Revolutionen und ein Blick in die Zukunft mit Barack Obama [Medienmenü 44-45/2016]

Nach dem Brettspiel-Spezial vor zwei Wochen gibt es diesmal eine bunte Mischung: Religion für Atheisten von Alain de Botton, zwei Science-Fiction-Romane eine Inszenierung des Schauspiels Dortmund und ein Berliner Museum. Und dann ist da natürlich noch die aktuelle Ausgabe der us-amerikanischen Wired, die von Barack Obama als Gastherausgeber begleitet wurde…

Gelesen: Religion for Atheists von Alain de Botton

religion-for-atheists-pbIrgendwie hat das Buch eine Weile gelegen, bevor ich mich erst gestern Abend wieder daran gesetzt habe. Und jetzt frage ich mich, warum ich damit so lange gewartet habe? Alain de Botton setzt sich weiter damit auseinander, welche Aspekte der organisierten Religion auch für das säkulare Leben eine Relevanz haben könnten und sollten.

Er beschreibt in Bereichen wie der Bildung oder dem Pessimismus, wie die Religion durch ihre Strukturen, ihre Texte und ihre Symbole die Menschen dabei unterstützt, ein “gutes Leben” zu leben. Einfach in dem sie die Gesundheit des Geistes bzw. der Seele auf dieselbe Ebene stellt wie die des Körpers. Sie erinnert die Menschen kontinuierlich daran, dass sie unperfekt und fehlerhaft sind und damit gerade dem modernen Druck der Optimierung und der Selbstkontrolle ein wichtige Korrektiv gegenüber stellt.

Gerade in Zeiten in denen wir non-stop kommerziellen Reizen wie Werbung ausgesetzt sind, hält de Botton einen Ausgleich für nötig, der sich nachhaltig und tiefgreifend auf unser seelisches Wohlbefinden richtet. Er plädiert dabei nicht für mehr Religion, sondern dafür, säkulare kulturelle Werte auf eine ähnliche Weise im Leben der Menschen zu etablieren, wie Religionen das mit ihren tun: durch ständige Erinnerungen und strukturierte Wiederholung in der Öffentlichkeit und im Alltag.

Gelesen: Nemesis Games von James S.A. Corey (Roman)

nemesisgamesDer fünfte Band der Expanse-Reihe von James S.A. Corey bringt die Handlung wieder zurück in das Sonnensystem. In ihr zerstreuen sich die Crewmitglieder der Rosinante im ganzen Sonnensystem und erleben so aus unterschiedlichen Perspektiven das Ende der ihnen bekannten Ordnung.

In diesem Roman schafft es Corey zum ersten Mal, mir die Figuren wirklich nahe zu bringen. Er greift ihre Vergangenheit auf und erdenkt dann einen epischen und doch gleichzeitig nachvollziehbaren Konflikt, in dessen Mitte sie um ihr Überleben kämpfen müssen. Das macht den Roman für mich bisher zum absoluten Highlight der Reihe.

Eine ausführliche Rezension findet ihr bereits bei Weltenflüstern.

Gelesen: A Closed and Common Orbit von Becky Chambers (Roman)

!!! Spoilerwarnung für A Long Way to a Small Angry Planet !!!

closedorbitBecky Chambers’ Roman A Long Way to a Small Angry Planet war für mich eine der Entdeckungen dieses Jahres. Mit A Closed and Common Orbit ist jetzt der Nachfolger erschienen, in dem sie zwei Mitgliedern der Wayfarer-Crew auf ihren Heimatplaneten folgt: Der Ingenieurin Pepper und der künstlichen Intelligenz Lovelace.

Ähnlich wie James S.A. Corey zoomt sie dabei näher an die Figuren heran und erzählt parallel die Geschichte des genetisch optimierten Mädchens Janet und der in einen künstlichen Körper transferierten künstlichen Intelligenz Lovelace, die von Pepper und ihrem Partner Blue aufgenommen wird.

Chambers gelingt es, den Charme ihres Debutromans auch in das zweite Buch zu übernehmen, auch wenn durch die fehlende Interaktion innerhalb der Crew viel an sozialer Dynamik und Humor verloren geht. Dafür kann sie natürlich die einzelnen Figuren stärker in den Fokus nehmen.So wirkt der Roman zwar etwas statisch, gewinnt aber an psychologischer Tiefe.

Gesehen: Triumph der Freiheit #1 im Theater Dortmund (Theaterstück)

(c) Theater Dortmund

Das Stück Triumph der Freiheit #1 des französischen Autors Joël Pommerat beschreibt den Beginn der französischen Revolution. Es beginnt mit der Einberufung der Generalstände, einem dreifachen Parlament des Adels, des Klerus‘ und der freien Bürger. Schließlich erklären die freien Bürger ihre Versammlung zur Nationalversammlung und lösen damit die gewaltsame französische Revolution aus.

Wer nach dieser Beschreibung eine textlastige und staubtrockene historische Inszenierung erwartet, liegt nur zum Teil falsch: Tatsächlich ist das jetzt im Dortmunder Megastore aufgeführte Stück mit drei Stunden (inkl. Pause) relativ lang und sehr textlastig. Die Inszenierung wartet jedoch mit der für das Dortmunder Schauspiel typischen Dynamik und Energie auf: Eine zentrale Rolle spielt dabei das karge Bühnenbild, das sich um und auf einer geferderten schwebenden Ebene gruppiert, und der – ebenfalls aus Dortmund sattsam bekannte – Einsatz von Videoprojektion .

Eine vollständige Beschreibung des Stücks mit all seinen Ebenen und Themen würde den Rahmen dieses Menüs sprengen. Doch der Kampf der Bürger um eine neue Gesellschaftsordnung und die Dynamiken und Entwicklungen, die dieser hervorbringt, lassen sich nicht nur historisch verstehen, sondern gerade am Samstag nach der Wahl in den USA auch als Kommentar auf die gegenwärtige politische Lage.

Besucht: Bauhaus Archiv, Berlin (Museum)

bauhausarchivSeit meinem ersten Besuch im Bauhaus-Museum in Weimar hat mich die Faszination gepackt. Nicht so sehr für die konkreten Gestaltungsideen oder die Kunstwerke, sondern für die konsequente Umsetzung eines Bildungsideals: der Kombination aus künstlerischer und industriell-wissenschaftlicher Ausbildung. Im Bauhaus wurden Künstler und Gestalter nicht nur als solche ausgebildet, sondern mussten auch eine grundständige Ausbildung als Handwerker durchlaufen. Auch in den Inhalten der Ausbildung waren immer beide Dimensionen präsent.

Diese Aufhebung der mittlerweile doch recht strengen Trennung zwischen “harter” Wissenschaft und “weicher” Kunst zeigt das Bauhaus Archiv in Berlin sehr eindrucksvoll – zumindest wenn man den kostenlosen Audioguide nutzt, um sich die Hintergründe zum Bauhaus im Allgemeinen und den einzelnen Exponaten im Speziellen erklären zu lassen. Dabei ist das Archiv in Berlin umfangreicher als das Museum in Weimar, da es die gesamte Zeit des Bauhauses von 1919 bis 1933 abdeckt.

Wer sich für die Trennung und/oder Verbindung von Wissenschaft und Kunst interessiert, sollte das Bauhaus-Archiv daher unbedingt auf die Liste für den nächsten Berlin-Besuch setzen.

Gespielt: Civilization VI (Computerspiel)

Civilization VI

In den letzten Wochen hatte ich dann auch endlich ein wenig Zeit, mich diesem gerade erschienenen Strategie-Schwergewicht zu widmen. Dem Tenor der Rezensionen kann ich mich dabei in den positiven wie den negativen Aspekten anschließen: eine nahezu unüberschaubare Vielfalt von Möglichkeiten, Mechaniken und Kombinationen ist dabei auch in der dritten Partie noch fast überwältigend, zumal mit der Verwaltung der Städte ein sehr grundlegender Baustein des Spiels massiv überarbeitet worden ist.

Gleichzeitig gewinnt das Spiel auf diese Weise auch eine gewaltige Tiefe und man bekommt als Spieler vielleicht den Hauch eines Gefühls dafür, wie sich ein gewisser designierter US-Präsident gerade fühlen muss…

Leider bildet die künstliche Intelligenz der Computergegner diese Tiefe nicht ab. Hier wird, civilization-typisch, immer noch in erster Linie mit massiven Boni gearbeitet, die Einheiten stärker machen, sowie den Bau und die technologische Entwicklung der Computerspieler beschleunigen. Schade, Firaxis, hier hätte nicht nur ich mir mehr Cleverness und ein “menschlicheres” Verhalten gewünscht.

Das ändert jedoch nichts daran, dass mich Civilization VI als erstes Civilization nach Civ 3 wieder so richtig wird fesseln können.

Angelesen: Wired (US) November 2016 (Zeitschrift)

wiredDie us-amerikanische Wired war zwar inhaltlich immer unglaublich interessant, in Deutschland war es – zumindest über Android – jedoch nicht möglich, an eine digitale Ausgabe zu kommen. Nachdem ich mitbekommen hatte, dass niemand anderes als der scheidende US-Präsident Barack Obama die aktuelle Ausgabe als Gastherausgeber betreut hat, habe ich doch nochmal einen Blick in den Play Kiosk geworfen und, siehe da, die us-amerikanische Wired kann für sage und schreibe 1,80 Euro jetzt auch in Deutschland abonniert werden.

Ich habe noch nicht wirklich viel gelesen, doch die Auswahl der Themen – für die in erster Linie Barack Obama verantwortlich ist – zeigt mir mal wieder was für einen sympathischen und zukunftsgewandten US-Präsidenten wir verlieren. Und wie beschränkt und provinziell selbst die guten europäischen Politiker im Gegensatz dazu wirken…

Nils Müller
bringt nicht nur anderen Schreiben bei, sondern schreibt auch selbst leidenschaftlich gerne. Als Soziologe interessiert er sich für die Gesellschaft genauso wie für Wissenschaft und die Frage nach dem guten Leben. Er lebt und liest in Dortmund, Bielefeld und auf dem Weg im ICE. Mehr zu ihm gibt es unter nilsmueller.info

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