Deutsche SF und eine Autoren-Dynastie im All [Medienmenü 12-14/2017]

Nach einer Woche Urlaub bei bestenfalls mittelmäßigem Wetter platzt das Medienmenü diese Woche aus allen Nähten. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf deutschsprachiger Science-Fiction, die im Mittelpunkt der nächsten Weltenflüstern-Folge stehen soll. Es gibt aber auch andere Romane und gleich zwei TV-Serien.

Abgeschlossen: New York 2140 von Kim Stanley Robinson (Roman)

Zu Kim Stanley Robinsons Science-Fiction-Romanen habe ich ein etwas gespaltenes Verhältnis: Sie stecken meist voller spannender Ideen über die Zukunft des Menschen im All, neigen aber dazu, ausschweifend zu sein und sich in Details zu verlieren. Da ich Ende März aber zu einer Lesung des Autors nach Berlin gefahren bin, habe ich mir seinen neuen Roman – New York 2140 – gleich zu Beginn zu Gemüte geführt und dabei ebenso wie auf der Lesung eine weitere Seite von Kim Stanley Robinson entdeckt: die politische.

New York 2140 ist nämlich nicht nur ein Roman, der uns einen Einblick in das durch die Folgen des Klimawandels überschwemmte New York gibt, sondern auch Robinsons persönliche Abrechnung mit dem Kapitalismus. Während seine Ideen über das Leben in New York und die grundsätzliche Anlage seines Romans durchaus überzeugen können, fehlt es Handlung und Figuren aber gerade in der zweiten Hälfte doch deutlich an Tiefe. Hier fokussiert Robinson in meinen Augen zu stark auf das politische Engagement seiner Figuren, ohne wirklich eine Geschichte zu erzählen. New York 2140 ist dadurch teilweise mehr Manifest als Roman.

Abgeschlossen: Star Trek: The Next Generation, Staffel 1 (TV-Serie)

Langsam aber stetig schließe ich jetzt auch meine Bildungslücke, was Star Trek angeht, und bin jetzt immerhin am Ende der ersten Staffel der zweiten Serie angekommen. Mir gefallen die Reisen von Jean-Luc Picard und seiner Crew gut, aber die Unterschiede zu The Original Series (TOG) sind doch deutlich: Während Erzählweise und Produktion weit weniger angestaubt und veraltet wirken, scheint mit die Serie im Ganzen weniger thematisch und philosophisch zu sein.

Gehört: Die Krone der Sterne von Kai Meyer (Hörbuch)

Nachdem ich mich in der zehnten Episode meines SF-Podcasts ja ein wenig despektierlich über die deutsche Science-Fiction geäußert hatte, habe ich für die zwanzigste nun ein Special zu eben jener Literatur geplant. Das erste Buch, das ich hier rezensieren will, ist der neue Roman von Kai Meyer, sicherlich einer der etabliertesten deutschen Phantastik-Autoren.

Die Krone der Sterne ist eine sehr klassische Space Opera, bei der weniger philosophische Themen, die Figuren oder die Handlung im Mittelpunkt stehen, sondern beeindruckende Settings und Umgebungen. So folgen wir in diesem Roman der Baroness Iniza und ihrem Geliebten auf der Flucht vor den scheinbar allmächtigen Hexen auf der Suche nach ihrem Onkel, dem Piratenanführer. Glücklicherweise sind Personen und Settings bei weitem nicht so klischeebeladen wie dieser Handlungsabriss.

Für mich war Die Krone der Sterne sehr nett zu hören und eignet sich in meinen Ohren auch besonders gut als Hörbuch. Es ist nicht besonders anspruchsvoll oder tiefgründig, dafür unterhaltsam und recht einfach nachzuvollziehen – eben solide Popcorn-Science-Fiction mit starkem Fantasy-Einschlag.

Gelesen: Grauwacht von Robert Corvus (Roman)

Ein weiterer deutscher Roman – auf den ich über meine Podcast-Kollegen von Schriftsonar aufmerksam geworden bin – ist Grauwacht von Robert Corvus. Er nimmt uns mit auf einen fremden Planeten, auf dem die Menschen mit einem anderen intelligenten Volk – den Sassek – eine auf den ersten Blick seltsame Vereinbarung getroffen haben: den Menschen gehört die Nacht, den Sassek hingegen der Tag. Dabei dauern diese Phasen aber nicht nur zwölf Stunden sondern mehrere unserer Jahrzehnte. Die Einhaltung dieses Abkommens wird von der namesgebenden Grauchwacht kontrolliert, einer Spezialtruppe von Menschen, die Verbindung zu dem mysteriösen Plexo aufnehmen können und von einer seltsamen Substanz beseelt sind, die ihnen besondere Fähigkeiten und Kräfte verleiht.

Vor diesem Hintergrund entwickelt Corvus eine spannende Fantasy-Geschichte, die sich ausführlich mit der Dynamik zwischen den beiden Völkern auseinandersetzt und die Spannung zwischen ihnen schön herausarbeitet.

Gelesen: Die Welten der Skiir 1: Prinzipat von Dirk van den Boom (Roman)

Der letzte und beste der drei deutschen SF-Romane ist für mich der erste Band der Skiir-Trilogie von Dirk van den Boom, Prinzipat. Er erzählt die Geschichte der Menschheit, die von den Skiir erobert und als Protektorat annektiert wurde. Nach zweihundert Jahren in einer Art galaktischem Welpenschutz treten die Menschen zu Beginn des Romans dem Imperium der Skiir als vollwertiges Mitgliedsvolk bei. Sie entsenden dazu eine Delegation zur Zentralwelt der Skiir und erhalten dort eine Stimme (von 900!) im Rat. Doch bald wird klar, dass die Menschen mehr sind als nur ein weiteres Mitgliedsvolk, denn die Erde spielt eine wichtige Rolle für den galaktische Widerstand gegen die Skiir.

Prinzipat ist für mich der einzige reinrassige Science-Fiction-Roman aus dem deutschen Trio und noch dazu mit Abstand der überzeugendste. Van den Boom entwickelt die Idee der schwachen Menschheit, die das erste mal eine ihr fremde galaktische Bühne betritt, äußerst eindrucksvoll. Dabei macht er jedoch immer deutlich, dass nicht jede Figur ist, was sie zu sein scheint und das hinter der erzählten Geschichte ganz andere Geheimnisse lauern. Der erste Band ist dabei natürlich primär Exposition und ich bin sehr gespannt auf Band zwei und drei.

Gelesen: Arkwright von Allen Steele (Roman)

Nach diesem Ausflug in die für mich ungewohnte deutsche Science-Fiction ging es dann wieder zurück in den anglo-amerikanischen Raum mit dem Meta-Roman Arkwright von Allen Steele. Steele erzählt hier die Geschichte des fiktiven SF-Autors Nathan Arkwright, der in einer Reihe neben Heinlein, Clarke und Asimov steht. Mit seinem Nachlass richtet er schließlich eine Stiftung ein, deren Ziel es ist, das erste bemannte interstellare Raumschiff der Menschen auf den Weg zu schicken.

Der Roman begleitet die Familie Arkwright nun über Generationen hinweg bei dem Versuch, ein solches Schiff zu konstruieren und den Start zu organisieren. Dabei bleiben technische und ethische Fragen im Hintergrund, Steele konzentriert sich vielmehr auf die Figuren und die Familiendynamiken. Und auch nach dem erfolgreichen(?) Start des Schiffs ist die Geschichte immer noch nicht zu Ende.

Arkwright war für mich auf jeden Fall das absolute Highlight der letzten Wochen. Was beginnt wie ein ultimativer Fan-Service und eine Dramatisierung der Geschichte der us-amerikanischen Science-Fiction, wird zu einem Generationenroman über eine Familie, die vom Traum nach dem Leben im All beseelt ist.

Gelesen: Perry Rhodan, Band 2901 bis 2903 (Heftromane)

Man mag es kaum glauben, aber nach dem überzeugenden Start in den neuen Zyklus mit Heft 2900 bin ich Perry Rhodan in den letzten Wochen treu geblieben und habe ihn weiter auf seiner Reise begleitet. Und auch die folgenden Bände haben – im Rahmen der üblichen Schwankungen – durchweg Spaß gemacht: ein klassischer “Wir stellen ein neues Volk vor”-Roman, ein actionreicher Gefängnisausbruch und ein Kriminalroman haben da auch für die nötige Abwechslung gesorgt.

Fast tausend Bände nach meiner “Erstinfektion” bleibe ich also mal wieder in diesem Universum hängen. Mal schauen, was so passiert und – wer weiß – vielleicht bin ich ja bei Band 3000 immer noch mit dabei. Bei Band 2000 war ich sogar freiwilliger Helfer auf dem Worldcon in Mainz…

Gesehen: The Good Wife, Staffel 1 (TV-Serie)

Huch, da war es ja schon vorbei… Wesentlich geeigneter für ein ausführliches Binge-Watching als Star Trek ist die Anwaltsserie The Good Wife, die der Anwältin Alicia Florrick folgt, deren Mann Peter – ein leitender Staatsanwalt – zu Beginn der ersten Staffel der Korruption und der (sexuellen wie finanziellen) Untreue beschuldigt wird und ins Gefängnis wandert. Alicia muss daher ihre Arbeit als Anwältin wieder aufnehmen, um die beiden Kinder Zach und Grace zu ernähren. Sie findet eine befristete Stelle als Junior Associate in der Firma Stern, Lockhart & Gardner, muss hier aber mit dem jungen Cary Agos um die begehrte unbefristete Associate-Stelle konkurrieren.

The Good Wife beginnt wie eine klassische Krimi- bzw. Anwaltsserie, bei der in jeder Folge ein oder mehrere Fälle im Mittelpunkt stehen, die gelöst werden sollen. Doch schon bald werden die Dynamiken zwischen den Figuren wesentlich wichtiger als die eigentlichen Fälle. Wie entwickelt sich das Duell zwischen Alicia und Cary? Welche Geheimnisse verbirgt Kalinda, die Ermittlerin der Anwaltskanzlei? Was passiert mit Peters Prozess? Und was mit der Ehe zwischen Peter und Alicia? Hier vermischt die Serie geschickt und elegant Elemente einer hochwertigen Soap-Opera mit den eigentlichen Anwaltsgeschichten.

Nils Müller
bringt nicht nur anderen Schreiben bei, sondern schreibt auch selbst leidenschaftlich gerne. Als Soziologe interessiert er sich für die Gesellschaft genauso wie für Wissenschaft und die Frage nach dem guten Leben. Er lebt und liest in Dortmund, Bielefeld und auf dem Weg im ICE. Mehr zu ihm gibt es unter nilsmueller.info

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.