Flachsinn und Erfindergeist [Medienmenü 9-10/2017]

Kaum nutzen wir die Fastenzeit mal dazu, nicht vor einer Folge irgendeiner Serie zu Abend zu essen, schon gibt es hier im Medienmenü kaum noch Serien; dafür diese Woche einiges an Romanen, PC-Spielen und auch mal wieder Theater.

Gelesen: Flachsinn von Gunter Dueck (Sachbuch)

Gunter Dueck spricht harte Wahrheiten gerne gelassen aus. So auch in seinem neuen Buch Flachsinn, das schon mit dem Untertitel Ich hab Hirn, ich will hier raus einen provokanten Ton vorgibt. Kurz gesagt stellt Dueck dar, wie das ständige Gerangel um Aufmerksamkeit im Netz dazu führt, dass Inhalte immer mehr verflachen und nur noch die einfachsten emotionalen Trigger ansprechen – Flachsinn eben.

Das ist an sich nicht wirklich neu, aber Dueck packt es in seinen gewohnten ironisch-sarkastischen Ton, der mit unterhaltsamen Anekdoten vermischt ist und damit eben auch unbequeme Wahrheiten so aussprechen kann, dass sie gehört werden. Dabei merkt man aber schon, dass er außerhalb der Unternehmenswelt nicht ganz so sicher und souverän mit den Pointen jongliert. Vielmehr bietet er ganze Listen an teilweise überspitzten Beispielen an, die irgendwann doch eher ermüden.

In einigen Kapitel bezieht er den Flachsinn dann doch auch auf Unternehmen und bringt einige wichtige Punkte an, sorgt damit aber eher für Irritationen was seine gesamtgesellschaftliche Argumentation angeht. Hier wäre weniger vielleicht mehr gewesen.

Das alles ist jedoch Kritik auf hohem Niveau. Flachsinn ist eine pointierte und spitzfindige Analyse mit einigen großartigen Begriffsschöpfungen – z.B. Attracticon -, die aktuelle Entwicklungen im Netz zusammenfasst und sogar einen Lösungsansatz bietet,

Gelesen: A Conjuring of Light von V.E. Schwab (Roman)

Das war es dann also – erstmal(?) – mit V.E. Schwabs Geschichte der drei Londons und deren sehr unterschiedlicher Beziehung zur fast schon lebendigen Magie. Der dritte Band der Reihe bleibt dabei den ersten beiden Bänden treu und erzählt eine sehr (vielleicht sogar zu) gradlinige Geschichte ohne große Schnörkel oder Abzweigungen. Im Mittelpunkt stehen – wie immer – die Welt und die Figuren, mit denen die Autorin erneut ihr großes Talent beweisen kann.

Dieses Mal findet ein Großteil der Handlung zudem nicht in London statt, sondern auf dem Meer, wo sich Kell und Lila mit einigen anderen auf die Suche nach einem Artefakt machen, das helfen soll, die große Gefahr für London zu bannen. So bekommen wir Einblick in einige weitere spannende Orte in der roten Parallelwelt.

An der ganzen Reihe stört mich jedoch, dass das Magie-System nicht wirklich eingeführt und erklärt wird. Damit wirken gerade in den großen Kämpfen bestimmte Dinge so, als würden sie eingeführt weil sie eben praktisch sind. Da Magie und ihre Beherrschung einen so großen Teil der Geschichte ausmachen, ist das etwas unbefriedigend. Den grundsätzlich äußerst positiven Eindruck dieser Reihe kann das aber nur wenig trüben.

Gesehen: Shakespeare in Eile im Theatrio Hannover (Puppentheater)

Nachdem wir uns am Freitag das Reunion-Konzert von Fury in the Slaughterhouse in Hannover angeschaut hatten, ging es am Samstag dann – ebenfalls in Hannover – ins Puppentheater Theatrio. Wenn ein Stück schon Shakespeare in Eile heißt, können die Liebste und ich einfach nicht widerstehen. Es gab dann auch eine lebensgroße Königin Elizabeth die Erste zu bestaunen und viele traumhaft schön geschnitzte kleinere Puppen, die von Gerhard Seiler zum Leben erweckt werden.

Getreu dem Titel des Stücks gab es kurze Einblicke in verschiedene Dramen des englischen Nationaldichters: von den drei Hexen Macbeths über Romeo und Julia bis hin zum Mittsommernachtstraum. Diese Fragmente von jeweils vielleicht zehn Minuten können die Stücke natürlich nicht angemessen abbilden, bieten aber spannende Schlaglichter, die gerade die Vielseitigkeit Shakespeares deutlich machen.

Gespielt: Tropico 4 (PC-Spiel)

Kaum habe ich das erste Mal eine Konsole, fange ich an, mich dem Pile of Shame auf meinem PC zu widmen. Nunja… Den Anfang macht Tropico 4, das ich mir vor Ewigkeiten mal in einem Steam-Sale gekauft hatte, dann aber irgendwie nicht wirklich damit angefangen habe. Jetzt spiele ich mich seit einer Woche nach und nach durch die Szenarien und bin mal wieder kräftig in der Suchtspirale gefangen, die mich früher schon an Wirtschaftssimulationen gefesselt hat.

Der Aufbau meines eigenen tropischen Inselreichs ist dabei besonders fesselnd, weil viele Spielmechaniken ein Gefühl der Eile und Hektik produzieren, dieselben Mechaniken aber dazu führen, das meine Entscheidungen erst mit deutlicher Verzögerung in der Spielwelt umgesetzt werden. Das ist auf eine seltsame Weise gleichzeitig frustrierend und motivierend.

Angespielt: The Witcher 3 (PC-Spiel)

Ein weiteres Spiel, bei dem mich die Faszination erst beim dritten Anlauf gepackt hat, ist das dritte Abenteuer des Hexers Geralt. Zweimal hatte ich schon das Tutorial gespielt und bin dann irgendwie nicht weiter gekommen. Beim dritten Versuch bin ich dann endlich zu den ersten Quests durchgedrungen und kann jetzt auch das allgemeine Lob nachvollziehen.

Auch wenn ich immer noch ganz am Anfang bin, ist jetzt schon zu erkennen, dass die Macher von CD Project hier erzählerisch neue Maßstäbe setzen und auch grafisch und spielerisch kann The Witcher 3 mich begeistern. Wobei ich mich an das Kampfsystem und die Gamepad-Steuerung wohl erst noch gewöhnen muss.

Angefangen: Seven Surrenders von Ada Palmer (Roman)

Bevor ich mich an den neuen Roman von Kim Stanley Robinson mache, der heute erschienen ist und den ich mir Ende des Monats vom Autor persönlich vorlesen lassen werde, habe ich mich noch an den ebenfalls gerade erschienenen zweiten Band von Ada Palmers Terra Ignota-Reihe gesetzt, der die Geschichte aus Too Like the Lightning weiter erzählt.

Ich bin jetzt ungefähr bei der Hälfte und mir noch nicht so sicher, was ich von dem Roman halten soll: die Welt ist nach wie vor faszinierend aber so komplex, dass ich durch die Verschwörungen und politischen Ränkespiele, die in diesem Band im Mittelpunkt stehen, noch nicht so ganz durchsteige…

Angefangen: The Last Days of Night von Graham Moore (“Roman”)

Restlos begeistert bin ich hingegen von meinem aktuellen Hörbuch The Last Days of Night von Graham Moore, dem Autor von The Imitation Game. Hier erzählt er die Geschichte von Thomas Edison, dessen Rivalen George Westinghouse und des exzentrischen Genies Nikola Tesla aus der Perspektive von Westinghouses Anwalt Paul Cravath (der wohl ebenfalls in seiner Arbeitsweise extrem innovativ war).

Dabei fließen Realität und Fiktion so elegant ineinander, dass ich mir nach dem Roman tatsächlich mal einen historischen Abriss dieser Zeit anschauen muss, was da denn nun wirklich passiert ist. Bis dahin genieße ich einfach die unglaublich unterhaltsame Erzählweise mit großartigen Charakterzeichnungen und punktgenauem Timing. Eine absolute Empfehlung für alle, die sich von Erfindergeist und der Atmosphäre des späten 19. Jahrhunderts faszinieren lassen wollen.

Nils Müller
bringt nicht nur anderen Schreiben bei, sondern schreibt auch selbst leidenschaftlich gerne. Als Soziologe interessiert er sich für die Gesellschaft genauso wie für Wissenschaft und die Frage nach dem guten Leben. Er lebt und liest in Dortmund, Bielefeld und auf dem Weg im ICE. Mehr zu ihm gibt es unter nilsmueller.info

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