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Drei Ideen aus „Perfektionismus“ von Raphael M. Bonelli

Raphael M. Bonelli: Perfektionismus (Pattloch 2014)

Raphael M. Bonelli: Perfektionismus (Pattloch, 2014)

Bis vor ein paar Wochen habe ich an dieser Stelle Sachbücher ausführlich zusammengefasst. Jetzt versuche ich mich mal an einem etwas knapperen Format, das ich mir ganz dreist von Konrad Lischka leihe: die zwei, drei oder vier zentralen Punkte eines Buchs knapp und großes Drumherum.

Den Anfang macht das Buch Perfektionismus des Wiener Psychiaters Raphael M. Bonelli, der einer  Störung auf den Grund geht, die heute irgendwie als schick gilt:

  1. Perfektionismus beruht nicht auf zu hohen Ansprüchen. Für Bonelli sind hohe Ansprüche sogar erstrebenswert, da sie uns dabei helfen, immer besser zu werden und es uns ermöglichen, Exzellenz anzustreben.
  2. Das erstrebenswerte SOLL wird zu einem gefühlten MUSS. Perfektionisten gelingt es nicht, die zwangsläufig entstehende Spannung zwischen den selbstgestellten Anforderungen und der tatsächlichen Leistungsfähigkeit zu ertragen. Sie können sich selbst nicht transzendieren und vermischen das Idealbild mit ihrem mangelbehafteten Selbst. Dabei sind sie nicht in der Lage, den Dingen ihren angemessenen Platz einzuräumen.
  3. Die Angst vor dem „Versagen“ führt zu einem Vermeidungsverhalten. Da sie nicht mit ihrer Fehlerhaftigkeit konfrontiert werden wollen, meiden Perfektionen die Herausforderungen und suchen in erster Linie nach Sicherheit.

In den ersten Kapiteln des Buchs gelingt es Bonelli hervorragend, das Phänomen des Perfektionismus auf seinen Kern zu reduzieren: Die Unfähigkeit, die eigenen wahrgenommenen Fehler und Mängel aus einer realistischen Perspektive zu betrachten. Im weiteren Verlauf verliert er dann zwar ein wenig seine analytische Schärfe, das Buch bleibt aber durchaus lesenswert.

Egal, wie schlimm alles noch wird – und selbst wenn ich bei der Securitate lande: Mir steht noch ein ganzes Leben bevor, ich will es – egal ob hart, oder mit Hürden. Ich. Will. Leben. Ich will Liebe erfahren, ich will mich verlieben, ich will irgendwann vielleicht Leben in mir spüren, ich will ganz viel sehen von dieser wunderbaren Welt. Ich will schwitzen und frieren, ich will Gerüche wahrnehmen. Ich will in Meeren und Seen schwimmen und Sonnenuntergänge bestaunen… Ich will arbeiten, ich will etwas in dieser Welt hinterlassen, ich will Freunde haben und eine gute Zeit. So lange wie es geht.

In einem eindrucksvollen Artikel beschreibt Tollabea, wie sie sich unter extremen Umständen entschlossen hat, zu leben.

Über die Lebenskunst und die Freundschaft mit sich selbst

Wir fühlen uns gerne frei. Wir lieben das Gefühl, ungebunden zu sein und den eigenen Interessen und Neigungen nachgehen zu können, ohne dabei von gesellschaftlichen Erwartungen und religiösen Konventionen eingeschränkt zu werden. Doch gleichzeitig müssen wir lernen, mit dieser Freiheit umzugehen. Mit seinem Konzept der Lebenskunst gibt uns der Philosoph Wilhelm Schmid einen Leitfaden an die Hand.

Die Freiheit, unser Leben zu gestalten, wie wir es wollen, bedeutet gleichzeitig eine Verpflichtung, für uns selbst herauszufinden, was wir denn eigentlich wollen. Der Sinn in unserem Leben kommt nicht länger aus der Religion, der Familientradition oder der Liebe für die Heimat, sondern ist ein Ergebnis unserer eigenen freien Entscheidung. So schreibt Wilhelm Schmid in seinem Buch Mit sich selbst befreundet sein:

Wenn Sinn nicht mehr von selbst zur Verfügung steht, dann beginnt die Arbeit des Selbst an den Zusammenhängen des eigenen Lebens, soll es trotz allem sinnvoll gelebt werden. (S. 399)

Gleichzeitig bietet Schmid wertvolle Hinweise, wie wir diesen Prozess gestalten können, ohne dabei an der fehlenden Orientierung zu verzweifeln.

Pläne und bewusste Arbeit

Wilhelm Schmid: Mit sich selbst befreundet sein  (Suhrkamp 2013, 978-3-518-45882-2)

Wilhelm Schmid: Mit sich selbst befreundet sein (Suhrkamp 2013, 978-3-518-45882-2)

Auch heute ist es noch(?) möglich, sich dem Fluss des Lebens zu überlassen und sich von dessen Strömung treiben zu lassen, ohne eine aktive Rolle in der Gestaltung einzunehmen. Doch mit zunehmender Bildung und der wachsenden Vielfalt als Optionen wird dies immer seltener als befriedigend wahrgenommen und ist auch gesellschaftlich immer weniger akzeptiert. Wir müssen Schmid zufolge zu Lebenskünstlern werden – in dem Sinne, dass “Kunst von Können kommt”. Wir müssen lernen, unser Leben bewusst selbst zu gestalten und es zu einem Kunstwerk zu machen, in dem wir uns wahrhaftig ausdrücken.

Den entscheidenden Schritt unternimmt das einzelne Selbst, wenn es die Wahl trifft, seine Selbstbestimmung zu beanspruchen und wahrzunehmen oder nicht: denn Selbstbestimmung ist keine Norm, sondern eine Option. (S. 123)

Die Entscheidung, die eigene Selbstbestimmung zu beanspruchen, wird damit zu dem Moment, in dem wir entscheiden, das Leben nicht länger passiv zu erdulden oder uns irgendwie durchzumogeln, sondern es selbst und aktiv in die Hand zu nehmen. Das heißt nicht, dass wir ab jetzt unabhängig von unserer Umgebung wären, jede unserer Ideen umsetzen können und alle unsere Wünsche erfüllt bekommen. Es bedeutet lediglich, dass wir den Anspruch an uns selbst entwickeln, unser Denken und unser Handeln bewusst zu planen und zu gestalten:

Daher macht es durchaus Sinn zu planen – nur nicht mit der Erwartung, das Leben werde sich dem fügen, eher um eine eigene Vorstellung zu formulieren und somit ein Korrektiv fürs Leben zu gewinnen: Hieran lässt sich ermessen, wie »anders als gedacht« es kommt, um dann darüber nachdenken, was davon hinzunehmen ist und was nicht. (S. 65)

Damit wird nicht länger die Religion, die Tradition oder die gesellschaftliche Erwartung zur Richtschnur unseres Lebens, sondern unsere eigenen Ideale, Ideen und Prinzipien. Die kontinutierliche Entwicklung und Anpassung einer solchen Richtschnur bezeichnet Schmid als Lebenskunst.

Die Freundschaft mit sich selbst

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Diese selbstbestimmte Herangehensweise an das Leben führt als erste Konsequenz dazu, dass wir uns aus der Gesellschaft herauslösen. Wir akzeptieren ihre Glaubenssätze nicht länger als selbstverständlich, sondern haben den Mut, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen. Damit entgeht uns aber auch die Bestätigung, die es bringt, ein selbstverständlicher Teil einer funktionierenden Gesellschaft zu sein und ihre Erwartungen zu erfüllen. Wir verlieren soziale Unterstützung, die wir jetzt auf anderen Wegen einholen müssen. Einen solchen Weg sieht Schmid dabei in der engen Freundschaft mit sich selbst:

Denn wie mit einem wahren Freund kann der Umgang mit sich selbst gestaltet werden: freimütig und offen, reichhaltig und vielfältig, nicht langweilig und zuweilen rätselhaft; zuweilen geht es darum, sich zu schonen und zu pflegen, denn ohne Erholung wird keine Mühe zu bewältigen sein: zuweilen sich zu mühen und sich herauszufordern, denn im Genuss allein wird das Glück nicht zu finden sein. (S. 22)

Auch wenn wir unser Leben bewusst planen und gestalten wollen, heißt dies nicht, dass wir in einen Optimierungswahn verfallen und uns beständig zu Höchstleistungen antreiben sollen. Im Gegenteil ist der schwierigste Teil an dieser Entwicklung, einen entspannten Umgang mit sich selbst zu finden. Wer kennt nicht die Selbstgespräche, in denen man sich selbst kasteit für das Ausfallenlassen der eigentlich täglich geplanten Jogging-Runde oder den blöden Fehler auf der Arbeit? Inkonsistenzen und schlechte Tage sollte man sich, wie eben einem guten Freund, verzeihen und sich immer wieder auch um das eigene Wohlbefinden kümmern:

Das Selbst kann sich zuweilen einen Morgen, einen Abend, einen ganzen Tag schenken, ohne »Verpflichtungen«, ohne drängende Arbeit, auch wenn sie drängt, um nur da zu sein für sich selbst. Ideell bleibt das Geschenk auch dann, wenn es materiell in Erscheinung tritt: Ein Abend im Kino, ein Gespräch mit dem Freund, eine geliebte Musik, eine Stunde der Muße im Café, eine Einladung zum Essen nur für sich selbst, um auf diese Weise sich selbst die Wertschätzung zuteil werden zu lassen. die von anderen vielleicht erhofft worden war. (S. 329)

Diese Freundschaft mit sich selbst impliziert nicht eine Überhöhung der eigenen Person in der Form eines Selbstkultes, sondern betont vielmehr, was wir oftmals vergessen: dass wir uns auch um uns selbst und unsere Beziehung zu uns selbst sorgen müssen – im Sinne einer Selbstkultur.

Selbstlosigkeit als freie Entscheidung

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Im Rahmen einer aktiven Lebenskunst ist auch die bewusste Selbstlosigkeit ein wichtiges Werkzeug für die Gestaltung des eigenen Lebens. Sie ist nicht mehr vorgegeben, wie die Hingabe an eine Religion oder die Heimat, sondern eine bewusste Entscheidung, die jederzeit widerrufen werden kann. Sie zwingt uns nicht in Lebensformen, in denen wir nicht wir selbst sein können, sondern erlaubt uns das Eintauchen in einen sozialen Zusammenhang, in dem das Selbst die Verbindungen finden kann, auf die es angewiesen ist:

Die Sorge um sich läuft also nicht darauf hinaus, am Selbst um jeden Preis festzuhalten: Sie kann auch bedeuten, sich von ihm zu lösen und Selbstlosigkeit zu leben. Das Selbst ist kein Selbstzweck, es kann verzichtbar sein. Von vornherein verzichtbar ist es in festen Bindungen der Tradition, Konvention, Religion, Unter den Bedingungen der Befreiung hiervon bedarf das Selbst jedoch, um absehen zu können von sich (sofern es diese Option wahrnehmen will), eines willentlichen Selbstverzichts, der ihm ermöglicht, sich anderen und Anderem zuzuwenden, zeitweilig oder dauerhaft, aus gefühlten oder überlegten Gründen. (S. 182-183)

Nur wenn wir mit uns selbst befreundet sein können und in der Lage sind, bewusste Selbstlosigkeit zu leben, sind wir in der Lage unser Leben bewusst und aktiv zu gestalten; uns auf der einen Seite von gesellschaftlichen Zwängen zu emanzipieren und auf der anderen Seite dabei nicht einem selbstsüchtigen Selbstkult zu verfallen. Wir können frei sein und uns verbunden fühlen, können unsere Flügel ausstrecken und wissen, dass es Wurzeln gibt, die uns halten.

Wie sich das Selbst in der Moderne selbst erfinden muss

Die Ablösung religiöser Glaubenssysteme, die ohne hinterfragt werden zu können unsere Weltsicht bestimmen, gilt als eine der wichtigsten Errungenschaften der letzten Jahrhunderte. Die Idee der Freiheit durchdringt das aufgeklärte westliche Denken dermaßen, dass die vollkommene Hingabe an eine Religion oder eine Sache vielfach undenkbar erscheint. Doch mit dem Recht, sein Leben frei gestalten zu können, kommt auch eine unüberschaubare Vielzahl von Möglichkeiten und der Zwang Entscheidungen zu treffen.

Der Philosoph Wilhelm Schmid argumentiert in seinem Buch Mit sich selbst befreundet sein, dass diese Freiheit uns vor eine neuartige Aufgabe stellt: unser Selbst durch bewusstes Denken und Handeln eigenständig zu erarbeiten.

Selbstverständliche Zusammenhänge lösen sich auf

farmingDas Gegenmodell der Moderne ist die religiöse oder durch den Stammeszusammenhang geprägte Gesellschaft. Beide zeichnen sich in erster Linie dadurch aus, dass sie fest etablierte Sinnzusammenhänge bereitstellen, in denen sich einzelne Personen verorten müssen. Sie bestimmen über die Prinzipien der Erziehung, die Inhalte der Ausbildung und die formalen und informellen Regeln des Zusammenlebens. Sie stellen unterschiedliche Entwicklungsmöglichkeiten bereit und ermöglichen es dem Einzelnen, bestimmte vordefinierte Positionen und Rollen einzunehmen. Das metaphysische wie das praktische Lebenswissen gelten als gesetzt und werden nicht hinterfragt, sondern nahezu unverändert von Generation zu Generation weitergereicht.

Wilhelm Schmid: Mit sich selbst befreundet sein  (Suhrkamp 2013, 978-3-518-45882-2)

Wilhelm Schmid: Mit sich selbst befreundet sein (Suhrkamp 2013, 978-3-518-45882-2)

Diese Selbstverständlichkeit des Wissens und seine Übertragung von einer Generation auf die nächste lösen sich in der Moderne auf. Vielmehr leben Töchter und Söhne in vielfältigen Zusammenhängen, in denen das durch die Eltern vermittelte Wissen nurmehr ein Angebot darstellt und oftmals bereits veraltet ist:

Praktisches Lebenwissen wird in der Moderne nicht mehr von Person zu Person, von Generation zu Generation weitergereicht; die fortschreitende Befreiung hat diese Kette unterbrochen. So findet sich das Individuum allein in seinem begrenzten Lebenshorizont wieder, die Ressourcen eines überlieferten, gemeinsamen Lebenwissens bleiben ihm verschlossen und es beginnt danach zu fragen, wo Lebenshilfe zu bekommen sei. (S. 40)

Praktisches Lebenswissen wie metaphysisches Wissen über die Welt müssen damit immer wieder neu erarbeitet und aus den zahlreichen Möglichkeiten selbst zusammengestellt und integriert werden. Zugleich gilt es, diesen eigenen Bezug zu der Welt auch in der Interaktion mit anderen zu bestätigen und neben der eigenen Überzeugung auch eine Einbettung in ein soziales Umfeld zu etablieren.

In der Konsequenz wird die Herausbildung des Selbst immer stärker zu einem Prozess, der bewusst betrieben und gesteuert werden muss. Damit stellt die moderne Freiheit den Einzelnen vor eine schwere Aufgabe, für die er kaum vorbereitet scheint:

Sie sehen sich vor die Aufgabe gestellt, selbst nach Orientierung zu suchen und ihr Leben selbst zu führen, ohne sich dafür gerüstet zu fühlen. (S. 9)

Routinen etablieren eine Form

sheepDer Einzelne muss die Freiheit, handeln und denken zu können wie es den eigenen Überzeugungen entspricht, nutzen, um seinem Selbst eine Form zu geben. Dabei schränkt er als Akt der freien Entscheidung seinen eigenen Spielraum ein, indem er bestimmte Ideen für sich akzeptiert und andere verwirft. Er muss aus der amorphen Freiheit also eine neue Form gestalten, welche die Komplexität der Welt für ihn beherrschbar macht.

Ein wichtiges Element einer solchen Form sind Gewohnheiten, also Handlungen, welche dem Selbst in einer Gestalt eingeschrieben sind, dass sie unhinterfragt durchgeführt werden. Sie stellen Schmid zufolge eine Erleichterung dar, welche einen sicheren Hafen bietet und es erlaubt, in anderen Bereichen kontinuierlich Entscheidungen zu treffen:

Zu Recht ist die moderne Zeit stolz darauf, eine Fülle von Wahlmöglichkeiten geschaffen zu haben: aber pausenlos zu wählen, stellt sich als zu anstrengend heraus. Nur dadurch, dass ein großer Teil des Lebens wie von selbst abläuft. lassen sich Kräfte auf den »Rest« konzentrieren. Nur Gewohnheiten sorgen für zeitweilige Erholung, ja mehr noch: Sie ermöglichen ein Wohnen, das als eigentliches Wohnen gelten muss. denn zu Hause ist das Selbst dort, wo das Leben vertraut ist und wo es sich geborgen fühlt: dafür aber sorgen Gewohnheiten. (S. 153)

Damit wird der Alltag zu einem zentralen Element der Selbstbildung, da er die ehemals selbstverständliche Sinnzusammenhänge ersetzt und zum Fixpunkt der Lebensgestaltung wird. Das, was wir für selbstverständlich halten, wird damit zwar zu einer bewussteren Entscheidung, wir können es jedoch nicht einfach plötzlich hinterfragen und umgehen. Gleichzeitig erlaubt uns ein stark strukturierter Alltag den Umgang mit unvorhergesehenen Ereignissen oder einer bewusst gesuchten Unsicherheit:

In der bedrohlichen Unübersichtlichkeit der Welt ist der Alltag die schützende Höhle, überwölbt von der Vertrautheit des Gewohnten, gelegentlich durchbrochen vom Ungewohnten, das gesucht wird oder ungefragt hereinbricht, unweigerlich aber durch Wiederholung und Regelmäßigkeit erneut zum Alltag wird. (S. 159)

Auch wenn die Freiheit der Moderne die Möglichkeiten der Lebensgestaltung vervielfacht, befreit sie uns nicht von dem Bedürfnis nach stabilen Lebens- wie Sinnzusammenhängen. Vielmehr müssen wir uns das Selbst bewusst erarbeiten und den unzähligen Möglichkeiten selbst eine Form geben, in der wir uns eingebunden und verankert fühlen. Der Alltag wird damit zu einer zentralen Voraussetzung für Expeditionen in die unbekannte Wildnis.

Nudges – verdeckte Manipulation oder Zurückgewinnung der Freiheit?

Das Idealbild der individualistischen Gesellschaft sieht den Einzelnen als informierten und reflektierten Schmied seines eigenen Glücks. Wir handeln immer in unserem Interesse, kennen unsere Optionen und sind in der Lage, die notwendigen Informationen zu beschaffen und abzuwägen. Doch die verhaltenspsychologische Forschung hat in den letzten Jahrzehnten immer wieder aufgezeigt, wie vorhersehbar irrational wir uns verhalten. Wie sehr wir uns von den Reizen des Moments beeinflussen lassen und den großen Teil unserer Zeit quasi per Autopilot verbringen.

Dass dies massive Konsequenzen hat, zeigen der Ökonom Richard H. Thaler und der Jurist Cass R. Sunstein in ihrem 2008 erschienenen Buch Nudge – Improving decisions about health, wealth and happiness. Sie arbeiten heraus, wie sich diese Irrationalitäten und Verzerrungen nutzen lassen, um das Handeln von Menschen zu beeinflussen und schlagen dazu eine Governance-Form des libertären Paternalismus vor.

Die Zusammenhänge, in denen wir handeln, können bewusst gestaltet werden

Die Illusion des unabhängigen und von äußeren Einflüssen freien Entscheiders ist eine also Fiktion. Jede Entscheidng, die wir treffen ist eingebettet in einen umfassenden Kontext aus Einflussfaktoren, die uns dazu bringen, auf die eine oder die andere Weise zu handeln. Angefangen bei der Herausbildung unserer Persönlichkeit, dem Erlernen automatisierter Handlungsroutinen bis hin zu den situativen Auslösern in einem spezifischen Moment an einem konkreten Ort.

Dabei treffen wir keine bewusste Entscheidung zwischen unterschiedlichen Optionen, sondern reagieren unmittelbar auf spezifische Reize und aktivieren eine fest erlernte Handlungsroutine. Damit handeln wir so, wie wir in ähnlichen Situationen schon immer gehandelt haben:

In many situations, people put themselves into an ‘automatic pilot’ mode, in which they are not actively paying attention to the task at hand. (S.46)

Dieser Autopilot kann durch minimale Eingriffe in unsere “Entscheidungsumwelt” beeinflusst werden – eine Beobachtung, die beispielsweise in der Gestaltung von Supermärkten schon lange ausgenutzt wird. So werden die teuren Markenprodukte im Regal unmittelbar auf Höhe der Augen positioniert, während die preiswerteren Hausmarken meist unten im Regal platziert werden. Damit springen die Markenprodukte unmittelbar ins Auge und werden vom Autopiloten in den Einkaufswagen gelegt.

Richard H. Thaler & Cass R. Sunstein: Nudge - Improvising decisions about health, wealth and happiness  (Penguin 2009, 978-0-141-04001-1)

Richard H. Thaler & Cass R. Sunstein: Nudge – Improving decisions about health, wealth and happiness (Penguin 2009, 978-0-141-04001-1)

Dies wird oft als unagemessene Manipulation verstanden, welche bewusst versucht, uns zu bestimmten Handlungen zu verführen. Diese Interpretation ist durchaus korrekt, sie zieht jedoch eine zentrale Frage nach sich: Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, Produkte so im Regal zu platzieren, dass sie unsere Entscheidung nicht beeinflussen? Thaler und Sunstein stellen sich auf die Position, dass es eine solche Möglichkeit nicht gibt. Es existiert nunmal nur ein begrenzter Platz auf Augenhöhe der Käufer, und dementsprechend kann nur ein Teil der Waren dort ausgestellt werden. Der Supermarkt beeinflusst die Entscheidung also egal, was er tut:

In many situations, some organization or agent must make a choice that will affect the behavior of some other people. There is, in those situations, no way of avoiding nudging in some direction, and whether intended or not, these nudges will affect what people choose. (S. 11)

Entsprechende Situationen finden sich dabei nicht nur im Supermarkt, sondern auch bei wichtigen Entscheidungen, deren Konsequenzen wir kaum überblicken können: der Wahl einer Renten- oder einer Lebensversicherung, der Entscheidung für einen langfristigen Anlageplan oder dafür, Organspender zu werden. Auch hier werden Entscheidungssituationen von einem bestimmten Akteur gestaltet und können unsere Entscheidungen in die eine oder die andere Richtung lenken.

Entscheidungssituationen im Sinne des langfristigen Wohls gestalten

Die Frage ist, welche Prinzipien und Ziele einer solchen Gestaltung der Entscheidungssituation zugrunde liegen. Hier setzt Thalers und Sunsteins Konzept eines “libertären Paternalismus” an, einer Kombination aus einer grundsätzlich freiheitlichen aber intelligent gesteuerten Gesellschaftsordnung:

Still, the approach we recommend does count as paternalistic, because private and public choice architects are not merely trying to track or to implement people’s anticipated choices. Rather, they are self-consciously attempting to move people in directions that will make their lives better. They nudge. (S. 6)

Es geht also darum, in bestimmten Bereichen die Gestaltung der Entscheidungssituation so zu regeln, dass die gestaltenden Akteure nicht einseitig entscheiden, sondern das voraussichtliche Wohl aller Beteiligten in den Mittelpunkt rückt – so genannte Nudges (Beispiele hierzu im Blog zum Buch). Dabei sollen Handlungsmöglichkeiten jedoch nicht eingeschränkt oder entmutigt werden, sondern lediglich im (vermuteten) Sinn der Betroffenen vorstrukturiert werden.

Auf diese Weise rücken Gestaltungsprozesse in das Licht der öffentichen Diskussion, die bislang einseitig (also meist im Sinne des beteiligten Unternehmens) waren oder überhaupt nicht reflektiert wurden, und damit zu unerwünschten Konsequenzen führten.

Intelligente Defaults mit geringen Barrieren und umfangreichen Informationen zu anderen Optionen

Thaler und Sunstein schlagen sechs unterschiedliche Formen solcher Nudges vor, darunter die Wahl intelligenter Defaults und eine reflektierte Reduktion von Komplexität. Alle diese Nudges sind darauf ausgerichtet, die typischen Verzerrungen menschlicher Entscheidungsprozesse auszugleichen.

So sehen Thaler und Sunstein beispielsweise in der Wahl intelligenter Voreinstellungen eine Möglichkeit, das Handeln der Menschen im Sinne der Allgemeinheit zu beeinflussen. Dabei legen die Autoren großen Wert darauf, dass eine Abweichung von diesen Defaults so einfach wie nur möglich gemacht werden sollte, um keine Bevormundung zu produzieren. Auch sollte nicht versucht werden, alternative Entscheidungen aktiv zu verhindern. Es sollten vielmehr auf unterschiedlichen Komplexitätsniveaus alternative Optionen und Informationen angeboten werden und eine vollkommen freie Wahl ermöglicht und erleichtert werden.

Das Beispiel, mit dem die Autoren das Buch einleiten, ist die Positionierung von Süßigkeiten und Obst in einer Schulcaféteria. Sie plädieren nicht dafür, keine Süßigkeiten zu verkaufen, sondern diese nicht unmittelbar im Blickfeld der Schüler zu positionieren, sondern beispielsweise etwas unterhalb oder am Ende des Essensausgabe, um so den Anteil an gegessenem Obst zu erhöhen.

Eine gestaffelte Reduktion von Komplexität

Besonders schlechte Entscheidungen treffen wir in komplexen Situationen, deren Konsequenzen wir nicht abschätzen können. Hier schlagen Thaler und Sunstein eine gestaffelte Reduktion von Komplexität vor, die sie mit einem eingängigen Beispiel illustrieren:

At a restaurant, the default option is to take the dish as the chef usually prepares it, with the option to ask that certain ingredients be added or removed. In the extreme, […][free choice] would imply that the diner has to give the chef the recipe for every dish she orders! (S. 95)

Wir müssten bei wichtigen und langfristigen Entscheidungen darauf vertrauen können, dass die Optionen in unserem Sinne sinnvoll gestaltet sind – also das Essen uns schmeckt und nicht nur die Kosten des Restaurants minimiert. Dann ließen sich freie und informierte Entscheidungen treffen, ohne unbedingt jedes Detail selbst festelegen zu müssen. Dabei muss es jedoch möglich bleiben, sich sein Essen auch komplett selbst zusammenzustellen.

Die Autoren illustrieren diesen Punkt an der Gestaltung von Wertpapier-Portfolios für die Rentenversicherung: Anstatt sich für einen konkreten Fonds oder gar jeden einzelnen Anteil zu entscheiden, ließe sich die Komplexität mit drei auf drei Risikostufen abgestimmten Portfolios und einem Default auf das “gemäßigte Portfolio” massiv reduzieren. Wer tiefer in die Materie einsteigen will, kann dies dann natürlich gerne bis auf das Niveau einzelner Anteilskäufe tun.

Die freie und vollständig informierte Entscheidung ist und bleibt eine Illusion

Die Idee der Nudges hat eine kontroverse Diskussion darüber ausgelöst, inwieweit subtile Manipulationen zum Werkzeug gerade staatlicher Planung und Intervention werden sollten. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass die Vision des freien und rationalen Individuums, das seine Entscheidungen auf der Grundlage vollständiger Information unbeeinflusst treffen kann eine Fiktion darstellt. “Neutrale” Entscheidungssituationen gibt es ebensowenig wie unabhängig-rationale Individuen mit vollständiger Information.

Die Frage, die wir uns stellen müssen lautet, ob einzelne Akteure und ihre Partikularinteressen die allgegenwärtigen Verzerrungen und Irrationalitäten ausnutzen dürfen. Oder wollen wir lieber eine mehr oder weniger öffentliche Diskussion darüber, was für die meisten Betroffenen vermutlich die in ihrem Sinne beste Entscheidung wäre? Dabei muss es jedoch möglichst leicht gemacht werden, von dieser abzuweichen, um eine unangemessene Bevormundung zu verhindern.

Ich denke nicht, ich tue – wie Gewohnheiten unser Leben bestimmen

Wir gehen gerne davon aus, dass wir jederzeit bestimmen können, was wir als nächstes tun. Und trotzdem ertappt man sich immer wieder dabei, auf einmal zum Kühlschrank gelaufen zu sein oder schon wieder auf das Handy geschaut zu haben. Mindestens ebenso wichtig wie unsere bewussten Entscheidungen sind nämlich etablierte Gewohnheiten, die wir immer und immer wieder durchführen, ohne uns dessen bewusst zu sein.

Diesen Gewohnheiten geht der us-amerikanische Journalist Charles Duhigg in seinem Buch The power of habit – Why we do what we do in life and business (dt. Die Macht der Gewohnheit: Warum wir tun, was wir tun) nach. Dabei betont er, welchen großen Einfluss diese Gewohnheiten auf alle Bereiche unseres Lebens haben:

Most of the choices we make each day may feel like the products of well-considered decision making, but they’re not. They’re habits. And though each habit means relatively little on its own, over time, the meals we order, what we say to our kids each night, whether we save or spend, how often we exercise, and the way we organize our thoughts and work routines have enormous impacts on our health, productivity, financial security, and happiness. (S. xv-xvi)

Ohne es zu bemerken, bestimmen Gewohnheiten also über unser Leben. Wenn wir uns ihrer bewusst werden, können wie sie allerdings auch strategisch einsetzen, um gewünschte Verhaltensweisen zu etablieren und schlechte Angewohnheiten zu überwinden.

Die Architektur von Gewohnheiten

Charles Duhigg: The Power of Habit (Random House 2012, 978-1-4000-6928-6)

Charles Duhigg: The Power of Habit (Random House 2012, 978-1-4000-6928-6)

Gewohnheiten setzten sich in Duhiggs Augen im Kern aus vier Komponenten zusammen: Im Normalfall lässt sich ein Reiz identifizieren, der als Auslöser für eine bestimmte Gewohnheit dient. So fungiert beispielsweise das morgendliche Aufstehen oftmals als Auslöser für das Anschalten der Kaffeemaschine oder den Sprung unter die Dusche. Diese ausgelöste Aktivität beziechnet Duhigg als die eigentliche Routine, welche schließlich zu einer angestrebten Belohnung führt.

Etabliert werden solche Gewohnheiten durch einen Prozess, der der Konditionierung nicht unähnlich ist. Durch das möglicherweise bewusste Wiederholen bestimmter Aktivitäten in der Reaktion auf einen konkreten Reiz, lernt das Gehirn, dass auf diesen Reiz eine Belohnung folgt, und erzeugt so nach und nach ein automatisches Reaktionsmuster. Für Duhigg spielt dieses durch die Konditionierung entstehende Verlangen eine zentrale Rolle:

Only when your brain starts expecting the reward – craving the endorphins or sense of accomplishment – will it become automatic to lace up your jogging shoes each morning. The cue, in addition to triggering a routine, must also trigger a craving for the reward to come. (S. 51)

Gewohnheiten bewusst etablieren oder verändern

Macht man sich diese Struktur von Gewohnheiten – Reiz, Verlangen, Routine und Belohnung – bewusst, wird deutlich, wie diese genutzt werden kann, um ganz bewusst bestimmte Verhaltensweisen zu verändern oder neu zu etablieren:

Rather, to change a habit, you must keep the old cue, and deliver the old reward, but insert a new routine, That’s the rule: If you use the same cue, and provide the same reward, you can shift the routine and change the habit. Almost any behavior can be transformed if the cue and reward stay the same. (S. 62)

Gewohnheiten lassen sich also nicht “abschalten”, sie können aber in dem zentralen Punkt der Routine – also des eigentlichen Tuns – verändert werden. Dazu gilt es, sich des Reizes bewusst zu werden und dann, anstelle der unerschwünschten Routine, mit einer anderen Aktivität zu reagieren. Diese muss jedoch wiederum dieselbe Belohnung hervorrufen, wie die zu ersetzende Routine. Der nachmittägliche Gang in die Caféteria könnte dementsprechend – wenn er in erster Linie dem Drang nach sozialem Kontakt entspringt – durch ein kurzes Schwätzchen mit den Kollegen am Wasserspender ersetzt werden.

Amanda Palmer über die Kunst des Fragens und den Sinn der Kunst

Eigentlich solltes es eines der einfachsten Dinge der Welt sein, andere Menschen um Hilfe zu bitten: die Nachbarn, wenn uns Mehl zum Backen fehlt, den Chef, wenn wir die spontane Hochzeit unseres besten Freundes besuchen wollen, oder die gute Freundin, wenn wir gerade ein wenig klamm sind, aber eine Autoreparatur ansteht. Der Frage, warum uns dies trotz einer guten Beziehung oder gar einer Freundschaft zu diesen Menschen oft so schwer fällt, geht die Musikerin Amanda Palmer in ihrer “thematischen Autobiographie” The Art of Asking nach.

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Der Milchkarton auf dem Beifahrersitz: dem Gedächtnis auf die Sprünge helfen

Natürlich weiß ich noch, welche Farbe das Hemd hatte, das ich vor fast 15 Jahren zu meinem Abiball getragen habe, aber wo habe ich vorhin nochmal mein Handy hingelegt? So geht es sicherlich jedem von uns. Immer und immer wieder. Während wir uns jederzeit an abstruse Dinge erinnern können, vergessen wir im Supermarkt Milch mitzunehmen oder lassen den neuen Schal in der Kneipe liegen.

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