Kategorie: Wissenschaft

[Linkschau] Wie wir essen I

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht ein neues Lebensmittel durch die Medien gezogen wird weil es entweder Krebs auslöst, Krebs verhindert oder intelligent bzw. dumm macht. So ist die Verunsicherung groß, wie das denn nun eigentlich geht mit der richtigen Ernährung: brauchen wir ein individuell bestimmtes und individuell auf das Gramm abgewogene  Menü aus Superfoods oder sollten wir uns am besten einfach wieder wie in der Steinzeit ernähren? Einfache Antworten gibt es in den Texten und Dokumentationen, die ich euch heute nahelegen möchte, nicht. Aber viel Bedenkenswertes und eine Rückbesinnung auf Vernunft und Kultur:

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Von guten und bösen Buch-Überraschungen 2015

Normalerweise findet ihr hier ja nicht wirklich so viele Blogparaden, Stöckchen und Co, aber einen Jahresrückblick auf das Lesejahr 2015 kann ich mir an dieser Stelle schlecht entgehen lassen. Deswegen greife ich die Fragen von den BuchSaiten auf, um das Ganze ein wenig zu strukturieren. Es geht dabei in erster Linie um die positiven und die negativen Überraschungen sowie Neuentdeckungen. Bei mir gibt es jeweils zwei Antworten: eine für den Bereich Science-Fiction und Fantasy und eine für die zahlreichen Sachbücher, durch die ich mich im letzten Jahr gefressen habe. Lesen…

Drei Ideen aus „Selbst im Spiegel“ von Wolfgang Prinz [mit Video]

Wir alle glauben, ihn zu haben: einen eigenen, weitestgehend freien Willen. Wir alle denken von uns als Person und als Ich. Doch woher kommt dieses Ich eigentlich, dass gleichzeitig neben sich stehen kann und gerne Schokolade essen würde? Dieser Frage geht der Kognitionswissenschaftler Wolfgang Prinz in seinem Buch Selbst im Spiegel nach und kommt dabei zu überraschenden Schlussfolgerungen:

  1. Unsere eigene Handlungssteuerung und die Wahrnehmung und Interpretation des Handelns anderer basieren auf denselben mentalen Mustern. Damit verwirft Prinz die Idee, dass wir einen privilegierten Zugang zu unserem Denken und Handeln haben. Über das was wir tun und warum wissen wir demnach nicht mehr als über das Handeln anderer. Damit macht Prinz den Weg frei zu einer zweiten, äußerst spannenden Schlussfolgerung:
  2. Wolfgang Prinz: Selbst im Spiegel (Suhrkamp 2013)

    Wolfgang Prinz: Selbst im Spiegel (Suhrkamp 2013)

    Wir verstehen andere nicht nur dadurch, dass wir von uns auf sie übertragen (du bist wie ich), sondern auch indem wir von ihnen auf uns übertragen (ich bin wie du). Diese Idee lässt uns als Ich hinter unsere Wahrnehmung anderer zurücktreten. Insbesondere solange wir in unserer Entwicklung noch kein starkes Ich ausgebildet haben. So modelliert Prinz Lernprozesse, die über reine Konditionierung hinausgehen aber auch nicht auf die Fähigkeit zu umfassender kognitiver Verarbeitung angewiesen sind.

  3. Wenn andere uns spiegeln unterstellen wir ihnen eine bewusste Absicht (die nicht unbedingt gegeben sein muss) und kommen so dazu, uns auch selbst als bewusst Handelnde zu verstehen. Der zentrale Twist in der Argumentation, mit der Prinz die Entstehung der bewussten Absicht aus der (wiederholten) Interaktion zweiter nicht zwangsläufig absichtsvoller Wesen erklärt. Alleine die Unterstellung, der andere handele absichtsvoll sorgt dafür, dass sich ein entsprechendes Muster etablieren kann, dass dann schließlich auch das eigene Handeln prägen kann.

Wegen der doch sehr abstrakten und theoretischen Materie ist das Buch relativ technisch und sehr kleinschrittig geschrieben, es lohnt sich aber, sich mit den Argumenten von Prinz auseinanderzusetzen. Er zeigt auf, wie das bewusste und absichtsvoll handelnde Ich als soziale Konstruktion verstanden werden kann und weist so einen Ausweg aus der Frage nach dem Ursprung des freien Willens. Auf diese Weise betont er die unbedingte Sozialität des Menschen und weist den modernen Individualismus auf seine Grenzen hin. Das freut den Soziologen in mir.

Mehr Rezensionen gibt es beim Perlentaucher.

MOOC-Rückblick: Alien Worlds: The Science of Exoplanet Discovery

Ab und an packt mich der MOOC-Wahn und ich schreibe mich in mehrere dieser Massive Open Online Courses gleichzeitig ein. Hin und wieder schaffen es die Kurse dann sogar, mich so zu fesseln, dass ich tatsächlich bin zum Ende dabei bleibe, mir alle Videos anschaue, die Übungen rechtzeitig einreiche und schließlich auch die Abschluss“prüfung“ erfolgreich hinter mich bringe. Eine solche intensive Phase mit drei parallelen Kursen ist gerade zu Ende gegangen und ich möchte euch meine Eindrücke dieser drei Kurse nicht vorenthalten.

Den Anfang macht heute der von Andrew West von der Boston University auf der Plattform edX angebotene Kurs Alien Worlds: The Science of Exoplanet Discovery and Characterization.

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Die Arbeitsteilung zwischen bewusstem und unbewusstem Denken

Optische Täuschungen oder der auf Autopilot gefahrene tägliche Weg zur Arbeit sind nur zwei der zahlreichen Phänomene, die uns zeigen, dass wir selbst komplexe Handlungen oft durchführen, ohne uns ihrer bewusst zu sein. Es muss also unterhalb unseres aktiven Bewusstseins Prozesse geben, die dafür sorgen, dass wir die richtige Abzweigung nehmen, eine Geschwindigkeitsbegrenzung erkennen oder auch nur die Gänge wechseln. Doch welche Rolle spielt dann eigentlich noch unser Bewusstsein?

Das Wechselspiel zwischen unterbewusster Wahrnehmung und dem Bewusstsein steht neben den neuronalen Signaturen des Bewusstseins im Mittelpunkt des Buchs Denken. Wie das Gehirn Bewusstsein schafft des Neurowissenschaftlers Stanislas Dehaene. Dabei entwickelt er eine Theorie, die das Bewusstsein als übergreifenden Speicher versteht, der Informationen für unterschiedliche unbewusste Verarbeitungsprozesse bereitstellt.

Zwischen unbewusster Fleißarbeit und bewusster Entscheidung

Stansislas Dehaene: Denken. Wie das Gehirn Bewusstsein schafft (Knaus 2014, ISBN: 978-3813504200)

Stansislas Dehaene: Denken. Wie das Gehirn Bewusstsein schafft (Knaus 2014, ISBN: 978-3813504200)

Dehaene, der sich ausführlich mit dem Unterschied zwischen bewussten und unbewussten kognitiven Prozessen auseinandersetzt, referiert ausführlich die zahlreichen Studien, die aufzeigen, dass ein großer Teil unserer Wahrnehmung unterbewusst abläuft. Dabei geht es nicht nur um das Ausblenden nebensächlicher Reize oder das Zusammensetzen unserer sinnlichen Wahrnehmung in ein kohärentes Bild, das uns dann präsentiert wird.

Auch die Zuweisung von Bedeutung und einfache logische Schlussfolgerungen können ohne einen bewussten Zugriff erfolgen. So sind Versuchspersonen in der Lage einzuschätzen, ob eine Zahl, die ihnen nur wenige Millisekunden gezeigt wurde und die sie nicht bewusst wahrnehmen konnten, kleiner oder größer ist als Fünf.

Das Resultat all dieser Experimente ist eindeutig: Unser Gehim beherbergt eine Sammlung schlauer unbewusster Vorrichtungen, welche die uns umgebende Welt ständig überwachen und ihr Werte zuordnen, unsere Aufmerksamkeit lenken und unser Denken formen. Dank dieser unterschwelligen Markierungen werden die amorphen Reize, die uns bombardieren, zu einer Landschaft der Gelegenheiten, die sorgfältig nach ihrer Relevanz für unseren aktuellen Ziele geordnet sind. (S. 116)

Es ist also nicht so, dass das Unterbewusstsein nur für Prozesse zuständig ist, die grundlegende Wahrnehmungs- oder Überlebens-Funktionen sicherstellen. Es ist auch zentral an höheren kognitiven Prozessen beteiligt, die uns helfen, die Welt um uns herum zu verstehen und ihr einen Sinn abzugewinnen. Diese unterbewussten Prozesse sind jedoch hoch-spezialisiert und nicht in der Lage strategische Prozesse aus mehreren Interpretationsschritten durchzuführen. Hierzu ist ein bewusster Geist notwendig.

Das mächtige Unbewusste erzeugt komplexe Ahnungen, doch nur ein bewusster Geist kann Schritt für Schritt eine rationale Strategie verfolgen. Indem es als Router fungiert, der Informationen in jede beliebige Serie aufeinanderfolgender Prozesse einspeist, scheint das Bewusstsein uns Zugang zu einem völlig neuen Betriebsmodus zu verschaffen – der Turingmaschine des Gehirns. (S. 159)

So schildert Dehaene, dass der oben vorgestellte Vergleich zwischen zwei Zahlen nicht mehr unbewusst ablaufen kann, sobald zu der angezeigten Zahl die Drei addiert werden soll. Hier sind zwei aufeinanderfolgende Schritte notwendig – die Addition und der Vergleich – die einzeln durchaus unbewusst ablaufen können, zu deren Verknüpfung jedoch ein bewusster Akt notwendig ist.

Das Bewusstsein als universell verfügbarer Arbeitsspeicher

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Auf dieser Grundlage und dem Nachweis spezifischer neuronaler Signaturen leitet Dehaene seine Theorie des Bewusstseins als universell verfügbarer Arbeitsspeicher ab. Für ihn übernimmt das Bewusstsein demnach in erster Linie die Funktion, bei einer spezifischen Frage die verfügbaren Informationen strategisch in die zahlreichen unterbewussten Verarbeitungsprozesse einzuspeisen und die Ergebnisse weiter zu vermitteln:

Bewusstsein ist eine entwickelte Vorrichtung, die es uns ermöglicht, eine Information aufzugreifen und dafür zu sorgen, dass sie innerhalb dieses Übertragungssystems wirksam bleibt. (S. 233)

Das Bewusstsein lässt sich dementsprechend mit der Zwischenablage des Computers vergleichen, in der Informationen abgelegt und anderen Programmen zugänglich gemacht werden können. Es fungiert als Koordinationszentrale unseres Gehirns, die die Resultate unterbewusster Prozesse aufgreift. Dabei verfolgt es einen konkreten Plan, der der Lösung eines spezifischen komplexen Problems dient:

Wenn wir sagen, wir seien uns einer bestimmten Information bewusst, meinen wir damit einfach Folgendes: Die Information ist in ein spezifisches Speicherareal eingetreten, das sie für den Rest des Gehirns verfügbar macht. (S. 236)

Diese Theorie eröffnet nicht nur der Neurowissenschaft neue Herangehensweisen, sondern verändert auch unsere Sicht auf Bewusstseinszustände wie das Koma oder das Locked-In-Syndrom, bei dem sich durch den Einsatz bildgebender Verfahren ganz neue Untersuchungsmöglichkeiten ergeben. Sogar die Kommunikation mit Patienten, die keinerlei bewusste Kontrolle über ihren Körper haben scheint auf diese Weise möglich.

Von neuronalen Lawinen und mentalen Symphonien

Die Musik, die mich begleitet während ich schreibe – das neue Muse-Album Drone -, löst in meinem Kopf eine Vielzahl an Assoziationen aus: Ich könnte sie mit einem großartigen Konzert verbinden, mich von ihrer Atmosphäre mitreißen oder von den Texten inspirieren lassen. Ich wäre überzeugt davon, dass meine Reaktion auf diese Musik meine eigene ist und nichts mit der anderer Menschen gemein hat. Doch neurowissenschaftliche Erkenntnisse wecken Zweifel daran, dass dem wirklich so ist.

In seinem aktuellen Buch Denken. Wie das Gehirn Bewusstsein schafft geht der Kognitionswissenschaftler Stanislas Dehaene der großen Frage nach, welche Prozesse eigentlich in unserem Gehirn ablaufen, während wir Dinge wahrnehmen. Dabei wecken Titel wie Klappentext große Erwartungen, doch bereits auf den ersten Seiten erwartet den Leser ein Akt der naturwissenschaftlichen Reduktion, der diese Erwartungen vorerst enttäuscht: In einem – zugegebenerweise gut begründeten – Handstreich reduziert Dehaene den gesamten Fragenkomplex um das Bewusstsein auf ein einziges kleines Phänomen: den bewussten Zugang.

Bewusstsein und bewusster Zugang

Stansislas Dehaene: Denken. Wie das Gehirn Bewusstsein schafft (Knaus 2014, ISBN: 978-3813504200)

Stansislas Dehaene: Denken. Wie das Gehirn Bewusstsein schafft (Knaus 2014, ISBN: 978-3813504200)

Auf den ersten Blick wirkt diese Vereinfachung unzureichend und übermäßig reduktionistisch, doch sie macht ein so vielfältiges Thema wie das Bewusstsein überhaupt erst experimenteller Untersuchung zugänglich. Unter bewusstem Zugang versteht Dehaene dabei den Vorgang, eine Information “an die vorderste Front unseres Denkens [zu] beförder[n]” (S. 35).

Das grundsätzliche Design der Experimente, auf denen zahlreiche der Forschungen in diesem Bereichen basieren ist dabei äußert clever: Es nutzt den Umstand aus, dass wir Bilder, die wir nur einen kurzen Moment gezeigt bekommen, nicht bewusst wahrnehmen. Die Forscher zeigen ihren Probanden Bilder unterhalb und oberhalb dieser Wahrnehmungsschwelle von ca. 50 Millisekunden und können so bewussten Zugang von unbewusster Wahrnehmung abgrenzen:

Das entmutigende Problem des Bewusstseins war auf das experimentelle Ziel reduziert worden, jene Gehirnmechanismen zu entschlüsseln, die sich aus zwei unterschiedlichen Versuchsanordnungen ergeben – ein sehr viel leichter zu bearbeitendes Problem. (S. 20)

Auch wenn diese Vereinfachung unangemessen erscheinen kann, ermöglicht sie bereits einen tiefen Einblick in den Zusammenhang zwischen neuronaler Signalübertragung in unserem Gehirn und dem, was wir landläufig Bewusstsein nennen.

Messbare Signaturen des Bewusstseins

Dehaene zielt in seiner Arbeit auch nicht darauf ab, das Phänomen des bewussten Zugangs vollständig zu erklären, sondern versucht eine möglicht starke Verbindung zwischen messbaren Gehirn-Prozessen und bewusstem Zugang herzustellen:

Am Ende kommen wir zu einem simplen Forschungsprogramm – der Suche nach objektiven Mechanismen subjektiver Zustände, systematischen »Signaturen« in der Gehirnaktivität. die den Übergang vom Unbewussten zum Bewusstsein anzeigen. (S. 29)

Es geht also darum, messbare Muster in der Aktivität des Gehirns zu finden, die immer dann auftreten, wenn gerade eine bewusste Wahrnehmung erfolgt und die nie auftreten, wenn gerade keine bewusste Wahrnehmung erfolgt. Und tatsächlich kann Dehaene die Existenz solcher Signaturen nachweisen. Insgesamt findet er vier solcher Signaturen, welche er als eine “selbstverstärkende Lawine neuronaler Aktivität” zusammenfasst:

Bewusste Wahrnehmung ist das Ergebnis einer Welle neuronaler Aktivität, die den Kortex über seine Erregungsschwelle kippt. Ein bewusster Reiz löst eine selbstverstärkende Lawine aus, die am Ende viele Regionen zu einem verschränkten Zustand anregt. Während dieses bewussten Zustands, der annähernd 300 Millisekunden nach dem Einsetzen des Reizes anfängt, werden die Stirnregionen des Gehirns von unten nach oben über den sensorischen Input informiert, aber diese Regionen senden auch ausgeprägte Projektionen in die entgegengesetzte Richtung – von oben nach unten und in viele verstreute Areale. (S. 203)

Diese Beschreibung bezieht sich auf den Moment, wo wir die Existenz eines Objektes bewusst wahrnehmen. Sie beschreibt also die Reaktion auf einen bestimmten neuen Reiz, der in unsere Aufmerksamkeit und unsere bewusste Wahrnehmung tritt. Er verallgemeinert diese Signatur anschließend auf alle bewussten Wahrnehmungen und Erfahrungen:

All unsere bewussten Erfahrungen, vom Klang eines Orchesters bis zum Geruch von verbranntem Toast, stammen aus einer ähnlichen Quelle: der Aktivität ausgeprägter Hirnschaltkreise, die reproduzierbare neuronale Signaturen aufweisen. (S. 229)

Das Ende der Qualia?

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Dabei lassen die aktiven neuronalen Muster einen Rückschluss auf den Bewusstseinsinhalt zu. Dehaene beschreibt sogar eine Untersuchung, die bestimmte Neuronen identifizieren konnte, welche ausschließlich auf ein bestimmtes Objekt oder eine bestimmte Person reagieren und diese damit mental repräsentieren. Durch die elektrische Stimulation bestimmter Nervenregionen lassen sich demnach sogar bestimmte Bewusstseinsinhalte hervorrufen:

Im Prinzip glauben wir Neurowissenschaftler an die Fantasie der Philosophen vom »Gehirn im Tank«, wie sie der Film The Matrix eindrucksvoll illustriert. Wenn wir die richtigen Neuronen stimulieren und andere zum Schweigen bringen, sollten wir imstande sein, jederzeit Halluzinationen all der unzähligen subjektiven Zustände nachzubilden, die Menschen regelmäßig haben. Neuronale Lawinen sollten mentale Symphonien verursachen. (S. 230)

Aus dieser Fähigkeit leitet Dehaene eine weitreichende Schlussfolgerung ab: Er sieht auf dieser Grundlage die Idee der Qualia, also den subjektiven Charakter von Bewusstseinsinhalten, als unnötig an. Hier kommt er allerdings zu einem Zirkelschluss: Aus der forschungspragmatischen Setzung des bewussten Zugangs als Ersatz für das Bewusstsein und der Suche nach dessen Signaturen schließt er auf eine tatsächliche Identität dieser Phänomene:

Das hypothetische Konzept der Qualia als rein geistiger, von jeglicher Rolle der Informationsverarbeitung getrennter Erfahrungen wird als eigentümliche Vorstellung der vorwissenschaftlichen Ära angesehen werden. (S. 375)

Diese Hypothese ist nicht neu und wird in der Philosophie des Geistes bereits seit Langem kontrovers diskutiert, sie wird jedoch durch die empirische Forschung, die Dehaene schildert, nicht belegt.

Menschliche Intelligenz und moderne Wissenschaft als Irrweg der Evolution?

Der britische Biologe Richard Dawkins ist in der letzten Zeit in erster Linie durch fast schon fanatische Äußerungen zum Übel der Religion aufgefallen. Darüber darf man jedoch nicht vergessen, dass er einer der wichtigsten Evolutionsbiologen des 20. Jahrhunderts sein dürfte: In seinem Buch Das egoistische Gen (Original: The Selfish Gene) schlug er eine Interpretation von Darwins Evolutionstheorie vor, die nicht das Individuum oder die Spezies in den Mittelpunkt rückt, sondern das „Interesse“ der Gene an ihrer Verbreitung. Die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, hat er anschließend in zahlreichen Büchern aufgearbeitet und zu Ende gedacht ergeben sich interessante Fragen über die Position der menschlichen Intelligenz an der „Spitze“ der Evolution.

Das Auto als Teil des menschlichen Phänotyps?

Ricahrd Dawkins: Der erweiterte Phänotyp (Springer Spektrum 2010, ISBN:  978-3827427069)

Ricahrd Dawkins: Der erweiterte Phänotyp (Springer Spektrum 2010, ISBN: 978-3827427069)

Für Dawkins ist der zentrale Treiber der Evolution nicht das Überleben eines Individuums oder einer Spezies von Tier oder Pflanze, sondern die Weiterverbreitung von Informationen, die in Genen codiert sind. Entsprechend flieht eine Maus nicht deswegen vor einem Raubvogel, weil sie als Individuum überleben will, sondern weil sich ihr genetischer Code im Laufe der Evolution so entwickelt hat, dass er im entsprechenden Fall eine Flucht vorsieht. Es ist damit evolutionstheoretisch betrachtet kein bewusstes Verhalten der Maus, sondern Ausdruck ihres genetischen Codes (Genotyps) in der Form ihres Phänotyps.

Dawkins führt diese Argumentation weiter und betrachtet selbst materielle Artefakte, die von Tieren geschaffen werden, als Teil ihres (erweiterten) Phänotyps und damit als genetisch vorgegebenen Teil ihres Körpers:

The simplest sort of extended phenotype would be an artifact like a bird’s nest. So a bird’s nest is an organ, it’s an organ in just the same sense as a heart or a kidney is an organ, but it just happens to be outside the body and it happens to be made of grass and sticks rather than being made of the cells that contain the genes.

Denkt man diese Argumentation konsequent weiter, stellen sich zahlreiche spannende Fragen über die Intelligenz des Menschen und seine Fähigkeit, komplexe Artefakte wie Flugzeuge oder Autos zu erschaffen. Stellt ein Auto einen Ausdruck unseres Phänotyps dar? Dawkins zufolge nicht, da komplexe Fertigungsprozesse notwendig sind, welche nicht genetisch codiert sind, sondern kollektiv entwickelt und bewusst erlernt werden müssen.

In Verbindung mit seiner Idee der „Entwicklungsfähigkeit“ gerät diese Schlussfolgerung jedoch schnell ins Wanken:

Gene, die Entwicklungsfähigkeit ermöglichen erlauben höhere Komplexität

Dawkins beschreibt zwei unterschiedliche Typen von Genen: solche, die sich auf den Phänotyp eines Individuums auswirken – also z.B. seine Größe, seine Organe und die Farbe des Gefieders – und solche, die seine Entwicklungsfähigkeit prägen. Diese Gene erhöhen gewissermaßen die Anzahl der Möglichkeiten, die ein Individuum während seiner evolutionären Entwicklung hat. Sie beschleunigen damit die Veränderungsrate seines genetischen Codes und machen eine Anpassung an veränderte Umstände einfacher:

The evolution of evolvability, then, is an evolutionary change which makes a radical alteration in embryology, and that opens up floodgates of further evolution which were not possible before.

Diese Gene sind für Dawkins eine unverzichtbare Voraussetzung für die Entstehung komplexer Strukturen, wie wir sie heute in der Tier- und Pflanzenwelt finden.

Menschliche Intelligenz und moderne Wissenschaft als Irrweg der Evolution?

Nimmt man nun die Idee des erweiterten Phänotyps und der Entwicklungsfähigkeit zusammen, stellt sich die Frage nach dem Zusammenhang zwischen menschlicher Intelligenz und evolutionärer Entwicklung neu: Was, wenn unsere Fähigkeit zu komplexem wissenschaftlichen Denken eine Manifestation unserer genetisch codierten „Entwicklungsfähigkeit“ ist? Dann werden Flugzeuge und Autos, Kernkraftwerke und Atomwaffen, Computer und das Internet zu einem Ausdruck unseres erweiterten Phänotyps.

Damit würde die technisch-wissenschaftliche Entwicklung ebenso wie die Entwicklung der menschlichen Intelligenz zu einem Prozess, der im Verlauf von Generationen evolutionären Gesetzmäßigkeiten unterliegt und entsprechendem Selektionsdruck ausgesetzt ist. Demnach hätten wir uns nicht von der biologischen Evolution entkoppelt, sondern würden lediglich eine Mutation darstellen, welche Intelligenz und technische Entwicklung als eine Eigenschaft des erweiterten Phänotyps im großen Spiel der Evolution austestet. Ob sie sich langfristig als förderlich für die Verbreitung genetisch codierter Informationen erweisen, bleibt dabei abzuwarten.

Foto einer planetaren Nebula des Hubble-Teleskops (NASA)

Zeit oder nicht Zeit, das ist hier die Frage

Für unsere alltägliche Wahrnehmung sind die Kategorien “Raum” und “Zeit” unverzichtbare Voraussetzungen. Automatisch verorten wir Gegenstände und Personen innerhalb des Raums um uns herum und strukturieren unser Erleben entlang eines Zeitpfeils von der Vergangenheit über das Jetzt in die Zukunft. So selbstverständlich uns diese Dimensionen jedoch im Alltag erscheinen, so umstritten sind sie in ihrer wissenschaftlichen Betrachtung.

In seinem Buch Im Universum der Zeit geht der us-amerikanische Physiker Lee Smolin der Bedeutung der Zeit in der historischen Entwicklung der Physik ebenso nach, wie ihrer Konzeption in aktuellen Ansätzen der Quantenphysik und der Kosmologie. Dabei zeigt er auf, wie die Physik in den letzten Jahrhunderten die Zeit nach und nach zu einer Illusion der Wahrnehmung erklärt hat und aus ihren Erklärungsmodellen ausklammern konnte. Nun sieht er jedoch den Punkt gekommen, an dem sich zeigt, dass diese Herangehensweise ein Fehler war und die Zeit wieder Eingang in grundlegende physikalische Erklärungsmodelle finden sollte.

Die Idee zeitloser Wahrheit

Lee Smolin: Im Universum der Zeit (DVA 2014, 978-3-421-04575-1)

Lee Smolin: Im Universum der Zeit (DVA 2014, 978-3-421-04575-1)

Den Ursprung der Entfernung der Zeit aus der Wissenschaft sieht Smolin in der Idee, dass der Wahrheit immer etwas Zeitloses anhaftet. Dieser Gedanke geht im wissenschaftlichen Bereich zurück auf Platon und sein Konzept einer zeitlosen Welt der abstrakten Ideen und Formen. Hier stellen die konkreten Gegenstände nur unperfekte Abbildungen ihrer idealen Vorstellungen dar. Der Tisch, an dem ich diesen Text gerade schreibe, ist demnach nicht an sich ein Tisch, sondern eine Manifestation eines Idealbilds von “Tisch”. Damit etabliert Platon eine abstrakte Welt der Wahrheit, welche nicht nur außerhalb unserer sinnlichen Wahrnehmung liegt, sondern eben auch außerhalb der Zeit. Smolin zufolge lässt sich auch das moderne Ideal der Wissenschaft in dieser Form interpretieren, in der Phänomene unserer Welt lediglich als Manifestationen zeitloser und abstrakter Gesetzmäßigkeiten verstanden werden.

Unserem Denken über die Zeit wohnt etwas Paradoxes inne. Wir nehmen uns selbst als in der Zeit lebend wahr, doch wir stellen uns oft vor, dass die besseren Aspekte unserer Welt und unserer selbst über die Zeit hinausgehen. Was etwas wirklich wahr macht, so meinen wir, ist nicht, dass es jetzt wahr ist, sondern dass es immer wahr gewesen ist und immer wahr sein wird. (S. 14)

Diese Denkweise hat schwerwiegende Konsequenzen dahingehend, wie wir kausale Zusammenhänge interpretieren und daran gehen, unsere Welt zu verstehen. Es reicht aus diesem Blickwinkel nicht, ein konkretes Phänomen in seiner spezifischen Ausprägung zu verstehen, vielmehr müssen wir ein zugrunde liegendes allgemeines Prinzip oder Gesetz identifizieren, das unabhängig von seiner konkreten zeitlichen wie räumlichen Verortung und Ausprägung Bestand hat:

Das Newtonsche Paradigma ersetzt also kausale Prozesse – Prozesse, die sich im Laufe der Zeit vollziehen – durch eine logische Implikation, die zeitlos ist. (S. 94)

Dieses Ideal zeitlosen Wissens führt also dazu, dass wir die Zeit als irrelevant für die eigentliche Erklärung der Welt verstehen müssen. Denn wäre sie relevant, könnten logische Gesetze nicht unabhängig von einer zeitlichen Dimension gedacht werden.

Das isolierte System als Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnis

Um solche abstrakten Gesetzmäßigkeiten zu identifizieren, ist die moderne Wissenschaft in hohem Maße auf die Methode des Experiments und der kontrollierten Messung angewiesen. Dazu gilt es, einen möglichst kleinen und überschaubaren Teil aus der Welt zu isolieren und diesen dann so zu betrachten, als würde er vollkommen für sich alleine stehen. Hier muss die Welt also zwangsläufig verkürzt und vereinfacht werden, um tatsächlich nur ein einzelnes Phänomen, einen einzelnen Prozess beobachten zu können:

Um ein System zu studieren, müssen wir definieren, was zu ihm gehört und was von ihm ausgeschlossen ist. Wir behandeln das System so, als ob es vom übrigen Universum isoliert wäre, und diese Isolation ist selbst eine drastische Annäherung. (S. 80)

Diese Herangehensweise funktioniert so lange, wie sich isolierte Systeme tatsächlich wiederholt schaffen lassen, um kausale Zusammenhänge eindeutig zu identifizieren. Sie ist jedoch darauf angewiesen, dass es einen Standpunkt außerhalb des untersuchten Systems gibt, von dem aus man es beobachten kann. Genau diese Voraussetzung kann jedoch nicht länger erfüllt werden, wenn es um kosmologische Fragen, also Fragen nach der Natur unseres Universums und der grundlegenden Beschaffenheit unserer Existenz, geht. Hier gibt es kein unbewegtes “Außen” von dem aus sich das Universum aus neutraler Position beobachten ließe.

Unsere gegenwärtigen Theorien können auf der Ebene des Universums nur dann funktionieren, wenn unser Universum ein Subsystem eines größeren Systems ist. Also erfinden wir eine fiktive Umgebung und füllen sie mit anderen Universen. Das kann nicht zu wirklichem wissenschaftlichen Fortschritt führen, weil wir keinerlei Hypothese über Universen bestätigen oder falsifizieren können, die von unserem eigenen kausal entkoppelt sind. (S. 26)

Diese implizite Annahme eines wie auch immer gearteten “Raums” voller Universen ist jedoch lediglich eine theoretisches Postulat (vgl. meinen Artikel zu Peter Janichs Handwerk und Mundwerk) und keine Aussage über die tatsächliche Beschaffenheit der Welt. Sie ist vielmehr eine Voraussetzung dafür, dass einige der etablierten kosmologischen Modelle überhaupt konsistent sind. Präzise formuliert muss es also heißen: “Damit unsere Modelle stimmen können, muss es ein solches Multiversum geben” und nicht “Es gibt ein Multiversum, deswegen stimmen unsere Modelle” oder “Weil unsere Modelle stimmen gibt es ein Universum”.

Vom zeitlosen zum zeitgebundenen Univserum

Blick in die Tiefen des Alls (Hubble-Teleskop)

Blick in die Tiefen des Alls (Hubble-Teleskop)

Wie sehen aber nun diese zeitlosen kosmologischen Modelle aus, von denen in den letzten Abschnitten die Rede war? Sie gehen grundsätzlich davon aus, dass das Universum aus einer fiktiven Außenperspektive unbewegt und unverändert bleibt, also quasi in Raum und Zeit eingefroren ist. Die Wahrnehmung zeitlicher wie räumlicher Veränderungen entsteht demzufolge nur durch die Veränderung der relationalen Positionierung einzelner Elemente innerhalb dieses nach außen hin statischen Raums – ähnlich wie die molekulare Bewegung und Dynamik innerhalb eines Brühwürfels von außen nicht ohne spezielle Instrumente zu erkennen ist. Der britische Physiker Julian Barbour schlägt gar eine Theorie vor, die weder einen zeitlichen Ablauf noch kausale Zusammenhänge benötigt:

Barbours Theorie zufolge ist die Kausalität ebenfalls eine Illusion. Nichts kann Ursache von etwas anderem sein, weil in Wirklichkeit im Universum nichts geschieht: Es gibt einfach nur einen riesigen Haufen von Zeitpunkten, von denen einige von Wesen wie uns selbst erlebt werden. In Wirklichkeit ist jedes Erlebnis jedes Zeitpunkts einfach nur das: unverbunden mit allen übrigen. Es gibt zwar Zeitpunkte, aber keine Ordnung dieser Zeitpunkte, kein Vergehen der Zeit. (S. 135-136)

Auch wenn eine solche Theorie dazu beiträgt, den bestehenden Erklärungsmodellen Konsistenz zu verleihen, scheint sie uns doch zutiefst unbefriedigend. Natürlich kann es sein, dass die Wahrheit uns einfach nicht gefällt, was jedoch nichts an ihrer Geltung ändert. Doch Smolin erinnert an dieser Stelle erneut an die Funktion der Naturwissenschaft:

Um erfolgreich zu sein, muss eine naturwissenschaftliche Theorie uns die Beobachtungen erklären, die wir in der Natur machen. Doch unsere grundlegendste Beobachtung ist die, dass die Natur zeitlich organisiert ist. Wenn die Naturwissenschaft eine Geschichte erzählen muss, die alles, was wir in der Natur beobachten, umfasst und erklärt, sollte das nicht auch unser Erleben der Welt als einen Fluss von Augenblicken einschließen? Ist nicht die elementarste Tatsache der Struktur unserer Erfahrung auch ein Teil der Natur, den unsere fundamentale Theorie der Physik widerspiegeln sollte? (S. 142)

Dabei stellt für ihn insbesondere die Frage nach dem Ursprung unseres Universums und den Gründen für seine Beschaffenheit eine unüberwindbare Barriere dar. Konzepte eines zeitlosen Universums müssen voraussetzen, dass dieses einfach existiert. Sie können nicht die Frage stellen, warum sich genau die beobachteten Gesetzmäßigkeiten herausgebildet haben, die wir beobachten. Es gibt zwar die Idee der Existenz einer unendlichen Anzahl von Universen, die jede mögliche Kombination von Naturgesetzen realisieren, diese kann jedoch auch nicht mit kausalen Gründen für deren Entstehung argumentieren. Diese Idee wird oftmals unter dem Begriff des “unwahrscheinlichen Universums” zusammengefasst und schließt damit an die evolutionstheoretische Idee eines survival of the fittest an. Dabei wird jedoch übersehen, dass gerade die Evolution ein streng zeitgebundener Prozess ist, in dem sich nach und nach Strukturen entwickeln und ihre Reproduktionsfähigkeit in einem bestimmten Umfeld unter Beweis stellen müssen. Smolin fordert daher eine Konzeption der Entstehung des Universums, die diesen Zeitbezug und diese prozedurale Entwicklung berücksichtigt, dabei gleichzeitig aber nicht im Widerspruch zu empirisch gesicherten Erkenntnissen stehen darf:

In der zeitgebundenen Version, die ich vorschlage, ist das Universum ein Prozess zur Ausbrütung neuer Phänomene und Organisationszustände, der sich ständig erneuert, wobei er sich zu Zuständen immer höherer Komplexität und Organisation entwickelt. (S. 265)

An die Stelle des “unwahrscheinlichen Universums” will Smolin entsprechend das “sich entwickelnde Universum” stellen, in dem Naturgesetze keine ätherisch-zeitlosen Prinzipien darstellen, sondern vielmehr im Zeitverlauf entstandene und veränderliche Eigenschaften im Prozess einer andauernden kosmologischen Evolution.

Das Handwerk – der ungeliebte Bruder der Wissenschaft

Wissenschaftliche Erkenntnisse beanspruchen gerne eine universelle Geltung. Sie scheinen, einmal etabliert, unabhängig von ihren Entdeckern zu existieren und “objektiv” unsere Welt zu beschreiben – nicht umsonst habe ich gerade “entdecken” im Gegensatz zu “erfinden” geschrieben. “Naturgesetze” werden meist in mathematischen Formeln augedrückt, die dann als angemessene Abbildung der verborgenen Struktur unserer Welt gesehen werden. Insbesondere werden sie von den konkreten Umständen der zugrundeliegenden Messungen losgelöst.

Damit verleugnet die Wissenschaft als Mundwerk in den Augen des Marburger Philosophen Peter Janich ihren ungeliebten Zwilling, der für ihren Aufschwung jedoch unverzichtbar war: das Handwerk. Die abstrakte Formulierung von Gesetzen, Theoremen und Theorien muss, wie er in seinem Buch Handwerk und Mundwerk – Über das Herstellen von Wissen ausführt, durch ein Bewusstsein der manifesten und konkreten Hintergründe ihres Entstehens ergänzt werden.

Geringschätzung des Handwerks im Zentrum der antiken griechischen Philosophie

Ihren Ursprung hat die Geringschätzung des Handwerks aus der Perspektive der Wissenschaft Janich zufolge bereits im antiken Griechenland, der Geburtsstätte der modernen Wissenschaft. Hier waren es insbesondere die Philosophen Aristoteles und Platon, für die das Handwerk eine minderwertige Beschäftigung schien gegenüber dem Theoretisieren und dem Streben nach Erkenntnis:

Der Handwerker, etwa ein Schreiner, der einen Tisch oder ein Bett herstellt, übt seine Tätigkeit immer um einer anderen Sache willen aus. Er verfolgt einen nicht in der Tätigkeit selbst liegenden Zweck. Es geht ihm etwa um nützliche Möbel. Das heißt, der Sinn seiner Tätigkeit liegt außerhalb dieser. (S. 15)

Peter Janich: Handwerk und Mundwerk (C.H.Beck 2015, ISBN 978-3-406-67490-7)

Peter Janich: Handwerk und Mundwerk (C.H.Beck 2015, ISBN 978-3-406-67490-7)

Für beide lag der eigentliche Wert jedoch in den Tätigkeiten, die um ihrer selbst Willen ausgeübt werden, beispielsweise dem Streben nach Glück oder nach Erkenntnis. Da die Ideen Platons und Aristoteles eine zentrale Grundlage der wissenschaftlichen Revolution darstellten, konnte sich diese Einschätzung auch in der modernen Wissenschaft verankern. Vielmehr, sie wurde sogar zu einem zentralen Element der aufgeklärten Philosophie.

So stellt Janich dar, wie die Kant’sche Idee des a priori – also die Existenz nicht menschlich konstruierter Kriterien für die Wahrnehmung der Welt – die Illusion verfestigte, “objektives” Wissen sei möglich und unabhängig von der Art seiner Gewinnung. Dieses Denken hat sich bis heute bewahrt und zeigt sich unter anderem in der unkritischen Verwendung statistischer Daten und Modelle für die Erklärung, Planung und Prognose sozialer Prozesse. Mit der Quantenmechanik und den hiermit verbundenen theoretischen Herausforderungen gibt es zudem auch in der Physik starke Hinweise darauf, dass Erkenntnis immer auch im Kontext ihres Entstehens betrachtet werden muss.

Die Wissenschaft als Zweck an sich

Mit diesem Selbstverständnis entfernt sich Janich zufolge die moderne Wissenschaft aus der realen Welt und verliert ihre Verankerung. Er stellt dabei eine der zentralen Fragen der Wissenschaftstheorie und greift so eines der wichtigsten Postulate der Idee von “Naturgesetzen” an:

[…] es stellt sich die Frage, woher diese Sicherheit und, zuvor natürlich, woher erst einmal unser Wissen rührt, dass sich handwerklich hergestellte Formen in einer gewissen Weise zueinander verhalten, und das personenunabhängig. (S. 53)

Während sich beispielsweise die Sozialwissenschaften des Problems der Zeit- und Beobachterabhängigkeit ihrer Erkenntnisse bewusst sind und daher die Idee allgemeiner Gesetzmäßigkeiten weitestgehend aufgegeben haben, hängen die Naturwissenschaften weiterhin der Idee universellen und objektiven Wissens an. Hierzu hat sich auch Lee Smolin in seinem Buch Im Universum der Zeit äußerst spannende Gedanken gemacht, die ich hier demnächst vorstellen werde.

Der Unterschied zwischen Axiomen und Postulaten

Janich verortet das Vergessen der praktischen und handwerklichen Grundlagen der Wissenschaften an einem zentralen begrifflichen Unterschied, der in der antiken Geometrie noch beachtet wurde, in der modernen Mathematik jedoch meist ignoriert wird: dem Unterschied zwischen Postulaten und Axiomen. Ein Axiom ist dabei eine offensichtlich wahre und “objektive” Tatsache, die keiner weiteren Begründung bedarf – in gewisser Weise also ein kant’sches a priori. Ein Postulat hingegen stellt eine unüberprüfte Annahme über die Welt dar, die als Grundlage für ein Gedankenexperiment dienen soll – unabhängig davon, ob diese Annahme tatsächlich eine angemessene Beschreibung der Welt darstellt. Postulate vereinfachen die anschließende Argumentation und erlauben definitive logische Schlüsse, stehen aber immer unter dem Vorbehalt, des „als ob“.

In den modernen Naturwissenschaften ist diese Unterscheidung zwischen Axiom und Postulat Janich zufolge weitestgehend verschwunden. Vielmehr werden Aussagen, die eigentlich Postulate darstellen meist als Axiome verstanden und damit die Trennung zwischen dem Modell und der Welt aufgehoben. Auf diese Weise werden voraussetzungsvolle Argumente zu absoluten Wahrheiten verklärt und von der materiellen Welt isoliert.

Das Handwerk als Verbindung der Wissenschaft mit der materiellen Welt

Dabei wäre eine solche Isolation überhaupt nicht notwendig, wenn sich die Wissenschaft des Handwerks besinnen würde, welches eine solche Verankerung bereits seit Jahrhunderten sicherstellt – in der Form des Experiments und der Messung. Die moderne Naturwissenschaft brüstet sich, mit der Methode des Experiments und der Messung einen Weg gefunden zu haben, der Natur ihre Geheimnisse zu entreißen, schätzt dann jedoch die Leistung des Handwerks gering, welches die notwendigen Apparaturen und Messgeräte produziert. Denn wissenschaftlicher Fortschritt wird erst dann wertvoll, wenn sich die Theorien und Formeln in experimentellen Beobachtungen oder Messungen bestätigen.

Damit werden die Messgeräte und Apparaturen zum integralen Bestandteil wissenschaftlicher Erkenntnis und die ihn ihnen verarbeiteten Ideen, Grundannahmen und Erfahrungen zu ihren Postulaten. Es ist keineswegs gesagt, dass Geräte die Welt tatsächlich so messen, “wie sie ist”, sie bieten vielmehr einen möglichen Zugang neben zahlreichen anderen. Es ist also an der Zeit, das Handwerk als zweiten integralen Bestandteil der Wissenschaft neben dem heute ungleich höher geschätzen Mundwerk zu akzeptieren.

Licht im dunklen Mittelalter

Das europäische Mittelalter gilt allgemein als eine dunkle Zeit für die Wissenschaft, in der Armut und religiöses Dogma sämtlichen wissenschaftlichen Fortschritt verhindert haben. Mit der Zerstörung der Großen Bibliothek von Alexandria (bis zum 5. Jahrhundert) und der Eroberung der Stadt durch die Araber (im Jahr 642) endete dieser Ansicht nach die Ära des wissenschaftlichen Denkens in Europa und das Zentrum der Gelehrsamkeit verlagerte sich in den Nahen Osten.

John Freely spürt in seinem Buch Aristoteles in Oxford nun der mittelalterlichen Wissenschaft in Europa nach. Dabei stellt er die These auf, dass das Mittelalter für die Wissenschaftt keineswegs eine verlorene Zeit war, sondern in den Jahrhunderten zwischen dem Niedergang des Römischen Reichs und der italienischen Renaissance wichtige Grundlagen für das gelegt wurden, was gerne als “wissenschaftliche Revolution” bezeichnet wird.

Der Beginn der europäischen Wissenschaft in der karolingischen Renaissance

John Freely: Aristoteles in Oxford (Klett-Cotta 2014, 978-3-608-94854-7)

John Freely: Aristoteles in Oxford (Klett-Cotta 2014, 978-3-608-94854-7)

Auch für Freely stellte der Verlust der umfangreichsten Sammlung des griechisch-europäischen Wissens in Alexandria eine Zäsur der Geistesgeschichte Europas dar. Nur wenige Schriften überlebten die Zerstörung der Bibliothek und die Eroberung der Stadt durch die Araber und wurden nach Konstantinopel gebracht. Doch dieses Eregnis leitet in seinen Augen keineswegs ein oftmals beschworenes “dunkles Zeitalter” ein:

So hinterließ das klassische Wissen im nachfolgenden frühen Mittelalter nur ein schwaches Licht – eben das, was dem Brand der großen Bibliothek von Alexandria entging. Auch wenn der damalige Wissensstand nicht sehr hoch war, so wurden doch erste Schritte in Richtung einer geistigen Wiederbelebung des Abendlandes unternommen. (S. 47)

Den wichtigsten dieser Schritte markierten für Freely die Bildungsreformen Karls des Großen, die oftmals unter dem Begriff der “karolingischen Renaissance” zusammengefasst werden: beispielsweise die Einrichtung einer Hofbibliothek mit kirchlichen wie klassischen griechischen Texten oder die Förderung der Gelehrtenarbeit in den Klöstern. Auch wenn hierbei höfische und elitäre Gelehrsamkeit im Mittelplunkt standen, legte die karolingische Renaissance den Grundstein für die Entwicklung allgemeinerer Bildungsbemühungen wie der Domschulen des 9. und 10. Jahrhunderts und schließlich der Universitäten. Vorerst blieben jedoch der kaiserliche Hof und kirchliche Einrichtungen die Zentren wissenschaftlicher Arbeit.

Inspiration durch die griechisch-islamische Wissenschaft

Ein weiterer wichtiger Faktor, der die europäische Wissenschaft des Mittelalters geprägt hat, war der immer stärkere Kontakt mit der islamischen Wissenschaft, die sich mitterweile insbesondere im Anschluss an die Arbeiten Aristoteles herausgebildet hatte:

Zum Beginn des zweiten Jahrtausends war aus der Kollision der Kulturen ein Kontakt, ja eine Begegnung der Kulturen geworden, denn die damals florierende islamische Wissenschaft floss in die im Abendland neu entstehende Wissenschaft mit ein, wobei nicht nur das von den Griechen Gelernte weitergegeben wurde, sondern auch die genuinen Werke islamischer Gelehrter. Die Auswirkungen waren enorm: Sobald die Lateiner über das griechisch-islamische Wissen verfügten, erlebte die abendländische Wissenschaft einen wahren Modernisierungsschub. (S. 74-75)

Die größte Barriere stellte dabei die Sprache dar: während die klassischen Texte und teilweise auch die darauf aufbauenden islamischen Arbeiten durchaus auf griechisch vorlagen, bedurfte es langwieriger Anstrengungen, diese auch der lateinisch geprägten höfischen und kirchlichen Wissenschaft zugänglich zu machen.

Die Emanzipation von Aristoteles und der Konflikt mit der Kirche

thomasvonaquin

Thomas von Aquin (Auszug aus einem Altarbild von Carlo Crivelli, 1476)

Eines der zentralen Probleme der europäischen Wissenschaft des Mittelalters waren die Widersprüche zwischen dem aristotelischen Weltbild und der kirchlichen Doktrin. Erst Thomas von Aquin gelang es im 13. Jahrundert diese in einer Form auflösen, welche es ermöglichte, wissenschaftliche Arbeit auf der Grundlage aristotelischer Ideen in Übereinstimmung mit der Glaubenslehre durchzuführen. Damit wurde es auch möglich, sich intensiver direkt mit den klassischen Arbeiten der Griechen auseinanderzusetzen:

Bis zum 12. Jahrhundert war die abendländische Kultur so weit gediehen, dass man sich nicht mehr mit den Werken der griechisch-arabischen Wissenschaft zufrieden geben wollte. Jetzt suchte man nach Übersetzungen direkt aus dem Griechischen. Man wollte das Wissen und Denken der klassischen und hellenistischen Philosophen und Wissenschaftler tiefer durchdringen. (S. 105)

Nachdem der Konflikt zwischen dem christlichen und dem aristotelischen Weltbild weitestgehend beigelegt war, begannen europäische Wissenschaftler nach und nach, die Ideen des Aristoteles aus einem empirischen Blickwinkel zu überprüfen. Die dabei auftretenden Widersprüche führten jedoch zu einem erneuten Aufbrechen einer Konfliktlinie zwischen Wissenschaft und kirchlichem Glauben. Gleichzeitig legten sie jedoch den Grundstein für den plötzlichen Aufschwung der empirisch basierten Wissenschaft:

Doch obwohl die höhere Bildung und die wissenschaftliche Forschung in Europa weiterhin im Aristotelismus wurzelten und viele Gelehrte in ihrem Denken darin verankert blieben, begannen bei Anbruch des 13. Jahrhunderts einige von ihnen, eine neue Naturphilosophie und eine wissenschaftliche Methode zu entwickeln, die sich auf Beobachtungen und Experimente stützte – ein Balanceakt am Rande des Konflikts mit der Kirche. (S. 136)

Einen Höhepunkt erreichte dieser Konflikt in der Entdeckung und des späteren empirischen Nachweises des heliozentrischen Weltbildes, welches das dominierende geozentrische Weltbild widerlegte: nicht die Erde, sondern die Sonne bildet das Zentrum der Bewegung der nahen Himmelskörper. Es war Nikolaus Kopernikus, der Mitte des 16. Jahrhunderts die mathematische Ausarbeitung dieser Theorie vorstellte, welche zu Beginn des 17. Jahrhunderts durch die Beobachtungen Galileo Galileis unterstützt wurde und schließlich im 18. und 19. Jahrhundert endgültig nachgewiesen werden konnte.

Freely macht in seinem Buch detailreich deutlich, dass die wissenschaftliche “Revolution” in Europa keineswegs revolutionär war, sondern die Konsequenz einer kontinuierlichen Entwicklung der wissenschaftlichen Arbeit auch in Europa. Die Konflikte mit der Kirche und der Verlust des Zugangs zu dem klassisch-griechischen Wissen mögen die Entwicklung verzögert haben, sie erzeugten aber nicht – wie oft kolportiert – ein “dunkles” Zeitalter, in dem das Licht der Wissenschaft vollkommen erlosch.