Mario Vargas Llosa über eine orientierungslose Moderne

Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht ein Feuilletonist oder selbsternannter bzw. zugeschriebener Intellektueller seinem Unbehagen über “das Internet”, “die Jugend” oder gleich “die Welt” Ausdruck verleiht. Ein weiterer Versuch stammt von dem peruanischen Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa.

In seinem Buch-Essay Alles Boulevard setzt sich Mario Vargas Llosa mit dem Ende der “Kultur” auseinander. Dabei wird schnell klar, dass er ein sehr klassisches Verständnig dieses Begriffs pflegt: Für ihn ist “Kultur” nicht allgemein jeder Ausdruck alltäglichen Lebens, sondern die formale künstlerische Manifestation, die sich selbst als eingebettet versteht in eine lange Geschichte und in die Tradition der entsprechenden Kunst.

In seiner Argumentation zum Ende der Kultur und der absoluten Boulevardisierung schießt er an zahlreichen Stellen über das Ziel hinaus und offenbart ein paradoxerweise äußerst eurozentrisches Weltbild, in dem er gar die kolonialen Begrifflichkeiten von “höheren” und “niederen” Kulturen verteidigt. Dies macht die Lektüre des Buches stellenweise äußerst anstrengend, ist jedoch selbst ein Ausdruck der tiefen Unsicherheit über die in seinen Augen orientierungslose Moderne, die er in dem Buch thematisiert.

Das Ende der Gewissheiten

Mario Vargas Llosa: Alles Boulevard (978-3518465264

Mario Vargas Llosa: Alles Boulevard (978-3518465264

[dc]V[/dc]argas Llosa beginnt seine Argumentation, indem er seinen Begriff der “Kultur” ausarbeitet. Diese ist für ihn nicht ein allgemeiner Begriff für Denkweisen, Routinen und Alltagsleben, sondern vielmehr eine spezifische soziale Sphäre. Diese ist von klaren Regeln, impliziten Erwartungen und definierten Formen geprägt, welche sich im Laufe der Zeit in der intellektuellen wie öffentlichen Debatte entwickeln.

Im Mittelpunkt der “Kultur” scheint für ihn dabei die “Kunst” zu stehen, also die Behandlung universeller menschlicher Zustände in der Form von Kunstwerken. Diese transportieren ihre Inhalte dabei nicht nur durch den unmittelbaren Ausdruck, sondern auch durch den Zusammenhang, in dem sie entstanden sind und in den sie gestellt werden. Was sie gegenüber dem heutigen “Entertainment” jedoch auszeichnet, ist ihr Anspruch auf zeitliche Transzendenz und Allgemeingültigkeit:

Der wesentliche Unterschied zwischen der vergangenen Kultur und dem heutigen »Entertainment« ist, dass früher ein Werk beanspruchte, die Gegenwart zu transzendieren und zu überdauern, in den kommenden Generationen lebendig zu bleiben, während die neuen Produkte hergestellt werden, um augenblicks, wie Kekse oder Popcorn, konsumiert zu werden und zu verschwinden. (S. 29)

Diese Dauerhaftigkeit und Beständigkeit sei der modernen Boulevardkultur abhanden gekommen. Vargas Llosa begrüßt zwar die allgemeinere Verfügbarkeit und breitere Zugänglichkeit von dem, was er Kultur nennt, wirft ihr jedoch gleichzeitig Beliebigkeit vor. Die stark formalisierte Kultur, welche nur mit einem hohen Maße an Vorbildung zu verstehen war, ist in seinen Augen der kurzfristigen Ausrichtung auf den aktuellen Geschmack der Menschen gewichen. Damit wird Kultur zwar offener aber eben auch undefiniert und dezentriert:

Wir wollten mit den Eliten aufräumen, denn das Privilegierte, Abwertende, Diskriminierende, das uns mit unseren egalitären Idealen allein schon aus diesem Begriff entgegenhallte, war uns moralisch zuwider, und im Laufe der Zeit haben wir auf verschiedene Weise diese exklusive Bande von Schulmeistern, die sich für etwas Besseres hielten und stolz Wissen. Werte und Geschmack für sich reklamierten, bekämpft und aufgerieben. Aber was wir erreicht haben, war ein Pyrrhussieg, ein Heilmittel, das schlimmer ist als die Krankheit: zu leben in einer verwirrten Welt, in der paradoxerweise, weil niemand mehr weiß, was sie eigentlich bedeutet, Kultur nun alles ist und nichts. (S. 69-70)

“Na und?”, könnte man jetzt fragen, “Warum soll denn Kultur nicht alles und nichts sein können? Nicht situativ und beliebig definiert und interpretiert werden und schließlich als die soziale Konstruktion aufgedeckt werden, die sie ist?”

Wir wissen so viel wie nie zuvor, was aber ist mit den großen Fragen?

[dc]F[/dc]ür Vargas Llosa ist die Antwort auf diese Fragen klar: Er sieht in der klassischen Kultur eine Art Spiritualität, die nach dem Verschwinden der Religion deren Platz einnehmen könnte. Für ihn ist “Kultur” ein Vehikel ethischer und moralischer Übereinkünfte, ein Ausdruck von Sinn und Bedeutung und damit schließlich von Orientierung. Sie bildet eine Grundlage für die freie Interaktion und die Entfaltung des Einzelnen. Sie schafft den notwendigen Rahmen für künstlerischen Ausdruck und gesellschaftliche Debatten und enthebt sie der kurzfristigen medialen Aufmerksamkeit, um für ein Mindestmaß an Stabilität zu sorgen:

Nie haben wir in einem an wissenschaftlichen Erkenntnissen und technischen Neuerungen so reichen Zeitalter gelebt wie heute, noch in einem, das besser gerüstet gewesen wäre, um Krankheiten, Unwissenheit und Armut zu besiegen; und gleichwohl waren wir vielleicht nie so ratlos, wenn es um fundamentale Fragen geht wie: Was tun wir auf diesem unserem Gestirn ohne eigenes Licht, wenn das bloße Überleben das einzige Ziel und die alleinige Rechtfertigung für das Leben ist? Bedeuten Wörter wie Geist, Ideal und Solidarität, Liebe und Lust, Kunst und Schöpfung, Schönheit, Seele, Transzendenz noch etwas, und wenn ja, was? Aufgabe der Kultur war es, eine Antwort auf solche Fragen zu geben. Heute ist sie dergleichen Verantwortung enthoben, denn wir haben aus ihr etwas sehr viel Oberflächlicheres und Flüchtigeres gemacht: eine Form des Zeitvertreibs für das große Publikum oder ein rhetorisches, okkultes und obskurantes Spielchen für eitle Zirkel von Akademikern und Intellektuellen, die der Gesellschaft die Schulter zeigen. (S. 214)

Für Vargas Llosa untergräbt die Boulevardisierung der “Kultur” die Grundlagen unserer modernen Welt. Noch sei vielen nicht bewusst, welche zentrale Rolle stabile Gewissheiten und etablierte Fundamente auch für uns moderne Menschen spielen. Schwindet nach der Religion – deren Verdrängung in das Private er explizit gutheißt – nun auch die Kultur fehlt uns in seinen Augen der Boden unter den Füßen.

Nils Müller
bringt nicht nur anderen Schreiben bei, sondern schreibt auch selbst leidenschaftlich gerne. Als Soziologe interessiert er sich für die Gesellschaft genauso wie für Wissenschaft und die Frage nach dem guten Leben. Er lebt und liest in Dortmund, Bielefeld und auf dem Weg im ICE. Mehr zu ihm gibt es unter nilsmueller.info

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