Kategorie: Wissenschaft

Gebt der Wissenschaft ihre Magie zurück!

Von außen betrachtet wirken die Naturwissenschaften wie ein Geheimbund, der sich in seiner eigenen Sprache mit Fragen befasst, die kaum ein Außenstehender nachvollziehen kann. Doch was, wenn wir Wissenschaft als eine menschliche Aktivität begreifen, die der Kunst nicht unähnlich ist: eine Annäherung an eine geheimnisvolle Welt, die der Mensch sich erfahrbar machen will?

Es ist noch nicht lange her, dass der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer sich in einem Streitgespräch für Spiegel Online mächtig in die Nesseln gesetzt hat. Der äußerst kritische Tenor des Gesprächs gegenüber Wissenschaftsblogs und etablierten Einrichtungen der Wissenschaftskommunikation in Deutschland hat, wie zu erwarten, im Netz für zahlreiche Reaktionen gesorgt: Den vorgeschobenen Konflikt zwischen Journalismus und Blogs nehmen Markus Pössel, Alexander Gerber und Florian Freistätter enerviert auseinander und Sören Schewe demontiert den altbekannten Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit von Blogs.

So weit, so gewohnt. Der spannende Punkt dieses Gesprächs liegt in meinen Augen jedoch in den Aussagen Fischers zu dem etablierten System der Wissenschafts-PR und -Kommunikation, auf die beispielsweise Jens Rehländer reagiert. Auf den ersten Blick wirkt Fischers Aussage, “Das Nichtvermitteln von Wissenschaft wurde vom organisierten Nichtvermitteln von Wissenschaft abgelöst”, tatsächlich äußerst polemisch, doch wer sich ausführlicher mit seinen theoretischen Überlegungen zur Vermittlung von Wissenschaft an Außenstehende befasst, der kann den äußerst bedenkenswerten Hintergrund dieser Aussage erkennen.

Wissenschaft wirkt wie eine ungeliebte und irrelevante Parallelwelt, die nur Eingeweihten zugänglich ist

Eröffnung der Wiener Weltausstellung am 1. Mai 1873. Holzstich nach einer Zeichnung Vinzenz Katzlers.

Eröffnung der Wiener Weltausstellung am 1. Mai 1873. Holzstich nach einer Zeichnung Vinzenz Katzlers.

In seinem aktuellen Buch Die Verzauberung der Welt setzt sich Ernst Peter Fischer ausführlich damit auseinander, in welcher Weise die Erkenntnisse und die Faszination der Naturwissenschaften auch Außenstehenden vermittelt und deutlich gemacht werden können. Dabei äußert er unter anderem sein Unbehagen darüber, dass die Naturwissenschaften in den Kreisen, die in der Öffentlichkeit als intellektuell wahrgenommen werden, geringschätzig betrachtet oder zumindest geflissentlich ignoriert werden:

Es gehört zu den Peinlichkeiten in der öffentlichen Rede zur Kultur, dass immer noch die Frage aufgeworfen werden kann, ob die Naturwissenschaften zur Kultur gehören und zur Bildung von Menschen beitragen. (S. 202)

Dabei steht es außer Frage, dass die Wissenschaft nicht nur die technische Entwicklung vorangetrieben hat, sondern auch einen wichtigen Treiber der kulturell-geistigen Entwicklung insbesondere des letzten Jahrhunderts darstellt. Erinnert sei hier an die Wunder der ersten Weltausstellungen oder das Rennen um die Eroberung des Weltraums. Heute hat die Wissenschaft diese Ausstrahlung und Fanszinationswirkung in der Breite verloren. Sie wirkt vielmehr wie eine langweilige Geheimgesellschaft.

Ernst Peter Fischer: Die Verzauberung der Welt  (Siedler 2014, 978-3-88680-981-3)

Ernst Peter Fischer: Die Verzauberung der Welt (Siedler 2014, 978-3-88680-981-3)

Das führt dazu, dass wissenschaftliche Themen in der Öffentlichkeit kaum mehr diskutiert werden. Dabei soll es in solchen Debatten nicht um die Präzision einer neuen Messmethode oder die Angemessenheit eines teilchenphysikalischen Modells gehen, sondern um die Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft, um das öffentliche Interesse an den Ergebnissen ihrer Arbeit und die Entwicklung des gesellschaftlichen Systems Wissenschaft. Bislang stehen hier meist Fachwissenschaftler allgemein wissenschaftkritischen oder -ignoranten “Intellektuellen” gegenüber. Fischer erhofft sich hingegen die Entwicklung einer neuen Klasse wissenschaftlich wie kulturell gebildeter und gesellschaftlich aufmerksamer “Wissenschaftskritiker” in der Analogie zur klassischen Literaturkritik:

Wissenschaftskritiker sollten die Wissenschaft so wertschätzen und lieben wie Literaturkritiker die Literatur, und sie sollten ihre Ergebnisse (Fragestellungen, Relevanz, alternative Verteilung der Fördermittel) erörtern, um eine bessere Wissenschaft zu ermöglichen. (S. 231)

Damit eine fundierte öffentliche Diskussion in Gang kommt, müssen sowohl die Wissenschaft als auch die breitere Gesellschaft realisieren, worauf der französische Philosoph und Soziologie Bruno Latour bereits seit einiger Zeit hinweist: Wissenschaft ist mehr als nur die objektive Beobachtung, sie ist ein zentraler Teil unserer sozialen Welt und das geronnene Ergebnis von hunderten Jahren sozialer Aushandlungsprozesse. Und sie ist trotz aller Ansprüche der Objektivität bis heute geprägt von Leidenschaften und Emotionen. Der Umgang mit ihren Resultaten beeinflusst das Leben aller Menschen und muss somit unter allgemeiner Beobachtung stehen, die sich nicht auf wissenschaftsimmanente Kriterien beschränkt. Dass diese Sicht vielen Naturwissenschaftler fremd und vielleicht sogar bedrohlich erscheint, ist verständlich, erinnert jedoch daran, wie sehr sie sich bislang der öffentlichen Beobachtung entziehen konnten.

Um Außenstehende anzusprechen, muss die menschliche Dimension der Wissenschaft herausgestellt werden

Damit eine solche Debatte über die Wissenschaft und ihre Entwicklung in Gang kommen kann und Wissenschaftskritik nicht länger die Domäne polternder Verschwörungstheoretiker und esoterischer Pseudowissenschaftler bleibt, muss die Wissenschaft und insbesondere die Wissenschaftskommunikationen sich einer Sache besinnen:

Menschen sind primär nicht rational urteilende, sondern sinnlich wahrnehmende – also ästhetisch empfindsame Wesen, die sich ganz selbstverständlich darum bemühen, das Schöne in der Welt zu entdecken. (S. 10)

Diese Eigenschaft, das Streben der Menschen nach Schönem und dem sinnlichen wie geistigen Erfahren der Welt kann sich moderne Wissenschaftskommunikation zunutze machen, indem sie die handelnden Personen, ihre Gefühle und ihre Leidenschaften stärker herausstellt. Dabei geht es nicht um Starkult oder Homestories, sondern um die Möglichkeit, sich mit Menschen zu identifizieren, sich mit ihnen verbunden zu fühlen und von ihnen faszinieren zu lassen. All dies sind Dinge, die eine elegante Gleichung nur bei wenigen Personen zu leisten in der Lage ist:

Wissenschaft kommt schließlich nicht nur aus dem Kopf, sondern auch aus dem Herzen, und was liegt näher, als die beiden sich ergänzenden Quellen unseres Erkenntnisvermögens auch dann einzusetzen, wenn es darum geht, die Wissenschaft so zu vermitteln, dass etwas zu verstehen ist. (S. 206)

Wissenschaft muss nicht leichter erklärt, sondern in eine menschliche Qualität transformiert werden

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Eine stärkere Betonung der emotionalen und menschlichen Seite der Wissenschaft muss jedoch nicht bei einer Pesonalisierung stehenbleiben. Auch komplexe wissenschaftliche Erkenntnisse können einem breiteren Publikum verständlich gemacht werden. Dabei wendet sich Fischer jedoch gegen die klassische Wissenschaftsvermittlung der vereinfachten Erklärung oder der Analogie. Ihm geht es nicht darum, dass Nicht-Wissenschaftler den Gedankengang der Forscher nachvollziehen oder das spezifische Modell in Ansätzen verstehen können. Er möchte das Gefühl und die Erfahrung vermitteln, die Wissenschaftler mit ihrer Arbeit verbinden:

Wenn Döblin sich beklagt, dass er den Kosmos nicht verstehen kann, weil er mit den mathematischen Begriffen nicht zurechtkommt, dann versucht er ein grundlegendes Bedürfnis durch ein unpassendes Argument zu rechtfertigen. Man muss ihm keinen Nachhilfeunterricht in Tensoranalysis geben. Man muss ihm ein Symbol oder ein Bild vorlegen, das seine Wahrnehmung anspricht, und zwar so, dass dabei das Bild des Kosmos entsteht, das Einstein versteht. (S. 219)

Dabei lässt sich vielleicht eine Analogie in der Übersetzung von Poesie in eine andere Sprache sehen: Anstelle ein Gedicht in eine vereinfachte Form der Ausgangssprache zu überführen, wählt der Übersetzer im Idealfall die Worte der Zielsprache, die vor deren kulturellen Hintergrund ähnliche Empfindungen hervorrufen. Ein schönes Beispiel für eine solche Übertragung aus der Wissenschaft findet Fischer in einem Brief Heinrich von Kleists aus dem Jahr 1800:

Dann schildert der Dichter, wie er sinnend durch ein gewölbtes Tor in die Stadt Würzburg gelangt, um sich plötzlich zu fragen, warum »sinkt wohl das Gewölbe nicht ein, da es doch keine Stütze habe«. Wir gewöhnlichen Sterblichen hätten vielleicht von Kräfteparallelogrammen und der Stabilität von Mörtel gesprochen und brav wissenschaftliche Grunde angeführt. Kleist jedoch denkt weiter: »Es steht, antwortete ich, weil alle Steine auf einmal einstürzen wollen«, und er gewinnt daraus sogar eine Hoffnung für sein Leben, nämlich die, »daß auch ich mich halten würde, wenn alles mich sinken läßt«. (S. 244)

Auch wenn es dem nüchternen Wissenschaftler unangemessen vorkommen mag, eine solche poetische Darstellung ist vielen Menschen näher, als eine abstrakt-mathematische. Natürlich ist eine solche Übertragungsleistung eine anspruchsvolle Aufgabe und wer sie auf sich nimmt, braucht einen Fuß in beiden Welten: in der Welt der abstrakten Ideen, der wissenschaftlichen Methodik und der Sprache der Mathematik ebenso wie in der Welt der ausdrucksstarken Bilder, der bedeutungsreichen Sprache und der menschlichen Emotionen. Er (oder sie) muss Staunen auslösen und Leidenschaften einfangen können, die in der wissenschaftlichen Diskussion als fremd angesehen und in den Bereich des Privaten verdrängt werden. Damit ändert sich dann möglicherweise auch das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation:

Bisher gilt Wissenschaft als schwer und die Vermittlung als einfach. Vielleicht ist es gerade umgekehrt. Vielleicht ist die Vermittlung von Wissenschaft schwer […]. (S. 261)

Hinter Fischers scharfen Aussagen zur Wissenschafts-PR steht demnach eine alternative Idee von der Vermittlung von Wissenschaft. Es braucht vermutlich keine Abschaffung des Bestehenden, aber vielleicht würde eine Betonung der von Fischer hervorgehobenen Seite in der Wissenschaftskommunikation dieser auch eine Aufwertung ihrer Rolle und ihres Status in der öffentlichen Diskussion bedeuten.

„Bestie“ oder „Virus“? Wie die Sprache unser Denken prägt

Die alljährliche Diskussion um das „Unwort des Jahres“ macht deutlich, dass Sprache mehr ist als ein neutrales Werkzeug, mit dem wir Informationen von einer Person zur nächsten übertragen. Vielmehr ist die Sprache ganz eng mit unserem Denken und unserem Handeln verknüpft. Ob jedoch die Sprache Voraussetzung für das Denken und wie stark sie unsere Sicht auf die Welt prägt, ist nach wie vor umstritten.

In ihrem Buch Das Alphabet des Denkens – Wie Sprache unsere Gedanken und Gefühle prägt setzen sich die beiden ZEIT(Wissen) -Journalistinnen Stefanie Schramm und Claudia Wüstenhagen mit der aktuellen Forschung in diesem Gebiet auseinander. Dabei gehen sie in ihrer Darstellung von dem grundlegenden theoretischen Konflikt der Linguistik aus, dem Gegensatz zwischen „Universalisten“ und „Relativisten“:

Die Universalisten meinen, dass allen Menschen dasselbe Sprachvermögen und dieselben universellen Grundregeln der Sprache angeboren seien. Zudem verfügten alle Menschen von Geburt an über ein und dieselbe «Sprache der Gedanken»: Mentalese oder Mentalesisch […] Daraus folgern die Vertreter dieser Theorie, dass die natürliche Sprache keinen Einfluss auf das Denken hat. Dem widersprechen die Relativisten aufs heftigste: Sie sind überzeugt, dass wir in natürlichen Sprachen denken und dass diese unser Denken prägen. Die natürlichen Sprachen wiederum bildeten die Welt nicht auf ein und dieselbe Weise ab, sie sind nicht universell, sondern relativ. Folglich dächten Menschen in verschiedenen Sprachen bis zu einem gewissen Grad unterschiedlich; unsere Weltsicht hänge damit auch von der Sprache ab, die wir sprechen. (S. 53)

Ausgangspunkt dieses Konflikts war die sogenannte Sapir-Whorf-Hypothese, die im Kern davon ausgeht, dass die Sprache, die Menschen sprechen, ihr Denken in hohem Maße forme. Insbesondere formuliert sie, dass bestimmte Phänomene nur dann gedacht werden können, wenn es für sie einen sprachlichen Ausdruck gibt. Dieser Hypothese stellten sich jedoch Autoren wie Noam Chomsky oder Steven Pinker entgegen – unterstützt von zahlreichen empirischen Erkenntnissen, die aufzeigen, dass dieser Zusammenhang wesentlich schwächer ist, als zu Beginn angenommen.

Die Macht der Sprache – ob nun relativistisch oder universalistisch

Stefanie Schramm & Claudia Wüstenhagen: Das Alphabet des Denkens (978-3-498-06062-6)

Stefanie Schramm & Claudia Wüstenhagen: Das Alphabet des Denkens (978-3-498-06062-6)

Der Konflikt zwischen Universalisten oder der Relativisten ist jedoch in erster Linie theoretischer Natur. In der aktuellen empirischen Forschung sind die Ergebnisse insoweit eindeutig, als dass sich ein Zusammenhang zwischen der Sprache und dem Denken der Menschen eindeutig konstatieren lässt. Dabei deuten die Resultate auf eine gemäßigt-relativistische Position hin:

Sprache ist kein Gefängnis, sie determiniert nicht das Denken […]. Doch sie lenkt die Aufmerksamkeit in bestimmte Richtungen. Mal mehr, mal weniger subtil. (S. 177-178)

Dabei wird insbesondere deutlich, dass die Sprache neben der reinen Bereitstellung von Konzepten und Begriffen eine weitere zentrale Funktion in unserem Denken übernimmt: das Auslösen von Erinnerungen, Emotionen und entwickelten Denkmustern:

Denn die Muttersprache entfaltet ganz unabhängig von ihren Farbbegriffen, Orientierungsmaßen, Zeitformen oder grammatischen Geschlechtern ihre Macht. Jenseits von Grammatik und Semantik legt sie einen emotionalen Resonanzraum in uns an, verwurzelt sich in unseren Gefühlen. Sie ist die Sprache, mit der wir aufgewachsen sind, deren Klang wir von der ersten Lebensminute an hörten. Ihre Worte halfen uns, uns die Welt zu erschließen und eine Identität zu finden. Es ist diejenige Sprache, in der die Eltern mit uns schimpften und Trost spendeten. Kein «I love You» oder «Je t’aime» kann uns das «Ich liebe dich» ersetzen. Keine Schimpfwörter treffen uns so hart wie jene unserer Muttersprache. (S. 175)

Hier wird besonders deutlich, dass Sprache nicht nur ein rationales Werkzeug zum Verstehen von Zusammenhängen und zur Übertragung von Information darstellt, sondern eben auch ein emotionales Ausdrucksmittel. Im Laufe unseres Lebens – und insbesondere in unserer Kindheit – haben wir gelernt mit Begriffen Emotionen zu verbinden. Wir haben erfahren, wie unser Umfeld auf unterschiedliche Formulierungen reagiert und vermittelt bekommen, welche Ausdrücke in welcher Situation angemessen oder unangemessen sind. Kommunikation via Sprache ist demnach ein komplexer sozialer Prozess, der von den Beteiligten ebenso bestimmt wird, wie von ihrem Kontext. Die „Wahrheit“ liegt hier anscheinend – wie so oft – in der Mitte; irgendwo zwischen Nature und Nurture (s. dazu auch Der tiefe Graben zwischen Wissenschaft und Gesellschaft).

Sprache als Werkzeug zur Manipulation und Datensammlung

Wenn Sprache bestimmte Emotionen hervorrufen und Denkweisen auslösen kann, wird sie zum interessanten Werkzeug für diejenigen, die andere dazu bringen wollen, bestimmte Dinge zu denken oder zu tun. Die Autorinnen stellen mehrere Beispiele von Untersuchungen vor, die aufzeigen, wie sich durch die Nutzung bestimmter Begriffe die Reaktionen auf ansonsten identische Sachverhalte unterscheiden. Besondern eindrucksvoll ist dabei die Wahl von bestimmten Metaphern. So unterscheiden sich die von den Probanden vorgeschlagenen Lösungen für eine hohe Kriminalitätsrate je nachdem, ob der ansonsten identische einführende Text die Kriminalität mit mit einer „Bestie“ oder einem „Virus“ vergleicht. Das macht Metaphern  zu einem besonders geeigneten und unauffälligen Manipulationsmittel:

[…] Sprachbilder haben eine Tücke: Wer in den assoziativen Fäden eines Metaphernnetzes hängt, kann sich nur schwer wieder davon lösen. Die Gedankengänge und Schlussfolgerungen sind dann gebunden an die Bilder, die die Metaphern im Kopf erzeugen (S. 218)

Es verdichten sich mittlerweile sogar die Hinweise, dass wir bei der Wahrnehmung von Sprache schon einzelnen Phonemen – also kleinen Lauteinheiten – bestimmte Bedeutungen zuschreiben. Während das „i“ beispielsweise als klein wahrgenommen wird, steht das „o“ eher für groß. Solche Zuschreibungen laufen höchst unbewusst ab, lassen sich aber in unterschiedlichen Untersuchungen konsistent nachweisen.

Doch Sprache kann nicht nur zur Manipulation genutzt werden. Sie ermöglicht es auch, zentrale Informationen über uns zu erheben. So stellen die Autorinnen die Arbeit von James Pennebaker zu Pronomen vor:

In den kleinen, unscheinbaren Funktionswörtern liegt also eine Menge verborgen: Hinweise auf unsere Person – Geschlecht, Alter, sozialer Status – und auf unsere Persönlichkeit, ja sogar Indizien dafür, ob wir lügen und wen  wir lieben. Doch weil wir sie meist unbewusst benutzen und verarbeiten, brauchen wir Computerprogramme, um ihre Botschaft zu entschlüsseln. (S. 208)

Schramm und Wüstenhagen zeigen in ihrem Buch auf, dass unsere Sprache auf vielfältige Weise mit unserem Denken verbunden ist. Ob sie es nun wirklich determiniert ist dabei relativ egal, wenn empirische Untersuchungen zeigen, dass sie gezielt genutzt werden kann um Deutungen vorzugeben und durch statistische Analysen auch Informationen über uns als Person vermittelt. Doch eine emotionslose, objektive Sprache ist weder möglich noch wäre sie wünschenswert.

Wie Leonardo da Vinci die moderne Wissenschaft vorweg nahm

Leonardo da Vinci (1452 – 1519) gilt als das Universalgenie der menschlichen Ideengeschichte. Besonders bekannt ist er für seine Kunst – allen voran natürlich das Abendmahl und die Mona Lisa. Auch als Ingenieur hat da Vinci bis heute einen Namen. Dass er auch als Wissenschaftler seiner Zeit teilweise um Jahrhunderte voraus war, ist jedoch erst in den letzten Jahren wirklich deutlich geworden. Lesen…

Der tiefe Graben zwischen Wissenschaft und Gesellschaft

Warum wird Homöopathie von den Krankenkassen bezahlt? Sollen wir gentechnisch veränderte Lebensmittel erlauben? Was können wir gegen den Klimawandel tun? All dies sind Fragen, in denen naturwissenschaftliche Erkenntnisse auf soziale Prozesse treffen. Der französische Philosoph und Soziologe Bruno Latour setzt sich mit solchen Diskussionen auseinander und stellt dabei weder den Natur- noch den Sozialwissenschaftlern ein gutes Zeugnis aus. Lesen…