Kategorie: Leben

[Linkschau] Wie wir essen I

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht ein neues Lebensmittel durch die Medien gezogen wird weil es entweder Krebs auslöst, Krebs verhindert oder intelligent bzw. dumm macht. So ist die Verunsicherung groß, wie das denn nun eigentlich geht mit der richtigen Ernährung: brauchen wir ein individuell bestimmtes und individuell auf das Gramm abgewogene  Menü aus Superfoods oder sollten wir uns am besten einfach wieder wie in der Steinzeit ernähren? Einfache Antworten gibt es in den Texten und Dokumentationen, die ich euch heute nahelegen möchte, nicht. Aber viel Bedenkenswertes und eine Rückbesinnung auf Vernunft und Kultur:

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[SuB Freitag] Das gute Leben I

Wer auch mal zum Spaß in eine Buchhandlung geht, kennt das Phänomen: Nach und nach stapeln sich auf dem Boden oder in den Regalen die Bücher, die man unbedingt noch lesen will, aber einfach nicht dazu kommt, weil es so viele spannende Neuerscheinungen da draußen gibt. An dieser Stelle möchte ich euch Bücher vorstellen, die sich in meinem „Stapel ungelesener Bücher“ (SuB) finden. Das können Neuerscheinungen sein, aber auch ältere Bücher, die hier bei mir stehen und darauf warten, gelesen zu werden. Und wer weiß, wenn ich das dann endlich tue, werden sie vielleicht auch verbloggt. Den Anfang machen heute zwei sehr unterschiedliche Bücher zum guten Leben.

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Eine Anleitung für das Leben? Vier Ideen aus „Wie wir sind“ von Vincent Deary [mit Video]

Eine Anleitung für das Leben, wäre das nicht praktisch? Ein kleines Handbuch mit „richtigen“ Verhaltensweisen für jede Lebenssituation? Mit seinem Buch Wie wir sind startet der britische Psychoanalytiker Vincent Deary seinen Versuch, eine solche Anleitung zu verfassen. Dabei rückt er in diesem ersten Band unseren Wunsch nach Sicherheit und einem vorhersehbaren Alltag in den Mittelpunkt und weiß Spannendes über den Prozess der Veränderung zu berichten:

  1. Unser Alltagsleben ist geprägt von Handlungsroutinen und etablierten Denkmustern. Anstatt über jede kleine Aktion nachzudenken, sind wir die meiste Zeit damit befasst, Dinge zu wiederholen und Muster zu aktivieren, die wir erlernt haben und von denen wir wissen, dass sie in der Lage sind, unsere alltäglichen Probleme zu bewältigen.
  2. wiewirsind

    Vincent Deary: Wie wir sind
    (Pattloch 2015)

    Wir passen unsere Umgebung diesen Routinen an. So wird sie zu einem Archiv unseres Lebens und unseres Seins. Diese Routinen schreiben wir auch in unsere Umwelt und insbesondere unser Zuhause ein. Jedes Bild an der Wand und jede (Un-)Ordnung in einem Regal ist – bewusst oder nicht – auf diese Routinen abgestimmt. Damit machen wir diese Umgebung zu einem zentralen Bestandteil unserer Selbst, weil sie die Routinen, die uns ausmachen, erst ermöglichen.

  3. Veränderung bedeutet einen Bruch mit unseren Routinen. Daher macht sie uns Angst, ermöglicht uns aber gleichzeitig einen Neuanfang. Routinen geben uns Sicherheit und einen Boden unter den Füßen. Brechen sie weg, schweben wir frei im Raum, und es fehlen Halt und Orientierung. Davor haben wir eine grundlegende Angst und versuchen demnach, Veränderung zu vermeiden. Daher bricht sie meist von außen über uns herein.
  4. Am Ende des Wandlungsprozesses steht ein neues Gleichgewicht, das uns erneut ein Gefühl von Sicherheit und Stabilität gibt. Wenn wir, wie oben beschrieben, den Boden unter den Füßen verloren haben, bemühen wir uns möglichst schnell, ein neues Gleichgewicht zu etablieren. Dabei haben wir gerade zu Beginn die Chance, mit relativ wenig Aufwand richtungsweisende Festlegungen vorzunehmen, indem wir die zu etablierenden Routinen bewusst auswählen.

Wie wir sind von Vincent Deary ist ein äußerst rundes Buch, in dem der Autor voller Wärme, aber gleichzeitig ohne Beschönigung, über den teilweise harten Prozess der Veränderung schreibt. Es gibt zwar ausführlichere und wissenschaftlichere Bücher über alltägliche Routinen, doch Dearys Buch fühlt sich menschlicher und weniger technisch an. Zudem ist es hervorragend geschrieben – und übersetzt – und sprüht vor Witz und Weisheit. Vielleicht keine Anleitung für das Leben, wie es der Titel der Reihe verspricht, aber eine Stütze und ein Trost in turbulenten Zeiten.

Drei Ideen aus „Selbst im Spiegel“ von Wolfgang Prinz [mit Video]

Wir alle glauben, ihn zu haben: einen eigenen, weitestgehend freien Willen. Wir alle denken von uns als Person und als Ich. Doch woher kommt dieses Ich eigentlich, dass gleichzeitig neben sich stehen kann und gerne Schokolade essen würde? Dieser Frage geht der Kognitionswissenschaftler Wolfgang Prinz in seinem Buch Selbst im Spiegel nach und kommt dabei zu überraschenden Schlussfolgerungen:

  1. Unsere eigene Handlungssteuerung und die Wahrnehmung und Interpretation des Handelns anderer basieren auf denselben mentalen Mustern. Damit verwirft Prinz die Idee, dass wir einen privilegierten Zugang zu unserem Denken und Handeln haben. Über das was wir tun und warum wissen wir demnach nicht mehr als über das Handeln anderer. Damit macht Prinz den Weg frei zu einer zweiten, äußerst spannenden Schlussfolgerung:
  2. Wolfgang Prinz: Selbst im Spiegel (Suhrkamp 2013)

    Wolfgang Prinz: Selbst im Spiegel (Suhrkamp 2013)

    Wir verstehen andere nicht nur dadurch, dass wir von uns auf sie übertragen (du bist wie ich), sondern auch indem wir von ihnen auf uns übertragen (ich bin wie du). Diese Idee lässt uns als Ich hinter unsere Wahrnehmung anderer zurücktreten. Insbesondere solange wir in unserer Entwicklung noch kein starkes Ich ausgebildet haben. So modelliert Prinz Lernprozesse, die über reine Konditionierung hinausgehen aber auch nicht auf die Fähigkeit zu umfassender kognitiver Verarbeitung angewiesen sind.

  3. Wenn andere uns spiegeln unterstellen wir ihnen eine bewusste Absicht (die nicht unbedingt gegeben sein muss) und kommen so dazu, uns auch selbst als bewusst Handelnde zu verstehen. Der zentrale Twist in der Argumentation, mit der Prinz die Entstehung der bewussten Absicht aus der (wiederholten) Interaktion zweiter nicht zwangsläufig absichtsvoller Wesen erklärt. Alleine die Unterstellung, der andere handele absichtsvoll sorgt dafür, dass sich ein entsprechendes Muster etablieren kann, dass dann schließlich auch das eigene Handeln prägen kann.

Wegen der doch sehr abstrakten und theoretischen Materie ist das Buch relativ technisch und sehr kleinschrittig geschrieben, es lohnt sich aber, sich mit den Argumenten von Prinz auseinanderzusetzen. Er zeigt auf, wie das bewusste und absichtsvoll handelnde Ich als soziale Konstruktion verstanden werden kann und weist so einen Ausweg aus der Frage nach dem Ursprung des freien Willens. Auf diese Weise betont er die unbedingte Sozialität des Menschen und weist den modernen Individualismus auf seine Grenzen hin. Das freut den Soziologen in mir.

Mehr Rezensionen gibt es beim Perlentaucher.

Drei Ideen aus „Perfektionismus“ von Raphael M. Bonelli

Raphael M. Bonelli: Perfektionismus (Pattloch 2014)

Raphael M. Bonelli: Perfektionismus (Pattloch, 2014)

Bis vor ein paar Wochen habe ich an dieser Stelle Sachbücher ausführlich zusammengefasst. Jetzt versuche ich mich mal an einem etwas knapperen Format, das ich mir ganz dreist von Konrad Lischka leihe: die zwei, drei oder vier zentralen Punkte eines Buchs knapp und großes Drumherum.

Den Anfang macht das Buch Perfektionismus des Wiener Psychiaters Raphael M. Bonelli, der einer  Störung auf den Grund geht, die heute irgendwie als schick gilt:

  1. Perfektionismus beruht nicht auf zu hohen Ansprüchen. Für Bonelli sind hohe Ansprüche sogar erstrebenswert, da sie uns dabei helfen, immer besser zu werden und es uns ermöglichen, Exzellenz anzustreben.
  2. Das erstrebenswerte SOLL wird zu einem gefühlten MUSS. Perfektionisten gelingt es nicht, die zwangsläufig entstehende Spannung zwischen den selbstgestellten Anforderungen und der tatsächlichen Leistungsfähigkeit zu ertragen. Sie können sich selbst nicht transzendieren und vermischen das Idealbild mit ihrem mangelbehafteten Selbst. Dabei sind sie nicht in der Lage, den Dingen ihren angemessenen Platz einzuräumen.
  3. Die Angst vor dem „Versagen“ führt zu einem Vermeidungsverhalten. Da sie nicht mit ihrer Fehlerhaftigkeit konfrontiert werden wollen, meiden Perfektionen die Herausforderungen und suchen in erster Linie nach Sicherheit.

In den ersten Kapiteln des Buchs gelingt es Bonelli hervorragend, das Phänomen des Perfektionismus auf seinen Kern zu reduzieren: Die Unfähigkeit, die eigenen wahrgenommenen Fehler und Mängel aus einer realistischen Perspektive zu betrachten. Im weiteren Verlauf verliert er dann zwar ein wenig seine analytische Schärfe, das Buch bleibt aber durchaus lesenswert.

Der Kern der Resilienz

Egal, wie schlimm alles noch wird – und selbst wenn ich bei der Securitate lande: Mir steht noch ein ganzes Leben bevor, ich will es – egal ob hart, oder mit Hürden. Ich. Will. Leben. Ich will Liebe erfahren, ich will mich verlieben, ich will irgendwann vielleicht Leben in mir spüren, ich will ganz viel sehen von dieser wunderbaren Welt. Ich will schwitzen und frieren, ich will Gerüche wahrnehmen. Ich will in Meeren und Seen schwimmen und Sonnenuntergänge bestaunen… Ich will arbeiten, ich will etwas in dieser Welt hinterlassen, ich will Freunde haben und eine gute Zeit. So lange wie es geht.

In einem eindrucksvollen Artikel beschreibt Tollabea, wie sie sich unter extremen Umständen entschlossen hat, zu leben.

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Über die Lebenskunst und die Freundschaft mit sich selbst

Wir fühlen uns gerne frei. Wir lieben das Gefühl, ungebunden zu sein und den eigenen Interessen und Neigungen nachgehen zu können, ohne dabei von gesellschaftlichen Erwartungen und religiösen Konventionen eingeschränkt zu werden. Doch gleichzeitig müssen wir lernen, mit dieser Freiheit umzugehen. Mit seinem Konzept der Lebenskunst gibt uns der Philosoph Wilhelm Schmid einen Leitfaden an die Hand.

Die Freiheit, unser Leben zu gestalten, wie wir es wollen, bedeutet gleichzeitig eine Verpflichtung, für uns selbst herauszufinden, was wir denn eigentlich wollen. Der Sinn in unserem Leben kommt nicht länger aus der Religion, der Familientradition oder der Liebe für die Heimat, sondern ist ein Ergebnis unserer eigenen freien Entscheidung. So schreibt Wilhelm Schmid in seinem Buch Mit sich selbst befreundet sein:

Wenn Sinn nicht mehr von selbst zur Verfügung steht, dann beginnt die Arbeit des Selbst an den Zusammenhängen des eigenen Lebens, soll es trotz allem sinnvoll gelebt werden. (S. 399)

Gleichzeitig bietet Schmid wertvolle Hinweise, wie wir diesen Prozess gestalten können, ohne dabei an der fehlenden Orientierung zu verzweifeln.

Pläne und bewusste Arbeit

Wilhelm Schmid: Mit sich selbst befreundet sein  (Suhrkamp 2013, 978-3-518-45882-2)

Wilhelm Schmid: Mit sich selbst befreundet sein (Suhrkamp 2013, 978-3-518-45882-2)

Auch heute ist es noch(?) möglich, sich dem Fluss des Lebens zu überlassen und sich von dessen Strömung treiben zu lassen, ohne eine aktive Rolle in der Gestaltung einzunehmen. Doch mit zunehmender Bildung und der wachsenden Vielfalt als Optionen wird dies immer seltener als befriedigend wahrgenommen und ist auch gesellschaftlich immer weniger akzeptiert. Wir müssen Schmid zufolge zu Lebenskünstlern werden – in dem Sinne, dass “Kunst von Können kommt”. Wir müssen lernen, unser Leben bewusst selbst zu gestalten und es zu einem Kunstwerk zu machen, in dem wir uns wahrhaftig ausdrücken.

Den entscheidenden Schritt unternimmt das einzelne Selbst, wenn es die Wahl trifft, seine Selbstbestimmung zu beanspruchen und wahrzunehmen oder nicht: denn Selbstbestimmung ist keine Norm, sondern eine Option. (S. 123)

Die Entscheidung, die eigene Selbstbestimmung zu beanspruchen, wird damit zu dem Moment, in dem wir entscheiden, das Leben nicht länger passiv zu erdulden oder uns irgendwie durchzumogeln, sondern es selbst und aktiv in die Hand zu nehmen. Das heißt nicht, dass wir ab jetzt unabhängig von unserer Umgebung wären, jede unserer Ideen umsetzen können und alle unsere Wünsche erfüllt bekommen. Es bedeutet lediglich, dass wir den Anspruch an uns selbst entwickeln, unser Denken und unser Handeln bewusst zu planen und zu gestalten:

Daher macht es durchaus Sinn zu planen – nur nicht mit der Erwartung, das Leben werde sich dem fügen, eher um eine eigene Vorstellung zu formulieren und somit ein Korrektiv fürs Leben zu gewinnen: Hieran lässt sich ermessen, wie »anders als gedacht« es kommt, um dann darüber nachdenken, was davon hinzunehmen ist und was nicht. (S. 65)

Damit wird nicht länger die Religion, die Tradition oder die gesellschaftliche Erwartung zur Richtschnur unseres Lebens, sondern unsere eigenen Ideale, Ideen und Prinzipien. Die kontinutierliche Entwicklung und Anpassung einer solchen Richtschnur bezeichnet Schmid als Lebenskunst.

Die Freundschaft mit sich selbst

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Diese selbstbestimmte Herangehensweise an das Leben führt als erste Konsequenz dazu, dass wir uns aus der Gesellschaft herauslösen. Wir akzeptieren ihre Glaubenssätze nicht länger als selbstverständlich, sondern haben den Mut, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen. Damit entgeht uns aber auch die Bestätigung, die es bringt, ein selbstverständlicher Teil einer funktionierenden Gesellschaft zu sein und ihre Erwartungen zu erfüllen. Wir verlieren soziale Unterstützung, die wir jetzt auf anderen Wegen einholen müssen. Einen solchen Weg sieht Schmid dabei in der engen Freundschaft mit sich selbst:

Denn wie mit einem wahren Freund kann der Umgang mit sich selbst gestaltet werden: freimütig und offen, reichhaltig und vielfältig, nicht langweilig und zuweilen rätselhaft; zuweilen geht es darum, sich zu schonen und zu pflegen, denn ohne Erholung wird keine Mühe zu bewältigen sein: zuweilen sich zu mühen und sich herauszufordern, denn im Genuss allein wird das Glück nicht zu finden sein. (S. 22)

Auch wenn wir unser Leben bewusst planen und gestalten wollen, heißt dies nicht, dass wir in einen Optimierungswahn verfallen und uns beständig zu Höchstleistungen antreiben sollen. Im Gegenteil ist der schwierigste Teil an dieser Entwicklung, einen entspannten Umgang mit sich selbst zu finden. Wer kennt nicht die Selbstgespräche, in denen man sich selbst kasteit für das Ausfallenlassen der eigentlich täglich geplanten Jogging-Runde oder den blöden Fehler auf der Arbeit? Inkonsistenzen und schlechte Tage sollte man sich, wie eben einem guten Freund, verzeihen und sich immer wieder auch um das eigene Wohlbefinden kümmern:

Das Selbst kann sich zuweilen einen Morgen, einen Abend, einen ganzen Tag schenken, ohne »Verpflichtungen«, ohne drängende Arbeit, auch wenn sie drängt, um nur da zu sein für sich selbst. Ideell bleibt das Geschenk auch dann, wenn es materiell in Erscheinung tritt: Ein Abend im Kino, ein Gespräch mit dem Freund, eine geliebte Musik, eine Stunde der Muße im Café, eine Einladung zum Essen nur für sich selbst, um auf diese Weise sich selbst die Wertschätzung zuteil werden zu lassen. die von anderen vielleicht erhofft worden war. (S. 329)

Diese Freundschaft mit sich selbst impliziert nicht eine Überhöhung der eigenen Person in der Form eines Selbstkultes, sondern betont vielmehr, was wir oftmals vergessen: dass wir uns auch um uns selbst und unsere Beziehung zu uns selbst sorgen müssen – im Sinne einer Selbstkultur.

Selbstlosigkeit als freie Entscheidung

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Im Rahmen einer aktiven Lebenskunst ist auch die bewusste Selbstlosigkeit ein wichtiges Werkzeug für die Gestaltung des eigenen Lebens. Sie ist nicht mehr vorgegeben, wie die Hingabe an eine Religion oder die Heimat, sondern eine bewusste Entscheidung, die jederzeit widerrufen werden kann. Sie zwingt uns nicht in Lebensformen, in denen wir nicht wir selbst sein können, sondern erlaubt uns das Eintauchen in einen sozialen Zusammenhang, in dem das Selbst die Verbindungen finden kann, auf die es angewiesen ist:

Die Sorge um sich läuft also nicht darauf hinaus, am Selbst um jeden Preis festzuhalten: Sie kann auch bedeuten, sich von ihm zu lösen und Selbstlosigkeit zu leben. Das Selbst ist kein Selbstzweck, es kann verzichtbar sein. Von vornherein verzichtbar ist es in festen Bindungen der Tradition, Konvention, Religion, Unter den Bedingungen der Befreiung hiervon bedarf das Selbst jedoch, um absehen zu können von sich (sofern es diese Option wahrnehmen will), eines willentlichen Selbstverzichts, der ihm ermöglicht, sich anderen und Anderem zuzuwenden, zeitweilig oder dauerhaft, aus gefühlten oder überlegten Gründen. (S. 182-183)

Nur wenn wir mit uns selbst befreundet sein können und in der Lage sind, bewusste Selbstlosigkeit zu leben, sind wir in der Lage unser Leben bewusst und aktiv zu gestalten; uns auf der einen Seite von gesellschaftlichen Zwängen zu emanzipieren und auf der anderen Seite dabei nicht einem selbstsüchtigen Selbstkult zu verfallen. Wir können frei sein und uns verbunden fühlen, können unsere Flügel ausstrecken und wissen, dass es Wurzeln gibt, die uns halten.

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Wie sich das Selbst in der Moderne selbst erfinden muss

Die Ablösung religiöser Glaubenssysteme, die ohne hinterfragt werden zu können unsere Weltsicht bestimmen, gilt als eine der wichtigsten Errungenschaften der letzten Jahrhunderte. Die Idee der Freiheit durchdringt das aufgeklärte westliche Denken dermaßen, dass die vollkommene Hingabe an eine Religion oder eine Sache vielfach undenkbar erscheint. Doch mit dem Recht, sein Leben frei gestalten zu können, kommt auch eine unüberschaubare Vielzahl von Möglichkeiten und der Zwang Entscheidungen zu treffen.

Der Philosoph Wilhelm Schmid argumentiert in seinem Buch Mit sich selbst befreundet sein, dass diese Freiheit uns vor eine neuartige Aufgabe stellt: unser Selbst durch bewusstes Denken und Handeln eigenständig zu erarbeiten.

Selbstverständliche Zusammenhänge lösen sich auf

farmingDas Gegenmodell der Moderne ist die religiöse oder durch den Stammeszusammenhang geprägte Gesellschaft. Beide zeichnen sich in erster Linie dadurch aus, dass sie fest etablierte Sinnzusammenhänge bereitstellen, in denen sich einzelne Personen verorten müssen. Sie bestimmen über die Prinzipien der Erziehung, die Inhalte der Ausbildung und die formalen und informellen Regeln des Zusammenlebens. Sie stellen unterschiedliche Entwicklungsmöglichkeiten bereit und ermöglichen es dem Einzelnen, bestimmte vordefinierte Positionen und Rollen einzunehmen. Das metaphysische wie das praktische Lebenswissen gelten als gesetzt und werden nicht hinterfragt, sondern nahezu unverändert von Generation zu Generation weitergereicht.

Wilhelm Schmid: Mit sich selbst befreundet sein  (Suhrkamp 2013, 978-3-518-45882-2)

Wilhelm Schmid: Mit sich selbst befreundet sein (Suhrkamp 2013, 978-3-518-45882-2)

Diese Selbstverständlichkeit des Wissens und seine Übertragung von einer Generation auf die nächste lösen sich in der Moderne auf. Vielmehr leben Töchter und Söhne in vielfältigen Zusammenhängen, in denen das durch die Eltern vermittelte Wissen nurmehr ein Angebot darstellt und oftmals bereits veraltet ist:

Praktisches Lebenwissen wird in der Moderne nicht mehr von Person zu Person, von Generation zu Generation weitergereicht; die fortschreitende Befreiung hat diese Kette unterbrochen. So findet sich das Individuum allein in seinem begrenzten Lebenshorizont wieder, die Ressourcen eines überlieferten, gemeinsamen Lebenwissens bleiben ihm verschlossen und es beginnt danach zu fragen, wo Lebenshilfe zu bekommen sei. (S. 40)

Praktisches Lebenswissen wie metaphysisches Wissen über die Welt müssen damit immer wieder neu erarbeitet und aus den zahlreichen Möglichkeiten selbst zusammengestellt und integriert werden. Zugleich gilt es, diesen eigenen Bezug zu der Welt auch in der Interaktion mit anderen zu bestätigen und neben der eigenen Überzeugung auch eine Einbettung in ein soziales Umfeld zu etablieren.

In der Konsequenz wird die Herausbildung des Selbst immer stärker zu einem Prozess, der bewusst betrieben und gesteuert werden muss. Damit stellt die moderne Freiheit den Einzelnen vor eine schwere Aufgabe, für die er kaum vorbereitet scheint:

Sie sehen sich vor die Aufgabe gestellt, selbst nach Orientierung zu suchen und ihr Leben selbst zu führen, ohne sich dafür gerüstet zu fühlen. (S. 9)

Routinen etablieren eine Form

sheepDer Einzelne muss die Freiheit, handeln und denken zu können wie es den eigenen Überzeugungen entspricht, nutzen, um seinem Selbst eine Form zu geben. Dabei schränkt er als Akt der freien Entscheidung seinen eigenen Spielraum ein, indem er bestimmte Ideen für sich akzeptiert und andere verwirft. Er muss aus der amorphen Freiheit also eine neue Form gestalten, welche die Komplexität der Welt für ihn beherrschbar macht.

Ein wichtiges Element einer solchen Form sind Gewohnheiten, also Handlungen, welche dem Selbst in einer Gestalt eingeschrieben sind, dass sie unhinterfragt durchgeführt werden. Sie stellen Schmid zufolge eine Erleichterung dar, welche einen sicheren Hafen bietet und es erlaubt, in anderen Bereichen kontinuierlich Entscheidungen zu treffen:

Zu Recht ist die moderne Zeit stolz darauf, eine Fülle von Wahlmöglichkeiten geschaffen zu haben: aber pausenlos zu wählen, stellt sich als zu anstrengend heraus. Nur dadurch, dass ein großer Teil des Lebens wie von selbst abläuft. lassen sich Kräfte auf den »Rest« konzentrieren. Nur Gewohnheiten sorgen für zeitweilige Erholung, ja mehr noch: Sie ermöglichen ein Wohnen, das als eigentliches Wohnen gelten muss. denn zu Hause ist das Selbst dort, wo das Leben vertraut ist und wo es sich geborgen fühlt: dafür aber sorgen Gewohnheiten. (S. 153)

Damit wird der Alltag zu einem zentralen Element der Selbstbildung, da er die ehemals selbstverständliche Sinnzusammenhänge ersetzt und zum Fixpunkt der Lebensgestaltung wird. Das, was wir für selbstverständlich halten, wird damit zwar zu einer bewussteren Entscheidung, wir können es jedoch nicht einfach plötzlich hinterfragen und umgehen. Gleichzeitig erlaubt uns ein stark strukturierter Alltag den Umgang mit unvorhergesehenen Ereignissen oder einer bewusst gesuchten Unsicherheit:

In der bedrohlichen Unübersichtlichkeit der Welt ist der Alltag die schützende Höhle, überwölbt von der Vertrautheit des Gewohnten, gelegentlich durchbrochen vom Ungewohnten, das gesucht wird oder ungefragt hereinbricht, unweigerlich aber durch Wiederholung und Regelmäßigkeit erneut zum Alltag wird. (S. 159)

Auch wenn die Freiheit der Moderne die Möglichkeiten der Lebensgestaltung vervielfacht, befreit sie uns nicht von dem Bedürfnis nach stabilen Lebens- wie Sinnzusammenhängen. Vielmehr müssen wir uns das Selbst bewusst erarbeiten und den unzähligen Möglichkeiten selbst eine Form geben, in der wir uns eingebunden und verankert fühlen. Der Alltag wird damit zu einer zentralen Voraussetzung für Expeditionen in die unbekannte Wildnis.

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Nudges – verdeckte Manipulation oder Zurückgewinnung der Freiheit?

Das Idealbild der individualistischen Gesellschaft sieht den Einzelnen als informierten und reflektierten Schmied seines eigenen Glücks. Wir handeln immer in unserem Interesse, kennen unsere Optionen und sind in der Lage, die notwendigen Informationen zu beschaffen und abzuwägen. Doch die verhaltenspsychologische Forschung hat in den letzten Jahrzehnten immer wieder aufgezeigt, wie vorhersehbar irrational wir uns verhalten. Wie sehr wir uns von den Reizen des Moments beeinflussen lassen und den großen Teil unserer Zeit quasi per Autopilot verbringen.

Dass dies massive Konsequenzen hat, zeigen der Ökonom Richard H. Thaler und der Jurist Cass R. Sunstein in ihrem 2008 erschienenen Buch Nudge – Improving decisions about health, wealth and happiness. Sie arbeiten heraus, wie sich diese Irrationalitäten und Verzerrungen nutzen lassen, um das Handeln von Menschen zu beeinflussen und schlagen dazu eine Governance-Form des libertären Paternalismus vor.

Die Zusammenhänge, in denen wir handeln, können bewusst gestaltet werden

Die Illusion des unabhängigen und von äußeren Einflüssen freien Entscheiders ist eine also Fiktion. Jede Entscheidng, die wir treffen ist eingebettet in einen umfassenden Kontext aus Einflussfaktoren, die uns dazu bringen, auf die eine oder die andere Weise zu handeln. Angefangen bei der Herausbildung unserer Persönlichkeit, dem Erlernen automatisierter Handlungsroutinen bis hin zu den situativen Auslösern in einem spezifischen Moment an einem konkreten Ort.

Dabei treffen wir keine bewusste Entscheidung zwischen unterschiedlichen Optionen, sondern reagieren unmittelbar auf spezifische Reize und aktivieren eine fest erlernte Handlungsroutine. Damit handeln wir so, wie wir in ähnlichen Situationen schon immer gehandelt haben:

In many situations, people put themselves into an ‘automatic pilot’ mode, in which they are not actively paying attention to the task at hand. (S.46)

Dieser Autopilot kann durch minimale Eingriffe in unsere “Entscheidungsumwelt” beeinflusst werden – eine Beobachtung, die beispielsweise in der Gestaltung von Supermärkten schon lange ausgenutzt wird. So werden die teuren Markenprodukte im Regal unmittelbar auf Höhe der Augen positioniert, während die preiswerteren Hausmarken meist unten im Regal platziert werden. Damit springen die Markenprodukte unmittelbar ins Auge und werden vom Autopiloten in den Einkaufswagen gelegt.

Richard H. Thaler & Cass R. Sunstein: Nudge - Improvising decisions about health, wealth and happiness  (Penguin 2009, 978-0-141-04001-1)

Richard H. Thaler & Cass R. Sunstein: Nudge – Improving decisions about health, wealth and happiness (Penguin 2009, 978-0-141-04001-1)

Dies wird oft als unagemessene Manipulation verstanden, welche bewusst versucht, uns zu bestimmten Handlungen zu verführen. Diese Interpretation ist durchaus korrekt, sie zieht jedoch eine zentrale Frage nach sich: Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, Produkte so im Regal zu platzieren, dass sie unsere Entscheidung nicht beeinflussen? Thaler und Sunstein stellen sich auf die Position, dass es eine solche Möglichkeit nicht gibt. Es existiert nunmal nur ein begrenzter Platz auf Augenhöhe der Käufer, und dementsprechend kann nur ein Teil der Waren dort ausgestellt werden. Der Supermarkt beeinflusst die Entscheidung also egal, was er tut:

In many situations, some organization or agent must make a choice that will affect the behavior of some other people. There is, in those situations, no way of avoiding nudging in some direction, and whether intended or not, these nudges will affect what people choose. (S. 11)

Entsprechende Situationen finden sich dabei nicht nur im Supermarkt, sondern auch bei wichtigen Entscheidungen, deren Konsequenzen wir kaum überblicken können: der Wahl einer Renten- oder einer Lebensversicherung, der Entscheidung für einen langfristigen Anlageplan oder dafür, Organspender zu werden. Auch hier werden Entscheidungssituationen von einem bestimmten Akteur gestaltet und können unsere Entscheidungen in die eine oder die andere Richtung lenken.

Entscheidungssituationen im Sinne des langfristigen Wohls gestalten

Die Frage ist, welche Prinzipien und Ziele einer solchen Gestaltung der Entscheidungssituation zugrunde liegen. Hier setzt Thalers und Sunsteins Konzept eines “libertären Paternalismus” an, einer Kombination aus einer grundsätzlich freiheitlichen aber intelligent gesteuerten Gesellschaftsordnung:

Still, the approach we recommend does count as paternalistic, because private and public choice architects are not merely trying to track or to implement people’s anticipated choices. Rather, they are self-consciously attempting to move people in directions that will make their lives better. They nudge. (S. 6)

Es geht also darum, in bestimmten Bereichen die Gestaltung der Entscheidungssituation so zu regeln, dass die gestaltenden Akteure nicht einseitig entscheiden, sondern das voraussichtliche Wohl aller Beteiligten in den Mittelpunkt rückt – so genannte Nudges (Beispiele hierzu im Blog zum Buch). Dabei sollen Handlungsmöglichkeiten jedoch nicht eingeschränkt oder entmutigt werden, sondern lediglich im (vermuteten) Sinn der Betroffenen vorstrukturiert werden.

Auf diese Weise rücken Gestaltungsprozesse in das Licht der öffentichen Diskussion, die bislang einseitig (also meist im Sinne des beteiligten Unternehmens) waren oder überhaupt nicht reflektiert wurden, und damit zu unerwünschten Konsequenzen führten.

Intelligente Defaults mit geringen Barrieren und umfangreichen Informationen zu anderen Optionen

Thaler und Sunstein schlagen sechs unterschiedliche Formen solcher Nudges vor, darunter die Wahl intelligenter Defaults und eine reflektierte Reduktion von Komplexität. Alle diese Nudges sind darauf ausgerichtet, die typischen Verzerrungen menschlicher Entscheidungsprozesse auszugleichen.

So sehen Thaler und Sunstein beispielsweise in der Wahl intelligenter Voreinstellungen eine Möglichkeit, das Handeln der Menschen im Sinne der Allgemeinheit zu beeinflussen. Dabei legen die Autoren großen Wert darauf, dass eine Abweichung von diesen Defaults so einfach wie nur möglich gemacht werden sollte, um keine Bevormundung zu produzieren. Auch sollte nicht versucht werden, alternative Entscheidungen aktiv zu verhindern. Es sollten vielmehr auf unterschiedlichen Komplexitätsniveaus alternative Optionen und Informationen angeboten werden und eine vollkommen freie Wahl ermöglicht und erleichtert werden.

Das Beispiel, mit dem die Autoren das Buch einleiten, ist die Positionierung von Süßigkeiten und Obst in einer Schulcaféteria. Sie plädieren nicht dafür, keine Süßigkeiten zu verkaufen, sondern diese nicht unmittelbar im Blickfeld der Schüler zu positionieren, sondern beispielsweise etwas unterhalb oder am Ende des Essensausgabe, um so den Anteil an gegessenem Obst zu erhöhen.

Eine gestaffelte Reduktion von Komplexität

Besonders schlechte Entscheidungen treffen wir in komplexen Situationen, deren Konsequenzen wir nicht abschätzen können. Hier schlagen Thaler und Sunstein eine gestaffelte Reduktion von Komplexität vor, die sie mit einem eingängigen Beispiel illustrieren:

At a restaurant, the default option is to take the dish as the chef usually prepares it, with the option to ask that certain ingredients be added or removed. In the extreme, […][free choice] would imply that the diner has to give the chef the recipe for every dish she orders! (S. 95)

Wir müssten bei wichtigen und langfristigen Entscheidungen darauf vertrauen können, dass die Optionen in unserem Sinne sinnvoll gestaltet sind – also das Essen uns schmeckt und nicht nur die Kosten des Restaurants minimiert. Dann ließen sich freie und informierte Entscheidungen treffen, ohne unbedingt jedes Detail selbst festelegen zu müssen. Dabei muss es jedoch möglich bleiben, sich sein Essen auch komplett selbst zusammenzustellen.

Die Autoren illustrieren diesen Punkt an der Gestaltung von Wertpapier-Portfolios für die Rentenversicherung: Anstatt sich für einen konkreten Fonds oder gar jeden einzelnen Anteil zu entscheiden, ließe sich die Komplexität mit drei auf drei Risikostufen abgestimmten Portfolios und einem Default auf das “gemäßigte Portfolio” massiv reduzieren. Wer tiefer in die Materie einsteigen will, kann dies dann natürlich gerne bis auf das Niveau einzelner Anteilskäufe tun.

Die freie und vollständig informierte Entscheidung ist und bleibt eine Illusion

Die Idee der Nudges hat eine kontroverse Diskussion darüber ausgelöst, inwieweit subtile Manipulationen zum Werkzeug gerade staatlicher Planung und Intervention werden sollten. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass die Vision des freien und rationalen Individuums, das seine Entscheidungen auf der Grundlage vollständiger Information unbeeinflusst treffen kann eine Fiktion darstellt. “Neutrale” Entscheidungssituationen gibt es ebensowenig wie unabhängig-rationale Individuen mit vollständiger Information.

Die Frage, die wir uns stellen müssen lautet, ob einzelne Akteure und ihre Partikularinteressen die allgegenwärtigen Verzerrungen und Irrationalitäten ausnutzen dürfen. Oder wollen wir lieber eine mehr oder weniger öffentliche Diskussion darüber, was für die meisten Betroffenen vermutlich die in ihrem Sinne beste Entscheidung wäre? Dabei muss es jedoch möglichst leicht gemacht werden, von dieser abzuweichen, um eine unangemessene Bevormundung zu verhindern.