Über die Lebenskunst und die Freundschaft mit sich selbst

Wir fühlen uns gerne frei. Wir lieben das Gefühl, ungebunden zu sein und den eigenen Interessen und Neigungen nachgehen zu können, ohne dabei von gesellschaftlichen Erwartungen und religiösen Konventionen eingeschränkt zu werden. Doch gleichzeitig müssen wir lernen, mit dieser Freiheit umzugehen. Mit seinem Konzept der Lebenskunst gibt uns der Philosoph Wilhelm Schmid einen Leitfaden an die Hand.

Die Freiheit, unser Leben zu gestalten, wie wir es wollen, bedeutet gleichzeitig eine Verpflichtung, für uns selbst herauszufinden, was wir denn eigentlich wollen. Der Sinn in unserem Leben kommt nicht länger aus der Religion, der Familientradition oder der Liebe für die Heimat, sondern ist ein Ergebnis unserer eigenen freien Entscheidung. So schreibt Wilhelm Schmid in seinem Buch Mit sich selbst befreundet sein:

Wenn Sinn nicht mehr von selbst zur Verfügung steht, dann beginnt die Arbeit des Selbst an den Zusammenhängen des eigenen Lebens, soll es trotz allem sinnvoll gelebt werden. (S. 399)

Gleichzeitig bietet Schmid wertvolle Hinweise, wie wir diesen Prozess gestalten können, ohne dabei an der fehlenden Orientierung zu verzweifeln.

Pläne und bewusste Arbeit

Wilhelm Schmid: Mit sich selbst befreundet sein  (Suhrkamp 2013, 978-3-518-45882-2)

Wilhelm Schmid: Mit sich selbst befreundet sein (Suhrkamp 2013, 978-3-518-45882-2)

Auch heute ist es noch(?) möglich, sich dem Fluss des Lebens zu überlassen und sich von dessen Strömung treiben zu lassen, ohne eine aktive Rolle in der Gestaltung einzunehmen. Doch mit zunehmender Bildung und der wachsenden Vielfalt als Optionen wird dies immer seltener als befriedigend wahrgenommen und ist auch gesellschaftlich immer weniger akzeptiert. Wir müssen Schmid zufolge zu Lebenskünstlern werden – in dem Sinne, dass “Kunst von Können kommt”. Wir müssen lernen, unser Leben bewusst selbst zu gestalten und es zu einem Kunstwerk zu machen, in dem wir uns wahrhaftig ausdrücken.

Den entscheidenden Schritt unternimmt das einzelne Selbst, wenn es die Wahl trifft, seine Selbstbestimmung zu beanspruchen und wahrzunehmen oder nicht: denn Selbstbestimmung ist keine Norm, sondern eine Option. (S. 123)

Die Entscheidung, die eigene Selbstbestimmung zu beanspruchen, wird damit zu dem Moment, in dem wir entscheiden, das Leben nicht länger passiv zu erdulden oder uns irgendwie durchzumogeln, sondern es selbst und aktiv in die Hand zu nehmen. Das heißt nicht, dass wir ab jetzt unabhängig von unserer Umgebung wären, jede unserer Ideen umsetzen können und alle unsere Wünsche erfüllt bekommen. Es bedeutet lediglich, dass wir den Anspruch an uns selbst entwickeln, unser Denken und unser Handeln bewusst zu planen und zu gestalten:

Daher macht es durchaus Sinn zu planen – nur nicht mit der Erwartung, das Leben werde sich dem fügen, eher um eine eigene Vorstellung zu formulieren und somit ein Korrektiv fürs Leben zu gewinnen: Hieran lässt sich ermessen, wie »anders als gedacht« es kommt, um dann darüber nachdenken, was davon hinzunehmen ist und was nicht. (S. 65)

Damit wird nicht länger die Religion, die Tradition oder die gesellschaftliche Erwartung zur Richtschnur unseres Lebens, sondern unsere eigenen Ideale, Ideen und Prinzipien. Die kontinutierliche Entwicklung und Anpassung einer solchen Richtschnur bezeichnet Schmid als Lebenskunst.

Die Freundschaft mit sich selbst

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Diese selbstbestimmte Herangehensweise an das Leben führt als erste Konsequenz dazu, dass wir uns aus der Gesellschaft herauslösen. Wir akzeptieren ihre Glaubenssätze nicht länger als selbstverständlich, sondern haben den Mut, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen. Damit entgeht uns aber auch die Bestätigung, die es bringt, ein selbstverständlicher Teil einer funktionierenden Gesellschaft zu sein und ihre Erwartungen zu erfüllen. Wir verlieren soziale Unterstützung, die wir jetzt auf anderen Wegen einholen müssen. Einen solchen Weg sieht Schmid dabei in der engen Freundschaft mit sich selbst:

Denn wie mit einem wahren Freund kann der Umgang mit sich selbst gestaltet werden: freimütig und offen, reichhaltig und vielfältig, nicht langweilig und zuweilen rätselhaft; zuweilen geht es darum, sich zu schonen und zu pflegen, denn ohne Erholung wird keine Mühe zu bewältigen sein: zuweilen sich zu mühen und sich herauszufordern, denn im Genuss allein wird das Glück nicht zu finden sein. (S. 22)

Auch wenn wir unser Leben bewusst planen und gestalten wollen, heißt dies nicht, dass wir in einen Optimierungswahn verfallen und uns beständig zu Höchstleistungen antreiben sollen. Im Gegenteil ist der schwierigste Teil an dieser Entwicklung, einen entspannten Umgang mit sich selbst zu finden. Wer kennt nicht die Selbstgespräche, in denen man sich selbst kasteit für das Ausfallenlassen der eigentlich täglich geplanten Jogging-Runde oder den blöden Fehler auf der Arbeit? Inkonsistenzen und schlechte Tage sollte man sich, wie eben einem guten Freund, verzeihen und sich immer wieder auch um das eigene Wohlbefinden kümmern:

Das Selbst kann sich zuweilen einen Morgen, einen Abend, einen ganzen Tag schenken, ohne »Verpflichtungen«, ohne drängende Arbeit, auch wenn sie drängt, um nur da zu sein für sich selbst. Ideell bleibt das Geschenk auch dann, wenn es materiell in Erscheinung tritt: Ein Abend im Kino, ein Gespräch mit dem Freund, eine geliebte Musik, eine Stunde der Muße im Café, eine Einladung zum Essen nur für sich selbst, um auf diese Weise sich selbst die Wertschätzung zuteil werden zu lassen. die von anderen vielleicht erhofft worden war. (S. 329)

Diese Freundschaft mit sich selbst impliziert nicht eine Überhöhung der eigenen Person in der Form eines Selbstkultes, sondern betont vielmehr, was wir oftmals vergessen: dass wir uns auch um uns selbst und unsere Beziehung zu uns selbst sorgen müssen – im Sinne einer Selbstkultur.

Selbstlosigkeit als freie Entscheidung

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Im Rahmen einer aktiven Lebenskunst ist auch die bewusste Selbstlosigkeit ein wichtiges Werkzeug für die Gestaltung des eigenen Lebens. Sie ist nicht mehr vorgegeben, wie die Hingabe an eine Religion oder die Heimat, sondern eine bewusste Entscheidung, die jederzeit widerrufen werden kann. Sie zwingt uns nicht in Lebensformen, in denen wir nicht wir selbst sein können, sondern erlaubt uns das Eintauchen in einen sozialen Zusammenhang, in dem das Selbst die Verbindungen finden kann, auf die es angewiesen ist:

Die Sorge um sich läuft also nicht darauf hinaus, am Selbst um jeden Preis festzuhalten: Sie kann auch bedeuten, sich von ihm zu lösen und Selbstlosigkeit zu leben. Das Selbst ist kein Selbstzweck, es kann verzichtbar sein. Von vornherein verzichtbar ist es in festen Bindungen der Tradition, Konvention, Religion, Unter den Bedingungen der Befreiung hiervon bedarf das Selbst jedoch, um absehen zu können von sich (sofern es diese Option wahrnehmen will), eines willentlichen Selbstverzichts, der ihm ermöglicht, sich anderen und Anderem zuzuwenden, zeitweilig oder dauerhaft, aus gefühlten oder überlegten Gründen. (S. 182-183)

Nur wenn wir mit uns selbst befreundet sein können und in der Lage sind, bewusste Selbstlosigkeit zu leben, sind wir in der Lage unser Leben bewusst und aktiv zu gestalten; uns auf der einen Seite von gesellschaftlichen Zwängen zu emanzipieren und auf der anderen Seite dabei nicht einem selbstsüchtigen Selbstkult zu verfallen. Wir können frei sein und uns verbunden fühlen, können unsere Flügel ausstrecken und wissen, dass es Wurzeln gibt, die uns halten.

Nils Müller
bringt nicht nur anderen Schreiben bei, sondern schreibt auch selbst leidenschaftlich gerne. Als Soziologe interessiert er sich für die Gesellschaft genauso wie für Wissenschaft und die Frage nach dem guten Leben. Er lebt und liest in Dortmund, Bielefeld und auf dem Weg im ICE. Mehr zu ihm gibt es unter nilsmueller.info

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