Kategorie: Gesellschaft

Vier Ideen aus „Schwarmdumm“ von Gunter Dueck

Gunter Dueck: Schwarmdumm (Campus, 2015)

Gunter Dueck: Schwarmdumm (Campus, 2015)

Teams und Meetings stehen neben der Fixierung auf Kennzahlen im Mittelpunkt des modernen Managements. In seinem Buch Schwarmdumm befasdt sich der Mathematiker und ehemalige IBM-Topmanager Gunter Dueck mit genau diesen „Methoden“ und nimmt sie genüsslich auseinander:

  1. Unternehmen und Manager verlieren den Blick für wahre Exzellenz. Im Mittelpunkt steht nicht ein möglichst gutes Produkt oder eine hervorragende Dienstleistung, sondern ein relativer Vergleich mit den direkten Konkurrenten. So haben Unternehmen keinen objektiven Maßstab für Exzellenz, sondern denken ihre Produkte immer im Vergleich zu anderen Unternehmen. Das exzellent wird so zum gut genug.
  2. Unternehmen blicken auf Effizienz statt Exzellenz. Nicht das Produkt oder die Dienstleistung steht im Mittelpunkt des Unternehmens, sondern eine möglichst effiziente Organisation. So werden Mitarbeiter auf allen Ebenen chronisch überlastet und können nur noch reagieren, da ihnen für überlegtes agieren die Zeit und Energie fehlt. Das gilt insbesondere für Managementpositionen, die sich nur noch hektisch um akute Krisen kümmern können und den ruhigen Blick auf das Gesamtbild verlieren.
  3. Kennzahlenfixierte Anreizsysteme sorgen für kurzfristiges Abteilungsdenken. Anreizsysteme, die sich auf einzelne Kennzahlen in einem kleinen Verantwortungsbereich beziehen, bringen die Mitarbeiter dazu, ihre Arbeit genau auf diese Kennzahlen auszurichten und dabei den Blick auf das gesamte Unternehmen, das Produkt oder den Kunden zu verlieren. Es geht ihnen in erster Linie darum, dass sie selbst oder ihre Abteilung gut dastehen, nicht um eine Zusammenarbeit mit anderen Abteilungen im Sinne des gesamten Unternehmens.
  4. Vielen Unternehmen fehlt die verbindende Vision, die allen Mitarbeitern eine klare Richtung vorgibt. Zentrale Aufgabe von Unternehmen ist die Koordination ihrer Mitarbeiter im Hinblick auf eine kollektive Anstrengung, ein großes Ganzes, ein gemeinsames Ziel. Dazu bedarf es einer gemeinsamen Vision, mit der sich alle grundsätzlich identifizieren können. Aus dieser Vision sollten sich dann auch die Leitlinien des Handelns im Unternehmen ergeben, sodass ständiges Mikromanagement unnötig wird.

Schwarmdumm ist sicherlich das Buch von Gunter Dueck, das bisher für das meiste Aufsehen gesorgt hat. Dabei ist vieles von dem, was er schreibt, keineswegs neu oder sonderlich innovativ. Gunter Dueck ist als ehemaliger Manager von IBM jedoch in der Lage, diese Ideen in eine Sprache zu übersetzen, die gerade in Unternehmen verstanden wird, und verfügt gleichzeitig über die notwendige Glaubwürdigkeit in diesen Kreisen. Er schreibt eben nicht aus dem akademischen Elfenbeinturm, sondern reflektiert sein eigenes Berufsleben. Zusammen mit seiner äußerst angenehmen und unterhaltsamen Schreibweise macht dies Schwarmdumm zu einem wichtigen Buch. Lesen.

Wenn Mythen Identität stiften: Fußball im Ruhrgebiet

Es gibt keine Region in Deutschland, die so sehr mit Fußball verbunden wird, wie das Ruhrgebiet. Mit Borussia Dortmund und Schalke 04 finden sich hier erfolgreiche Spitzenvereine ebenso wie mit dem MSV Duisburg und Rot-Weiss Essen Traditionsvereine, die aktuell eine schwere Zeit durchmachen. Fußball ist so sehr im Ruhrgebiet verankert, dass der Puls mancher Städte im Takt der Saison und der Leistungen der eigenen Mannschaft schlägt. Am Tag eines Heimspiels trägt auf dem Dortmunder Westenhellweg gefühlt jeder zweite die inoffiziellen Farben der Stadt: Schwarz und Gelb. In seinem Buch Wenn wir vom Fußball träumen  geht der Sportjournalist Christoph Biermann der Rolle des Fußballs im Ruhrgebiet nach, entzaubert zwei zentrale Mythen und zeigt, warum das überhaupt nichts ändert.

Zwei Mythen über den Fußball im Ruhrgebiet

Das zentrale Element der fußballerischen Identität des Ruhrgebiets ist die “Maloche” – die körperlich harte und zehrende Arbeit unter Tage und in den Eisen- und Stahlwerken. Die Fans erwarten von ihrer Mannschaft keine technischen Zaubereien und sehen auch über Niederlagen und schlechte Leistungen hinweg, solange nur der Einsatz stimmt und die Spieler angemessen malochen.

Christoph Biermann: Wenn wir vom Fußball träumen (KiWi 2014, 978-3-462-04627-4)

Christoph Biermann: Wenn wir vom Fußball träumen (KiWi 2014, 978-3-462-04627-4)

Historisch zeichnet sich jedoch der erfolgreiche Ruhrgebietsfußball der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts jedoch gerade nicht durch körperbetontes Gebolze aus, sondern durch ein technisch und taktisch ausgereiftes Spiel. Als Beispiel greift Biermann hier den legendären “Schalker Kreisel” um Club-Legende Ernst Kuzorra heraus, mit dem der Verein aus Gelsenkirchen in den 1930-er Jahren mehrere deutsche Meisterschaften gewann:

Die größte Mannschaft des Ruhrgebiets war also eine Truppe von zirzensischen Schönspielern, denen man eine Neigung nachsagte, in Schönheit zu sterben? Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen (S. 174)

Ein weiterer Mythos betrifft den immer stärker aufkommenenden Konflikt zwischen Traditions- und Retortenvereinen, solchen also, die auf eine lange Geschichte “echten” Fußballs zurückblicken können – z.B. Rot-Weiss Essen oder Borussia Dortmund -, und solchen, die in den letzten Jahren auf der Basis hoher Geldzuwendungen einzelner Unternehmen oder Personen einen raketenhaften Aufstieg erlebt haben – z.B. der VfL Wolfsburg oder die TSG Hoffenheim.

Der Blick in die Geschichte des Ruhrgebietsfußballs zeigt jedoch, dass auch die vorgeblichen Traditionsvereine in ihren erfolgreichen Zeiten maßgeblich von Gönnern aus der Großindustrie abhängig waren:

Heute gilt RWE als großer Traditionsverein, dabei könnte man seine Geschichte ohne Weiteres mit dem Aufstieg der TSG Hoffenheim durch den Milliardär Dietmar Hopp vergleichen, der dort als Kind gespielt hatte und den Klub, nachdem er mit einem Unternehmen für Bürosoftware reich geworden war, in die Bundesliga führte. (S. 41)

Vor der Einführung der Fußball-Bundesliga 1963 war in Deutschland der Profi-Fußball verboten. Spieler durften nicht von ihrem Verein dafür bezahlt werden, dass sie trainieren und am Wochenende auf dem Platz stehen. Sie mussten ihr Geld anderweitig verdienen. Die Vereine waren demnach darauf angewiesen, dass sich ein verständnisvoller Arbeitgeber findet, der den Spieler mit einem auskömmlichen Lohn versorgt und gleichzeitig die Vereinbarkeit zwischen Arbeit und Fußball sicherstellt. Hier kamen clevere Vereinsfunktionäre wie Fritz Unkel bei Schalke 04 oder Georg Melches bei Rot-Weiss Essen ins Spiel, die dies aus unterschiedlichen Gründen einrichten konnten. Transfers wurden zwischen 1920 und 1960 also weniger durch Ablösesummen und exorbitante Gehälter bestimmt, als durch attraktive Arbeitsplätze.

Wie Geschichten Identität schaffen

Doch die Entzauberung dieser Mythen spielt keine Rolle, da sie sich fest etabliert haben und zu einem Fundament der Identität des Ruhrgebietsfußballs geworden sind. Denn wie Biermann richtigerweise anführt, ist es nicht wichtig, ob eine Geschichte wahr ist, sondern dass sie sich wahr anfühlt. So wird für ihn der Fußball insgesamt zu einer Produktionsmaschine für Geschichten, glückliche wie traurige, aus denen sich die Zuschauer und Fans selbst ihre eigene Welt konstruieren:

Im Grunde kam es mir vor wie beim Pop, wo die Geschichte der Musik und der subkulturellen Moden immer wieder auf Vorlage kommt, es aber nicht um historische Korrektheit geht, sondern darum, aus Halbverstandenem, Viertelverdautem oder völlig Missverstandenem etwas Interessantes zu machen. (S. 120)

Blick auf die Südtribüne des Westfalenstadion in Dortmund. (Bild: Pascal Philp, CC-BY-SA)

Blick auf die Südtribüne des Westfalenstadion in Dortmund. (Bild: Pascal Philp, CC-BY-SA)

Fußball lässt sich damit auch als niemals endende und nicht geskriptete Soap verstehen, in der jede Folge neue Geschichten bringt, die die Zuschauer aus ihrer Position heraus interpretieren: Feindschaften und Freundschaften, legendäre Siege und vernichtende Niederlagen, Helden und tragische Figuren. Damit bot der Fußball gerade im Ruhrgebiet eine Welt an, in der die Menschen gemeinsam der bis heute oftmals eher tristen Realität entfliehen und sich als Teil eines glamorösen Ganzen fühlen können.

Dabei ist der sportliche Erfolg der Mannschaften nicht unbedingt entscheidend, es zählt ihre Fähigkeit, Geschichten zu produzieren, die sich aus dem Zusammentreffen von Gegenwart und gefühlter Vergangenheit speisen:

Die guten Zeiten, man kann von ihnen erzählen. Aber die Geschichte verliert ihre Kraft, wenn sie nicht durch Gegenwart aufgefrischt wird. […] Vergangenheit ist auch lebendiger, wenn sie nicht einfach vergangen, sondern mit der Gegenwart verbunden ist. (S. 243)

So hat der Fußball eine zentrale Rolle in dem gerade entstehenden Identitätsraum Ruhrgebiet gespielt. Er bietet mit seiner umfangreichen Geschichte und seinen vielfältigen Geschichten einen Kristallisationspunkt für das Gefühl einer Gemeinschaft – nicht zur innerhalb einer Fanszene, sondern auch darüber hinaus. Denn selbst falsche oder verzerrte Geschichten können Identität stiften, wenn sie nur oft genug geglaubt werden.

Yuval Noah Harari über die Überwindung des Todes und den Wert des Menschen

Der medizinische Fortschritt im 19. und 20. Jahrhundert ist sicherlich eine der größten Errungenschaften der Menschheit. Für die Webseite Edge hat sich der Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahnemann mit dem israelischen Historiker Yuval Noah Harari über die Zukunft der Medizin, die Überwindung des Todes und den zukünftigen Wert des Menschen unterhalten:

Der Tod als technisches Problem

Harari – dessen Buch Eine kurze Geschichte der Menschheit ich wärmstens empfehle – nimmt dabei eine äußerst pessimistische Position ein:

After medicine in the 20th century focused on healing the sick, now it is more and more focused on upgrading the healthy, which is a completely different project. And it’s a fundamentally different project in social and political terms, because whereas healing the sick is an egalitarian project […], upgrading is by definition an elitist project.

Er geht sogar noch weiter und hält fest, dass sogar der Tod, lange Zeit der „große Gleichmacher“ und mythische Selbstverständlichkeit der menschlichen Existenz, immer stärker als grundsätzlich zu lösenden technisches Problem verstanden wird. Ein Scheitern der Maschine Mensch, dass sich mit Hilfe der richtigen Werkzeuge aufschieben oder gar vollständig verhindern lässt. Zumindest für die Menschen, die über genügend Kapital verfügen, sich eine solche Behandlung leisten zu können.

Der wertlose Mensch der Zukunft

Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit (Pantheon 2015, ISBN: 978570552698)

Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit (Pantheon 2015, ISBN: 978570552698)

Dabei konstatiert Harari ebenfalls, dass der Wert des Menschen in Zukunft weiter sinken wird. In der industriellen Revolution war die Arbeitskraft des Einzelnen ein zentraler Motor der Entwicklung. Nur wer für seine Fabrik gesunde und kräftige Arbeiter anwerben konnte, hatte Erfolg. Es gab also ein ökonomisches wie funktionales Interesse daran, die Gesundheit der breiten Bevölkerung zu erhalten. Mit der technischen Entwicklung der nächsten Jahrzehnte könnte sich dies grundlegend wandeln:

There are a zillion things that the taxi driver can do and the self-driving car cannot. But the problem is that from a purely economic perspective, we don’t need all the zillion things that the taxi driver can do. I only need him to take me from point A to point B as quickly and as cheaply as possible. And this is something a self-driving car can do better, or will be able to do better very quickly.

Für die spezialisierten Aufgaben unserer Gesellschaft werden demnach in relativ naher Zukunft immer weniger Menschen benötigt, da Computer immer besser darin werden, eben genau solche spezifischen Aufgaben zu erfüllen.

Technischer Optimismus gepaart mit sozialem Pessimismus

Kahnemann und Harari sprechen noch zahlreiche weitere Punkte an, die dieses Gespräch äußerst inspirierend machen. Dabei spielt Harari nicht den Maschinenstürmer, sondern argumentiert nüchtern auf der Grundlage historischer Erfahrung, ohne diese zu dramatisieren oder unzulässig zu verallgemeinern:

[Technology] develops much faster than human society and human morality, and this creates a lot of tension. But, again, we can try and learn something from our previous experience with the Industrial Revolution of the 19th century, that actually, you saw very rapid changes in society, not as fast as the changes in technology, but still, amazingly fast.

 

Nudges – verdeckte Manipulation oder Zurückgewinnung der Freiheit?

Das Idealbild der individualistischen Gesellschaft sieht den Einzelnen als informierten und reflektierten Schmied seines eigenen Glücks. Wir handeln immer in unserem Interesse, kennen unsere Optionen und sind in der Lage, die notwendigen Informationen zu beschaffen und abzuwägen. Doch die verhaltenspsychologische Forschung hat in den letzten Jahrzehnten immer wieder aufgezeigt, wie vorhersehbar irrational wir uns verhalten. Wie sehr wir uns von den Reizen des Moments beeinflussen lassen und den großen Teil unserer Zeit quasi per Autopilot verbringen.

Dass dies massive Konsequenzen hat, zeigen der Ökonom Richard H. Thaler und der Jurist Cass R. Sunstein in ihrem 2008 erschienenen Buch Nudge – Improving decisions about health, wealth and happiness. Sie arbeiten heraus, wie sich diese Irrationalitäten und Verzerrungen nutzen lassen, um das Handeln von Menschen zu beeinflussen und schlagen dazu eine Governance-Form des libertären Paternalismus vor.

Die Zusammenhänge, in denen wir handeln, können bewusst gestaltet werden

Die Illusion des unabhängigen und von äußeren Einflüssen freien Entscheiders ist eine also Fiktion. Jede Entscheidng, die wir treffen ist eingebettet in einen umfassenden Kontext aus Einflussfaktoren, die uns dazu bringen, auf die eine oder die andere Weise zu handeln. Angefangen bei der Herausbildung unserer Persönlichkeit, dem Erlernen automatisierter Handlungsroutinen bis hin zu den situativen Auslösern in einem spezifischen Moment an einem konkreten Ort.

Dabei treffen wir keine bewusste Entscheidung zwischen unterschiedlichen Optionen, sondern reagieren unmittelbar auf spezifische Reize und aktivieren eine fest erlernte Handlungsroutine. Damit handeln wir so, wie wir in ähnlichen Situationen schon immer gehandelt haben:

In many situations, people put themselves into an ‘automatic pilot’ mode, in which they are not actively paying attention to the task at hand. (S.46)

Dieser Autopilot kann durch minimale Eingriffe in unsere “Entscheidungsumwelt” beeinflusst werden – eine Beobachtung, die beispielsweise in der Gestaltung von Supermärkten schon lange ausgenutzt wird. So werden die teuren Markenprodukte im Regal unmittelbar auf Höhe der Augen positioniert, während die preiswerteren Hausmarken meist unten im Regal platziert werden. Damit springen die Markenprodukte unmittelbar ins Auge und werden vom Autopiloten in den Einkaufswagen gelegt.

Richard H. Thaler & Cass R. Sunstein: Nudge - Improvising decisions about health, wealth and happiness  (Penguin 2009, 978-0-141-04001-1)

Richard H. Thaler & Cass R. Sunstein: Nudge – Improving decisions about health, wealth and happiness (Penguin 2009, 978-0-141-04001-1)

Dies wird oft als unagemessene Manipulation verstanden, welche bewusst versucht, uns zu bestimmten Handlungen zu verführen. Diese Interpretation ist durchaus korrekt, sie zieht jedoch eine zentrale Frage nach sich: Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, Produkte so im Regal zu platzieren, dass sie unsere Entscheidung nicht beeinflussen? Thaler und Sunstein stellen sich auf die Position, dass es eine solche Möglichkeit nicht gibt. Es existiert nunmal nur ein begrenzter Platz auf Augenhöhe der Käufer, und dementsprechend kann nur ein Teil der Waren dort ausgestellt werden. Der Supermarkt beeinflusst die Entscheidung also egal, was er tut:

In many situations, some organization or agent must make a choice that will affect the behavior of some other people. There is, in those situations, no way of avoiding nudging in some direction, and whether intended or not, these nudges will affect what people choose. (S. 11)

Entsprechende Situationen finden sich dabei nicht nur im Supermarkt, sondern auch bei wichtigen Entscheidungen, deren Konsequenzen wir kaum überblicken können: der Wahl einer Renten- oder einer Lebensversicherung, der Entscheidung für einen langfristigen Anlageplan oder dafür, Organspender zu werden. Auch hier werden Entscheidungssituationen von einem bestimmten Akteur gestaltet und können unsere Entscheidungen in die eine oder die andere Richtung lenken.

Entscheidungssituationen im Sinne des langfristigen Wohls gestalten

Die Frage ist, welche Prinzipien und Ziele einer solchen Gestaltung der Entscheidungssituation zugrunde liegen. Hier setzt Thalers und Sunsteins Konzept eines “libertären Paternalismus” an, einer Kombination aus einer grundsätzlich freiheitlichen aber intelligent gesteuerten Gesellschaftsordnung:

Still, the approach we recommend does count as paternalistic, because private and public choice architects are not merely trying to track or to implement people’s anticipated choices. Rather, they are self-consciously attempting to move people in directions that will make their lives better. They nudge. (S. 6)

Es geht also darum, in bestimmten Bereichen die Gestaltung der Entscheidungssituation so zu regeln, dass die gestaltenden Akteure nicht einseitig entscheiden, sondern das voraussichtliche Wohl aller Beteiligten in den Mittelpunkt rückt – so genannte Nudges (Beispiele hierzu im Blog zum Buch). Dabei sollen Handlungsmöglichkeiten jedoch nicht eingeschränkt oder entmutigt werden, sondern lediglich im (vermuteten) Sinn der Betroffenen vorstrukturiert werden.

Auf diese Weise rücken Gestaltungsprozesse in das Licht der öffentichen Diskussion, die bislang einseitig (also meist im Sinne des beteiligten Unternehmens) waren oder überhaupt nicht reflektiert wurden, und damit zu unerwünschten Konsequenzen führten.

Intelligente Defaults mit geringen Barrieren und umfangreichen Informationen zu anderen Optionen

Thaler und Sunstein schlagen sechs unterschiedliche Formen solcher Nudges vor, darunter die Wahl intelligenter Defaults und eine reflektierte Reduktion von Komplexität. Alle diese Nudges sind darauf ausgerichtet, die typischen Verzerrungen menschlicher Entscheidungsprozesse auszugleichen.

So sehen Thaler und Sunstein beispielsweise in der Wahl intelligenter Voreinstellungen eine Möglichkeit, das Handeln der Menschen im Sinne der Allgemeinheit zu beeinflussen. Dabei legen die Autoren großen Wert darauf, dass eine Abweichung von diesen Defaults so einfach wie nur möglich gemacht werden sollte, um keine Bevormundung zu produzieren. Auch sollte nicht versucht werden, alternative Entscheidungen aktiv zu verhindern. Es sollten vielmehr auf unterschiedlichen Komplexitätsniveaus alternative Optionen und Informationen angeboten werden und eine vollkommen freie Wahl ermöglicht und erleichtert werden.

Das Beispiel, mit dem die Autoren das Buch einleiten, ist die Positionierung von Süßigkeiten und Obst in einer Schulcaféteria. Sie plädieren nicht dafür, keine Süßigkeiten zu verkaufen, sondern diese nicht unmittelbar im Blickfeld der Schüler zu positionieren, sondern beispielsweise etwas unterhalb oder am Ende des Essensausgabe, um so den Anteil an gegessenem Obst zu erhöhen.

Eine gestaffelte Reduktion von Komplexität

Besonders schlechte Entscheidungen treffen wir in komplexen Situationen, deren Konsequenzen wir nicht abschätzen können. Hier schlagen Thaler und Sunstein eine gestaffelte Reduktion von Komplexität vor, die sie mit einem eingängigen Beispiel illustrieren:

At a restaurant, the default option is to take the dish as the chef usually prepares it, with the option to ask that certain ingredients be added or removed. In the extreme, […][free choice] would imply that the diner has to give the chef the recipe for every dish she orders! (S. 95)

Wir müssten bei wichtigen und langfristigen Entscheidungen darauf vertrauen können, dass die Optionen in unserem Sinne sinnvoll gestaltet sind – also das Essen uns schmeckt und nicht nur die Kosten des Restaurants minimiert. Dann ließen sich freie und informierte Entscheidungen treffen, ohne unbedingt jedes Detail selbst festelegen zu müssen. Dabei muss es jedoch möglich bleiben, sich sein Essen auch komplett selbst zusammenzustellen.

Die Autoren illustrieren diesen Punkt an der Gestaltung von Wertpapier-Portfolios für die Rentenversicherung: Anstatt sich für einen konkreten Fonds oder gar jeden einzelnen Anteil zu entscheiden, ließe sich die Komplexität mit drei auf drei Risikostufen abgestimmten Portfolios und einem Default auf das “gemäßigte Portfolio” massiv reduzieren. Wer tiefer in die Materie einsteigen will, kann dies dann natürlich gerne bis auf das Niveau einzelner Anteilskäufe tun.

Die freie und vollständig informierte Entscheidung ist und bleibt eine Illusion

Die Idee der Nudges hat eine kontroverse Diskussion darüber ausgelöst, inwieweit subtile Manipulationen zum Werkzeug gerade staatlicher Planung und Intervention werden sollten. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass die Vision des freien und rationalen Individuums, das seine Entscheidungen auf der Grundlage vollständiger Information unbeeinflusst treffen kann eine Fiktion darstellt. “Neutrale” Entscheidungssituationen gibt es ebensowenig wie unabhängig-rationale Individuen mit vollständiger Information.

Die Frage, die wir uns stellen müssen lautet, ob einzelne Akteure und ihre Partikularinteressen die allgegenwärtigen Verzerrungen und Irrationalitäten ausnutzen dürfen. Oder wollen wir lieber eine mehr oder weniger öffentliche Diskussion darüber, was für die meisten Betroffenen vermutlich die in ihrem Sinne beste Entscheidung wäre? Dabei muss es jedoch möglichst leicht gemacht werden, von dieser abzuweichen, um eine unangemessene Bevormundung zu verhindern.

Mario Vargas Llosa über eine orientierungslose Moderne

Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht ein Feuilletonist oder selbsternannter bzw. zugeschriebener Intellektueller seinem Unbehagen über “das Internet”, “die Jugend” oder gleich “die Welt” Ausdruck verleiht. Ein weiterer Versuch stammt von dem peruanischen Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa.

In seinem Buch-Essay Alles Boulevard setzt sich Mario Vargas Llosa mit dem Ende der “Kultur” auseinander. Dabei wird schnell klar, dass er ein sehr klassisches Verständnig dieses Begriffs pflegt: Für ihn ist “Kultur” nicht allgemein jeder Ausdruck alltäglichen Lebens, sondern die formale künstlerische Manifestation, die sich selbst als eingebettet versteht in eine lange Geschichte und in die Tradition der entsprechenden Kunst.

In seiner Argumentation zum Ende der Kultur und der absoluten Boulevardisierung schießt er an zahlreichen Stellen über das Ziel hinaus und offenbart ein paradoxerweise äußerst eurozentrisches Weltbild, in dem er gar die kolonialen Begrifflichkeiten von “höheren” und “niederen” Kulturen verteidigt. Dies macht die Lektüre des Buches stellenweise äußerst anstrengend, ist jedoch selbst ein Ausdruck der tiefen Unsicherheit über die in seinen Augen orientierungslose Moderne, die er in dem Buch thematisiert.

Das Ende der Gewissheiten

Mario Vargas Llosa: Alles Boulevard (978-3518465264

Mario Vargas Llosa: Alles Boulevard (978-3518465264

[dc]V[/dc]argas Llosa beginnt seine Argumentation, indem er seinen Begriff der “Kultur” ausarbeitet. Diese ist für ihn nicht ein allgemeiner Begriff für Denkweisen, Routinen und Alltagsleben, sondern vielmehr eine spezifische soziale Sphäre. Diese ist von klaren Regeln, impliziten Erwartungen und definierten Formen geprägt, welche sich im Laufe der Zeit in der intellektuellen wie öffentlichen Debatte entwickeln.

Im Mittelpunkt der “Kultur” scheint für ihn dabei die “Kunst” zu stehen, also die Behandlung universeller menschlicher Zustände in der Form von Kunstwerken. Diese transportieren ihre Inhalte dabei nicht nur durch den unmittelbaren Ausdruck, sondern auch durch den Zusammenhang, in dem sie entstanden sind und in den sie gestellt werden. Was sie gegenüber dem heutigen “Entertainment” jedoch auszeichnet, ist ihr Anspruch auf zeitliche Transzendenz und Allgemeingültigkeit:

Der wesentliche Unterschied zwischen der vergangenen Kultur und dem heutigen »Entertainment« ist, dass früher ein Werk beanspruchte, die Gegenwart zu transzendieren und zu überdauern, in den kommenden Generationen lebendig zu bleiben, während die neuen Produkte hergestellt werden, um augenblicks, wie Kekse oder Popcorn, konsumiert zu werden und zu verschwinden. (S. 29)

Diese Dauerhaftigkeit und Beständigkeit sei der modernen Boulevardkultur abhanden gekommen. Vargas Llosa begrüßt zwar die allgemeinere Verfügbarkeit und breitere Zugänglichkeit von dem, was er Kultur nennt, wirft ihr jedoch gleichzeitig Beliebigkeit vor. Die stark formalisierte Kultur, welche nur mit einem hohen Maße an Vorbildung zu verstehen war, ist in seinen Augen der kurzfristigen Ausrichtung auf den aktuellen Geschmack der Menschen gewichen. Damit wird Kultur zwar offener aber eben auch undefiniert und dezentriert:

Wir wollten mit den Eliten aufräumen, denn das Privilegierte, Abwertende, Diskriminierende, das uns mit unseren egalitären Idealen allein schon aus diesem Begriff entgegenhallte, war uns moralisch zuwider, und im Laufe der Zeit haben wir auf verschiedene Weise diese exklusive Bande von Schulmeistern, die sich für etwas Besseres hielten und stolz Wissen. Werte und Geschmack für sich reklamierten, bekämpft und aufgerieben. Aber was wir erreicht haben, war ein Pyrrhussieg, ein Heilmittel, das schlimmer ist als die Krankheit: zu leben in einer verwirrten Welt, in der paradoxerweise, weil niemand mehr weiß, was sie eigentlich bedeutet, Kultur nun alles ist und nichts. (S. 69-70)

“Na und?”, könnte man jetzt fragen, “Warum soll denn Kultur nicht alles und nichts sein können? Nicht situativ und beliebig definiert und interpretiert werden und schließlich als die soziale Konstruktion aufgedeckt werden, die sie ist?”

Wir wissen so viel wie nie zuvor, was aber ist mit den großen Fragen?

[dc]F[/dc]ür Vargas Llosa ist die Antwort auf diese Fragen klar: Er sieht in der klassischen Kultur eine Art Spiritualität, die nach dem Verschwinden der Religion deren Platz einnehmen könnte. Für ihn ist “Kultur” ein Vehikel ethischer und moralischer Übereinkünfte, ein Ausdruck von Sinn und Bedeutung und damit schließlich von Orientierung. Sie bildet eine Grundlage für die freie Interaktion und die Entfaltung des Einzelnen. Sie schafft den notwendigen Rahmen für künstlerischen Ausdruck und gesellschaftliche Debatten und enthebt sie der kurzfristigen medialen Aufmerksamkeit, um für ein Mindestmaß an Stabilität zu sorgen:

Nie haben wir in einem an wissenschaftlichen Erkenntnissen und technischen Neuerungen so reichen Zeitalter gelebt wie heute, noch in einem, das besser gerüstet gewesen wäre, um Krankheiten, Unwissenheit und Armut zu besiegen; und gleichwohl waren wir vielleicht nie so ratlos, wenn es um fundamentale Fragen geht wie: Was tun wir auf diesem unserem Gestirn ohne eigenes Licht, wenn das bloße Überleben das einzige Ziel und die alleinige Rechtfertigung für das Leben ist? Bedeuten Wörter wie Geist, Ideal und Solidarität, Liebe und Lust, Kunst und Schöpfung, Schönheit, Seele, Transzendenz noch etwas, und wenn ja, was? Aufgabe der Kultur war es, eine Antwort auf solche Fragen zu geben. Heute ist sie dergleichen Verantwortung enthoben, denn wir haben aus ihr etwas sehr viel Oberflächlicheres und Flüchtigeres gemacht: eine Form des Zeitvertreibs für das große Publikum oder ein rhetorisches, okkultes und obskurantes Spielchen für eitle Zirkel von Akademikern und Intellektuellen, die der Gesellschaft die Schulter zeigen. (S. 214)

Für Vargas Llosa untergräbt die Boulevardisierung der “Kultur” die Grundlagen unserer modernen Welt. Noch sei vielen nicht bewusst, welche zentrale Rolle stabile Gewissheiten und etablierte Fundamente auch für uns moderne Menschen spielen. Schwindet nach der Religion – deren Verdrängung in das Private er explizit gutheißt – nun auch die Kultur fehlt uns in seinen Augen der Boden unter den Füßen.

Die Vermessung der Welt und das Ende des gesunden Menschenverstandes?

Die Liste der Bücher, die sich mit dem digitalen Wandel auseinandersetzen, wird von Jahr zu Jahr länger. Mit Chistoph Kucklick hat sich nun auch der Chefredakteur der Zeitschrift GEO dieses Themas angenommen und einen sehr inspirierenderen Zugang gefunden: Er beschränkt sich nicht darauf, die Revolution der Wirtschaft oder der Medien zu propagieren, sondern nimmt den allgemeinen gesellschaftlichen Wandel in den Blick.

Dabei positioniert er sich weder auf der Seite der Digital-Enthusiasten noch auf der der kulturpessimistischen analogen Bewahrer, sondern nimmt eine angenehme Mittelposition ein, die die digitale Entwicklung im Allgemeinen begrüßt, jedoch auf mögliche Probleme und Fehlentwicklungen hinweist. So stehen im Mittelpunkt seines Buches Die granulare Gesellschaft drei Revolutionen: die Differenz-Revolution, die Intelligenz-Revolution und die Kontroll-Revolution. Dabei leitet er den titelgebenden Begriff der “granularen Gesellschaft” in erster Linie aus der Differenz-Revolution ab.

Die Differenzrevolution in der digitalisierten Gesellschaft

Christoph Kucklick: Die granulare Gesellschaft. (Ullstein 2014, 978-3-550-08076-0)

Christoph Kucklick: Die granulare Gesellschaft. (Ullstein 2014, 978-3-550-08076-0)

Das zentrale Merkmal des digitalen Wandels ist für Kucklick nicht der universelle Zugang zu Informationen, Unterhaltungsmedien oder dem “Long Tail” der Produkte, sondern die generierte Datenmenge:

Digitalisierung bedeutet vor allem: Wir selbst und unsere Gesellschaft werden auf neue Weise vermessen. Unser Körper, unsere sozialen Beziehungen, die Natur, unsere Politik, unsere Wirtschaft – alles wird feinteiliger, höher auflösend, durchdringender erfasst, analysiert und bewertet denn je (S. 10)

Dabei werden diese Daten nicht in der Form klassischer Umfragen oder Stichprobenerhebungen gewonnen, sondern ergeben sich in den meisten Fällen als Datenspuren aus unserem alltäglichen Handeln: Freundschaften in sozialen Medien, Positionsdaten von Smartphones oder Telemetriedaten des Autos.

Solchermaßen erhobene Daten können in unterschiedlicher Weise genutzt werden, um spezifische Informationen über Einzelne oder Gruppen zu gewinnen; beispielsweise die soziale Einbettung, alltägliche Mobilitätsmuster oder der persönliche Fahrstil. Diese Informationen können uns wiederum zurückgespiegelt werden und damit in unserem Handeln und Leben beeinflussen. Durch ihre vorgebliche “Objektivität” erhalten sie gar ein besonderes Gewicht:

Die schnellen Maschinen erzeugen einen enormen Druck. Wir werden »tiefen« Beobachtungen ausgesetzt, die wir angesichts der vermeintlichen »Objektivität« der Daten nur schwer abweisen können, und die uns rasche Verhaltensänderungen abnötigen. (S. 27)

Solche Informationen können durchaus in unserem Sinne sein, wenn sie unseren Interessen entsprechend eingesetzt werden. Gerade die Quantified-Self-Bewegung legt großen Wert darauf, die an sich selbst gemessenen Daten einzusetzen, um sich selbst besser zu verstehen oder das eigene Leben angenehmer, erfolgreicher oder was auch immer zu gestalten.

Daten über Individuen ermöglichen unvorhersehbare Mikrodiskriminierungen

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Gleichzeitig können diese Daten jedoch auch eingesetzt werden, um eine neue Form von Ungleichbehandlungen zu etablieren, die Kucklick “Mikrodiskriminierungen” nennt. Hierbei lösen sich etablierte Unterscheidungen auf der Basis grober und weitestgehend eindeutiger Kriterien wie Einkommen, Alter oder (biologisches) Geschlecht auf. Sie werden ersetzt durch komplexe Berechnungen auf der Grundlage zahlreicher Datenpunkte, welche für den Einzelnen nicht mehr nachzuvollziehen und zu überschauen sind:

Größere Gruppen wie etwa Besserverdienende oder Frauen lassen sich vorab gut definieren, die Kriterien sind eindeutig, sie sind allen Beteiligten transparent und die Gruppen selbst sind recht stabil. Zwar sinkt bei einzelnen Bürgern das Einkommen gelegentlich und manche Frauen wechseln ihr Geschlecht, aber insgesamt haben wir es mit verlässlichen Gruppen zu tun. Bei der algorithmischen Kalkulation ist dagegen unklar, wer jeweils zu weicher Gruppe gehört. Es gibt nichts oder nur wenig, worauf sich ein Bürger vorab einstellen könnte: Sein algorithmisch erstelltes Profil ist stets intelligent, im Sinne von überraschend – es ist nur schwer oder gar nicht nachzuvollziehen. (S. 138)

Diese Undurchschaubarkeit sorgt auf der Seite der betroffenen Menschen für ein extremes Maß an Unsicherheit, da sie die Resultate der Berechnungen in keiner Form im Voraus abschätzen können. Es kann sogar sein, dass der genaue Zeitpunkt der Berechnung eine zentrale Rolle spielt, weil sich nur wenig später ein auf den ersten Blick irrelevanter Datenpunkt verändern würde, der jedoch immense Auswirkungen auf das Resultat hat. Gruppenzuschreibungen und Erwartungen werden auf diese Weise zwar möglichweise “präziser” und “objektiver”, sie wirken jedoch gleichzeitig willkürlich und in noch höherem Maße fremdbestimmt.

Darüber hinaus kommt in diesem Fall den konkreten Berechnungsalgorithmen eine zentrale Bedeutung zu. Diese bestimmen dann noch stärker als bisher schon über die Höhe des Versicherungsbeitrags, die Besetzung einer Stelle oder die Steuerlast. Sind diese Berechnungsverfahren dann auch noch “Eigentum” der entsprechenden Unternehmen und nicht öffentlich einsehbar, verlagert sich Entscheidungsgewalt in hohem Maße in undurchschaubare und mit bestimmten Partikularinteressen im Hintergrund entwickelte Black Boxen. Kucklick schlägt zur Abschwächung dieses Problems die Einführung von “Algorithmenprüfern” in der Analogie zu Wirtschaftsprüfern vor. Ein Modell könnte auch die bereits etablierte Genehmingungspflicht für die Kalkulation von bestimmten Versicherungstarifen sein.

Institutionell gesetzte, explizite Regeln ersetzen situativ ausgehandelte Kriterien

Teil der Differenzmaschine Nr. 1 von Charles Babbage

Teil der Differenzmaschine Nr. 1 von Charles Babbage

Wenn sich Entscheidungsgewalt in Algorithmen verlagert, gilt es eine weitere Eigenschaft digitaler Systeme zu bedenken, die Kucklick zufolge zu einer Überforderungen der gesellschaftlichen Institutionen führt. (Dabei versteht er “Institutionen” im soziologischen Sinne allgemein als gesellschaftlich etablierte Regelsysteme.):

Wichtiger ist, dass sich digitale Maschinen mit alldem, was unsere Hirne belastet, nicht herumschlagen müssen. Sie operieren nicht mit Sinn, nicht mit Gefühlen und Wünschen, mit Hoffnungen und Sehnsüchten, sondern bloß mit Symbolen, mit Ziffern und Zeichen. Wofür diese stehen, ist ihnen egal. (S. 88)

Er befürchtet also, dass der “gesunde Menschenverstand”, die situative Aushandlung von Kriterien und das soziale Abwägen unterschiedlicher Faktoren und Argumente bei entsprechend automatisierten Entscheidungen zu kurz kommt. Auch wenn Unternehmen oder Bürokratien bereits heute über relativ starre Regelsysteme verfügen, besitzen die Schnittstellen, die mit den Kunden bzw. Bürgern interagieren, gewisse Spielräume, innerhalb derer sie ihre eigene Einschätzung der Situation vornehmen können. Auch wenn sich hier ein Einfallstor für (unbewusste) Diskriminierung beispielsweise nach Hautfarbe oder Alter findet, hat der Wechsel zu “objektiven” Entscheidungsalgorithmen einen Paradigmenwechsel in der gesellschaftlichen Ethik zur Folge:

Maschinen ticken anders. Ihre Regeln und Handlungsweisen müssen ihnen Buchstabe für Buchstabe einprogrammiert werden. Aus einer gesetzlichen Vorschrift muss eine exakt zu programmierende Vor-Schrift werden. Um diese verfassen zu können, müssen wir alle Regeln, auch die ethischen, vorab festlegen. (S. 154)

Jede Entscheidungsregel und jedes Kriterium muss dem Algorithmus fest vorgeben werden. Unvorhersehbare Kriterien oder spezifische Konstellationen von Faktoren können nicht länger ad hoc von – im Normalfall – sozial wie fachlich kompetenten Menschen abgewogen werden, sondern werden anhand der immer gleichen, vorgegebenen Berechnungsvorgaben zusammengeführt. Damit müssen komplexe Systeme impliziter Normen und das feine Gespür der meisten Menschen für die Angemessenheit von Entscheidungen explizit gemacht und in Algorithmen überführt werden. Es gilt dann nur mehr das Wort des Gesetzes und nicht mehr sein Sinn oder seine Intention.

Da wir keinerlei Institutionen haben, die solche wichtigen Debatten öffentlich auslösen und moderieren könnten, werden solche Entscheidungen aktuell in den Entwicklungsabteilungen zahlreicher Firmen getroffen und durchdringen nach und nach das fein gesponnene Geflecht unseres Gemeinwesens. Auf diese Weise werden Entscheidungen über unser Leben sicherlich “gleicher”, aber werden Sie auch gerechter?

Der Rückzug aus der Gemeinschaft aus Angst vor dem Fremden

Klimawandel, Terroranschläge und die immer wieder aufwallende Wirtschaftskrise sind nur drei der aktuellen Entwicklungen, die den Eindruck erwecken, unsere Welt sei immer weniger kontrollierbar. Als Konsequenz wird der Rückzug in das Private und der Aufbau einer eigenen, überschaubaren Welt zu einem immer größeren gesellschaftlichen Phänomen. Auch der us-amerikanische Soziologe Richard Sennett beschäftigt sich in seinem aktuellen Buch Zusammenarbeit mit der abnehmenden Bereitschaft – und vielleicht auch Fähigkeit – der Menschen, sich auf kooperative oder gar kollektive Zusammenhänge einzulassen.

Für Sennett ist der Mensch grundsätzlich ein soziales Tier, dem die Zusammenarbeit und Kooperation mit anderne in die Wiege gelegt ist, wie er ausführlich anhand der frühkindlichen Entwicklung der Kooperationsfähigkeit erläutert. Im Anschluss zeigt er jedoch auf, wie die zentralen Grundlagen für unterschiedliche Formen der Kooperation – insbesondere solcher, welche nicht auf einem klar definierten Interessensaustausch oder etablierten Machtstrukturen basieren – immer weiter erodieren.

Rituale als Anker sozialer Einbettung

Richard Sennett: Zusammenarbeit (a href="http://www.amazon.de/Zusammenarbeit-Was-unsere-Gesellschaft-zusammenh%C3%A4lt/dp/3423348372/?tag=diekrise-21">978-3423348379)

Richard Sennett: Zusammenarbeit (978-3423348379)

Im Mittelpunkt von Sennetts Argumentation steht die Beobachtung, dass Kommunikation und Interaktion nicht in erster Linie auf der expliziten Inhaltsebene stattfinden, sondern stark von unterschwelligem Austausch und sozialen Erwartungen geprägt sind. Neben einer interessanten Kritik an der Vorstrukturierung der Kooperation durch digitale Werkzeuge wie das mittlerweile eingestellte Google Wave betont er dabei insbesondere die ordnende und strukturierende Funktion von Ritualen und Zeremonien.

Zeremonien entheben die Menschen gerade der Notwendigkeit, für sich selbst zu sprechen und den Menschen darzustellen, der sie sind. Die Teilnehmer finden Zugang zu einem größeren, gemeinsamen Ausdrucksbereich. (S. 130)

Auf diese Weise entlasten sie auf der einen Seite das Ich und auf der anderen Seite zeigen sie dem Einzelnen seine Zugehörigkeit zu etwas Größerem. So können sie an sich sinnlose Aktivitäten mit einem hohen Maß an Bedeutung und Befriedigung aufladen. Rituale binden den Einzelnen an seine Umgebung, sie machen ihn zugehörig und markieren seinen Status. So reduzieren sie Unsicherheiten und bieten Orientierung.

Solche Prozesse sind jedoch nur dann positiv zu bewerten, wenn die auf diese Weise geschaffene Zugehörigkeit des Einzelnen auf Augenhöhe geschieht. Sennett beschreibt hier, dass Rituale im Laufe der Zeit immer mehr zu Spektakeln geworden sind, an denen Einzelne nicht mehr selbst teilnehmen, sondern die sie passiv beobachten:

Aber schon damals war klar, dass etwas mit der Gemeinde und dem Individuum geschah, wenn Rituale in ein Spektakel verwandelt wurden. Das Spektakel verleiht der Gemeinschaft eine hierarchische Struktur, in der die Unteren zusehen und dienen, aber nicht als Individuen von eigenständigem Wert mitwirken (S. 150-151)

Zum Spektakel degradiert, stärkt das Ritual nicht mehr den Einzelnen in seiner sozialen Position, sondern unterwirft ihn einer etablierten Machtstruktur.

Rückzug aus Angst vor den Bedürfnissen Anderer

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Je mehr klassische Rituale zum Spektakel verkommen, desto weniger Struktur stiften sie für die direkte Interaktion auf Augenhöhe. Auf diese Weise verkomplizieren sie soziale Konfigurationen, in denen die unterschiedlichen Positionen nicht mehr klar definiert und erkennbar sind. Sie schwächen auch die eigene Position, die ebenso unscharf und unsicher wird. Damit beginnt der Rückzug aus dem Sozialen:

In der modernen Gesellschaft entsteht ein eigentümlicher Charaktertyp, ein Mensch, der mit anspruchsvollen, komplexen Formen sozialen Engagements nicht zurechtkommt und sich deshalb zurückzieht. (S. 241)

Besondere Bedeutung misst Sennet dabei der Angst der Menschen zu, die sich Denkweisen und Bedürfnissen ausgesetzt sehen, welche sie selbst nicht nachvollziehen und verstehen können. Diese wirken oftmals auf bedrohliche Weise fremd und lösen so eine Flucht- oder Vermeidungsreaktion aus. Statt sich also in der direkten Interaktion mit diesen Perspektiven auseinanderzusetzen, erfolgt eine Flucht in die formale Interaktion, welche durch abstrakte und an anderer Stelle bestimmte Kriterien geprägt wird. Dabei schwindet die Bereitschaft, sich auf überraschende und unbekannte Situationen einzulassen:

Wer den tausendsten industriell gefertigten Hamburger isst, kann von dem Geschmack nicht sonderlich begeistert sein, aber da er ihm vertraut ist, empfindet er ihn als angenehm. Ähnliches gilt für eine Couchpotato, die sich wohlfühlt, wenn sie mit halbem Auge Fernsehsendungen verfolgt, die ihre Aufmerksamkeit nicht wirklich fesseln. Beide erreichen einen hohen Wert auf der »Langeweile-Anfälligkeitsskala«. Sie wünschen sich eine Vertrautheit, die keine Überraschungen birgt. (S. 254)

Die Illusion der losgelösten Freiheit

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Für Sennett stellt dieser Rückzug, der durch Gleichgültigkeit oder Arroganz anderen Weltsichten gegenüber geprägt ist, den ultimativen Ausdruck des liberal-individualistischen Ideals dar. Er macht jedoch deutlich, dass dieses Ideal historisch und auch global als absolute Ausnahme zu werten ist.

Das autonome Individuum erscheint als frei. Doch aus der Sicht anderer Kulturen erscheint ein Mensch, der stolz darauf ist, andere nicht um Hilfe zu bitten, als eine zutiefst geschädigte Person, weil die Angst vor sozialer Einbindung sein Leben beherrscht. (S. 185)

Sie ist der Ausdruck einer europäischen Entwicklung, die in der Renaissance ihren Anfang nahm und sich in den letzten Jahrzehnten endgültig durchsetzen konte. Gleichzeitig machen die Komplexität gesellschaftlicher wie ökonomischer Zusammenhänge und die unzähligen wechselseitigen Abhängigkeiten eine Kooperation unterschiedlicher Menschen so unverzichtbar wie niemals zuvor – während sie ihre Grundlagen unterminieren. Dieses Spannungsverhältnis, verbunden mit der zunehmenden Unsicherheit – prägt für Sennett das Gefühl “unserer” Zeit:

Die Sehnsucht nach einer Solidarität, die inmitten ökonomischer Unsicherheit ein Gefühl der Sicherheit vermitteln könnte, führt heute zu einer radikalen Simplifizierung des sozialen Lebens: Abgrenzung gegen andere Gruppen, verbunden mit dem Gefühl, allein zu stehen und ganz auf sich selbst angewiesen zu sein. (S. 374)

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