

Das führt dazu, dass wissenschaftliche Themen in der Öffentlichkeit kaum mehr diskutiert werden. Dabei soll es in solchen Debatten nicht um die Präzision einer neuen Messmethode oder die Angemessenheit eines teilchenphysikalischen Modells gehen, sondern um die Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft, um das öffentliche Interesse an den Ergebnissen ihrer Arbeit und die Entwicklung des gesellschaftlichen Systems Wissenschaft. Bislang stehen hier meist Fachwissenschaftler allgemein wissenschaftkritischen oder -ignoranten “Intellektuellen” gegenüber. Fischer erhofft sich hingegen die Entwicklung einer neuen Klasse wissenschaftlich wie kulturell gebildeter und gesellschaftlich aufmerksamer “Wissenschaftskritiker” in der Analogie zur klassischen Literaturkritik:

Wissenschaftskritiker sollten die Wissenschaft so wertschätzen und lieben wie Literaturkritiker die Literatur, und sie sollten ihre Ergebnisse (Fragestellungen, Relevanz, alternative Verteilung der Fördermittel) erörtern, um eine bessere Wissenschaft zu ermöglichen. (S. 231)

Damit eine fundierte öffentliche Diskussion in Gang kommt, müssen sowohl die Wissenschaft als auch die breitere Gesellschaft realisieren, worauf der französische Philosoph und Soziologie Bruno Latour bereits seit einiger Zeit hinweist: Wissenschaft ist mehr als nur die objektive Beobachtung, sie ist ein zentraler Teil unserer sozialen Welt und das geronnene Ergebnis von hunderten Jahren sozialer Aushandlungsprozesse. Und sie ist trotz aller Ansprüche der Objektivität bis heute geprägt von Leidenschaften und Emotionen. Der Umgang mit ihren Resultaten beeinflusst das Leben aller Menschen und muss somit unter allgemeiner Beobachtung stehen, die sich nicht auf wissenschaftsimmanente Kriterien beschränkt. Dass diese Sicht vielen Naturwissenschaftler fremd und vielleicht sogar bedrohlich erscheint, ist verständlich, erinnert jedoch daran, wie sehr sie sich bislang der öffentlichen Beobachtung entziehen konnten.

Um Außenstehende anzusprechen, muss die menschliche Dimension der Wissenschaft herausgestellt werden

Damit eine solche Debatte über die Wissenschaft und ihre Entwicklung in Gang kommen kann und Wissenschaftskritik nicht länger die Domäne polternder Verschwörungstheoretiker und esoterischer Pseudowissenschaftler bleibt, muss die Wissenschaft und insbesondere die Wissenschaftskommunikationen sich einer Sache besinnen:

Menschen sind primär nicht rational urteilende, sondern sinnlich wahrnehmende – also ästhetisch empfindsame Wesen, die sich ganz selbstverständlich darum bemühen, das Schöne in der Welt zu entdecken. (S. 10)

Diese Eigenschaft, das Streben der Menschen nach Schönem und dem sinnlichen wie geistigen Erfahren der Welt kann sich moderne Wissenschaftskommunikation zunutze machen, indem sie die handelnden Personen, ihre Gefühle und ihre Leidenschaften stärker herausstellt. Dabei geht es nicht um Starkult oder Homestories, sondern um die Möglichkeit, sich mit Menschen zu identifizieren, sich mit ihnen verbunden zu fühlen und von ihnen faszinieren zu lassen. All dies sind Dinge, die eine elegante Gleichung nur bei wenigen Personen zu leisten in der Lage ist:

Wissenschaft kommt schließlich nicht nur aus dem Kopf, sondern auch aus dem Herzen, und was liegt näher, als die beiden sich ergänzenden Quellen unseres Erkenntnisvermögens auch dann einzusetzen, wenn es darum geht, die Wissenschaft so zu vermitteln, dass etwas zu verstehen ist. (S. 206)

Wissenschaft muss nicht leichter erklärt, sondern in eine menschliche Qualität transformiert werden

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Eine stärkere Betonung der emotionalen und menschlichen Seite der Wissenschaft muss jedoch nicht bei einer Pesonalisierung stehenbleiben. Auch komplexe wissenschaftliche Erkenntnisse können einem breiteren Publikum verständlich gemacht werden. Dabei wendet sich Fischer jedoch gegen die klassische Wissenschaftsvermittlung der vereinfachten Erklärung oder der Analogie. Ihm geht es nicht darum, dass Nicht-Wissenschaftler den Gedankengang der Forscher nachvollziehen oder das spezifische Modell in Ansätzen verstehen können. Er möchte das Gefühl und die Erfahrung vermitteln, die Wissenschaftler mit ihrer Arbeit verbinden:

Wenn Döblin sich beklagt, dass er den Kosmos nicht verstehen kann, weil er mit den mathematischen Begriffen nicht zurechtkommt, dann versucht er ein grundlegendes Bedürfnis durch ein unpassendes Argument zu rechtfertigen. Man muss ihm keinen Nachhilfeunterricht in Tensoranalysis geben. Man muss ihm ein Symbol oder ein Bild vorlegen, das seine Wahrnehmung anspricht, und zwar so, dass dabei das Bild des Kosmos entsteht, das Einstein versteht. (S. 219)

Dabei lässt sich vielleicht eine Analogie in der Übersetzung von Poesie in eine andere Sprache sehen: Anstelle ein Gedicht in eine vereinfachte Form der Ausgangssprache zu überführen, wählt der Übersetzer im Idealfall die Worte der Zielsprache, die vor deren kulturellen Hintergrund ähnliche Empfindungen hervorrufen. Ein schönes Beispiel für eine solche Übertragung aus der Wissenschaft findet Fischer in einem Brief Heinrich von Kleists aus dem Jahr 1800:

Dann schildert der Dichter, wie er sinnend durch ein gewölbtes Tor in die Stadt Würzburg gelangt, um sich plötzlich zu fragen, warum »sinkt wohl das Gewölbe nicht ein, da es doch keine Stütze habe«. Wir gewöhnlichen Sterblichen hätten vielleicht von Kräfteparallelogrammen und der Stabilität von Mörtel gesprochen und brav wissenschaftliche Grunde angeführt. Kleist jedoch denkt weiter: »Es steht, antwortete ich, weil alle Steine auf einmal einstürzen wollen«, und er gewinnt daraus sogar eine Hoffnung für sein Leben, nämlich die, »daß auch ich mich halten würde, wenn alles mich sinken läßt«. (S. 244)

Auch wenn es dem nüchternen Wissenschaftler unangemessen vorkommen mag, eine solche poetische Darstellung ist vielen Menschen näher, als eine abstrakt-mathematische. Natürlich ist eine solche Übertragungsleistung eine anspruchsvolle Aufgabe und wer sie auf sich nimmt, braucht einen Fuß in beiden Welten: in der Welt der abstrakten Ideen, der wissenschaftlichen Methodik und der Sprache der Mathematik ebenso wie in der Welt der ausdrucksstarken Bilder, der bedeutungsreichen Sprache und der menschlichen Emotionen. Er (oder sie) muss Staunen auslösen und Leidenschaften einfangen können, die in der wissenschaftlichen Diskussion als fremd angesehen und in den Bereich des Privaten verdrängt werden. Damit ändert sich dann möglicherweise auch das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation:

Bisher gilt Wissenschaft als schwer und die Vermittlung als einfach. Vielleicht ist es gerade umgekehrt. Vielleicht ist die Vermittlung von Wissenschaft schwer […]. (S. 261)

Hinter Fischers scharfen Aussagen zur Wissenschafts-PR steht demnach eine alternative Idee von der Vermittlung von Wissenschaft. Es braucht vermutlich keine Abschaffung des Bestehenden, aber vielleicht würde eine Betonung der von Fischer hervorgehobenen Seite in der Wissenschaftskommunikation dieser auch eine Aufwertung ihrer Rolle und ihres Status in der öffentlichen Diskussion bedeuten.

Die Vermessung der Welt und das Ende des gesunden Menschenverstandes?

Die Liste der Bücher, die sich mit dem digitalen Wandel auseinandersetzen, wird von Jahr zu Jahr länger. Mit Chistoph Kucklick hat sich nun auch der Chefredakteur der Zeitschrift GEO dieses Themas angenommen und einen sehr inspirierenderen Zugang gefunden: Er beschränkt sich nicht darauf, die Revolution der Wirtschaft oder der Medien zu propagieren, sondern nimmt den allgemeinen gesellschaftlichen Wandel in den Blick.

Dabei positioniert er sich weder auf der Seite der Digital-Enthusiasten noch auf der der kulturpessimistischen analogen Bewahrer, sondern nimmt eine angenehme Mittelposition ein, die die digitale Entwicklung im Allgemeinen begrüßt, jedoch auf mögliche Probleme und Fehlentwicklungen hinweist. So stehen im Mittelpunkt seines Buches Die granulare Gesellschaft drei Revolutionen: die Differenz-Revolution, die Intelligenz-Revolution und die Kontroll-Revolution. Dabei leitet er den titelgebenden Begriff der “granularen Gesellschaft” in erster Linie aus der Differenz-Revolution ab.

Die Differenzrevolution in der digitalisierten Gesellschaft

Christoph Kucklick: Die granulare Gesellschaft. (Ullstein 2014, 978-3-550-08076-0)

Christoph Kucklick: Die granulare Gesellschaft. (Ullstein 2014, 978-3-550-08076-0)

Das zentrale Merkmal des digitalen Wandels ist für Kucklick nicht der universelle Zugang zu Informationen, Unterhaltungsmedien oder dem “Long Tail” der Produkte, sondern die generierte Datenmenge:

Digitalisierung bedeutet vor allem: Wir selbst und unsere Gesellschaft werden auf neue Weise vermessen. Unser Körper, unsere sozialen Beziehungen, die Natur, unsere Politik, unsere Wirtschaft – alles wird feinteiliger, höher auflösend, durchdringender erfasst, analysiert und bewertet denn je (S. 10)

Dabei werden diese Daten nicht in der Form klassischer Umfragen oder Stichprobenerhebungen gewonnen, sondern ergeben sich in den meisten Fällen als Datenspuren aus unserem alltäglichen Handeln: Freundschaften in sozialen Medien, Positionsdaten von Smartphones oder Telemetriedaten des Autos.

Solchermaßen erhobene Daten können in unterschiedlicher Weise genutzt werden, um spezifische Informationen über Einzelne oder Gruppen zu gewinnen; beispielsweise die soziale Einbettung, alltägliche Mobilitätsmuster oder der persönliche Fahrstil. Diese Informationen können uns wiederum zurückgespiegelt werden und damit in unserem Handeln und Leben beeinflussen. Durch ihre vorgebliche “Objektivität” erhalten sie gar ein besonderes Gewicht:

Die schnellen Maschinen erzeugen einen enormen Druck. Wir werden »tiefen« Beobachtungen ausgesetzt, die wir angesichts der vermeintlichen »Objektivität« der Daten nur schwer abweisen können, und die uns rasche Verhaltensänderungen abnötigen. (S. 27)

Solche Informationen können durchaus in unserem Sinne sein, wenn sie unseren Interessen entsprechend eingesetzt werden. Gerade die Quantified-Self-Bewegung legt großen Wert darauf, die an sich selbst gemessenen Daten einzusetzen, um sich selbst besser zu verstehen oder das eigene Leben angenehmer, erfolgreicher oder was auch immer zu gestalten.

Daten über Individuen ermöglichen unvorhersehbare Mikrodiskriminierungen

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Gleichzeitig können diese Daten jedoch auch eingesetzt werden, um eine neue Form von Ungleichbehandlungen zu etablieren, die Kucklick “Mikrodiskriminierungen” nennt. Hierbei lösen sich etablierte Unterscheidungen auf der Basis grober und weitestgehend eindeutiger Kriterien wie Einkommen, Alter oder (biologisches) Geschlecht auf. Sie werden ersetzt durch komplexe Berechnungen auf der Grundlage zahlreicher Datenpunkte, welche für den Einzelnen nicht mehr nachzuvollziehen und zu überschauen sind:

Größere Gruppen wie etwa Besserverdienende oder Frauen lassen sich vorab gut definieren, die Kriterien sind eindeutig, sie sind allen Beteiligten transparent und die Gruppen selbst sind recht stabil. Zwar sinkt bei einzelnen Bürgern das Einkommen gelegentlich und manche Frauen wechseln ihr Geschlecht, aber insgesamt haben wir es mit verlässlichen Gruppen zu tun. Bei der algorithmischen Kalkulation ist dagegen unklar, wer jeweils zu weicher Gruppe gehört. Es gibt nichts oder nur wenig, worauf sich ein Bürger vorab einstellen könnte: Sein algorithmisch erstelltes Profil ist stets intelligent, im Sinne von überraschend – es ist nur schwer oder gar nicht nachzuvollziehen. (S. 138)

Diese Undurchschaubarkeit sorgt auf der Seite der betroffenen Menschen für ein extremes Maß an Unsicherheit, da sie die Resultate der Berechnungen in keiner Form im Voraus abschätzen können. Es kann sogar sein, dass der genaue Zeitpunkt der Berechnung eine zentrale Rolle spielt, weil sich nur wenig später ein auf den ersten Blick irrelevanter Datenpunkt verändern würde, der jedoch immense Auswirkungen auf das Resultat hat. Gruppenzuschreibungen und Erwartungen werden auf diese Weise zwar möglichweise “präziser” und “objektiver”, sie wirken jedoch gleichzeitig willkürlich und in noch höherem Maße fremdbestimmt.

Darüber hinaus kommt in diesem Fall den konkreten Berechnungsalgorithmen eine zentrale Bedeutung zu. Diese bestimmen dann noch stärker als bisher schon über die Höhe des Versicherungsbeitrags, die Besetzung einer Stelle oder die Steuerlast. Sind diese Berechnungsverfahren dann auch noch “Eigentum” der entsprechenden Unternehmen und nicht öffentlich einsehbar, verlagert sich Entscheidungsgewalt in hohem Maße in undurchschaubare und mit bestimmten Partikularinteressen im Hintergrund entwickelte Black Boxen. Kucklick schlägt zur Abschwächung dieses Problems die Einführung von “Algorithmenprüfern” in der Analogie zu Wirtschaftsprüfern vor. Ein Modell könnte auch die bereits etablierte Genehmingungspflicht für die Kalkulation von bestimmten Versicherungstarifen sein.

Institutionell gesetzte, explizite Regeln ersetzen situativ ausgehandelte Kriterien

Teil der Differenzmaschine Nr. 1 von Charles Babbage

Teil der Differenzmaschine Nr. 1 von Charles Babbage

Wenn sich Entscheidungsgewalt in Algorithmen verlagert, gilt es eine weitere Eigenschaft digitaler Systeme zu bedenken, die Kucklick zufolge zu einer Überforderungen der gesellschaftlichen Institutionen führt. (Dabei versteht er “Institutionen” im soziologischen Sinne allgemein als gesellschaftlich etablierte Regelsysteme.):

Wichtiger ist, dass sich digitale Maschinen mit alldem, was unsere Hirne belastet, nicht herumschlagen müssen. Sie operieren nicht mit Sinn, nicht mit Gefühlen und Wünschen, mit Hoffnungen und Sehnsüchten, sondern bloß mit Symbolen, mit Ziffern und Zeichen. Wofür diese stehen, ist ihnen egal. (S. 88)

Er befürchtet also, dass der “gesunde Menschenverstand”, die situative Aushandlung von Kriterien und das soziale Abwägen unterschiedlicher Faktoren und Argumente bei entsprechend automatisierten Entscheidungen zu kurz kommt. Auch wenn Unternehmen oder Bürokratien bereits heute über relativ starre Regelsysteme verfügen, besitzen die Schnittstellen, die mit den Kunden bzw. Bürgern interagieren, gewisse Spielräume, innerhalb derer sie ihre eigene Einschätzung der Situation vornehmen können. Auch wenn sich hier ein Einfallstor für (unbewusste) Diskriminierung beispielsweise nach Hautfarbe oder Alter findet, hat der Wechsel zu “objektiven” Entscheidungsalgorithmen einen Paradigmenwechsel in der gesellschaftlichen Ethik zur Folge:

Maschinen ticken anders. Ihre Regeln und Handlungsweisen müssen ihnen Buchstabe für Buchstabe einprogrammiert werden. Aus einer gesetzlichen Vorschrift muss eine exakt zu programmierende Vor-Schrift werden. Um diese verfassen zu können, müssen wir alle Regeln, auch die ethischen, vorab festlegen. (S. 154)

Jede Entscheidungsregel und jedes Kriterium muss dem Algorithmus fest vorgeben werden. Unvorhersehbare Kriterien oder spezifische Konstellationen von Faktoren können nicht länger ad hoc von – im Normalfall – sozial wie fachlich kompetenten Menschen abgewogen werden, sondern werden anhand der immer gleichen, vorgegebenen Berechnungsvorgaben zusammengeführt. Damit müssen komplexe Systeme impliziter Normen und das feine Gespür der meisten Menschen für die Angemessenheit von Entscheidungen explizit gemacht und in Algorithmen überführt werden. Es gilt dann nur mehr das Wort des Gesetzes und nicht mehr sein Sinn oder seine Intention.

Da wir keinerlei Institutionen haben, die solche wichtigen Debatten öffentlich auslösen und moderieren könnten, werden solche Entscheidungen aktuell in den Entwicklungsabteilungen zahlreicher Firmen getroffen und durchdringen nach und nach das fein gesponnene Geflecht unseres Gemeinwesens. Auf diese Weise werden Entscheidungen über unser Leben sicherlich “gleicher”, aber werden Sie auch gerechter?

Ich denke nicht, ich tue – wie Gewohnheiten unser Leben bestimmen

Wir gehen gerne davon aus, dass wir jederzeit bestimmen können, was wir als nächstes tun. Und trotzdem ertappt man sich immer wieder dabei, auf einmal zum Kühlschrank gelaufen zu sein oder schon wieder auf das Handy geschaut zu haben. Mindestens ebenso wichtig wie unsere bewussten Entscheidungen sind nämlich etablierte Gewohnheiten, die wir immer und immer wieder durchführen, ohne uns dessen bewusst zu sein.

Diesen Gewohnheiten geht der us-amerikanische Journalist Charles Duhigg in seinem Buch The power of habit – Why we do what we do in life and business (dt. Die Macht der Gewohnheit: Warum wir tun, was wir tun) nach. Dabei betont er, welchen großen Einfluss diese Gewohnheiten auf alle Bereiche unseres Lebens haben:

Most of the choices we make each day may feel like the products of well-considered decision making, but they’re not. They’re habits. And though each habit means relatively little on its own, over time, the meals we order, what we say to our kids each night, whether we save or spend, how often we exercise, and the way we organize our thoughts and work routines have enormous impacts on our health, productivity, financial security, and happiness. (S. xv-xvi)

Ohne es zu bemerken, bestimmen Gewohnheiten also über unser Leben. Wenn wir uns ihrer bewusst werden, können wie sie allerdings auch strategisch einsetzen, um gewünschte Verhaltensweisen zu etablieren und schlechte Angewohnheiten zu überwinden.

Die Architektur von Gewohnheiten

Charles Duhigg: The Power of Habit (Random House 2012, 978-1-4000-6928-6)

Charles Duhigg: The Power of Habit (Random House 2012, 978-1-4000-6928-6)

Gewohnheiten setzten sich in Duhiggs Augen im Kern aus vier Komponenten zusammen: Im Normalfall lässt sich ein Reiz identifizieren, der als Auslöser für eine bestimmte Gewohnheit dient. So fungiert beispielsweise das morgendliche Aufstehen oftmals als Auslöser für das Anschalten der Kaffeemaschine oder den Sprung unter die Dusche. Diese ausgelöste Aktivität beziechnet Duhigg als die eigentliche Routine, welche schließlich zu einer angestrebten Belohnung führt.

Etabliert werden solche Gewohnheiten durch einen Prozess, der der Konditionierung nicht unähnlich ist. Durch das möglicherweise bewusste Wiederholen bestimmter Aktivitäten in der Reaktion auf einen konkreten Reiz, lernt das Gehirn, dass auf diesen Reiz eine Belohnung folgt, und erzeugt so nach und nach ein automatisches Reaktionsmuster. Für Duhigg spielt dieses durch die Konditionierung entstehende Verlangen eine zentrale Rolle:

Only when your brain starts expecting the reward – craving the endorphins or sense of accomplishment – will it become automatic to lace up your jogging shoes each morning. The cue, in addition to triggering a routine, must also trigger a craving for the reward to come. (S. 51)

Gewohnheiten bewusst etablieren oder verändern

Macht man sich diese Struktur von Gewohnheiten – Reiz, Verlangen, Routine und Belohnung – bewusst, wird deutlich, wie diese genutzt werden kann, um ganz bewusst bestimmte Verhaltensweisen zu verändern oder neu zu etablieren:

Rather, to change a habit, you must keep the old cue, and deliver the old reward, but insert a new routine, That’s the rule: If you use the same cue, and provide the same reward, you can shift the routine and change the habit. Almost any behavior can be transformed if the cue and reward stay the same. (S. 62)

Gewohnheiten lassen sich also nicht “abschalten”, sie können aber in dem zentralen Punkt der Routine – also des eigentlichen Tuns – verändert werden. Dazu gilt es, sich des Reizes bewusst zu werden und dann, anstelle der unerschwünschten Routine, mit einer anderen Aktivität zu reagieren. Diese muss jedoch wiederum dieselbe Belohnung hervorrufen, wie die zu ersetzende Routine. Der nachmittägliche Gang in die Caféteria könnte dementsprechend – wenn er in erster Linie dem Drang nach sozialem Kontakt entspringt – durch ein kurzes Schwätzchen mit den Kollegen am Wasserspender ersetzt werden.

„Bestie“ oder „Virus“? Wie die Sprache unser Denken prägt

Die alljährliche Diskussion um das „Unwort des Jahres“ macht deutlich, dass Sprache mehr ist als ein neutrales Werkzeug, mit dem wir Informationen von einer Person zur nächsten übertragen. Vielmehr ist die Sprache ganz eng mit unserem Denken und unserem Handeln verknüpft. Ob jedoch die Sprache Voraussetzung für das Denken und wie stark sie unsere Sicht auf die Welt prägt, ist nach wie vor umstritten.

In ihrem Buch Das Alphabet des Denkens – Wie Sprache unsere Gedanken und Gefühle prägt setzen sich die beiden ZEIT(Wissen) -Journalistinnen Stefanie Schramm und Claudia Wüstenhagen mit der aktuellen Forschung in diesem Gebiet auseinander. Dabei gehen sie in ihrer Darstellung von dem grundlegenden theoretischen Konflikt der Linguistik aus, dem Gegensatz zwischen „Universalisten“ und „Relativisten“:

Die Universalisten meinen, dass allen Menschen dasselbe Sprachvermögen und dieselben universellen Grundregeln der Sprache angeboren seien. Zudem verfügten alle Menschen von Geburt an über ein und dieselbe «Sprache der Gedanken»: Mentalese oder Mentalesisch […] Daraus folgern die Vertreter dieser Theorie, dass die natürliche Sprache keinen Einfluss auf das Denken hat. Dem widersprechen die Relativisten aufs heftigste: Sie sind überzeugt, dass wir in natürlichen Sprachen denken und dass diese unser Denken prägen. Die natürlichen Sprachen wiederum bildeten die Welt nicht auf ein und dieselbe Weise ab, sie sind nicht universell, sondern relativ. Folglich dächten Menschen in verschiedenen Sprachen bis zu einem gewissen Grad unterschiedlich; unsere Weltsicht hänge damit auch von der Sprache ab, die wir sprechen. (S. 53)

Ausgangspunkt dieses Konflikts war die sogenannte Sapir-Whorf-Hypothese, die im Kern davon ausgeht, dass die Sprache, die Menschen sprechen, ihr Denken in hohem Maße forme. Insbesondere formuliert sie, dass bestimmte Phänomene nur dann gedacht werden können, wenn es für sie einen sprachlichen Ausdruck gibt. Dieser Hypothese stellten sich jedoch Autoren wie Noam Chomsky oder Steven Pinker entgegen – unterstützt von zahlreichen empirischen Erkenntnissen, die aufzeigen, dass dieser Zusammenhang wesentlich schwächer ist, als zu Beginn angenommen.

Die Macht der Sprache – ob nun relativistisch oder universalistisch

Stefanie Schramm & Claudia Wüstenhagen: Das Alphabet des Denkens (978-3-498-06062-6)

Stefanie Schramm & Claudia Wüstenhagen: Das Alphabet des Denkens (978-3-498-06062-6)

Der Konflikt zwischen Universalisten oder der Relativisten ist jedoch in erster Linie theoretischer Natur. In der aktuellen empirischen Forschung sind die Ergebnisse insoweit eindeutig, als dass sich ein Zusammenhang zwischen der Sprache und dem Denken der Menschen eindeutig konstatieren lässt. Dabei deuten die Resultate auf eine gemäßigt-relativistische Position hin:

Sprache ist kein Gefängnis, sie determiniert nicht das Denken […]. Doch sie lenkt die Aufmerksamkeit in bestimmte Richtungen. Mal mehr, mal weniger subtil. (S. 177-178)

Dabei wird insbesondere deutlich, dass die Sprache neben der reinen Bereitstellung von Konzepten und Begriffen eine weitere zentrale Funktion in unserem Denken übernimmt: das Auslösen von Erinnerungen, Emotionen und entwickelten Denkmustern:

Denn die Muttersprache entfaltet ganz unabhängig von ihren Farbbegriffen, Orientierungsmaßen, Zeitformen oder grammatischen Geschlechtern ihre Macht. Jenseits von Grammatik und Semantik legt sie einen emotionalen Resonanzraum in uns an, verwurzelt sich in unseren Gefühlen. Sie ist die Sprache, mit der wir aufgewachsen sind, deren Klang wir von der ersten Lebensminute an hörten. Ihre Worte halfen uns, uns die Welt zu erschließen und eine Identität zu finden. Es ist diejenige Sprache, in der die Eltern mit uns schimpften und Trost spendeten. Kein «I love You» oder «Je t’aime» kann uns das «Ich liebe dich» ersetzen. Keine Schimpfwörter treffen uns so hart wie jene unserer Muttersprache. (S. 175)

Hier wird besonders deutlich, dass Sprache nicht nur ein rationales Werkzeug zum Verstehen von Zusammenhängen und zur Übertragung von Information darstellt, sondern eben auch ein emotionales Ausdrucksmittel. Im Laufe unseres Lebens – und insbesondere in unserer Kindheit – haben wir gelernt mit Begriffen Emotionen zu verbinden. Wir haben erfahren, wie unser Umfeld auf unterschiedliche Formulierungen reagiert und vermittelt bekommen, welche Ausdrücke in welcher Situation angemessen oder unangemessen sind. Kommunikation via Sprache ist demnach ein komplexer sozialer Prozess, der von den Beteiligten ebenso bestimmt wird, wie von ihrem Kontext. Die „Wahrheit“ liegt hier anscheinend – wie so oft – in der Mitte; irgendwo zwischen Nature und Nurture (s. dazu auch Der tiefe Graben zwischen Wissenschaft und Gesellschaft).

Sprache als Werkzeug zur Manipulation und Datensammlung

Wenn Sprache bestimmte Emotionen hervorrufen und Denkweisen auslösen kann, wird sie zum interessanten Werkzeug für diejenigen, die andere dazu bringen wollen, bestimmte Dinge zu denken oder zu tun. Die Autorinnen stellen mehrere Beispiele von Untersuchungen vor, die aufzeigen, wie sich durch die Nutzung bestimmter Begriffe die Reaktionen auf ansonsten identische Sachverhalte unterscheiden. Besondern eindrucksvoll ist dabei die Wahl von bestimmten Metaphern. So unterscheiden sich die von den Probanden vorgeschlagenen Lösungen für eine hohe Kriminalitätsrate je nachdem, ob der ansonsten identische einführende Text die Kriminalität mit mit einer „Bestie“ oder einem „Virus“ vergleicht. Das macht Metaphern  zu einem besonders geeigneten und unauffälligen Manipulationsmittel:

[…] Sprachbilder haben eine Tücke: Wer in den assoziativen Fäden eines Metaphernnetzes hängt, kann sich nur schwer wieder davon lösen. Die Gedankengänge und Schlussfolgerungen sind dann gebunden an die Bilder, die die Metaphern im Kopf erzeugen (S. 218)

Es verdichten sich mittlerweile sogar die Hinweise, dass wir bei der Wahrnehmung von Sprache schon einzelnen Phonemen – also kleinen Lauteinheiten – bestimmte Bedeutungen zuschreiben. Während das „i“ beispielsweise als klein wahrgenommen wird, steht das „o“ eher für groß. Solche Zuschreibungen laufen höchst unbewusst ab, lassen sich aber in unterschiedlichen Untersuchungen konsistent nachweisen.

Doch Sprache kann nicht nur zur Manipulation genutzt werden. Sie ermöglicht es auch, zentrale Informationen über uns zu erheben. So stellen die Autorinnen die Arbeit von James Pennebaker zu Pronomen vor:

In den kleinen, unscheinbaren Funktionswörtern liegt also eine Menge verborgen: Hinweise auf unsere Person – Geschlecht, Alter, sozialer Status – und auf unsere Persönlichkeit, ja sogar Indizien dafür, ob wir lügen und wen  wir lieben. Doch weil wir sie meist unbewusst benutzen und verarbeiten, brauchen wir Computerprogramme, um ihre Botschaft zu entschlüsseln. (S. 208)

Schramm und Wüstenhagen zeigen in ihrem Buch auf, dass unsere Sprache auf vielfältige Weise mit unserem Denken verbunden ist. Ob sie es nun wirklich determiniert ist dabei relativ egal, wenn empirische Untersuchungen zeigen, dass sie gezielt genutzt werden kann um Deutungen vorzugeben und durch statistische Analysen auch Informationen über uns als Person vermittelt. Doch eine emotionslose, objektive Sprache ist weder möglich noch wäre sie wünschenswert.