Zukünftige Menschheiten und ein schwarzer Spiegel [Medienmenü 4-5/2017]

Anderthalb Wochen auf dem Krankenlager helfen dann doch dabei, das Medienmenü zu füllen. Damit es heute nicht überquillt, verschiebe ich ein paar Dinge auf nächste Woche. So gibt es heute “nur” drei Romane, zwei TV-Serien, einen Film und ein PS4-Spiel.

Abgeschlossen: Seveneves von Neal Stephenson

Von den ersten zwei Dritteln des Romans war ich ja wirklich begeistert, auch wenn sie Stephenson-typisch ausschweifend und umfangreich daher kamen. Hier stimmte einfach alles: die Geschichte, die Atmosphäre und sogar die Figuren. Das in Kombination mit extrem detaillierten technischen Erklärungen und glaubwürdigen sozialen Dynamiken.

Nach zwei Dritteln macht das Buch dann einen großen Zeitsprung und ich habe mich wie in einem komplett neuen – und wesentlich schwächeren – Roman gefühlt. Dabei ist das World-Building tatsächlich äußerst spannend und es ist unglaublich zu sehen, was Stephenson aus der doch eher düsteren Ausgangslage entstehen lässt. Es fehlt mir jedoch vollkommen an einer Geschichte, die die Handlung vorantreibt, und an interessanten Figuren, mit denen ich mich identifizieren könnte. Auch das Ende ist unbefriedigend.

Seveneves ist in den ersten zwei Dritteln Neal Stephenson vom Feinsten, im letzten Drittel baut es leider massiv ab und wird zäh und anstrengend.

Abgeschlossen: Elementary, Staffel 3

Hui, was ein Finale dieser dritten Staffel der nach wie vor extrem sehenswerten Sherlock-Holmes-Adaption. Die Dynamik um die “dritte Frau”, Kitty, über die ich mich zu Beginn dieser Staffel gefreut hatte, löst sich leider relativ bald wieder auf, die Staffel bleibt aber irgendwie anderes als die vorherigen. Meine Vermutung, dass die Fälle komplexer und verschachtelter werden, hat sich auf jeden Fall bewahrheitet und mit dem Finale heben die Macher die Serie noch mal komplett in neues Fahrwasser.

Angelegt wird das schon in der dritten Staffel, in der Watson immer mehr zu einer wirklich gleichberechtigten Ermittlerin wird und auch Marcus Bell als Figur eine stärkere Position einnimmt, die er auch in die vierte Staffel hinein behält. Wir schauen auf jeden Fall fleißig weiter und sind mittlerweile schon recht weit in die vierte Staffel vorgedrungen. Die Eindrücke schildere ich dann nächste Woche ausführlicher.

Abgeschlossen: Uncharted 4

Uncharted 4: A Thief’s End

Noch ein fulminantes und schließlich auch emotionales Finale, wenn auch mit mehr Knall und Bumm als bei Elementary, bietet Uncharted 4. Von anspruchsvollen Kletterpassagen über ein intensives Feuergefecht zwischen mehreren Piratenschiffen bis zu einem dramatischen Gefecht im wahrsten Sinne bieten die letzten Kapitel nochmal alles auf, was dieses Spiel so gut gemacht hat; auch wenn ich manchmal ein wenig das Herr-der-Ringe-Gefühl hatte: Jetzt ist es aber vorbei. Ach ne, doch nicht…

Besonders gestört hat mich, dass das letzte Gefecht ein neues Kampfsystem einführt, an das ich mich erstmal gewöhnen musste. Gefühlt bin ich an der Stelle so oft gestorben, wie zuvor über die gesamte Spieldauer. Sehr schön gelöst ist hingegen der Abschluss der Geschichte, der dem Untertitel The End of a Thief gerecht wird, aber durchaus noch Möglichkeiten für Sequels offen ließe. Der Epilog ist dann schließlich herzallerliebst an der Grenze zu kitschig, aber vielleicht muss ein derartiges Spiel auch einfach so enden.

Gesehen: Fantatstische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Es hat ein wenig gedauert, bis wir es zu Newt Scamander ins Kino geschafft haben, aber was lange währt, wird dann doch endlich gut. Mir hat der Film sehr gut gefallen: eine nette Geschichte mit vielen Verbindungen in das bekannte Potterverse, tolle Spezialeffekte für liebevoll gestaltete Tierwesen und ein magisches New York, das so ganz anders ist, als das Großbritannien, das wir kennen.

Gerade die berückende Atmosphäre unter den verfolgten Magiern, die Angst vor der Entdeckung und der großen Gefahr aus den eigenen Reihen hat mich hier überzeugt. Sie steht aber im Gegensatz zu der bunten Bildsprache und dem leicht tollpatschigen Newt, der vielleicht ein bisschen zu naiv in das Zentrum des nahenden Sturms stolpert. Aber damit knüpft der Film an die Stärken der mittleren Potter-Bände an, die ja auch große Gefahr in bunten Farben gemalt haben.

Ich wage allerdings zu bezweifeln, dass Fantastische Tierwesen als eigenständiger Film ohne Anbindung an das Harry-Potter-Universum funktioniert hätte. Zu sehr lebt der Film von Verbindungen und Anspielungen. Das ist an sich nicht schlimm, verhindert aber, dass ich mich restlos von ihm begeistern lasse.

Angefangen: Too Like the Lightning von Ada Palmer

Über Too Like the Lightning wusste ich nur, dass er immer wieder auf Bestenlisten für das Jahr 2016 auftaucht. Und schon nach wenigen Seiten war mir klar, warum: Der Roman erzählt die Geschichte der Menschheit im 25. Jahrhundert und was ist das für eine Zukunft. Unsere Gesellschaft hat sich komplett gewandelt und basiert nicht mehr auf Nationen und Familien, sondern auf Hives (übersetzt am besten als “Insektenvölkern”) und Bashes (“Haufen”?). Es gibt exklusive Sprachen, ein zentralisiertes Transportsystem, universelle Tracker, eine Kaste verurteilter Krimineller als universelle Sozialarbeiter und so einiges mehr.

Aber nicht nur die Welt ist extrem faszinierend, sondern auch die Erzählweise, die sich an dem klassischen Stil englischer Romane aus dem 18. / 19. Jahrhundert orientiert. Dabei fungiert eine Figur gleichzeitig als quasi-allwissender Ich-Erzähler und durchbricht regelmäßig die vierte Wand zu einem wiederum fiktiven Leser in der noch fernen Zukunft. Dabei rechtfertigt sie Erzähl-Entscheidungen und erläutert dem Leser die für ihn vergangene Welt.

Es braucht ein wenig, sich an diese ungewöhnliche Form und die dazu gehörige recht blumige Sprache zu gewöhnen, doch das ist es auf allen Ebenen wert. Inwieweit die Handlung auch überzeugen kann, fällt mir bei 40% noch etwas schwer einzuschätzen.

Angefangen: Black Mirror, Staffel 1

Kaum haben wir uns an diese doch extrem dunkle Serie gewagt und die erste Folge The National Anthem gesehen, mussten wir auch gleich wieder eine Pause einlegen. Hui. Ein britischer Premierminister, der dazu gebracht wird, sich vor laufenden Kameras mit einem Schwein zu vergnügen? Auf die Idee muss man erstmal kommen; und sie dann auch noch so vollkommen ironiefrei umsetzen und damit einen unglaublichen Effekt beim Zuschauer erzielen? Das ist böse. Aber es funktioniert. Selten ist mir eindrucksvoller vor Augen geführt worden, wie wir uns “zu Tode amüsieren”, wobei mittlerweile vielleicht die Ergänzung “und empören” angemessen wäre.

Ich glaube, Black Mirror wird es bei uns nur in kleinen Dosen geben. Die hallen dann aber entsprechend nach.

Angefangen: Teufelsgold von Andreas Eschbach

Mittlerweile ist es fast schon so etwas wie eine Tradition, dass ich mir den neuen Roman von Andreas Eschbach von Matthias Koeberlin vorlesen lasse. Das geht so weit, dass ich Koeberlin tatsächlich für die Stimme von Andreas Eschbach halte…

Im aktuellen Roman geht es um ein antiquarisches Buch, das eine Geschichte vom Stein der Weisen erzählt. Es fällt dem Anlageberater Henrik Buske in den Hände, während er eigentlich gerade ein Seminar für seinen Arbeitgeber halten sollte. Er erlebt eine Art von Erweckung und plant, in Zukunft Seminare unter dem Titel “Die Alchemie des Reichtums” anzubieten. Das Buch wird ihm allerdings geklaut und das ist bislang auch mehr oder weniger der einzige Hinweis darauf, dass Teufelsgold mehr sein könnte, als die Geschichte des (bislang) kometenhaften Aufstiegs von Henrik Buske als Reichtumsguru.

Bislang ist das Buch ein typischer Eschbach, irgendwo zwischen Eine Billion Dollar und Das Jesus Video. Es macht Spaß zu hören und es scheint, als hätte Eschbach wieder eine Message verpackt. Mal sehen, wie sich das entwickelt…

Nils Müller
bringt nicht nur anderen Schreiben bei, sondern schreibt auch selbst leidenschaftlich gerne. Als Soziologe interessiert er sich für die Gesellschaft genauso wie für Wissenschaft und die Frage nach dem guten Leben. Er lebt und liest in Dortmund, Bielefeld und auf dem Weg im ICE. Mehr zu ihm gibt es unter nilsmueller.info

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