Kategorie: Argumente

Die Arbeitsteilung zwischen bewusstem und unbewusstem Denken

Optische Täuschungen oder der auf Autopilot gefahrene tägliche Weg zur Arbeit sind nur zwei der zahlreichen Phänomene, die uns zeigen, dass wir selbst komplexe Handlungen oft durchführen, ohne uns ihrer bewusst zu sein. Es muss also unterhalb unseres aktiven Bewusstseins Prozesse geben, die dafür sorgen, dass wir die richtige Abzweigung nehmen, eine Geschwindigkeitsbegrenzung erkennen oder auch nur die Gänge wechseln. Doch welche Rolle spielt dann eigentlich noch unser Bewusstsein?

Das Wechselspiel zwischen unterbewusster Wahrnehmung und dem Bewusstsein steht neben den neuronalen Signaturen des Bewusstseins im Mittelpunkt des Buchs Denken. Wie das Gehirn Bewusstsein schafft des Neurowissenschaftlers Stanislas Dehaene. Dabei entwickelt er eine Theorie, die das Bewusstsein als übergreifenden Speicher versteht, der Informationen für unterschiedliche unbewusste Verarbeitungsprozesse bereitstellt.

Zwischen unbewusster Fleißarbeit und bewusster Entscheidung

Stansislas Dehaene: Denken. Wie das Gehirn Bewusstsein schafft (Knaus 2014, ISBN: 978-3813504200)

Stansislas Dehaene: Denken. Wie das Gehirn Bewusstsein schafft (Knaus 2014, ISBN: 978-3813504200)

Dehaene, der sich ausführlich mit dem Unterschied zwischen bewussten und unbewussten kognitiven Prozessen auseinandersetzt, referiert ausführlich die zahlreichen Studien, die aufzeigen, dass ein großer Teil unserer Wahrnehmung unterbewusst abläuft. Dabei geht es nicht nur um das Ausblenden nebensächlicher Reize oder das Zusammensetzen unserer sinnlichen Wahrnehmung in ein kohärentes Bild, das uns dann präsentiert wird.

Auch die Zuweisung von Bedeutung und einfache logische Schlussfolgerungen können ohne einen bewussten Zugriff erfolgen. So sind Versuchspersonen in der Lage einzuschätzen, ob eine Zahl, die ihnen nur wenige Millisekunden gezeigt wurde und die sie nicht bewusst wahrnehmen konnten, kleiner oder größer ist als Fünf.

Das Resultat all dieser Experimente ist eindeutig: Unser Gehim beherbergt eine Sammlung schlauer unbewusster Vorrichtungen, welche die uns umgebende Welt ständig überwachen und ihr Werte zuordnen, unsere Aufmerksamkeit lenken und unser Denken formen. Dank dieser unterschwelligen Markierungen werden die amorphen Reize, die uns bombardieren, zu einer Landschaft der Gelegenheiten, die sorgfältig nach ihrer Relevanz für unseren aktuellen Ziele geordnet sind. (S. 116)

Es ist also nicht so, dass das Unterbewusstsein nur für Prozesse zuständig ist, die grundlegende Wahrnehmungs- oder Überlebens-Funktionen sicherstellen. Es ist auch zentral an höheren kognitiven Prozessen beteiligt, die uns helfen, die Welt um uns herum zu verstehen und ihr einen Sinn abzugewinnen. Diese unterbewussten Prozesse sind jedoch hoch-spezialisiert und nicht in der Lage strategische Prozesse aus mehreren Interpretationsschritten durchzuführen. Hierzu ist ein bewusster Geist notwendig.

Das mächtige Unbewusste erzeugt komplexe Ahnungen, doch nur ein bewusster Geist kann Schritt für Schritt eine rationale Strategie verfolgen. Indem es als Router fungiert, der Informationen in jede beliebige Serie aufeinanderfolgender Prozesse einspeist, scheint das Bewusstsein uns Zugang zu einem völlig neuen Betriebsmodus zu verschaffen – der Turingmaschine des Gehirns. (S. 159)

So schildert Dehaene, dass der oben vorgestellte Vergleich zwischen zwei Zahlen nicht mehr unbewusst ablaufen kann, sobald zu der angezeigten Zahl die Drei addiert werden soll. Hier sind zwei aufeinanderfolgende Schritte notwendig – die Addition und der Vergleich – die einzeln durchaus unbewusst ablaufen können, zu deren Verknüpfung jedoch ein bewusster Akt notwendig ist.

Das Bewusstsein als universell verfügbarer Arbeitsspeicher

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Auf dieser Grundlage und dem Nachweis spezifischer neuronaler Signaturen leitet Dehaene seine Theorie des Bewusstseins als universell verfügbarer Arbeitsspeicher ab. Für ihn übernimmt das Bewusstsein demnach in erster Linie die Funktion, bei einer spezifischen Frage die verfügbaren Informationen strategisch in die zahlreichen unterbewussten Verarbeitungsprozesse einzuspeisen und die Ergebnisse weiter zu vermitteln:

Bewusstsein ist eine entwickelte Vorrichtung, die es uns ermöglicht, eine Information aufzugreifen und dafür zu sorgen, dass sie innerhalb dieses Übertragungssystems wirksam bleibt. (S. 233)

Das Bewusstsein lässt sich dementsprechend mit der Zwischenablage des Computers vergleichen, in der Informationen abgelegt und anderen Programmen zugänglich gemacht werden können. Es fungiert als Koordinationszentrale unseres Gehirns, die die Resultate unterbewusster Prozesse aufgreift. Dabei verfolgt es einen konkreten Plan, der der Lösung eines spezifischen komplexen Problems dient:

Wenn wir sagen, wir seien uns einer bestimmten Information bewusst, meinen wir damit einfach Folgendes: Die Information ist in ein spezifisches Speicherareal eingetreten, das sie für den Rest des Gehirns verfügbar macht. (S. 236)

Diese Theorie eröffnet nicht nur der Neurowissenschaft neue Herangehensweisen, sondern verändert auch unsere Sicht auf Bewusstseinszustände wie das Koma oder das Locked-In-Syndrom, bei dem sich durch den Einsatz bildgebender Verfahren ganz neue Untersuchungsmöglichkeiten ergeben. Sogar die Kommunikation mit Patienten, die keinerlei bewusste Kontrolle über ihren Körper haben scheint auf diese Weise möglich.

Über die Lebenskunst und die Freundschaft mit sich selbst

Wir fühlen uns gerne frei. Wir lieben das Gefühl, ungebunden zu sein und den eigenen Interessen und Neigungen nachgehen zu können, ohne dabei von gesellschaftlichen Erwartungen und religiösen Konventionen eingeschränkt zu werden. Doch gleichzeitig müssen wir lernen, mit dieser Freiheit umzugehen. Mit seinem Konzept der Lebenskunst gibt uns der Philosoph Wilhelm Schmid einen Leitfaden an die Hand.

Die Freiheit, unser Leben zu gestalten, wie wir es wollen, bedeutet gleichzeitig eine Verpflichtung, für uns selbst herauszufinden, was wir denn eigentlich wollen. Der Sinn in unserem Leben kommt nicht länger aus der Religion, der Familientradition oder der Liebe für die Heimat, sondern ist ein Ergebnis unserer eigenen freien Entscheidung. So schreibt Wilhelm Schmid in seinem Buch Mit sich selbst befreundet sein:

Wenn Sinn nicht mehr von selbst zur Verfügung steht, dann beginnt die Arbeit des Selbst an den Zusammenhängen des eigenen Lebens, soll es trotz allem sinnvoll gelebt werden. (S. 399)

Gleichzeitig bietet Schmid wertvolle Hinweise, wie wir diesen Prozess gestalten können, ohne dabei an der fehlenden Orientierung zu verzweifeln.

Pläne und bewusste Arbeit

Wilhelm Schmid: Mit sich selbst befreundet sein  (Suhrkamp 2013, 978-3-518-45882-2)

Wilhelm Schmid: Mit sich selbst befreundet sein (Suhrkamp 2013, 978-3-518-45882-2)

Auch heute ist es noch(?) möglich, sich dem Fluss des Lebens zu überlassen und sich von dessen Strömung treiben zu lassen, ohne eine aktive Rolle in der Gestaltung einzunehmen. Doch mit zunehmender Bildung und der wachsenden Vielfalt als Optionen wird dies immer seltener als befriedigend wahrgenommen und ist auch gesellschaftlich immer weniger akzeptiert. Wir müssen Schmid zufolge zu Lebenskünstlern werden – in dem Sinne, dass “Kunst von Können kommt”. Wir müssen lernen, unser Leben bewusst selbst zu gestalten und es zu einem Kunstwerk zu machen, in dem wir uns wahrhaftig ausdrücken.

Den entscheidenden Schritt unternimmt das einzelne Selbst, wenn es die Wahl trifft, seine Selbstbestimmung zu beanspruchen und wahrzunehmen oder nicht: denn Selbstbestimmung ist keine Norm, sondern eine Option. (S. 123)

Die Entscheidung, die eigene Selbstbestimmung zu beanspruchen, wird damit zu dem Moment, in dem wir entscheiden, das Leben nicht länger passiv zu erdulden oder uns irgendwie durchzumogeln, sondern es selbst und aktiv in die Hand zu nehmen. Das heißt nicht, dass wir ab jetzt unabhängig von unserer Umgebung wären, jede unserer Ideen umsetzen können und alle unsere Wünsche erfüllt bekommen. Es bedeutet lediglich, dass wir den Anspruch an uns selbst entwickeln, unser Denken und unser Handeln bewusst zu planen und zu gestalten:

Daher macht es durchaus Sinn zu planen – nur nicht mit der Erwartung, das Leben werde sich dem fügen, eher um eine eigene Vorstellung zu formulieren und somit ein Korrektiv fürs Leben zu gewinnen: Hieran lässt sich ermessen, wie »anders als gedacht« es kommt, um dann darüber nachdenken, was davon hinzunehmen ist und was nicht. (S. 65)

Damit wird nicht länger die Religion, die Tradition oder die gesellschaftliche Erwartung zur Richtschnur unseres Lebens, sondern unsere eigenen Ideale, Ideen und Prinzipien. Die kontinutierliche Entwicklung und Anpassung einer solchen Richtschnur bezeichnet Schmid als Lebenskunst.

Die Freundschaft mit sich selbst

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Diese selbstbestimmte Herangehensweise an das Leben führt als erste Konsequenz dazu, dass wir uns aus der Gesellschaft herauslösen. Wir akzeptieren ihre Glaubenssätze nicht länger als selbstverständlich, sondern haben den Mut, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen. Damit entgeht uns aber auch die Bestätigung, die es bringt, ein selbstverständlicher Teil einer funktionierenden Gesellschaft zu sein und ihre Erwartungen zu erfüllen. Wir verlieren soziale Unterstützung, die wir jetzt auf anderen Wegen einholen müssen. Einen solchen Weg sieht Schmid dabei in der engen Freundschaft mit sich selbst:

Denn wie mit einem wahren Freund kann der Umgang mit sich selbst gestaltet werden: freimütig und offen, reichhaltig und vielfältig, nicht langweilig und zuweilen rätselhaft; zuweilen geht es darum, sich zu schonen und zu pflegen, denn ohne Erholung wird keine Mühe zu bewältigen sein: zuweilen sich zu mühen und sich herauszufordern, denn im Genuss allein wird das Glück nicht zu finden sein. (S. 22)

Auch wenn wir unser Leben bewusst planen und gestalten wollen, heißt dies nicht, dass wir in einen Optimierungswahn verfallen und uns beständig zu Höchstleistungen antreiben sollen. Im Gegenteil ist der schwierigste Teil an dieser Entwicklung, einen entspannten Umgang mit sich selbst zu finden. Wer kennt nicht die Selbstgespräche, in denen man sich selbst kasteit für das Ausfallenlassen der eigentlich täglich geplanten Jogging-Runde oder den blöden Fehler auf der Arbeit? Inkonsistenzen und schlechte Tage sollte man sich, wie eben einem guten Freund, verzeihen und sich immer wieder auch um das eigene Wohlbefinden kümmern:

Das Selbst kann sich zuweilen einen Morgen, einen Abend, einen ganzen Tag schenken, ohne »Verpflichtungen«, ohne drängende Arbeit, auch wenn sie drängt, um nur da zu sein für sich selbst. Ideell bleibt das Geschenk auch dann, wenn es materiell in Erscheinung tritt: Ein Abend im Kino, ein Gespräch mit dem Freund, eine geliebte Musik, eine Stunde der Muße im Café, eine Einladung zum Essen nur für sich selbst, um auf diese Weise sich selbst die Wertschätzung zuteil werden zu lassen. die von anderen vielleicht erhofft worden war. (S. 329)

Diese Freundschaft mit sich selbst impliziert nicht eine Überhöhung der eigenen Person in der Form eines Selbstkultes, sondern betont vielmehr, was wir oftmals vergessen: dass wir uns auch um uns selbst und unsere Beziehung zu uns selbst sorgen müssen – im Sinne einer Selbstkultur.

Selbstlosigkeit als freie Entscheidung

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Im Rahmen einer aktiven Lebenskunst ist auch die bewusste Selbstlosigkeit ein wichtiges Werkzeug für die Gestaltung des eigenen Lebens. Sie ist nicht mehr vorgegeben, wie die Hingabe an eine Religion oder die Heimat, sondern eine bewusste Entscheidung, die jederzeit widerrufen werden kann. Sie zwingt uns nicht in Lebensformen, in denen wir nicht wir selbst sein können, sondern erlaubt uns das Eintauchen in einen sozialen Zusammenhang, in dem das Selbst die Verbindungen finden kann, auf die es angewiesen ist:

Die Sorge um sich läuft also nicht darauf hinaus, am Selbst um jeden Preis festzuhalten: Sie kann auch bedeuten, sich von ihm zu lösen und Selbstlosigkeit zu leben. Das Selbst ist kein Selbstzweck, es kann verzichtbar sein. Von vornherein verzichtbar ist es in festen Bindungen der Tradition, Konvention, Religion, Unter den Bedingungen der Befreiung hiervon bedarf das Selbst jedoch, um absehen zu können von sich (sofern es diese Option wahrnehmen will), eines willentlichen Selbstverzichts, der ihm ermöglicht, sich anderen und Anderem zuzuwenden, zeitweilig oder dauerhaft, aus gefühlten oder überlegten Gründen. (S. 182-183)

Nur wenn wir mit uns selbst befreundet sein können und in der Lage sind, bewusste Selbstlosigkeit zu leben, sind wir in der Lage unser Leben bewusst und aktiv zu gestalten; uns auf der einen Seite von gesellschaftlichen Zwängen zu emanzipieren und auf der anderen Seite dabei nicht einem selbstsüchtigen Selbstkult zu verfallen. Wir können frei sein und uns verbunden fühlen, können unsere Flügel ausstrecken und wissen, dass es Wurzeln gibt, die uns halten.

Von neuronalen Lawinen und mentalen Symphonien

Die Musik, die mich begleitet während ich schreibe – das neue Muse-Album Drone -, löst in meinem Kopf eine Vielzahl an Assoziationen aus: Ich könnte sie mit einem großartigen Konzert verbinden, mich von ihrer Atmosphäre mitreißen oder von den Texten inspirieren lassen. Ich wäre überzeugt davon, dass meine Reaktion auf diese Musik meine eigene ist und nichts mit der anderer Menschen gemein hat. Doch neurowissenschaftliche Erkenntnisse wecken Zweifel daran, dass dem wirklich so ist.

In seinem aktuellen Buch Denken. Wie das Gehirn Bewusstsein schafft geht der Kognitionswissenschaftler Stanislas Dehaene der großen Frage nach, welche Prozesse eigentlich in unserem Gehirn ablaufen, während wir Dinge wahrnehmen. Dabei wecken Titel wie Klappentext große Erwartungen, doch bereits auf den ersten Seiten erwartet den Leser ein Akt der naturwissenschaftlichen Reduktion, der diese Erwartungen vorerst enttäuscht: In einem – zugegebenerweise gut begründeten – Handstreich reduziert Dehaene den gesamten Fragenkomplex um das Bewusstsein auf ein einziges kleines Phänomen: den bewussten Zugang.

Bewusstsein und bewusster Zugang

Stansislas Dehaene: Denken. Wie das Gehirn Bewusstsein schafft (Knaus 2014, ISBN: 978-3813504200)

Stansislas Dehaene: Denken. Wie das Gehirn Bewusstsein schafft (Knaus 2014, ISBN: 978-3813504200)

Auf den ersten Blick wirkt diese Vereinfachung unzureichend und übermäßig reduktionistisch, doch sie macht ein so vielfältiges Thema wie das Bewusstsein überhaupt erst experimenteller Untersuchung zugänglich. Unter bewusstem Zugang versteht Dehaene dabei den Vorgang, eine Information “an die vorderste Front unseres Denkens [zu] beförder[n]” (S. 35).

Das grundsätzliche Design der Experimente, auf denen zahlreiche der Forschungen in diesem Bereichen basieren ist dabei äußert clever: Es nutzt den Umstand aus, dass wir Bilder, die wir nur einen kurzen Moment gezeigt bekommen, nicht bewusst wahrnehmen. Die Forscher zeigen ihren Probanden Bilder unterhalb und oberhalb dieser Wahrnehmungsschwelle von ca. 50 Millisekunden und können so bewussten Zugang von unbewusster Wahrnehmung abgrenzen:

Das entmutigende Problem des Bewusstseins war auf das experimentelle Ziel reduziert worden, jene Gehirnmechanismen zu entschlüsseln, die sich aus zwei unterschiedlichen Versuchsanordnungen ergeben – ein sehr viel leichter zu bearbeitendes Problem. (S. 20)

Auch wenn diese Vereinfachung unangemessen erscheinen kann, ermöglicht sie bereits einen tiefen Einblick in den Zusammenhang zwischen neuronaler Signalübertragung in unserem Gehirn und dem, was wir landläufig Bewusstsein nennen.

Messbare Signaturen des Bewusstseins

Dehaene zielt in seiner Arbeit auch nicht darauf ab, das Phänomen des bewussten Zugangs vollständig zu erklären, sondern versucht eine möglicht starke Verbindung zwischen messbaren Gehirn-Prozessen und bewusstem Zugang herzustellen:

Am Ende kommen wir zu einem simplen Forschungsprogramm – der Suche nach objektiven Mechanismen subjektiver Zustände, systematischen »Signaturen« in der Gehirnaktivität. die den Übergang vom Unbewussten zum Bewusstsein anzeigen. (S. 29)

Es geht also darum, messbare Muster in der Aktivität des Gehirns zu finden, die immer dann auftreten, wenn gerade eine bewusste Wahrnehmung erfolgt und die nie auftreten, wenn gerade keine bewusste Wahrnehmung erfolgt. Und tatsächlich kann Dehaene die Existenz solcher Signaturen nachweisen. Insgesamt findet er vier solcher Signaturen, welche er als eine “selbstverstärkende Lawine neuronaler Aktivität” zusammenfasst:

Bewusste Wahrnehmung ist das Ergebnis einer Welle neuronaler Aktivität, die den Kortex über seine Erregungsschwelle kippt. Ein bewusster Reiz löst eine selbstverstärkende Lawine aus, die am Ende viele Regionen zu einem verschränkten Zustand anregt. Während dieses bewussten Zustands, der annähernd 300 Millisekunden nach dem Einsetzen des Reizes anfängt, werden die Stirnregionen des Gehirns von unten nach oben über den sensorischen Input informiert, aber diese Regionen senden auch ausgeprägte Projektionen in die entgegengesetzte Richtung – von oben nach unten und in viele verstreute Areale. (S. 203)

Diese Beschreibung bezieht sich auf den Moment, wo wir die Existenz eines Objektes bewusst wahrnehmen. Sie beschreibt also die Reaktion auf einen bestimmten neuen Reiz, der in unsere Aufmerksamkeit und unsere bewusste Wahrnehmung tritt. Er verallgemeinert diese Signatur anschließend auf alle bewussten Wahrnehmungen und Erfahrungen:

All unsere bewussten Erfahrungen, vom Klang eines Orchesters bis zum Geruch von verbranntem Toast, stammen aus einer ähnlichen Quelle: der Aktivität ausgeprägter Hirnschaltkreise, die reproduzierbare neuronale Signaturen aufweisen. (S. 229)

Das Ende der Qualia?

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Dabei lassen die aktiven neuronalen Muster einen Rückschluss auf den Bewusstseinsinhalt zu. Dehaene beschreibt sogar eine Untersuchung, die bestimmte Neuronen identifizieren konnte, welche ausschließlich auf ein bestimmtes Objekt oder eine bestimmte Person reagieren und diese damit mental repräsentieren. Durch die elektrische Stimulation bestimmter Nervenregionen lassen sich demnach sogar bestimmte Bewusstseinsinhalte hervorrufen:

Im Prinzip glauben wir Neurowissenschaftler an die Fantasie der Philosophen vom »Gehirn im Tank«, wie sie der Film The Matrix eindrucksvoll illustriert. Wenn wir die richtigen Neuronen stimulieren und andere zum Schweigen bringen, sollten wir imstande sein, jederzeit Halluzinationen all der unzähligen subjektiven Zustände nachzubilden, die Menschen regelmäßig haben. Neuronale Lawinen sollten mentale Symphonien verursachen. (S. 230)

Aus dieser Fähigkeit leitet Dehaene eine weitreichende Schlussfolgerung ab: Er sieht auf dieser Grundlage die Idee der Qualia, also den subjektiven Charakter von Bewusstseinsinhalten, als unnötig an. Hier kommt er allerdings zu einem Zirkelschluss: Aus der forschungspragmatischen Setzung des bewussten Zugangs als Ersatz für das Bewusstsein und der Suche nach dessen Signaturen schließt er auf eine tatsächliche Identität dieser Phänomene:

Das hypothetische Konzept der Qualia als rein geistiger, von jeglicher Rolle der Informationsverarbeitung getrennter Erfahrungen wird als eigentümliche Vorstellung der vorwissenschaftlichen Ära angesehen werden. (S. 375)

Diese Hypothese ist nicht neu und wird in der Philosophie des Geistes bereits seit Langem kontrovers diskutiert, sie wird jedoch durch die empirische Forschung, die Dehaene schildert, nicht belegt.

Wie sich das Selbst in der Moderne selbst erfinden muss

Die Ablösung religiöser Glaubenssysteme, die ohne hinterfragt werden zu können unsere Weltsicht bestimmen, gilt als eine der wichtigsten Errungenschaften der letzten Jahrhunderte. Die Idee der Freiheit durchdringt das aufgeklärte westliche Denken dermaßen, dass die vollkommene Hingabe an eine Religion oder eine Sache vielfach undenkbar erscheint. Doch mit dem Recht, sein Leben frei gestalten zu können, kommt auch eine unüberschaubare Vielzahl von Möglichkeiten und der Zwang Entscheidungen zu treffen.

Der Philosoph Wilhelm Schmid argumentiert in seinem Buch Mit sich selbst befreundet sein, dass diese Freiheit uns vor eine neuartige Aufgabe stellt: unser Selbst durch bewusstes Denken und Handeln eigenständig zu erarbeiten.

Selbstverständliche Zusammenhänge lösen sich auf

farmingDas Gegenmodell der Moderne ist die religiöse oder durch den Stammeszusammenhang geprägte Gesellschaft. Beide zeichnen sich in erster Linie dadurch aus, dass sie fest etablierte Sinnzusammenhänge bereitstellen, in denen sich einzelne Personen verorten müssen. Sie bestimmen über die Prinzipien der Erziehung, die Inhalte der Ausbildung und die formalen und informellen Regeln des Zusammenlebens. Sie stellen unterschiedliche Entwicklungsmöglichkeiten bereit und ermöglichen es dem Einzelnen, bestimmte vordefinierte Positionen und Rollen einzunehmen. Das metaphysische wie das praktische Lebenswissen gelten als gesetzt und werden nicht hinterfragt, sondern nahezu unverändert von Generation zu Generation weitergereicht.

Wilhelm Schmid: Mit sich selbst befreundet sein  (Suhrkamp 2013, 978-3-518-45882-2)

Wilhelm Schmid: Mit sich selbst befreundet sein (Suhrkamp 2013, 978-3-518-45882-2)

Diese Selbstverständlichkeit des Wissens und seine Übertragung von einer Generation auf die nächste lösen sich in der Moderne auf. Vielmehr leben Töchter und Söhne in vielfältigen Zusammenhängen, in denen das durch die Eltern vermittelte Wissen nurmehr ein Angebot darstellt und oftmals bereits veraltet ist:

Praktisches Lebenwissen wird in der Moderne nicht mehr von Person zu Person, von Generation zu Generation weitergereicht; die fortschreitende Befreiung hat diese Kette unterbrochen. So findet sich das Individuum allein in seinem begrenzten Lebenshorizont wieder, die Ressourcen eines überlieferten, gemeinsamen Lebenwissens bleiben ihm verschlossen und es beginnt danach zu fragen, wo Lebenshilfe zu bekommen sei. (S. 40)

Praktisches Lebenswissen wie metaphysisches Wissen über die Welt müssen damit immer wieder neu erarbeitet und aus den zahlreichen Möglichkeiten selbst zusammengestellt und integriert werden. Zugleich gilt es, diesen eigenen Bezug zu der Welt auch in der Interaktion mit anderen zu bestätigen und neben der eigenen Überzeugung auch eine Einbettung in ein soziales Umfeld zu etablieren.

In der Konsequenz wird die Herausbildung des Selbst immer stärker zu einem Prozess, der bewusst betrieben und gesteuert werden muss. Damit stellt die moderne Freiheit den Einzelnen vor eine schwere Aufgabe, für die er kaum vorbereitet scheint:

Sie sehen sich vor die Aufgabe gestellt, selbst nach Orientierung zu suchen und ihr Leben selbst zu führen, ohne sich dafür gerüstet zu fühlen. (S. 9)

Routinen etablieren eine Form

sheepDer Einzelne muss die Freiheit, handeln und denken zu können wie es den eigenen Überzeugungen entspricht, nutzen, um seinem Selbst eine Form zu geben. Dabei schränkt er als Akt der freien Entscheidung seinen eigenen Spielraum ein, indem er bestimmte Ideen für sich akzeptiert und andere verwirft. Er muss aus der amorphen Freiheit also eine neue Form gestalten, welche die Komplexität der Welt für ihn beherrschbar macht.

Ein wichtiges Element einer solchen Form sind Gewohnheiten, also Handlungen, welche dem Selbst in einer Gestalt eingeschrieben sind, dass sie unhinterfragt durchgeführt werden. Sie stellen Schmid zufolge eine Erleichterung dar, welche einen sicheren Hafen bietet und es erlaubt, in anderen Bereichen kontinuierlich Entscheidungen zu treffen:

Zu Recht ist die moderne Zeit stolz darauf, eine Fülle von Wahlmöglichkeiten geschaffen zu haben: aber pausenlos zu wählen, stellt sich als zu anstrengend heraus. Nur dadurch, dass ein großer Teil des Lebens wie von selbst abläuft. lassen sich Kräfte auf den »Rest« konzentrieren. Nur Gewohnheiten sorgen für zeitweilige Erholung, ja mehr noch: Sie ermöglichen ein Wohnen, das als eigentliches Wohnen gelten muss. denn zu Hause ist das Selbst dort, wo das Leben vertraut ist und wo es sich geborgen fühlt: dafür aber sorgen Gewohnheiten. (S. 153)

Damit wird der Alltag zu einem zentralen Element der Selbstbildung, da er die ehemals selbstverständliche Sinnzusammenhänge ersetzt und zum Fixpunkt der Lebensgestaltung wird. Das, was wir für selbstverständlich halten, wird damit zwar zu einer bewussteren Entscheidung, wir können es jedoch nicht einfach plötzlich hinterfragen und umgehen. Gleichzeitig erlaubt uns ein stark strukturierter Alltag den Umgang mit unvorhergesehenen Ereignissen oder einer bewusst gesuchten Unsicherheit:

In der bedrohlichen Unübersichtlichkeit der Welt ist der Alltag die schützende Höhle, überwölbt von der Vertrautheit des Gewohnten, gelegentlich durchbrochen vom Ungewohnten, das gesucht wird oder ungefragt hereinbricht, unweigerlich aber durch Wiederholung und Regelmäßigkeit erneut zum Alltag wird. (S. 159)

Auch wenn die Freiheit der Moderne die Möglichkeiten der Lebensgestaltung vervielfacht, befreit sie uns nicht von dem Bedürfnis nach stabilen Lebens- wie Sinnzusammenhängen. Vielmehr müssen wir uns das Selbst bewusst erarbeiten und den unzähligen Möglichkeiten selbst eine Form geben, in der wir uns eingebunden und verankert fühlen. Der Alltag wird damit zu einer zentralen Voraussetzung für Expeditionen in die unbekannte Wildnis.

Wenn Mythen Identität stiften: Fußball im Ruhrgebiet

Es gibt keine Region in Deutschland, die so sehr mit Fußball verbunden wird, wie das Ruhrgebiet. Mit Borussia Dortmund und Schalke 04 finden sich hier erfolgreiche Spitzenvereine ebenso wie mit dem MSV Duisburg und Rot-Weiss Essen Traditionsvereine, die aktuell eine schwere Zeit durchmachen. Fußball ist so sehr im Ruhrgebiet verankert, dass der Puls mancher Städte im Takt der Saison und der Leistungen der eigenen Mannschaft schlägt. Am Tag eines Heimspiels trägt auf dem Dortmunder Westenhellweg gefühlt jeder zweite die inoffiziellen Farben der Stadt: Schwarz und Gelb. In seinem Buch Wenn wir vom Fußball träumen  geht der Sportjournalist Christoph Biermann der Rolle des Fußballs im Ruhrgebiet nach, entzaubert zwei zentrale Mythen und zeigt, warum das überhaupt nichts ändert.

Zwei Mythen über den Fußball im Ruhrgebiet

Das zentrale Element der fußballerischen Identität des Ruhrgebiets ist die “Maloche” – die körperlich harte und zehrende Arbeit unter Tage und in den Eisen- und Stahlwerken. Die Fans erwarten von ihrer Mannschaft keine technischen Zaubereien und sehen auch über Niederlagen und schlechte Leistungen hinweg, solange nur der Einsatz stimmt und die Spieler angemessen malochen.

Christoph Biermann: Wenn wir vom Fußball träumen (KiWi 2014, 978-3-462-04627-4)

Christoph Biermann: Wenn wir vom Fußball träumen (KiWi 2014, 978-3-462-04627-4)

Historisch zeichnet sich jedoch der erfolgreiche Ruhrgebietsfußball der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts jedoch gerade nicht durch körperbetontes Gebolze aus, sondern durch ein technisch und taktisch ausgereiftes Spiel. Als Beispiel greift Biermann hier den legendären “Schalker Kreisel” um Club-Legende Ernst Kuzorra heraus, mit dem der Verein aus Gelsenkirchen in den 1930-er Jahren mehrere deutsche Meisterschaften gewann:

Die größte Mannschaft des Ruhrgebiets war also eine Truppe von zirzensischen Schönspielern, denen man eine Neigung nachsagte, in Schönheit zu sterben? Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen (S. 174)

Ein weiterer Mythos betrifft den immer stärker aufkommenenden Konflikt zwischen Traditions- und Retortenvereinen, solchen also, die auf eine lange Geschichte “echten” Fußballs zurückblicken können – z.B. Rot-Weiss Essen oder Borussia Dortmund -, und solchen, die in den letzten Jahren auf der Basis hoher Geldzuwendungen einzelner Unternehmen oder Personen einen raketenhaften Aufstieg erlebt haben – z.B. der VfL Wolfsburg oder die TSG Hoffenheim.

Der Blick in die Geschichte des Ruhrgebietsfußballs zeigt jedoch, dass auch die vorgeblichen Traditionsvereine in ihren erfolgreichen Zeiten maßgeblich von Gönnern aus der Großindustrie abhängig waren:

Heute gilt RWE als großer Traditionsverein, dabei könnte man seine Geschichte ohne Weiteres mit dem Aufstieg der TSG Hoffenheim durch den Milliardär Dietmar Hopp vergleichen, der dort als Kind gespielt hatte und den Klub, nachdem er mit einem Unternehmen für Bürosoftware reich geworden war, in die Bundesliga führte. (S. 41)

Vor der Einführung der Fußball-Bundesliga 1963 war in Deutschland der Profi-Fußball verboten. Spieler durften nicht von ihrem Verein dafür bezahlt werden, dass sie trainieren und am Wochenende auf dem Platz stehen. Sie mussten ihr Geld anderweitig verdienen. Die Vereine waren demnach darauf angewiesen, dass sich ein verständnisvoller Arbeitgeber findet, der den Spieler mit einem auskömmlichen Lohn versorgt und gleichzeitig die Vereinbarkeit zwischen Arbeit und Fußball sicherstellt. Hier kamen clevere Vereinsfunktionäre wie Fritz Unkel bei Schalke 04 oder Georg Melches bei Rot-Weiss Essen ins Spiel, die dies aus unterschiedlichen Gründen einrichten konnten. Transfers wurden zwischen 1920 und 1960 also weniger durch Ablösesummen und exorbitante Gehälter bestimmt, als durch attraktive Arbeitsplätze.

Wie Geschichten Identität schaffen

Doch die Entzauberung dieser Mythen spielt keine Rolle, da sie sich fest etabliert haben und zu einem Fundament der Identität des Ruhrgebietsfußballs geworden sind. Denn wie Biermann richtigerweise anführt, ist es nicht wichtig, ob eine Geschichte wahr ist, sondern dass sie sich wahr anfühlt. So wird für ihn der Fußball insgesamt zu einer Produktionsmaschine für Geschichten, glückliche wie traurige, aus denen sich die Zuschauer und Fans selbst ihre eigene Welt konstruieren:

Im Grunde kam es mir vor wie beim Pop, wo die Geschichte der Musik und der subkulturellen Moden immer wieder auf Vorlage kommt, es aber nicht um historische Korrektheit geht, sondern darum, aus Halbverstandenem, Viertelverdautem oder völlig Missverstandenem etwas Interessantes zu machen. (S. 120)

Blick auf die Südtribüne des Westfalenstadion in Dortmund. (Bild: Pascal Philp, CC-BY-SA)

Blick auf die Südtribüne des Westfalenstadion in Dortmund. (Bild: Pascal Philp, CC-BY-SA)

Fußball lässt sich damit auch als niemals endende und nicht geskriptete Soap verstehen, in der jede Folge neue Geschichten bringt, die die Zuschauer aus ihrer Position heraus interpretieren: Feindschaften und Freundschaften, legendäre Siege und vernichtende Niederlagen, Helden und tragische Figuren. Damit bot der Fußball gerade im Ruhrgebiet eine Welt an, in der die Menschen gemeinsam der bis heute oftmals eher tristen Realität entfliehen und sich als Teil eines glamorösen Ganzen fühlen können.

Dabei ist der sportliche Erfolg der Mannschaften nicht unbedingt entscheidend, es zählt ihre Fähigkeit, Geschichten zu produzieren, die sich aus dem Zusammentreffen von Gegenwart und gefühlter Vergangenheit speisen:

Die guten Zeiten, man kann von ihnen erzählen. Aber die Geschichte verliert ihre Kraft, wenn sie nicht durch Gegenwart aufgefrischt wird. […] Vergangenheit ist auch lebendiger, wenn sie nicht einfach vergangen, sondern mit der Gegenwart verbunden ist. (S. 243)

So hat der Fußball eine zentrale Rolle in dem gerade entstehenden Identitätsraum Ruhrgebiet gespielt. Er bietet mit seiner umfangreichen Geschichte und seinen vielfältigen Geschichten einen Kristallisationspunkt für das Gefühl einer Gemeinschaft – nicht zur innerhalb einer Fanszene, sondern auch darüber hinaus. Denn selbst falsche oder verzerrte Geschichten können Identität stiften, wenn sie nur oft genug geglaubt werden.

Menschliche Intelligenz und moderne Wissenschaft als Irrweg der Evolution?

Der britische Biologe Richard Dawkins ist in der letzten Zeit in erster Linie durch fast schon fanatische Äußerungen zum Übel der Religion aufgefallen. Darüber darf man jedoch nicht vergessen, dass er einer der wichtigsten Evolutionsbiologen des 20. Jahrhunderts sein dürfte: In seinem Buch Das egoistische Gen (Original: The Selfish Gene) schlug er eine Interpretation von Darwins Evolutionstheorie vor, die nicht das Individuum oder die Spezies in den Mittelpunkt rückt, sondern das „Interesse“ der Gene an ihrer Verbreitung. Die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, hat er anschließend in zahlreichen Büchern aufgearbeitet und zu Ende gedacht ergeben sich interessante Fragen über die Position der menschlichen Intelligenz an der „Spitze“ der Evolution.

Das Auto als Teil des menschlichen Phänotyps?

Ricahrd Dawkins: Der erweiterte Phänotyp (Springer Spektrum 2010, ISBN:  978-3827427069)

Ricahrd Dawkins: Der erweiterte Phänotyp (Springer Spektrum 2010, ISBN: 978-3827427069)

Für Dawkins ist der zentrale Treiber der Evolution nicht das Überleben eines Individuums oder einer Spezies von Tier oder Pflanze, sondern die Weiterverbreitung von Informationen, die in Genen codiert sind. Entsprechend flieht eine Maus nicht deswegen vor einem Raubvogel, weil sie als Individuum überleben will, sondern weil sich ihr genetischer Code im Laufe der Evolution so entwickelt hat, dass er im entsprechenden Fall eine Flucht vorsieht. Es ist damit evolutionstheoretisch betrachtet kein bewusstes Verhalten der Maus, sondern Ausdruck ihres genetischen Codes (Genotyps) in der Form ihres Phänotyps.

Dawkins führt diese Argumentation weiter und betrachtet selbst materielle Artefakte, die von Tieren geschaffen werden, als Teil ihres (erweiterten) Phänotyps und damit als genetisch vorgegebenen Teil ihres Körpers:

The simplest sort of extended phenotype would be an artifact like a bird’s nest. So a bird’s nest is an organ, it’s an organ in just the same sense as a heart or a kidney is an organ, but it just happens to be outside the body and it happens to be made of grass and sticks rather than being made of the cells that contain the genes.

Denkt man diese Argumentation konsequent weiter, stellen sich zahlreiche spannende Fragen über die Intelligenz des Menschen und seine Fähigkeit, komplexe Artefakte wie Flugzeuge oder Autos zu erschaffen. Stellt ein Auto einen Ausdruck unseres Phänotyps dar? Dawkins zufolge nicht, da komplexe Fertigungsprozesse notwendig sind, welche nicht genetisch codiert sind, sondern kollektiv entwickelt und bewusst erlernt werden müssen.

In Verbindung mit seiner Idee der „Entwicklungsfähigkeit“ gerät diese Schlussfolgerung jedoch schnell ins Wanken:

Gene, die Entwicklungsfähigkeit ermöglichen erlauben höhere Komplexität

Dawkins beschreibt zwei unterschiedliche Typen von Genen: solche, die sich auf den Phänotyp eines Individuums auswirken – also z.B. seine Größe, seine Organe und die Farbe des Gefieders – und solche, die seine Entwicklungsfähigkeit prägen. Diese Gene erhöhen gewissermaßen die Anzahl der Möglichkeiten, die ein Individuum während seiner evolutionären Entwicklung hat. Sie beschleunigen damit die Veränderungsrate seines genetischen Codes und machen eine Anpassung an veränderte Umstände einfacher:

The evolution of evolvability, then, is an evolutionary change which makes a radical alteration in embryology, and that opens up floodgates of further evolution which were not possible before.

Diese Gene sind für Dawkins eine unverzichtbare Voraussetzung für die Entstehung komplexer Strukturen, wie wir sie heute in der Tier- und Pflanzenwelt finden.

Menschliche Intelligenz und moderne Wissenschaft als Irrweg der Evolution?

Nimmt man nun die Idee des erweiterten Phänotyps und der Entwicklungsfähigkeit zusammen, stellt sich die Frage nach dem Zusammenhang zwischen menschlicher Intelligenz und evolutionärer Entwicklung neu: Was, wenn unsere Fähigkeit zu komplexem wissenschaftlichen Denken eine Manifestation unserer genetisch codierten „Entwicklungsfähigkeit“ ist? Dann werden Flugzeuge und Autos, Kernkraftwerke und Atomwaffen, Computer und das Internet zu einem Ausdruck unseres erweiterten Phänotyps.

Damit würde die technisch-wissenschaftliche Entwicklung ebenso wie die Entwicklung der menschlichen Intelligenz zu einem Prozess, der im Verlauf von Generationen evolutionären Gesetzmäßigkeiten unterliegt und entsprechendem Selektionsdruck ausgesetzt ist. Demnach hätten wir uns nicht von der biologischen Evolution entkoppelt, sondern würden lediglich eine Mutation darstellen, welche Intelligenz und technische Entwicklung als eine Eigenschaft des erweiterten Phänotyps im großen Spiel der Evolution austestet. Ob sie sich langfristig als förderlich für die Verbreitung genetisch codierter Informationen erweisen, bleibt dabei abzuwarten.

Yuval Noah Harari über die Überwindung des Todes und den Wert des Menschen

Der medizinische Fortschritt im 19. und 20. Jahrhundert ist sicherlich eine der größten Errungenschaften der Menschheit. Für die Webseite Edge hat sich der Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahnemann mit dem israelischen Historiker Yuval Noah Harari über die Zukunft der Medizin, die Überwindung des Todes und den zukünftigen Wert des Menschen unterhalten:

Der Tod als technisches Problem

Harari – dessen Buch Eine kurze Geschichte der Menschheit ich wärmstens empfehle – nimmt dabei eine äußerst pessimistische Position ein:

After medicine in the 20th century focused on healing the sick, now it is more and more focused on upgrading the healthy, which is a completely different project. And it’s a fundamentally different project in social and political terms, because whereas healing the sick is an egalitarian project […], upgrading is by definition an elitist project.

Er geht sogar noch weiter und hält fest, dass sogar der Tod, lange Zeit der „große Gleichmacher“ und mythische Selbstverständlichkeit der menschlichen Existenz, immer stärker als grundsätzlich zu lösenden technisches Problem verstanden wird. Ein Scheitern der Maschine Mensch, dass sich mit Hilfe der richtigen Werkzeuge aufschieben oder gar vollständig verhindern lässt. Zumindest für die Menschen, die über genügend Kapital verfügen, sich eine solche Behandlung leisten zu können.

Der wertlose Mensch der Zukunft

Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit (Pantheon 2015, ISBN: 978570552698)

Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit (Pantheon 2015, ISBN: 978570552698)

Dabei konstatiert Harari ebenfalls, dass der Wert des Menschen in Zukunft weiter sinken wird. In der industriellen Revolution war die Arbeitskraft des Einzelnen ein zentraler Motor der Entwicklung. Nur wer für seine Fabrik gesunde und kräftige Arbeiter anwerben konnte, hatte Erfolg. Es gab also ein ökonomisches wie funktionales Interesse daran, die Gesundheit der breiten Bevölkerung zu erhalten. Mit der technischen Entwicklung der nächsten Jahrzehnte könnte sich dies grundlegend wandeln:

There are a zillion things that the taxi driver can do and the self-driving car cannot. But the problem is that from a purely economic perspective, we don’t need all the zillion things that the taxi driver can do. I only need him to take me from point A to point B as quickly and as cheaply as possible. And this is something a self-driving car can do better, or will be able to do better very quickly.

Für die spezialisierten Aufgaben unserer Gesellschaft werden demnach in relativ naher Zukunft immer weniger Menschen benötigt, da Computer immer besser darin werden, eben genau solche spezifischen Aufgaben zu erfüllen.

Technischer Optimismus gepaart mit sozialem Pessimismus

Kahnemann und Harari sprechen noch zahlreiche weitere Punkte an, die dieses Gespräch äußerst inspirierend machen. Dabei spielt Harari nicht den Maschinenstürmer, sondern argumentiert nüchtern auf der Grundlage historischer Erfahrung, ohne diese zu dramatisieren oder unzulässig zu verallgemeinern:

[Technology] develops much faster than human society and human morality, and this creates a lot of tension. But, again, we can try and learn something from our previous experience with the Industrial Revolution of the 19th century, that actually, you saw very rapid changes in society, not as fast as the changes in technology, but still, amazingly fast.

 

Nudges – verdeckte Manipulation oder Zurückgewinnung der Freiheit?

Das Idealbild der individualistischen Gesellschaft sieht den Einzelnen als informierten und reflektierten Schmied seines eigenen Glücks. Wir handeln immer in unserem Interesse, kennen unsere Optionen und sind in der Lage, die notwendigen Informationen zu beschaffen und abzuwägen. Doch die verhaltenspsychologische Forschung hat in den letzten Jahrzehnten immer wieder aufgezeigt, wie vorhersehbar irrational wir uns verhalten. Wie sehr wir uns von den Reizen des Moments beeinflussen lassen und den großen Teil unserer Zeit quasi per Autopilot verbringen.

Dass dies massive Konsequenzen hat, zeigen der Ökonom Richard H. Thaler und der Jurist Cass R. Sunstein in ihrem 2008 erschienenen Buch Nudge – Improving decisions about health, wealth and happiness. Sie arbeiten heraus, wie sich diese Irrationalitäten und Verzerrungen nutzen lassen, um das Handeln von Menschen zu beeinflussen und schlagen dazu eine Governance-Form des libertären Paternalismus vor.

Die Zusammenhänge, in denen wir handeln, können bewusst gestaltet werden

Die Illusion des unabhängigen und von äußeren Einflüssen freien Entscheiders ist eine also Fiktion. Jede Entscheidng, die wir treffen ist eingebettet in einen umfassenden Kontext aus Einflussfaktoren, die uns dazu bringen, auf die eine oder die andere Weise zu handeln. Angefangen bei der Herausbildung unserer Persönlichkeit, dem Erlernen automatisierter Handlungsroutinen bis hin zu den situativen Auslösern in einem spezifischen Moment an einem konkreten Ort.

Dabei treffen wir keine bewusste Entscheidung zwischen unterschiedlichen Optionen, sondern reagieren unmittelbar auf spezifische Reize und aktivieren eine fest erlernte Handlungsroutine. Damit handeln wir so, wie wir in ähnlichen Situationen schon immer gehandelt haben:

In many situations, people put themselves into an ‘automatic pilot’ mode, in which they are not actively paying attention to the task at hand. (S.46)

Dieser Autopilot kann durch minimale Eingriffe in unsere “Entscheidungsumwelt” beeinflusst werden – eine Beobachtung, die beispielsweise in der Gestaltung von Supermärkten schon lange ausgenutzt wird. So werden die teuren Markenprodukte im Regal unmittelbar auf Höhe der Augen positioniert, während die preiswerteren Hausmarken meist unten im Regal platziert werden. Damit springen die Markenprodukte unmittelbar ins Auge und werden vom Autopiloten in den Einkaufswagen gelegt.

Richard H. Thaler & Cass R. Sunstein: Nudge - Improvising decisions about health, wealth and happiness  (Penguin 2009, 978-0-141-04001-1)

Richard H. Thaler & Cass R. Sunstein: Nudge – Improving decisions about health, wealth and happiness (Penguin 2009, 978-0-141-04001-1)

Dies wird oft als unagemessene Manipulation verstanden, welche bewusst versucht, uns zu bestimmten Handlungen zu verführen. Diese Interpretation ist durchaus korrekt, sie zieht jedoch eine zentrale Frage nach sich: Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, Produkte so im Regal zu platzieren, dass sie unsere Entscheidung nicht beeinflussen? Thaler und Sunstein stellen sich auf die Position, dass es eine solche Möglichkeit nicht gibt. Es existiert nunmal nur ein begrenzter Platz auf Augenhöhe der Käufer, und dementsprechend kann nur ein Teil der Waren dort ausgestellt werden. Der Supermarkt beeinflusst die Entscheidung also egal, was er tut:

In many situations, some organization or agent must make a choice that will affect the behavior of some other people. There is, in those situations, no way of avoiding nudging in some direction, and whether intended or not, these nudges will affect what people choose. (S. 11)

Entsprechende Situationen finden sich dabei nicht nur im Supermarkt, sondern auch bei wichtigen Entscheidungen, deren Konsequenzen wir kaum überblicken können: der Wahl einer Renten- oder einer Lebensversicherung, der Entscheidung für einen langfristigen Anlageplan oder dafür, Organspender zu werden. Auch hier werden Entscheidungssituationen von einem bestimmten Akteur gestaltet und können unsere Entscheidungen in die eine oder die andere Richtung lenken.

Entscheidungssituationen im Sinne des langfristigen Wohls gestalten

Die Frage ist, welche Prinzipien und Ziele einer solchen Gestaltung der Entscheidungssituation zugrunde liegen. Hier setzt Thalers und Sunsteins Konzept eines “libertären Paternalismus” an, einer Kombination aus einer grundsätzlich freiheitlichen aber intelligent gesteuerten Gesellschaftsordnung:

Still, the approach we recommend does count as paternalistic, because private and public choice architects are not merely trying to track or to implement people’s anticipated choices. Rather, they are self-consciously attempting to move people in directions that will make their lives better. They nudge. (S. 6)

Es geht also darum, in bestimmten Bereichen die Gestaltung der Entscheidungssituation so zu regeln, dass die gestaltenden Akteure nicht einseitig entscheiden, sondern das voraussichtliche Wohl aller Beteiligten in den Mittelpunkt rückt – so genannte Nudges (Beispiele hierzu im Blog zum Buch). Dabei sollen Handlungsmöglichkeiten jedoch nicht eingeschränkt oder entmutigt werden, sondern lediglich im (vermuteten) Sinn der Betroffenen vorstrukturiert werden.

Auf diese Weise rücken Gestaltungsprozesse in das Licht der öffentichen Diskussion, die bislang einseitig (also meist im Sinne des beteiligten Unternehmens) waren oder überhaupt nicht reflektiert wurden, und damit zu unerwünschten Konsequenzen führten.

Intelligente Defaults mit geringen Barrieren und umfangreichen Informationen zu anderen Optionen

Thaler und Sunstein schlagen sechs unterschiedliche Formen solcher Nudges vor, darunter die Wahl intelligenter Defaults und eine reflektierte Reduktion von Komplexität. Alle diese Nudges sind darauf ausgerichtet, die typischen Verzerrungen menschlicher Entscheidungsprozesse auszugleichen.

So sehen Thaler und Sunstein beispielsweise in der Wahl intelligenter Voreinstellungen eine Möglichkeit, das Handeln der Menschen im Sinne der Allgemeinheit zu beeinflussen. Dabei legen die Autoren großen Wert darauf, dass eine Abweichung von diesen Defaults so einfach wie nur möglich gemacht werden sollte, um keine Bevormundung zu produzieren. Auch sollte nicht versucht werden, alternative Entscheidungen aktiv zu verhindern. Es sollten vielmehr auf unterschiedlichen Komplexitätsniveaus alternative Optionen und Informationen angeboten werden und eine vollkommen freie Wahl ermöglicht und erleichtert werden.

Das Beispiel, mit dem die Autoren das Buch einleiten, ist die Positionierung von Süßigkeiten und Obst in einer Schulcaféteria. Sie plädieren nicht dafür, keine Süßigkeiten zu verkaufen, sondern diese nicht unmittelbar im Blickfeld der Schüler zu positionieren, sondern beispielsweise etwas unterhalb oder am Ende des Essensausgabe, um so den Anteil an gegessenem Obst zu erhöhen.

Eine gestaffelte Reduktion von Komplexität

Besonders schlechte Entscheidungen treffen wir in komplexen Situationen, deren Konsequenzen wir nicht abschätzen können. Hier schlagen Thaler und Sunstein eine gestaffelte Reduktion von Komplexität vor, die sie mit einem eingängigen Beispiel illustrieren:

At a restaurant, the default option is to take the dish as the chef usually prepares it, with the option to ask that certain ingredients be added or removed. In the extreme, […][free choice] would imply that the diner has to give the chef the recipe for every dish she orders! (S. 95)

Wir müssten bei wichtigen und langfristigen Entscheidungen darauf vertrauen können, dass die Optionen in unserem Sinne sinnvoll gestaltet sind – also das Essen uns schmeckt und nicht nur die Kosten des Restaurants minimiert. Dann ließen sich freie und informierte Entscheidungen treffen, ohne unbedingt jedes Detail selbst festelegen zu müssen. Dabei muss es jedoch möglich bleiben, sich sein Essen auch komplett selbst zusammenzustellen.

Die Autoren illustrieren diesen Punkt an der Gestaltung von Wertpapier-Portfolios für die Rentenversicherung: Anstatt sich für einen konkreten Fonds oder gar jeden einzelnen Anteil zu entscheiden, ließe sich die Komplexität mit drei auf drei Risikostufen abgestimmten Portfolios und einem Default auf das “gemäßigte Portfolio” massiv reduzieren. Wer tiefer in die Materie einsteigen will, kann dies dann natürlich gerne bis auf das Niveau einzelner Anteilskäufe tun.

Die freie und vollständig informierte Entscheidung ist und bleibt eine Illusion

Die Idee der Nudges hat eine kontroverse Diskussion darüber ausgelöst, inwieweit subtile Manipulationen zum Werkzeug gerade staatlicher Planung und Intervention werden sollten. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass die Vision des freien und rationalen Individuums, das seine Entscheidungen auf der Grundlage vollständiger Information unbeeinflusst treffen kann eine Fiktion darstellt. “Neutrale” Entscheidungssituationen gibt es ebensowenig wie unabhängig-rationale Individuen mit vollständiger Information.

Die Frage, die wir uns stellen müssen lautet, ob einzelne Akteure und ihre Partikularinteressen die allgegenwärtigen Verzerrungen und Irrationalitäten ausnutzen dürfen. Oder wollen wir lieber eine mehr oder weniger öffentliche Diskussion darüber, was für die meisten Betroffenen vermutlich die in ihrem Sinne beste Entscheidung wäre? Dabei muss es jedoch möglichst leicht gemacht werden, von dieser abzuweichen, um eine unangemessene Bevormundung zu verhindern.

Foto einer planetaren Nebula des Hubble-Teleskops (NASA)

Zeit oder nicht Zeit, das ist hier die Frage

Für unsere alltägliche Wahrnehmung sind die Kategorien “Raum” und “Zeit” unverzichtbare Voraussetzungen. Automatisch verorten wir Gegenstände und Personen innerhalb des Raums um uns herum und strukturieren unser Erleben entlang eines Zeitpfeils von der Vergangenheit über das Jetzt in die Zukunft. So selbstverständlich uns diese Dimensionen jedoch im Alltag erscheinen, so umstritten sind sie in ihrer wissenschaftlichen Betrachtung.

In seinem Buch Im Universum der Zeit geht der us-amerikanische Physiker Lee Smolin der Bedeutung der Zeit in der historischen Entwicklung der Physik ebenso nach, wie ihrer Konzeption in aktuellen Ansätzen der Quantenphysik und der Kosmologie. Dabei zeigt er auf, wie die Physik in den letzten Jahrhunderten die Zeit nach und nach zu einer Illusion der Wahrnehmung erklärt hat und aus ihren Erklärungsmodellen ausklammern konnte. Nun sieht er jedoch den Punkt gekommen, an dem sich zeigt, dass diese Herangehensweise ein Fehler war und die Zeit wieder Eingang in grundlegende physikalische Erklärungsmodelle finden sollte.

Die Idee zeitloser Wahrheit

Lee Smolin: Im Universum der Zeit (DVA 2014, 978-3-421-04575-1)

Lee Smolin: Im Universum der Zeit (DVA 2014, 978-3-421-04575-1)

Den Ursprung der Entfernung der Zeit aus der Wissenschaft sieht Smolin in der Idee, dass der Wahrheit immer etwas Zeitloses anhaftet. Dieser Gedanke geht im wissenschaftlichen Bereich zurück auf Platon und sein Konzept einer zeitlosen Welt der abstrakten Ideen und Formen. Hier stellen die konkreten Gegenstände nur unperfekte Abbildungen ihrer idealen Vorstellungen dar. Der Tisch, an dem ich diesen Text gerade schreibe, ist demnach nicht an sich ein Tisch, sondern eine Manifestation eines Idealbilds von “Tisch”. Damit etabliert Platon eine abstrakte Welt der Wahrheit, welche nicht nur außerhalb unserer sinnlichen Wahrnehmung liegt, sondern eben auch außerhalb der Zeit. Smolin zufolge lässt sich auch das moderne Ideal der Wissenschaft in dieser Form interpretieren, in der Phänomene unserer Welt lediglich als Manifestationen zeitloser und abstrakter Gesetzmäßigkeiten verstanden werden.

Unserem Denken über die Zeit wohnt etwas Paradoxes inne. Wir nehmen uns selbst als in der Zeit lebend wahr, doch wir stellen uns oft vor, dass die besseren Aspekte unserer Welt und unserer selbst über die Zeit hinausgehen. Was etwas wirklich wahr macht, so meinen wir, ist nicht, dass es jetzt wahr ist, sondern dass es immer wahr gewesen ist und immer wahr sein wird. (S. 14)

Diese Denkweise hat schwerwiegende Konsequenzen dahingehend, wie wir kausale Zusammenhänge interpretieren und daran gehen, unsere Welt zu verstehen. Es reicht aus diesem Blickwinkel nicht, ein konkretes Phänomen in seiner spezifischen Ausprägung zu verstehen, vielmehr müssen wir ein zugrunde liegendes allgemeines Prinzip oder Gesetz identifizieren, das unabhängig von seiner konkreten zeitlichen wie räumlichen Verortung und Ausprägung Bestand hat:

Das Newtonsche Paradigma ersetzt also kausale Prozesse – Prozesse, die sich im Laufe der Zeit vollziehen – durch eine logische Implikation, die zeitlos ist. (S. 94)

Dieses Ideal zeitlosen Wissens führt also dazu, dass wir die Zeit als irrelevant für die eigentliche Erklärung der Welt verstehen müssen. Denn wäre sie relevant, könnten logische Gesetze nicht unabhängig von einer zeitlichen Dimension gedacht werden.

Das isolierte System als Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnis

Um solche abstrakten Gesetzmäßigkeiten zu identifizieren, ist die moderne Wissenschaft in hohem Maße auf die Methode des Experiments und der kontrollierten Messung angewiesen. Dazu gilt es, einen möglichst kleinen und überschaubaren Teil aus der Welt zu isolieren und diesen dann so zu betrachten, als würde er vollkommen für sich alleine stehen. Hier muss die Welt also zwangsläufig verkürzt und vereinfacht werden, um tatsächlich nur ein einzelnes Phänomen, einen einzelnen Prozess beobachten zu können:

Um ein System zu studieren, müssen wir definieren, was zu ihm gehört und was von ihm ausgeschlossen ist. Wir behandeln das System so, als ob es vom übrigen Universum isoliert wäre, und diese Isolation ist selbst eine drastische Annäherung. (S. 80)

Diese Herangehensweise funktioniert so lange, wie sich isolierte Systeme tatsächlich wiederholt schaffen lassen, um kausale Zusammenhänge eindeutig zu identifizieren. Sie ist jedoch darauf angewiesen, dass es einen Standpunkt außerhalb des untersuchten Systems gibt, von dem aus man es beobachten kann. Genau diese Voraussetzung kann jedoch nicht länger erfüllt werden, wenn es um kosmologische Fragen, also Fragen nach der Natur unseres Universums und der grundlegenden Beschaffenheit unserer Existenz, geht. Hier gibt es kein unbewegtes “Außen” von dem aus sich das Universum aus neutraler Position beobachten ließe.

Unsere gegenwärtigen Theorien können auf der Ebene des Universums nur dann funktionieren, wenn unser Universum ein Subsystem eines größeren Systems ist. Also erfinden wir eine fiktive Umgebung und füllen sie mit anderen Universen. Das kann nicht zu wirklichem wissenschaftlichen Fortschritt führen, weil wir keinerlei Hypothese über Universen bestätigen oder falsifizieren können, die von unserem eigenen kausal entkoppelt sind. (S. 26)

Diese implizite Annahme eines wie auch immer gearteten “Raums” voller Universen ist jedoch lediglich eine theoretisches Postulat (vgl. meinen Artikel zu Peter Janichs Handwerk und Mundwerk) und keine Aussage über die tatsächliche Beschaffenheit der Welt. Sie ist vielmehr eine Voraussetzung dafür, dass einige der etablierten kosmologischen Modelle überhaupt konsistent sind. Präzise formuliert muss es also heißen: “Damit unsere Modelle stimmen können, muss es ein solches Multiversum geben” und nicht “Es gibt ein Multiversum, deswegen stimmen unsere Modelle” oder “Weil unsere Modelle stimmen gibt es ein Universum”.

Vom zeitlosen zum zeitgebundenen Univserum

Blick in die Tiefen des Alls (Hubble-Teleskop)

Blick in die Tiefen des Alls (Hubble-Teleskop)

Wie sehen aber nun diese zeitlosen kosmologischen Modelle aus, von denen in den letzten Abschnitten die Rede war? Sie gehen grundsätzlich davon aus, dass das Universum aus einer fiktiven Außenperspektive unbewegt und unverändert bleibt, also quasi in Raum und Zeit eingefroren ist. Die Wahrnehmung zeitlicher wie räumlicher Veränderungen entsteht demzufolge nur durch die Veränderung der relationalen Positionierung einzelner Elemente innerhalb dieses nach außen hin statischen Raums – ähnlich wie die molekulare Bewegung und Dynamik innerhalb eines Brühwürfels von außen nicht ohne spezielle Instrumente zu erkennen ist. Der britische Physiker Julian Barbour schlägt gar eine Theorie vor, die weder einen zeitlichen Ablauf noch kausale Zusammenhänge benötigt:

Barbours Theorie zufolge ist die Kausalität ebenfalls eine Illusion. Nichts kann Ursache von etwas anderem sein, weil in Wirklichkeit im Universum nichts geschieht: Es gibt einfach nur einen riesigen Haufen von Zeitpunkten, von denen einige von Wesen wie uns selbst erlebt werden. In Wirklichkeit ist jedes Erlebnis jedes Zeitpunkts einfach nur das: unverbunden mit allen übrigen. Es gibt zwar Zeitpunkte, aber keine Ordnung dieser Zeitpunkte, kein Vergehen der Zeit. (S. 135-136)

Auch wenn eine solche Theorie dazu beiträgt, den bestehenden Erklärungsmodellen Konsistenz zu verleihen, scheint sie uns doch zutiefst unbefriedigend. Natürlich kann es sein, dass die Wahrheit uns einfach nicht gefällt, was jedoch nichts an ihrer Geltung ändert. Doch Smolin erinnert an dieser Stelle erneut an die Funktion der Naturwissenschaft:

Um erfolgreich zu sein, muss eine naturwissenschaftliche Theorie uns die Beobachtungen erklären, die wir in der Natur machen. Doch unsere grundlegendste Beobachtung ist die, dass die Natur zeitlich organisiert ist. Wenn die Naturwissenschaft eine Geschichte erzählen muss, die alles, was wir in der Natur beobachten, umfasst und erklärt, sollte das nicht auch unser Erleben der Welt als einen Fluss von Augenblicken einschließen? Ist nicht die elementarste Tatsache der Struktur unserer Erfahrung auch ein Teil der Natur, den unsere fundamentale Theorie der Physik widerspiegeln sollte? (S. 142)

Dabei stellt für ihn insbesondere die Frage nach dem Ursprung unseres Universums und den Gründen für seine Beschaffenheit eine unüberwindbare Barriere dar. Konzepte eines zeitlosen Universums müssen voraussetzen, dass dieses einfach existiert. Sie können nicht die Frage stellen, warum sich genau die beobachteten Gesetzmäßigkeiten herausgebildet haben, die wir beobachten. Es gibt zwar die Idee der Existenz einer unendlichen Anzahl von Universen, die jede mögliche Kombination von Naturgesetzen realisieren, diese kann jedoch auch nicht mit kausalen Gründen für deren Entstehung argumentieren. Diese Idee wird oftmals unter dem Begriff des “unwahrscheinlichen Universums” zusammengefasst und schließt damit an die evolutionstheoretische Idee eines survival of the fittest an. Dabei wird jedoch übersehen, dass gerade die Evolution ein streng zeitgebundener Prozess ist, in dem sich nach und nach Strukturen entwickeln und ihre Reproduktionsfähigkeit in einem bestimmten Umfeld unter Beweis stellen müssen. Smolin fordert daher eine Konzeption der Entstehung des Universums, die diesen Zeitbezug und diese prozedurale Entwicklung berücksichtigt, dabei gleichzeitig aber nicht im Widerspruch zu empirisch gesicherten Erkenntnissen stehen darf:

In der zeitgebundenen Version, die ich vorschlage, ist das Universum ein Prozess zur Ausbrütung neuer Phänomene und Organisationszustände, der sich ständig erneuert, wobei er sich zu Zuständen immer höherer Komplexität und Organisation entwickelt. (S. 265)

An die Stelle des “unwahrscheinlichen Universums” will Smolin entsprechend das “sich entwickelnde Universum” stellen, in dem Naturgesetze keine ätherisch-zeitlosen Prinzipien darstellen, sondern vielmehr im Zeitverlauf entstandene und veränderliche Eigenschaften im Prozess einer andauernden kosmologischen Evolution.

Das Handwerk – der ungeliebte Bruder der Wissenschaft

Wissenschaftliche Erkenntnisse beanspruchen gerne eine universelle Geltung. Sie scheinen, einmal etabliert, unabhängig von ihren Entdeckern zu existieren und “objektiv” unsere Welt zu beschreiben – nicht umsonst habe ich gerade “entdecken” im Gegensatz zu “erfinden” geschrieben. “Naturgesetze” werden meist in mathematischen Formeln augedrückt, die dann als angemessene Abbildung der verborgenen Struktur unserer Welt gesehen werden. Insbesondere werden sie von den konkreten Umständen der zugrundeliegenden Messungen losgelöst.

Damit verleugnet die Wissenschaft als Mundwerk in den Augen des Marburger Philosophen Peter Janich ihren ungeliebten Zwilling, der für ihren Aufschwung jedoch unverzichtbar war: das Handwerk. Die abstrakte Formulierung von Gesetzen, Theoremen und Theorien muss, wie er in seinem Buch Handwerk und Mundwerk – Über das Herstellen von Wissen ausführt, durch ein Bewusstsein der manifesten und konkreten Hintergründe ihres Entstehens ergänzt werden.

Geringschätzung des Handwerks im Zentrum der antiken griechischen Philosophie

Ihren Ursprung hat die Geringschätzung des Handwerks aus der Perspektive der Wissenschaft Janich zufolge bereits im antiken Griechenland, der Geburtsstätte der modernen Wissenschaft. Hier waren es insbesondere die Philosophen Aristoteles und Platon, für die das Handwerk eine minderwertige Beschäftigung schien gegenüber dem Theoretisieren und dem Streben nach Erkenntnis:

Der Handwerker, etwa ein Schreiner, der einen Tisch oder ein Bett herstellt, übt seine Tätigkeit immer um einer anderen Sache willen aus. Er verfolgt einen nicht in der Tätigkeit selbst liegenden Zweck. Es geht ihm etwa um nützliche Möbel. Das heißt, der Sinn seiner Tätigkeit liegt außerhalb dieser. (S. 15)

Peter Janich: Handwerk und Mundwerk (C.H.Beck 2015, ISBN 978-3-406-67490-7)

Peter Janich: Handwerk und Mundwerk (C.H.Beck 2015, ISBN 978-3-406-67490-7)

Für beide lag der eigentliche Wert jedoch in den Tätigkeiten, die um ihrer selbst Willen ausgeübt werden, beispielsweise dem Streben nach Glück oder nach Erkenntnis. Da die Ideen Platons und Aristoteles eine zentrale Grundlage der wissenschaftlichen Revolution darstellten, konnte sich diese Einschätzung auch in der modernen Wissenschaft verankern. Vielmehr, sie wurde sogar zu einem zentralen Element der aufgeklärten Philosophie.

So stellt Janich dar, wie die Kant’sche Idee des a priori – also die Existenz nicht menschlich konstruierter Kriterien für die Wahrnehmung der Welt – die Illusion verfestigte, “objektives” Wissen sei möglich und unabhängig von der Art seiner Gewinnung. Dieses Denken hat sich bis heute bewahrt und zeigt sich unter anderem in der unkritischen Verwendung statistischer Daten und Modelle für die Erklärung, Planung und Prognose sozialer Prozesse. Mit der Quantenmechanik und den hiermit verbundenen theoretischen Herausforderungen gibt es zudem auch in der Physik starke Hinweise darauf, dass Erkenntnis immer auch im Kontext ihres Entstehens betrachtet werden muss.

Die Wissenschaft als Zweck an sich

Mit diesem Selbstverständnis entfernt sich Janich zufolge die moderne Wissenschaft aus der realen Welt und verliert ihre Verankerung. Er stellt dabei eine der zentralen Fragen der Wissenschaftstheorie und greift so eines der wichtigsten Postulate der Idee von “Naturgesetzen” an:

[…] es stellt sich die Frage, woher diese Sicherheit und, zuvor natürlich, woher erst einmal unser Wissen rührt, dass sich handwerklich hergestellte Formen in einer gewissen Weise zueinander verhalten, und das personenunabhängig. (S. 53)

Während sich beispielsweise die Sozialwissenschaften des Problems der Zeit- und Beobachterabhängigkeit ihrer Erkenntnisse bewusst sind und daher die Idee allgemeiner Gesetzmäßigkeiten weitestgehend aufgegeben haben, hängen die Naturwissenschaften weiterhin der Idee universellen und objektiven Wissens an. Hierzu hat sich auch Lee Smolin in seinem Buch Im Universum der Zeit äußerst spannende Gedanken gemacht, die ich hier demnächst vorstellen werde.

Der Unterschied zwischen Axiomen und Postulaten

Janich verortet das Vergessen der praktischen und handwerklichen Grundlagen der Wissenschaften an einem zentralen begrifflichen Unterschied, der in der antiken Geometrie noch beachtet wurde, in der modernen Mathematik jedoch meist ignoriert wird: dem Unterschied zwischen Postulaten und Axiomen. Ein Axiom ist dabei eine offensichtlich wahre und “objektive” Tatsache, die keiner weiteren Begründung bedarf – in gewisser Weise also ein kant’sches a priori. Ein Postulat hingegen stellt eine unüberprüfte Annahme über die Welt dar, die als Grundlage für ein Gedankenexperiment dienen soll – unabhängig davon, ob diese Annahme tatsächlich eine angemessene Beschreibung der Welt darstellt. Postulate vereinfachen die anschließende Argumentation und erlauben definitive logische Schlüsse, stehen aber immer unter dem Vorbehalt, des „als ob“.

In den modernen Naturwissenschaften ist diese Unterscheidung zwischen Axiom und Postulat Janich zufolge weitestgehend verschwunden. Vielmehr werden Aussagen, die eigentlich Postulate darstellen meist als Axiome verstanden und damit die Trennung zwischen dem Modell und der Welt aufgehoben. Auf diese Weise werden voraussetzungsvolle Argumente zu absoluten Wahrheiten verklärt und von der materiellen Welt isoliert.

Das Handwerk als Verbindung der Wissenschaft mit der materiellen Welt

Dabei wäre eine solche Isolation überhaupt nicht notwendig, wenn sich die Wissenschaft des Handwerks besinnen würde, welches eine solche Verankerung bereits seit Jahrhunderten sicherstellt – in der Form des Experiments und der Messung. Die moderne Naturwissenschaft brüstet sich, mit der Methode des Experiments und der Messung einen Weg gefunden zu haben, der Natur ihre Geheimnisse zu entreißen, schätzt dann jedoch die Leistung des Handwerks gering, welches die notwendigen Apparaturen und Messgeräte produziert. Denn wissenschaftlicher Fortschritt wird erst dann wertvoll, wenn sich die Theorien und Formeln in experimentellen Beobachtungen oder Messungen bestätigen.

Damit werden die Messgeräte und Apparaturen zum integralen Bestandteil wissenschaftlicher Erkenntnis und die ihn ihnen verarbeiteten Ideen, Grundannahmen und Erfahrungen zu ihren Postulaten. Es ist keineswegs gesagt, dass Geräte die Welt tatsächlich so messen, “wie sie ist”, sie bieten vielmehr einen möglichen Zugang neben zahlreichen anderen. Es ist also an der Zeit, das Handwerk als zweiten integralen Bestandteil der Wissenschaft neben dem heute ungleich höher geschätzen Mundwerk zu akzeptieren.