Yuval Noah Harari über die Überwindung des Todes und den Wert des Menschen

Der medizinische Fortschritt im 19. und 20. Jahrhundert ist sicherlich eine der größten Errungenschaften der Menschheit. Für die Webseite Edge hat sich der Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahnemann mit dem israelischen Historiker Yuval Noah Harari über die Zukunft der Medizin, die Überwindung des Todes und den zukünftigen Wert des Menschen unterhalten:

Der Tod als technisches Problem

Harari – dessen Buch Eine kurze Geschichte der Menschheit ich wärmstens empfehle – nimmt dabei eine äußerst pessimistische Position ein:

After medicine in the 20th century focused on healing the sick, now it is more and more focused on upgrading the healthy, which is a completely different project. And it’s a fundamentally different project in social and political terms, because whereas healing the sick is an egalitarian project […], upgrading is by definition an elitist project.

Er geht sogar noch weiter und hält fest, dass sogar der Tod, lange Zeit der „große Gleichmacher“ und mythische Selbstverständlichkeit der menschlichen Existenz, immer stärker als grundsätzlich zu lösenden technisches Problem verstanden wird. Ein Scheitern der Maschine Mensch, dass sich mit Hilfe der richtigen Werkzeuge aufschieben oder gar vollständig verhindern lässt. Zumindest für die Menschen, die über genügend Kapital verfügen, sich eine solche Behandlung leisten zu können.

Der wertlose Mensch der Zukunft

Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit (Pantheon 2015, ISBN: 978570552698)

Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit (Pantheon 2015, ISBN: 978570552698)

Dabei konstatiert Harari ebenfalls, dass der Wert des Menschen in Zukunft weiter sinken wird. In der industriellen Revolution war die Arbeitskraft des Einzelnen ein zentraler Motor der Entwicklung. Nur wer für seine Fabrik gesunde und kräftige Arbeiter anwerben konnte, hatte Erfolg. Es gab also ein ökonomisches wie funktionales Interesse daran, die Gesundheit der breiten Bevölkerung zu erhalten. Mit der technischen Entwicklung der nächsten Jahrzehnte könnte sich dies grundlegend wandeln:

There are a zillion things that the taxi driver can do and the self-driving car cannot. But the problem is that from a purely economic perspective, we don’t need all the zillion things that the taxi driver can do. I only need him to take me from point A to point B as quickly and as cheaply as possible. And this is something a self-driving car can do better, or will be able to do better very quickly.

Für die spezialisierten Aufgaben unserer Gesellschaft werden demnach in relativ naher Zukunft immer weniger Menschen benötigt, da Computer immer besser darin werden, eben genau solche spezifischen Aufgaben zu erfüllen.

Technischer Optimismus gepaart mit sozialem Pessimismus

Kahnemann und Harari sprechen noch zahlreiche weitere Punkte an, die dieses Gespräch äußerst inspirierend machen. Dabei spielt Harari nicht den Maschinenstürmer, sondern argumentiert nüchtern auf der Grundlage historischer Erfahrung, ohne diese zu dramatisieren oder unzulässig zu verallgemeinern:

[Technology] develops much faster than human society and human morality, and this creates a lot of tension. But, again, we can try and learn something from our previous experience with the Industrial Revolution of the 19th century, that actually, you saw very rapid changes in society, not as fast as the changes in technology, but still, amazingly fast.

 

Nils Müller
bringt nicht nur anderen Schreiben bei, sondern schreibt auch selbst leidenschaftlich gerne. Als Soziologe interessiert er sich für die Gesellschaft genauso wie für Wissenschaft und die Frage nach dem guten Leben. Er lebt und liest in Dortmund, Bielefeld und auf dem Weg im ICE. Mehr zu ihm gibt es unter nilsmueller.info

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