Autor: Nils Müller

Von New York nach Puerto Rico: Auf der Suche nach der dreckigen Pfeife

Am Montag, den 21. Dezember, hatte ich die Freude, der ersten Probe der Dortmunder Philharmoniker für das Neujahrskonzert 2016 beiwohnen zu können.  Darüber ist jetzt auf dem Blog der Philharmoniker mein Gastbeitrag erschienen:

Von New York nach Puerto Rico: Auf der Suche nach der dreckigen Pfeife

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Jetzt beginnt jedoch erst die Arbeit von Generalmusikdirektor und Dirigent Gabriel Feltz: Wie ein Bildhauer legt er mit knappen und präzisen Eingriffen im Zusammenspiel mit den Musikern nach und nach den perfekten Klang des Stückes frei. Er weist auf ein verstecktes Crescendo hin, das nicht genug zu Geltung kommt, stimmt die Lautstärke der Bläser und Streicher auf die leisen Töne des Pianos und der Harfe ab und tüftelt am perfekten Klang eines einzelnen Vibraphon-Schlags. Er betont die Lässigkeit am Anfang des Stücks und hilft den Musikern, sie nach und nach in die aggressive Schärfe des Finales zu überführen.

Was das mit einer dreckigen Pfeife zu tun hat, könnt ihr bei den Philharmonikern lesen: Gastbeitrag zum #neujahrskonzert

Eine Anleitung für das Leben? Vier Ideen aus „Wie wir sind“ von Vincent Deary [mit Video]

Eine Anleitung für das Leben, wäre das nicht praktisch? Ein kleines Handbuch mit „richtigen“ Verhaltensweisen für jede Lebenssituation? Mit seinem Buch Wie wir sind startet der britische Psychoanalytiker Vincent Deary seinen Versuch, eine solche Anleitung zu verfassen. Dabei rückt er in diesem ersten Band unseren Wunsch nach Sicherheit und einem vorhersehbaren Alltag in den Mittelpunkt und weiß Spannendes über den Prozess der Veränderung zu berichten:

  1. Unser Alltagsleben ist geprägt von Handlungsroutinen und etablierten Denkmustern. Anstatt über jede kleine Aktion nachzudenken, sind wir die meiste Zeit damit befasst, Dinge zu wiederholen und Muster zu aktivieren, die wir erlernt haben und von denen wir wissen, dass sie in der Lage sind, unsere alltäglichen Probleme zu bewältigen.
  2. wiewirsind

    Vincent Deary: Wie wir sind
    (Pattloch 2015)

    Wir passen unsere Umgebung diesen Routinen an. So wird sie zu einem Archiv unseres Lebens und unseres Seins. Diese Routinen schreiben wir auch in unsere Umwelt und insbesondere unser Zuhause ein. Jedes Bild an der Wand und jede (Un-)Ordnung in einem Regal ist – bewusst oder nicht – auf diese Routinen abgestimmt. Damit machen wir diese Umgebung zu einem zentralen Bestandteil unserer Selbst, weil sie die Routinen, die uns ausmachen, erst ermöglichen.

  3. Veränderung bedeutet einen Bruch mit unseren Routinen. Daher macht sie uns Angst, ermöglicht uns aber gleichzeitig einen Neuanfang. Routinen geben uns Sicherheit und einen Boden unter den Füßen. Brechen sie weg, schweben wir frei im Raum, und es fehlen Halt und Orientierung. Davor haben wir eine grundlegende Angst und versuchen demnach, Veränderung zu vermeiden. Daher bricht sie meist von außen über uns herein.
  4. Am Ende des Wandlungsprozesses steht ein neues Gleichgewicht, das uns erneut ein Gefühl von Sicherheit und Stabilität gibt. Wenn wir, wie oben beschrieben, den Boden unter den Füßen verloren haben, bemühen wir uns möglichst schnell, ein neues Gleichgewicht zu etablieren. Dabei haben wir gerade zu Beginn die Chance, mit relativ wenig Aufwand richtungsweisende Festlegungen vorzunehmen, indem wir die zu etablierenden Routinen bewusst auswählen.

Wie wir sind von Vincent Deary ist ein äußerst rundes Buch, in dem der Autor voller Wärme, aber gleichzeitig ohne Beschönigung, über den teilweise harten Prozess der Veränderung schreibt. Es gibt zwar ausführlichere und wissenschaftlichere Bücher über alltägliche Routinen, doch Dearys Buch fühlt sich menschlicher und weniger technisch an. Zudem ist es hervorragend geschrieben – und übersetzt – und sprüht vor Witz und Weisheit. Vielleicht keine Anleitung für das Leben, wie es der Titel der Reihe verspricht, aber eine Stütze und ein Trost in turbulenten Zeiten.

Drei Ideen aus „Selbst im Spiegel“ von Wolfgang Prinz [mit Video]

Wir alle glauben, ihn zu haben: einen eigenen, weitestgehend freien Willen. Wir alle denken von uns als Person und als Ich. Doch woher kommt dieses Ich eigentlich, dass gleichzeitig neben sich stehen kann und gerne Schokolade essen würde? Dieser Frage geht der Kognitionswissenschaftler Wolfgang Prinz in seinem Buch Selbst im Spiegel nach und kommt dabei zu überraschenden Schlussfolgerungen:

  1. Unsere eigene Handlungssteuerung und die Wahrnehmung und Interpretation des Handelns anderer basieren auf denselben mentalen Mustern. Damit verwirft Prinz die Idee, dass wir einen privilegierten Zugang zu unserem Denken und Handeln haben. Über das was wir tun und warum wissen wir demnach nicht mehr als über das Handeln anderer. Damit macht Prinz den Weg frei zu einer zweiten, äußerst spannenden Schlussfolgerung:
  2. Wolfgang Prinz: Selbst im Spiegel (Suhrkamp 2013)

    Wolfgang Prinz: Selbst im Spiegel (Suhrkamp 2013)

    Wir verstehen andere nicht nur dadurch, dass wir von uns auf sie übertragen (du bist wie ich), sondern auch indem wir von ihnen auf uns übertragen (ich bin wie du). Diese Idee lässt uns als Ich hinter unsere Wahrnehmung anderer zurücktreten. Insbesondere solange wir in unserer Entwicklung noch kein starkes Ich ausgebildet haben. So modelliert Prinz Lernprozesse, die über reine Konditionierung hinausgehen aber auch nicht auf die Fähigkeit zu umfassender kognitiver Verarbeitung angewiesen sind.

  3. Wenn andere uns spiegeln unterstellen wir ihnen eine bewusste Absicht (die nicht unbedingt gegeben sein muss) und kommen so dazu, uns auch selbst als bewusst Handelnde zu verstehen. Der zentrale Twist in der Argumentation, mit der Prinz die Entstehung der bewussten Absicht aus der (wiederholten) Interaktion zweiter nicht zwangsläufig absichtsvoller Wesen erklärt. Alleine die Unterstellung, der andere handele absichtsvoll sorgt dafür, dass sich ein entsprechendes Muster etablieren kann, dass dann schließlich auch das eigene Handeln prägen kann.

Wegen der doch sehr abstrakten und theoretischen Materie ist das Buch relativ technisch und sehr kleinschrittig geschrieben, es lohnt sich aber, sich mit den Argumenten von Prinz auseinanderzusetzen. Er zeigt auf, wie das bewusste und absichtsvoll handelnde Ich als soziale Konstruktion verstanden werden kann und weist so einen Ausweg aus der Frage nach dem Ursprung des freien Willens. Auf diese Weise betont er die unbedingte Sozialität des Menschen und weist den modernen Individualismus auf seine Grenzen hin. Das freut den Soziologen in mir.

Mehr Rezensionen gibt es beim Perlentaucher.

Unboxing „Trickerion“

Das dritte Spiel, das ich euch vorstellen möchte, ist Trickerion, ein kompetitives Spiel um Zauberer, die um die Nachfolge des mächtigsten Zauberers der Welt wetteifern. Ein äußerst komplexes Worker-Placement-Spiel, das einige spannende Neben-Mechanismen hat und einfach traumhaft gestaltet ist.

Unboxing „Mysterium“

Das zweite Spiel in dieser Reihe ist Mysterium, ein ukrainisches Spiel, das gerne als Cluedo meets Dixit beschrieben wird. Kooperativ müssen die Mitspieler dabei versuchen, aus Bild-Hinweisen auf die klassische Sequenz eines Mordes – wer, wo und womit? – zu schließen.

Unboxing „Pandemic Legacy“

Von der diesjährigen Spielemesse in Essen habe ich drei spannende Neuerscheinungen mitgebracht, die ich euch nach und nach in der Form von Unboxings vorstellen möchte.

Den Anfang macht „Pandemic Legacy“ von Rob Daviau und Matt Leacock, erschienen bei Z-Man. Das Spiel ist eine Weiterentwicklung des beliebten kooperativen Brettspiels „Pandemie„. Diesmal geht es darum, über den Verlauf von mehreren Partien die Welt vor verschiedenen Seuchen zu retten. Dabei verändert sich das Spiel von Partie zu Partie entsprechend des bisherigen Spielverlaufs.

Vier Ideen aus „Schwarmdumm“ von Gunter Dueck

Gunter Dueck: Schwarmdumm (Campus, 2015)

Gunter Dueck: Schwarmdumm (Campus, 2015)

Teams und Meetings stehen neben der Fixierung auf Kennzahlen im Mittelpunkt des modernen Managements. In seinem Buch Schwarmdumm befasdt sich der Mathematiker und ehemalige IBM-Topmanager Gunter Dueck mit genau diesen „Methoden“ und nimmt sie genüsslich auseinander:

  1. Unternehmen und Manager verlieren den Blick für wahre Exzellenz. Im Mittelpunkt steht nicht ein möglichst gutes Produkt oder eine hervorragende Dienstleistung, sondern ein relativer Vergleich mit den direkten Konkurrenten. So haben Unternehmen keinen objektiven Maßstab für Exzellenz, sondern denken ihre Produkte immer im Vergleich zu anderen Unternehmen. Das exzellent wird so zum gut genug.
  2. Unternehmen blicken auf Effizienz statt Exzellenz. Nicht das Produkt oder die Dienstleistung steht im Mittelpunkt des Unternehmens, sondern eine möglichst effiziente Organisation. So werden Mitarbeiter auf allen Ebenen chronisch überlastet und können nur noch reagieren, da ihnen für überlegtes agieren die Zeit und Energie fehlt. Das gilt insbesondere für Managementpositionen, die sich nur noch hektisch um akute Krisen kümmern können und den ruhigen Blick auf das Gesamtbild verlieren.
  3. Kennzahlenfixierte Anreizsysteme sorgen für kurzfristiges Abteilungsdenken. Anreizsysteme, die sich auf einzelne Kennzahlen in einem kleinen Verantwortungsbereich beziehen, bringen die Mitarbeiter dazu, ihre Arbeit genau auf diese Kennzahlen auszurichten und dabei den Blick auf das gesamte Unternehmen, das Produkt oder den Kunden zu verlieren. Es geht ihnen in erster Linie darum, dass sie selbst oder ihre Abteilung gut dastehen, nicht um eine Zusammenarbeit mit anderen Abteilungen im Sinne des gesamten Unternehmens.
  4. Vielen Unternehmen fehlt die verbindende Vision, die allen Mitarbeitern eine klare Richtung vorgibt. Zentrale Aufgabe von Unternehmen ist die Koordination ihrer Mitarbeiter im Hinblick auf eine kollektive Anstrengung, ein großes Ganzes, ein gemeinsames Ziel. Dazu bedarf es einer gemeinsamen Vision, mit der sich alle grundsätzlich identifizieren können. Aus dieser Vision sollten sich dann auch die Leitlinien des Handelns im Unternehmen ergeben, sodass ständiges Mikromanagement unnötig wird.

Schwarmdumm ist sicherlich das Buch von Gunter Dueck, das bisher für das meiste Aufsehen gesorgt hat. Dabei ist vieles von dem, was er schreibt, keineswegs neu oder sonderlich innovativ. Gunter Dueck ist als ehemaliger Manager von IBM jedoch in der Lage, diese Ideen in eine Sprache zu übersetzen, die gerade in Unternehmen verstanden wird, und verfügt gleichzeitig über die notwendige Glaubwürdigkeit in diesen Kreisen. Er schreibt eben nicht aus dem akademischen Elfenbeinturm, sondern reflektiert sein eigenes Berufsleben. Zusammen mit seiner äußerst angenehmen und unterhaltsamen Schreibweise macht dies Schwarmdumm zu einem wichtigen Buch. Lesen.

MOOC-Rückblick: The Analytics Edge

Neben der Astrophysik habe ich mich in den letzten Wochen auch mal wieder mit der quantitativen Datenanalyse auseinandergesetzt. In meiner eigenen wissenschaftlichen Arbeit habe ich bislang in erster Linie qualitativ gearbeitet, schätze aber das Potenzial, das sich in den quantitativen Methoden findet. The Analytics Edge, angeboten von MITx auf der Plattform edX war dabei nicht mein erster Kurs in diesem Bereich, aber sicherlich der umfangreichste.

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Drei Ideen aus „Perfektionismus“ von Raphael M. Bonelli

Raphael M. Bonelli: Perfektionismus (Pattloch 2014)

Raphael M. Bonelli: Perfektionismus (Pattloch, 2014)

Bis vor ein paar Wochen habe ich an dieser Stelle Sachbücher ausführlich zusammengefasst. Jetzt versuche ich mich mal an einem etwas knapperen Format, das ich mir ganz dreist von Konrad Lischka leihe: die zwei, drei oder vier zentralen Punkte eines Buchs knapp und großes Drumherum.

Den Anfang macht das Buch Perfektionismus des Wiener Psychiaters Raphael M. Bonelli, der einer  Störung auf den Grund geht, die heute irgendwie als schick gilt:

  1. Perfektionismus beruht nicht auf zu hohen Ansprüchen. Für Bonelli sind hohe Ansprüche sogar erstrebenswert, da sie uns dabei helfen, immer besser zu werden und es uns ermöglichen, Exzellenz anzustreben.
  2. Das erstrebenswerte SOLL wird zu einem gefühlten MUSS. Perfektionisten gelingt es nicht, die zwangsläufig entstehende Spannung zwischen den selbstgestellten Anforderungen und der tatsächlichen Leistungsfähigkeit zu ertragen. Sie können sich selbst nicht transzendieren und vermischen das Idealbild mit ihrem mangelbehafteten Selbst. Dabei sind sie nicht in der Lage, den Dingen ihren angemessenen Platz einzuräumen.
  3. Die Angst vor dem „Versagen“ führt zu einem Vermeidungsverhalten. Da sie nicht mit ihrer Fehlerhaftigkeit konfrontiert werden wollen, meiden Perfektionen die Herausforderungen und suchen in erster Linie nach Sicherheit.

In den ersten Kapiteln des Buchs gelingt es Bonelli hervorragend, das Phänomen des Perfektionismus auf seinen Kern zu reduzieren: Die Unfähigkeit, die eigenen wahrgenommenen Fehler und Mängel aus einer realistischen Perspektive zu betrachten. Im weiteren Verlauf verliert er dann zwar ein wenig seine analytische Schärfe, das Buch bleibt aber durchaus lesenswert.

MOOC-Rückblick: Alien Worlds: The Science of Exoplanet Discovery

Ab und an packt mich der MOOC-Wahn und ich schreibe mich in mehrere dieser Massive Open Online Courses gleichzeitig ein. Hin und wieder schaffen es die Kurse dann sogar, mich so zu fesseln, dass ich tatsächlich bin zum Ende dabei bleibe, mir alle Videos anschaue, die Übungen rechtzeitig einreiche und schließlich auch die Abschluss“prüfung“ erfolgreich hinter mich bringe. Eine solche intensive Phase mit drei parallelen Kursen ist gerade zu Ende gegangen und ich möchte euch meine Eindrücke dieser drei Kurse nicht vorenthalten.

Den Anfang macht heute der von Andrew West von der Boston University auf der Plattform edX angebotene Kurs Alien Worlds: The Science of Exoplanet Discovery and Characterization.

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