Rätselhafte Tiere und Gesellschaften [Medienmenü 6-7/2017]

Diese Woche gibt es eine bunte Mischung aus fast allen Genres, mit denen ich mich hier so befasse: Romane, Comics, Kinofilme und Computerspiele. Nur zu den TV-Serien komme ich erst nächste Woche wieder…

Abgeschlossen: Too Like the Lightning von Ada Palmer (Roman)

Hui, das war am Ende dann doch anstrengender, als ich erwartet hatte. Aber die Welt, die Ada Palmer hier konstruiert, ist jede Minute des aufmerksamen Lesens wert. Auch wenn das Buch nach der ersten Hälfte ein wenig an Schwung verliert, weil es nicht mehr auf jeder Seite ein neues beeindruckendes Detail über die Welt zu entdecken gibt, bietet auch die zweite Hälfte viele spannende Ideen.

Wir folgen Mycroft jetzt hinter die Kulissen der Welt zu den Führern der Hives, ihren Ränkespielen und geheimen Plänen. Dabei ist es nicht immer ganz einfach, alle Zusammenhänge nachzuvollziehen, da die Welt gleichzeitig sehr komplex und sehr anders ist, als unsere. Doch es ist einfach – mal wieder – genial, wie in Palmers Welt dieses vordergründig links-liberal-globale Utopia von fast schon feudalistischen und autokratischen Herrschaftsstrukturen durchzogen ist. Chapeau!

Band zwei – Seven Surrenders – erscheint nächsten Monat und ich vermute, ich werde dieses Mal nicht so lange warten…

Gelesen: Ms Marvel, Vol. 4 & 5 (Comic)

Die Geschichte um Kamala Khan, die durch einen seltsamen Nebel zu Ms. Marvel geworden ist, kann auch im vierten und fünften Band überzeugen. G. Willow Wilson und ihr Autorenteam schaffen es weiterhin, den Spagat zwischen Jugend und Verantwortung in einen unterhaltsamen Comic zu verpacken.

Im vierten Band bedroht ein Asteroid die Stadt und alle Einwohner – zumindest die uns bekannten – flüchten sich in die Turnhalle von Kamalas Schule, während sie sich mit diversen Bösewichten auseinandersetzt und versucht, die Gefahr zu bannen. Im fünften Band ist diese dann plötzlich weg und Kamala spürt den ganzen Druck ihrer Verantwortung: zwischen Schule, Familie, Freunden und Avengers erlebt sie einen Burnout und muss lernen, auch mal andere die Arbeit machen zu lassen.

Insgesamt also wieder zwei äußerst unterhaltsame Bände. Und ich bin gespannt auf Nummer sechs.

Gesehen: Hidden Figures (Film)

Ein oskar-nominierter Film, der sich mit mit der Geschichte der ersten bemannten Raketenstarts beschäftigt, ist für mich natürlich ein Pflichttermin in der neuen alten Dortmunder Schauburg.

Und, wow, ist der Film gut. Aber nicht in erster Linie wegen der Einblicke in die frühe Phase des Raumfahrtprogramms – was ihm ein wenig den Flair von A Beautiful Mind verleiht -, sondern wegen der Perspektive aus der hier die amerikanische Bürgerrechtsbewegung betrachtet wird: Nicht große Demonstrationen und gesellschaftliche Umwälzungen stehen im Mittelpunkt, sondern die alltägliche Diskriminierung mit getrennten öffentlichen Einrichtungen und Toiletten.

Die drei Hauptfiguren des Films sind schwarze Mathematikerinnen, die durch ihre hervorragende Arbeit Aufsehen erregen und damit in Bereiche vorstoßen, in denen Schwarze bisher keine Rolle spielten. Sie arbeiten sich mühsam empor und gewinnen nach und nach Verbündete unter den Weißen, die ihnen den Weg erleichtern. So können sie zu zentralen Figuren dieser frühen Jahre werden. Eindrucksvoll.

Angefangen: The Last Guardian (PS4-Spiel)

Nachdem ich mit Uncharted 4 durch bin, gibt es jetzt ein weitere Highlight-Spiel des letzten Jahres: The Last Guardian. Hier steuert der Spieler einen Jungen, der eines Tages in einer seltsamen Höhle erwacht und neben sich ein noch seltsameres Tier findet – Trico. Zu Beginn gilt es also, aus diesem Raum zu entkommen und den weiteren Weg zu finden.

Auch nach vielleicht fünf Stunden Spielzeit ist mir noch nicht so richtig klar, welche Geschichte The Last Guardian eigentlich erzählt. Es gibt nur extrem wenig erzählten Text und ich stolpere einfach so mit Trico durch die eindrucksvollen Landschaften. Und es macht Spaß! Vor allem die Interaktion mit dem Tier, das sowohl grafisch als auch vom Verhalten hervorragend simuliert ist, kann dabei überzeugen.

Angefangen: Six Wakes von Mur Lafferty (Roman)

Nach den doch etwas anspruchsvolleren Romanen von Neal Stephenson und Ada Palmer, geht es mit Mur Lafferty in etwas seichtere Gewässer: einen klassischen Whodunnit-Krimi im All. Auf dem Schiff Dormire, das eigentlich die ersten tiefgefrorenen Siedler zu einem anderen Planeten bringen soll, erwacht die komplette Crew eines Tages in ihren Klon-Tanks. Ihre alten Körper schweben tot vor ihnen und es scheinen mehrere Jahrzehnte vergangen zu sein, von denen jede Aufzeichnung fehlt.

Nun gilt es, nicht nur den Mörder unter den sechs Crew-Mitgliedern zu finden, sondern auch das Schiff wieder auf Kurs zu bringen, von dem es seltsamerweise angekommen ist. Als wäre das nicht schwierig genug, trägt auch jeder ein dunkles Geheimnis mit sich herum.

Die Idee, eine solche klassische Mördersuche im kleinen Kreis auf ein Raumschiff zu verlegen, scheint fast schon zu einfach, ist mir aber noch nicht so häufig untergekommen und wird von Mur Lafferty bislang hervorragend umgesetzt. Ich bin gespannt, wie sich das Ganze am Ende auflöst…

Nils Müller
bringt nicht nur anderen Schreiben bei, sondern schreibt auch selbst leidenschaftlich gerne. Als Soziologe interessiert er sich für die Gesellschaft genauso wie für Wissenschaft und die Frage nach dem guten Leben. Er lebt und liest in Dortmund, Bielefeld und auf dem Weg im ICE. Mehr zu ihm gibt es unter nilsmueller.info

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