Warum Indiviualisierung und Säkularisierung uns Angst machen

Spätestens mit den unsäglichen Pegida-Protesten, die in den letzten Wochen und Monaten nicht nur in Deutschland für Schlagzeilen sorgten, ist der Begriff der “(diffusen) Angst” in die öffentliche Diskussion getreten. Diese wird meist als eigentlicher Grund für die ausländerfeindlichen Demonstrationszüge gesehen. Dabei spielt jedoch die tatsächliche Angst, Weihnachten in einer Moschee feiern zu müssen oder “Weihnachtsmärkte” nicht mehr so bezeichnen zu dürfen nur eine untergeordnete Rolle. Auch Terroranschläge wie das schreckliche Massaker in Paris Anfang Januar fungieren hier lediglich als Auslöser, nicht als eigentliche Ursache.

Heinz Bude: Gesellschaft der Angst (978-3-86854-284-4)

Heinz Bude: Gesellschaft der Angst (978-3-86854-284-4)

Der Soziologe Heinz Bude formuliert in seinem Buch “Die Gesellschaft der Angst” äußerst nachdenkenswerte Hypothesen über die Quelle dieser diffusen Angstgefühle, die sich in immer größeren Teilen der Gesellschaft manifestieren. Dabei geht es nicht nur um die (vorgebliche) Angst vor Einwanderung, sondern auch um die Statusangst der Mittelschicht, die konstante Unsicherheit der jüngeren Generation und das langsame Verschwinden der Religion.

Zwei Aspekte sind es dabei, die Bude für das Entstehen und das Wachstum dieser diffusen Ängste verantwortlich macht:

  • das Verschwinden verbindlicher Instanzen und Werte, die nicht jederzeit hinterfragt und dekonstruiert werden können und
  • die konstante Unsicherheit jedweder menschlicher Beziehung, die jederzeit von einer der beiden Seiten aufgekündigt werden kann.

Dabei stellt er das Freiheitsrecht des Menschen und die Säkularisierung nicht in Frage, weist aber auf unintendierte negative Nebeneffekte hin.

Menschen sehen sich jederzeit wandelbaren sozialen Konventionen gegenüber, nicht mehr als „ewig“ wahrgenommenen Werten

[dc]D[/dc]as immer stärkere Verschwinden der Religion aus dem öffentlichen Raum und den öffentlichen Debatten wird in der Regel als erstrebenswert gesehen und auch Bude stellt den generellen Wert der Säkularisierung nicht in Frage. Er weist jedoch darauf hin, dass das Verschwinden “ewiger” religiöser Werte und Vorgaben einen Leerraum hinterlässt – ganz ähnlich wie es der französische Soziologe Émile Durkheim mit seinem Begriff der “Anomie” beschreibt.

Die fehlenden Orientierungspunkte und Wertmaßstäbe müssen nun von einer anderen Instanz kommen, die so zu einem zentralen Bezugspunkt für das Selbstbild der Menschen wird. Diese sehen sich nicht mehr im Auge Gottes gespiegelt (was auch immer das im einzelnen Fall heißen mag), sondern im Auge der Anderen, der Menschen um sie herum und der Gesellschaft:

Der Siegeszug von Liberalismus und Demokratie, die Entstehung einer technischen Zivilisation und die Ausbreitung einer historistischen Kultur haben eine Gesellschaft hervorgebracht, die nichts als Gesellschaft ist. Die Bezugnahme auf den Anderen hat die Bezugnahme auf eine kosmische Natur oder eine geheime Seele ersetzt. […] Der außengeleitete Charakter hat nichts anderes als die Anderen, die ihm Halt im Leben geben und einen Begriff seiner selbst vermitteln. (S. 155)

Verstärkt wird dieser Effekt durch intellektuelle Strömungen wie den Postmodernismus, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, universelle Werte und implizite moralische Annahmen zu dekonstruieren und damit infrage zu stellen. Auf diese Weise verstärken sie den Eindruck der allgemeinen Unbeständigkeit von Werten und schaffen eine noch stärkere Ausrichtung auf die Anderen.

Jede moderne Beziehung steht unter einem Trennungsvorbehalt

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[dc]G[/dc]leichzeitig mit der Dekonstruktion von Werten hat die moderne Gesellschaft für Bude eine zweite Entwicklung hervorgebracht, welche uns allen äußerst wünschenswert erscheint, die jedoch ebenfalls einen Teil zu der Entwicklung diffuser Angst- und Unsicherheitsgefühle beiträgt: den universellen Trennungsvorbehalt menschlicher Beziehungen.

Bude zeigt auf, dass das Denken und die Werte der Menschen sich immer stärker auf Andere ausrichten. Gleichzeitig werden Beziehungen zwischen Menschen – seien es Peer-Groups, Subkulturen, Freundschaften oder Liebesbeziehungen – immer instabiler und können jederzeit von einem der Beteiligten aufgelöst werden. Für den Einzelnen ist das Risiko, dass sich entsprechende soziale Zusammenhänge auflösen demnach signifikant gestiegen, sodass er besonderen Aufwand betreiben muss, diese zu erhalten und nicht ausgeschlossen zu werden.

Auf diese Weise werden soziale Erwartungen immer wichtiger für das Selbstbild des Einzeln und gleichzeitig immer unvorhersehbarer. Damit potenziert sich die Unsicherheit und Veränderungen erscheinen als unmittelbare Gefahr für den mühsam erkämpften und aufrechtzuerhaltenden Status Quo.

Denken entkoppelt sich von Werten und richtet sich auf kurzfristige Moden

[dc]A[/dc]ls Konsequenz aus diesen Entwicklungen sieht Bude die zunehmende Ausrichtung des gesellschaftlichen Lebens auf die Erfüllung aktueller und kurzfristiger sozialer Erwartungen, welche nicht mehr an übergreifende und grundlegende stabile Werte gekoppelt sein müssen. Das zentrale Ziel des Einzelnen ist damit nicht mehr das Leben auf der Grundlage bestimmter, allgemein als ewig akzeptierter Werte und Strukturen, sondern der ständige Kampf um die eigene Zugehörigkeit, die Akzeptanz durch Andere und das kontinuierliche Streben nach Verbesserung:

Der Radar-Mensch folgt den Moden, den Vergnügungen, den Erregungen und den Ressentiments der Anderen mit jener Indifferenz, die nötig ist, um bei der nächsten Welle wieder mit dabei sein zu können. Das äußere Mitmachen ohne innere Beteiligung ist hier die Methode, sich der Angst um sich selbst zu entledigen. (S. 156)

Lösungsmöglichkeiten für diese Entwicklung bietet Bude leider nicht, aber er zeigt eindrucksvoll die Schattenseiten von Säkularisierung und Individualisierung, deren Auswirkungen sich heute immer stärker zeigen.

Nils Müller
bringt nicht nur anderen Schreiben bei, sondern schreibt auch selbst leidenschaftlich gerne. Als Soziologe interessiert er sich für die Gesellschaft genauso wie für Wissenschaft und die Frage nach dem guten Leben. Er lebt und liest in Dortmund, Bielefeld und auf dem Weg im ICE. Mehr zu ihm gibt es unter nilsmueller.info

2 Kommentare

  1. Lisa Rosa sagt:

    Das kann man auch alles zusammenfassen, in dem guten Satz von Rückriem: „Die Globalisierungsprozess relativiert weltweit die Sinnsysteme und provoziert zugleich deren fundamentalstische Affirmation.“ Und das Gute an Rückriems Einsicht: Er fokussiert nicht einseitig auf die „Probleme“, die vielen (nicht allen) Angst machen. Denn die Relativierung der Sinnsysteme befreit auch für die Weiterführung der Werte der Aufklärung (das sind universalistische, und sie sind keineswegs am Verschwinden.) Denn erst, wenn alle Werte, die bislang partikularistisch (eben nicht aufklärerisch universell – dh. für alle Menschen gültig!) von „Autoritäten“ vorgegeben werden, dekonstruiert und fallengelassen werden dürfen/können, ist eine echte Autonomie im Sinne der Aufklärung überhaupt möglich.
    Wenn auf die „Angst“ fokussiert wird, auch noch auf Budesche Weise als Stichwortgeber für eine Epoche, dann ist das nicht nur einseitig und wissenschaftlich fragwürdig. Es wird offenbar auch nicht mal geprüft, inwieweit die Zuschreibung dieser Angst als Gattungsmerkmal, also die Anthropologisierung überhaupt angebracht ist. Denn 1. macht keineswegs die Globalisierung mit all ihren „Unsicherheiten“, die man je nach Lage ja sicher auch als Freiheiten und Befreiungen sehen kann, allen gleichermaßen Angst. Ich lernte letztens in meinem Englischkurs eine sehr mutige afghanische Intellektuelle kennen, die würde Bude aufs Schärfste widersprechen. Und zweitens: Warum soll ausgerechnet jetzt das Zeitalter der Angst sein? Wer sich ein bisschen in der Geschichte auskennt, der weiß, dass alle „normalen Menschen“ in vorindustrieller voraufklärerischer Zeit viel mehr Angst hatten als wir heute. (Drum haben sie auch so viel gebetet, denn etwas anderes gegen die immer lebensbedrohlichen Lebensumstände hatten sie nicht.) Also: bisschen kulturhistorische Denkfähigkeit täte auch Herrn Bude nicht schlecht.

    • Nils Müller sagt:

      Danke für deinen ausführlichen Kommentar. Ich gebe dir insofern recht, dass Bude sicherlich sehr stark aus der Perspektive einer weitestgehend säkularisierten und freiheitlichen Gesellschaftsordnung argumentiert.

      Dem, was du als Chancen und Vorteile dieser Entwicklung beschreibst, würde er sicherlich auch nicht widersprechen, er kommt jedoch weniger von dem theoretisch denkbaren, sondern aus der Perspektive einer in allen gesellschaftlichen Schichten – nicht bei jeder einzelnen Person(!) – zu beobachtenden Entwicklung. Und da passt seine Argumentation – die ich notwendigerweise natürlich auch nur zugespitzt dargestellt habe – in meinen Augen relativ gut.

      Er behauptet auch nirgendwo, dass die Angst das einzige auszeichnende Charakteristikum unserer Zeit oder „der Moderne“ sei, sondern eben eine Entwicklung in einer spezifischen Ausprägung. Sicherlich gab es Angst in unterschiedlichen Formen schon immer, aber er verbindet diesen Begriff implizit sehr schön mit Durkheims Begriff der „Anomie“. Und die anomische Angst wäre mir in anderen historischen Perioden nicht bekannt.

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