Verschollenes Eis und absolute Ordnung [Medienmenü 48-49/2016]

Weihnachtszeit… Man würde ja vermuten, dass der kalte Winter mich noch mehr dazu bringt, es mir in meinem Lesesessel bequem zu machen. Doch stattdessen bin ich (gefühlt) nur noch auf Achse. Zwei TV-Serien, zwei Romane, ein Computerspiel und ein Konzert haben es aber immerhin trotzdem auf mein Medienmenü geschafft.

Gesehen: Gilmore Girls, Staffel 7 (TV-Serie)

Da ist sie nun also auserzählt, die ursprüngliche Geschichte von Rory und Lorelai Gilmore und den schrägen aber sympathischen Einwohnern der Kleinstadt Stars Hollow. Die siebte Staffel hatte zwar immer noch den typischen Humor der Serie, wirkte aber wieder erwachsener und an einigen Stellen auch dunkler als vorherige Staffeln. Aber das geht vermutlich nicht anders, den beide Hauptfiguren sind halt auch erwachsen(er) geworden.

Stärker gestört hat mich, dass das Erzähltempo doch massiv zugenommen hat und manche Ereignisse, die in früheren Staffeln noch in einem Bogen über mehrere Folgen erzählt worden wären, hier in einer Folge komprimiert und damit fast schon stilisiert wurden. Ich weiß nicht, ob das bewusst geplant war, oder hier Ideen für mindestens eine weitere Staffel noch mit in die (vorerst) letzte gequetscht werden sollten.

Im großen und ganzen ist die siebte Staffel aber ein würdiger Abschluss dieser wunderbar unterhaltsam-komischen Serie. Demnächst machen wir uns dann an die Neuauflage, auch wenn ich durchaus skeptisch bin, ob man das Rezept einfach so in die Zukunft spinnen kann.

Angefangen: The Expanse, Staffel 1 (TV-Serie)

Nach den zuckerigen Gilmore Girls muss dann mal wieder ein bisschen was Dunkleres her. Und was liegt mir als Science-Fiction-Leser da näher als die filmische Umsetzung der Reihe The Expanse von James S.A. Corey, die gerade bei Netflix gelandet ist?

Die Serie erzählt – wie die Buchreihe – die Geschichte von Erde, Mars und den Beltern – also den Menschen, die auf den Asteroiden arbeiten, um dort Rohstoffe abzubauen, und in Raumstationen leben. Dabei droht ein Zwischenfall mit einem Eis-Frachter, der lebenswichtiges Wasser zu einer Raumstation um Ceres bringen sollte, die Spannungen zwischen Erde und Mars weiter zu verschärfen und einen Krieg auszulösen. Währenddessen ist der Privatpolizist Miller auf der Suche nach der verschwundenen Tochter eines Handelsmagnaten, die mit diesem Zwischenfall in Verbindung stehen könnte.

Die ersten Folgen haben mich auf jeden Fall schon fesseln können, auch wenn ich das zugrunde liegende Buch – Leviathan erwacht – vor einigen Jahren bereits gelesen habe. Set- und Sound-Design sind meist sehr dunkel und dadurch sehr atmosphärisch. Die komplexe Geschichte ist gut eingefangen, die Inszenierung braucht aber ein wenig Zeit zur Eingewöhnung.

Abgebrochen: A Man in Full von Tom Wolfe (Roman)

Man in Full von Tom WolfeAuf eine Empfehlung in dem Buch A Guide to the Good Life von William B. Irvine, habe ich mich mal in die amerikanische literary fiction gewagt und mir diesen Trumm von 750 Seiten vorgenommen. Dabei haben sich mal wieder meine Vorurteile gegenüber diesem Genre bestätigt – positive wie negative.

Tom Wolfe erzählt die Geschichte unterschiedlicher Männer, die an einem Scheideweg stehen: Da ist der Immobilien-Entwickler Crocker, der sich verzockt hat und dessen Imperium unter seinen Füßen zerbröselt. Da ist der Lagerarbeiter Conrad, der seinen Job verliert, und schließlich der schwarze Anwalt White, der einen Fall bearbeitet, welcher die fragile Balance zwischen Weißen und Schwarzen in Atlanta kippen lassen könnte.

Was sind das jetzt also für Vorurteile, von denen ich spreche? Fangen wir mal mit den positiven an: Tom Wolfe greift das Thema des (mehr oder weniger) latenten Rassismus und der sozialen Ungleichheiten in den USA hervorragend auf und lässt seine Hauptfiguren diese Spannungen deutlich wiederspiegeln. Er schafft es zudem, eindrucksvolle Szenen zu erzeugen, die gleichzeitig real und trotz ihrer imposanten Ausstattung theatralisch-inszeniert wirken.

Während Wolfe auf diese Weise eine dichte Atmosphäre schafft, kommt die Handlung leider überhaupt nicht voran. Zu Hälfte des Romans ist noch immer nicht viel passiert, was über die zu Beginn angelegten Ereignisse hinausgeht. Keine Überraschung und – mit einer Ausnahme – keine Entwicklung der Figuren. Da mich zudem die spezifische Situation in Atlanta nicht so sehr interessiert, dass ich dafür zwei weitere Wochen darauf verzichten würde, andere Bücher zu lesen, habe ich den Ausflug beendet.

Angefangen: The Magic of Recluce von L.E. Modesitt (Roman)

The Magic of Recluce von L.E. ModesittVon den Spannungen in Atlanta ging es dann direkt in das magische Reich von Recluce, eine Insel auf der alles seine Ordnung hat und junge Menschen, die sich nicht nahtlos in diese Ordnung einfügen, auf Wanderjahre gehen müssen oder dauerhaft in das Exil geschickt werden. Ein solcher junger Mann ist Lerris, dem Ordnung und Perfektion zu langweilig erscheinen und der deswegen in die weite Welt geschickt wird, um sich selbst zu finden und dabei – möglicherweise – den Wert der Ordnung zu erkennen.

L.E. Modesitts Reihe um das Inselreich Recluce umfasst mittlerweile 18 Romane und scheint mir immer noch so etwas wie ein Geheimtipp zu sein, über den nicht viel gesprochen wird, der aber alle, die ihn lesen, begeistert. So geht es auch mir, der ich diese Reihe schon seit bestimmt 15 Jahren auf meiner “zu lesen”-Liste stehen hatte. Nachdem der Verlag Tor den zweiten Band der Reihe kürzlich verschenkt und den ersten massiv reduziert hat, war es dann aber doch mal an der Zeit.

Und was ich bisher gelesen habe – ca 65 Prozent des ersten Bandes – hat mich sehr überzeugt. Gerade die Welt ist extrem spannend konstruiert. Die Spannung zwischen Ordnung und Chaos wirkt zwar auf den ersten Blick eher generisch, ist aber hervorragend und schlüssig in die Welt integriert. Dabei wirkt diese gleichzeitig lebendig-glaubwürdig und irgendwie stilisiert und auf eine bestimmte Aussage hin ausgerichtet. Gleiches gilt für den Plot, der bislang fast wie ein Lehrstück für die klassische Heldenreise erscheint.

Gespielt: Open Transport Tycoon Deluxe (PC-Spiel)

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Bislang hat Transport Tycoon immer sehr schnell seinen Reiz für mich verloren, weil ich mühsam für jede neue Zugverbindung neue Gleise gebaut habe. Ich hatte nicht wirklich durchschaut, wie ich Gleise und Signale geschickt einsetzen kann, um mehrere Züge über dieselben Strecken fahren zu lassen. Ein kleiner Tipp, den ich online gefunden habe, hat das geändert. Jetzt können sechs Erzminen ein Stahlwerk beliefern und nutzen dabei auf einem Großteil der Strecke dieselben Gleise wie Passagierzüge oder der Warentransport von der Fabrik in die Stadt.

Da sich dadurch auch alle Geldsorgen auflösen, wird das Spiel mehr und mehr zu einem Puzzle, indem es darum geht, sich eigene Ziele zu definieren und möglichst reibungslose Transportketten zu bauen. Ewigkeiten wird mich das wohl auch nicht fesseln können, aber es macht immerhin schon länger Spaß als vorher.

Gehört: impressions électroniques – Marc Romboy reconstructing Debussy (Konzert)

Gestern startete im Konzerthaus Dortmund die Reihe “Konzerte für junge Leute”, bei der die Dortmunder Philharmoniker etwas ungewöhnliche und “jüngere” Wege beschreiten. Beim ersten Konzert dieser Saison hieß es dabei wieder Groove Symphony.

Wie schon in den vergangenen Jahren luden die Dortmunder dazu eine Größe der elektronischen Musik ein, sich mit einem klassischen Werk auseinanderzusetzen und ein entsprechendes Arrangement auf die Bühne zu bringen. Dieses Jahr war es Marc Romboy, der sich Claude Debussy widmete. Es gab also klassische Klangteppiche, die von elektronischen Rhythmen strukturiert wurden. Sehr eindrucksvoll und immer wieder spannend zu sehen, wie musikalische Welten verschwimmen können.

Nils Müller
bringt nicht nur anderen Schreiben bei, sondern schreibt auch selbst leidenschaftlich gerne. Als Soziologe interessiert er sich für die Gesellschaft genauso wie für Wissenschaft und die Frage nach dem guten Leben. Er lebt und liest in Dortmund, Bielefeld und auf dem Weg im ICE. Mehr zu ihm gibt es unter nilsmueller.info

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