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5 Brettspiel-Highlights für das Jahr 2016

Pünktlich zum Ende des Jahres hatte ich in den letzen Tagen die Möglichkeit, einige der Brettspiel-Neuheiten dieses Jahres ausführlich probezuspielen. Fünf dieser Neuheiten möchte ich euch an dieser Stelle ganz besonders ans Herz legen. Vielleicht habt ihr ja noch den einen oder anderen Weihnachtsgutschein einzulösen:

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Eine Anleitung für das Leben? Vier Ideen aus „Wie wir sind“ von Vincent Deary [mit Video]

Eine Anleitung für das Leben, wäre das nicht praktisch? Ein kleines Handbuch mit „richtigen“ Verhaltensweisen für jede Lebenssituation? Mit seinem Buch Wie wir sind startet der britische Psychoanalytiker Vincent Deary seinen Versuch, eine solche Anleitung zu verfassen. Dabei rückt er in diesem ersten Band unseren Wunsch nach Sicherheit und einem vorhersehbaren Alltag in den Mittelpunkt und weiß Spannendes über den Prozess der Veränderung zu berichten:

  1. Unser Alltagsleben ist geprägt von Handlungsroutinen und etablierten Denkmustern. Anstatt über jede kleine Aktion nachzudenken, sind wir die meiste Zeit damit befasst, Dinge zu wiederholen und Muster zu aktivieren, die wir erlernt haben und von denen wir wissen, dass sie in der Lage sind, unsere alltäglichen Probleme zu bewältigen.
  2. wiewirsind

    Vincent Deary: Wie wir sind
    (Pattloch 2015)

    Wir passen unsere Umgebung diesen Routinen an. So wird sie zu einem Archiv unseres Lebens und unseres Seins. Diese Routinen schreiben wir auch in unsere Umwelt und insbesondere unser Zuhause ein. Jedes Bild an der Wand und jede (Un-)Ordnung in einem Regal ist – bewusst oder nicht – auf diese Routinen abgestimmt. Damit machen wir diese Umgebung zu einem zentralen Bestandteil unserer Selbst, weil sie die Routinen, die uns ausmachen, erst ermöglichen.

  3. Veränderung bedeutet einen Bruch mit unseren Routinen. Daher macht sie uns Angst, ermöglicht uns aber gleichzeitig einen Neuanfang. Routinen geben uns Sicherheit und einen Boden unter den Füßen. Brechen sie weg, schweben wir frei im Raum, und es fehlen Halt und Orientierung. Davor haben wir eine grundlegende Angst und versuchen demnach, Veränderung zu vermeiden. Daher bricht sie meist von außen über uns herein.
  4. Am Ende des Wandlungsprozesses steht ein neues Gleichgewicht, das uns erneut ein Gefühl von Sicherheit und Stabilität gibt. Wenn wir, wie oben beschrieben, den Boden unter den Füßen verloren haben, bemühen wir uns möglichst schnell, ein neues Gleichgewicht zu etablieren. Dabei haben wir gerade zu Beginn die Chance, mit relativ wenig Aufwand richtungsweisende Festlegungen vorzunehmen, indem wir die zu etablierenden Routinen bewusst auswählen.

Wie wir sind von Vincent Deary ist ein äußerst rundes Buch, in dem der Autor voller Wärme, aber gleichzeitig ohne Beschönigung, über den teilweise harten Prozess der Veränderung schreibt. Es gibt zwar ausführlichere und wissenschaftlichere Bücher über alltägliche Routinen, doch Dearys Buch fühlt sich menschlicher und weniger technisch an. Zudem ist es hervorragend geschrieben – und übersetzt – und sprüht vor Witz und Weisheit. Vielleicht keine Anleitung für das Leben, wie es der Titel der Reihe verspricht, aber eine Stütze und ein Trost in turbulenten Zeiten.

Die Arbeitsteilung zwischen bewusstem und unbewusstem Denken

Optische Täuschungen oder der auf Autopilot gefahrene tägliche Weg zur Arbeit sind nur zwei der zahlreichen Phänomene, die uns zeigen, dass wir selbst komplexe Handlungen oft durchführen, ohne uns ihrer bewusst zu sein. Es muss also unterhalb unseres aktiven Bewusstseins Prozesse geben, die dafür sorgen, dass wir die richtige Abzweigung nehmen, eine Geschwindigkeitsbegrenzung erkennen oder auch nur die Gänge wechseln. Doch welche Rolle spielt dann eigentlich noch unser Bewusstsein?

Das Wechselspiel zwischen unterbewusster Wahrnehmung und dem Bewusstsein steht neben den neuronalen Signaturen des Bewusstseins im Mittelpunkt des Buchs Denken. Wie das Gehirn Bewusstsein schafft des Neurowissenschaftlers Stanislas Dehaene. Dabei entwickelt er eine Theorie, die das Bewusstsein als übergreifenden Speicher versteht, der Informationen für unterschiedliche unbewusste Verarbeitungsprozesse bereitstellt.

Zwischen unbewusster Fleißarbeit und bewusster Entscheidung

Stansislas Dehaene: Denken. Wie das Gehirn Bewusstsein schafft (Knaus 2014, ISBN: 978-3813504200)

Stansislas Dehaene: Denken. Wie das Gehirn Bewusstsein schafft (Knaus 2014, ISBN: 978-3813504200)

Dehaene, der sich ausführlich mit dem Unterschied zwischen bewussten und unbewussten kognitiven Prozessen auseinandersetzt, referiert ausführlich die zahlreichen Studien, die aufzeigen, dass ein großer Teil unserer Wahrnehmung unterbewusst abläuft. Dabei geht es nicht nur um das Ausblenden nebensächlicher Reize oder das Zusammensetzen unserer sinnlichen Wahrnehmung in ein kohärentes Bild, das uns dann präsentiert wird.

Auch die Zuweisung von Bedeutung und einfache logische Schlussfolgerungen können ohne einen bewussten Zugriff erfolgen. So sind Versuchspersonen in der Lage einzuschätzen, ob eine Zahl, die ihnen nur wenige Millisekunden gezeigt wurde und die sie nicht bewusst wahrnehmen konnten, kleiner oder größer ist als Fünf.

Das Resultat all dieser Experimente ist eindeutig: Unser Gehim beherbergt eine Sammlung schlauer unbewusster Vorrichtungen, welche die uns umgebende Welt ständig überwachen und ihr Werte zuordnen, unsere Aufmerksamkeit lenken und unser Denken formen. Dank dieser unterschwelligen Markierungen werden die amorphen Reize, die uns bombardieren, zu einer Landschaft der Gelegenheiten, die sorgfältig nach ihrer Relevanz für unseren aktuellen Ziele geordnet sind. (S. 116)

Es ist also nicht so, dass das Unterbewusstsein nur für Prozesse zuständig ist, die grundlegende Wahrnehmungs- oder Überlebens-Funktionen sicherstellen. Es ist auch zentral an höheren kognitiven Prozessen beteiligt, die uns helfen, die Welt um uns herum zu verstehen und ihr einen Sinn abzugewinnen. Diese unterbewussten Prozesse sind jedoch hoch-spezialisiert und nicht in der Lage strategische Prozesse aus mehreren Interpretationsschritten durchzuführen. Hierzu ist ein bewusster Geist notwendig.

Das mächtige Unbewusste erzeugt komplexe Ahnungen, doch nur ein bewusster Geist kann Schritt für Schritt eine rationale Strategie verfolgen. Indem es als Router fungiert, der Informationen in jede beliebige Serie aufeinanderfolgender Prozesse einspeist, scheint das Bewusstsein uns Zugang zu einem völlig neuen Betriebsmodus zu verschaffen – der Turingmaschine des Gehirns. (S. 159)

So schildert Dehaene, dass der oben vorgestellte Vergleich zwischen zwei Zahlen nicht mehr unbewusst ablaufen kann, sobald zu der angezeigten Zahl die Drei addiert werden soll. Hier sind zwei aufeinanderfolgende Schritte notwendig – die Addition und der Vergleich – die einzeln durchaus unbewusst ablaufen können, zu deren Verknüpfung jedoch ein bewusster Akt notwendig ist.

Das Bewusstsein als universell verfügbarer Arbeitsspeicher

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Auf dieser Grundlage und dem Nachweis spezifischer neuronaler Signaturen leitet Dehaene seine Theorie des Bewusstseins als universell verfügbarer Arbeitsspeicher ab. Für ihn übernimmt das Bewusstsein demnach in erster Linie die Funktion, bei einer spezifischen Frage die verfügbaren Informationen strategisch in die zahlreichen unterbewussten Verarbeitungsprozesse einzuspeisen und die Ergebnisse weiter zu vermitteln:

Bewusstsein ist eine entwickelte Vorrichtung, die es uns ermöglicht, eine Information aufzugreifen und dafür zu sorgen, dass sie innerhalb dieses Übertragungssystems wirksam bleibt. (S. 233)

Das Bewusstsein lässt sich dementsprechend mit der Zwischenablage des Computers vergleichen, in der Informationen abgelegt und anderen Programmen zugänglich gemacht werden können. Es fungiert als Koordinationszentrale unseres Gehirns, die die Resultate unterbewusster Prozesse aufgreift. Dabei verfolgt es einen konkreten Plan, der der Lösung eines spezifischen komplexen Problems dient:

Wenn wir sagen, wir seien uns einer bestimmten Information bewusst, meinen wir damit einfach Folgendes: Die Information ist in ein spezifisches Speicherareal eingetreten, das sie für den Rest des Gehirns verfügbar macht. (S. 236)

Diese Theorie eröffnet nicht nur der Neurowissenschaft neue Herangehensweisen, sondern verändert auch unsere Sicht auf Bewusstseinszustände wie das Koma oder das Locked-In-Syndrom, bei dem sich durch den Einsatz bildgebender Verfahren ganz neue Untersuchungsmöglichkeiten ergeben. Sogar die Kommunikation mit Patienten, die keinerlei bewusste Kontrolle über ihren Körper haben scheint auf diese Weise möglich.