[Linkschau] Wie wir essen I

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht ein neues Lebensmittel durch die Medien gezogen wird weil es entweder Krebs auslöst, Krebs verhindert oder intelligent bzw. dumm macht. So ist die Verunsicherung groß, wie das denn nun eigentlich geht mit der richtigen Ernährung: brauchen wir ein individuell bestimmtes und individuell auf das Gramm abgewogene  Menü aus Superfoods oder sollten wir uns am besten einfach wieder wie in der Steinzeit ernähren? Einfache Antworten gibt es in den Texten und Dokumentationen, die ich euch heute nahelegen möchte, nicht. Aber viel Bedenkenswertes und eine Rückbesinnung auf Vernunft und Kultur:

The sugar conspiracy von Ian Leslie

Ian Leslie geht für den Guardian der Frage nach, warum eigentlich Fett als das ultimativ böse Nahrungsmittel gesehen wird, obwohl alle wissenschaftlichen Erkenntnisse auf den Zucker hindeuten. Das ist spannend zu lesen, weil Leslie sich nicht nur der inhaltlichen Frage „Fett oder Zucker?“ widmet, sondern auch aufzeigt, wie Forschergruppen wissenschaftliches Wissen produzieren und gegen Häretiker verteidigen, auch wenn diese sehr gute Argumente haben.

Bauchgrimmen von Susanne Schäfer

Ernährungsmythen geht auch Susanne Schäfer in Ihrem Artikel auf Zeit Online nach, genauer gesagt Unverträglichkeitsmythen. Sie argumentiert, dass Hersteller von Spezialprodukten die „Gefahr“ von Laktose, Gluten, Histamin und anderen Auslösern von Unverträglichkeiten unverhältnismäßig aufblasen und damit gutes Geld verdienen. Dabei stellt sie nicht in Abrede, dass es entsprechende Krankheitsbilder tatsächlich gibt, sondern hält fest, dass diese viel zu oft fehlerhaft (selbst-)diagnostiziert werden.

How the Western Diet Has Derailed Our Evolution. Burgers and fries have nearly killed our ancestral microbiome von Moises Velasquez-Manoff

In diesem äußerst spannenden Text geht es um den Zusammenhang unserer „westlichen“ Ernährung und der Mikrobenvielfalt in unserem Darm. Velasquez-Manoff stellt für Nautilus zahlreiche Studien vor, die aufzeigen, dass „wir“ wesentlich weniger unterschiedliche Mikroorganismen in unserem Darm haben als Menschen in indigenen Kulturen, die sich traditioneller ernähren. Dabei ist das Absterben dieser Vielfalt „erblich“ und kann nur mit größerem Aufwand rückgängig gemacht werden. Vielleicht ist hier ja auch ein Grund für die anscheinend zunehmenden Nahrungsunverträglichkeiten zu finden?

Cooked (Netflix)

In dieser vierteiligen Dokumentation geht Autor Michael Pollan der Kultur- und Naturgeschichte des Kochens nach – basierend auf seinem 2015 auf Deutsch erschienen Buch Kochen. Eine Naturgeschichte der Transformation. Er zeigt eindrucksvoll auf, wie Grillen, Kochen und Fermentieren zu grundlegenden Kulturtechniken geworden sind und welche Rolle Essen bei der Erzeugung von Gemeinschaft spielt. Erzählt ist das ganze allerdings sehr gemächlich und mit vielen klischeehaften Einstellungen.

Chef’s Table (Netflix)


Diese Reihe rollt das Thema Essen von der anderen Seite her auf und stellt inspirierende Sterneköche und -köchinnen aus der ganzen Welt vor. Sie gibt tiefe Einblicke in deren Leidenschaft für das Kochen und hochwertiges Essen – allerdings eben preislich auf Sterneniveau.

Was nehme ich aus den gesammelten Weisheiten dieser Texte und Dokumentationen mit? Essen darf Spaß machen, Essen schafft Gemeinschaft und Kochen ist eine Kulturtechnik, die im Alltag oft leider viel zu kurz kommt. Was meine eigene Ernährung angeht, werde ich versuchen, mich noch stärker an den drei pragmatischen goldenen Regeln aus Michael Pollans Buch In Defense of Food (den mega-dämlichen deutschen Titel möchte ich hier nicht nennen) zu orientieren: „Eat [real] food. Mostly plants. Not too much.“

 

 

 

Nils Müller
bringt nicht nur anderen Schreiben bei, sondern schreibt auch selbst leidenschaftlich gerne. Als Soziologe interessiert er sich für die Gesellschaft genauso wie für Wissenschaft und die Frage nach dem guten Leben. Er lebt und liest in Dortmund, Bielefeld und auf dem Weg im ICE. Mehr zu ihm gibt es unter nilsmueller.info

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