Fünf mal anderswo: Hello Kitty, Eskapismus und eine überforderte Wissenschaft

An dieser Stelle gibt es alle zwei Wochen Lesehinweise anderswo im Netz. Dieses Mal mit Hello Kitty, der Flucht aus der Welt, überbordenen Sorgen, zwei Kulturen und einer überforderten Wissenschaft.

Inside the cult world of Hello Kitty (The Guardian)

Tamara Hinson nimmt uns mit in die Welt eines der erfolgreichsten globalen Markenphänomene der letzten Jahrzehnte: Hello Kitty. Sie stellt Macher und Fans der Kunstfigur vor und geht den Gründen für deren Erfolg nach:

“She creates friendship and makes people happy,” says Yuko [eine Hello-Kitty-Illustratorin], when I ask her about the secret of Hello Kitty’s success. “She’s like a blank canvas, and her fans transcend generation and gender – people just love everything about Hello Kitty.”

Die Welt ist mir zu viel (ZEIT Magazin)

Julia Friedrich setzt sich in ihrem Text mit der zunehmenden Flucht der jungen Generation in das Private, das gemütliche Heim und die Handarbeit auseinander. Sie beklagt dabei insbesondere einen gewissen Fatalismus und die Rückkehr zu überkommen geglaubten Werten:

Das Eingeständnis, dass wir die Realität nicht beeinflussen und es deshalb okay ist, wenn wir sie – im warmen Sessel, eine Tasse warmen Tee neben uns – zwölf Wochen später konsumieren wie einen Hollywoodfilm, der bestimmt gut ausgeht.

„Jetzt benimm dich nicht wie ein Kind und bestell dir ja kein Mineralwasser“ (brandeins)

Im Interview äußert sich der österreichische Philosoph Robert Pfaller über den heutigen Mensch, der das Genießen verlernt hat und sich stattdessen viel zu viele Sorgen macht. Er fordert eine Rückbesinnung auf die Leidenschaften und ein gesundes Maß an gerechtfertigten Sorgen:

Ich meine, die Leute machen sich heute zu viele Sorgen über Dinge wie das Rauchen, aber zu wenige Sorgen über eine Politik, die nichts anderes mehr tut, als sich um so kleine Dinge wie das Rauchen zu sorgen.

The real two cultures (aeon)

Die Anthropologin Anne Buchanan nimmt ihre Besuche auf der Farm ihrer Schwester zum Anlass über das Leben im akademischen Elfenbeinturm nachzudenken – und über die Rolle der Landwirtschaft in der heutigen Zeit. Dabei bezieht sich sich auch auf C. P. Snows klassische These der „zwei Kulturen“:

But when I leave academia behind and am stacking hay or feeding goats, the idea of Snow’s two cultures shrinks into insignificance, or even irrelevance. Viewed from so far away, those two cultures on isolated, protected university campuses […] merge into one, dwarfed by a much greater chasm — between the academy and the outside world.

Die überforderte Wissenschaft (NZZ)

Autorin Daniela Kuhn berichtet über eine Präsentation des Basler Soziologieprofessors Max Bergman, der beklagt, dass die Soziologie als Wissenschaft der Gesellschaft immer sich immer seltener außerhalb akademischer Veröffentlichung zu den wichtigen Fragen unserer Zeit äußert:

Drängende Fragen, welche die Zukunft betreffen, bleiben von der Soziologie daher unbeantwortet. «Stattdessen liegt der Fokus auf der Vergangenheit. Bis zu einem gewissen Grad beschäftigen wir uns zwar auch mit der Gegenwart, aber oft anhand der Vergangenheit», meint Bergman.

Nils Müller
bringt nicht nur anderen Schreiben bei, sondern schreibt auch selbst leidenschaftlich gerne. Als Soziologe interessiert er sich für die Gesellschaft genauso wie für Wissenschaft und die Frage nach dem guten Leben. Er lebt und liest in Dortmund, Bielefeld und auf dem Weg im ICE. Mehr zu ihm gibt es unter nilsmueller.info

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