Viel Weltraum und ganz irdischer Journalismus [Medienmenü 38/2016]

Nach dem sehr lesenswerten Artikel von Andrew Sullivan (I Used to Be a Human Being) ist mal wieder der Vorsatz gewachsen, nicht jedem spannenden Link bei Twitter nachzujagen, sondern mehr bewusst kuratierte journalistische Texte zu lesen. Daher gibt es diese Woche neben Büchern, TV-Serien und Computerspielen auch zwei Klassiker unter den Zeitungen/Zeitschriften, die mich möglicherweise über längere Zeit begleiten werden:

Gelesen: DIE ZEIT 40/2016 (Zeitung)

zeit-2016-40Erster Anlaufpunkt für hochwertigen Journalismus in natürlich die ZEIT. Ein digitales Probeabo für 1€ pro Woche für fünf Wochen kam mir da gerade recht.

Und nachdem ich alle Artikel gelesen habe, die mich interessierten bin ich wahrlich nicht enttäuscht. Neben dem gesellschaftlichen Tagesgeschäft gibt es unter anderem eine ergreifende Reportage über einen jesidischen Ehrenmord in Niedersachsen, einen Bericht aus dem “Krisenzentrum” des Reiseveranstalters TUI und einen sehr lesenswerten und differenzierten Schwerpunkt zum Thema soziale (Un-)Gleichheit.

Ich freue mich auf nächste Woche.

Reingelesen: The Economist, 24. September 2016 (Zeitschrift)

economist-160924Neben der ZEIT habe ich mir auch mal den kostenlosen Probemonat im Kindle-Abo des Economist gegönnt – mit seiner eher wirtschaftsliberalen Perspektive ein wenig der Gegenpol zur ZEIT. Inspiration war auch hier wieder der Artikel von Christian Köllerer.

Bisher fand ich den Economist immer zu anstrengend zu lesen, nach der ersten Aufgabe auf dem Kindle habe ich aber gemerkt, dass das weder an der Fremdsprache noch der Schreibe der Autoren liegt. Bisher hatte ich immer die Print- oder die optisch sehr ähnliche App-Version gelesen. Hier sind Layout und Schriftgröße einfach extrem leserunfreundlich. Auf dem Kindle mit der entsprechend optimierten Ansicht ist das ganze wesentlich angenehmer und liest sich entsprechend flüssig.

Zudem ist das Kindle-Abo mit 10€ im Monat mit Abstand die preiswerteste Variante, an den Economist zu kommen, auch wenn man dann wirklich nur die Kindle-Version bekommt und keinen Zugriff auf die Webseite oder die Audio-Ausgaben.

Abgeschlossen: Red Mars von Kim Stanley Robinson (Roman)

redmarsPuh, die alten Romane von Kim Stanley Robinson fühlen sich wirklich nach Arbeit an. Aber eben nach Arbeit, die sich lohnt. Glücklicherweise las sich die Originalfassung wesentlich flüssiger als die – wie schon erwähnt – katastrophale Übersetzung.

Am Ende habe ich dann aber doch einige Seiten mit langwierigen und doch eher trockenen Erklärungen übersprungen. Dadurch konnte ich dann aber wieder die Geschichte genießen. Robinson ist einfach extrem gut darin, soziale Dynamiken und technische Zusammenhänge zu konstruieren. Das macht aus Roter Mars und den Folgebänden vielleicht die ultimative Mars-Geschichte, die aber dann doch leider oft sehr trocken zu lesen ist…

Abgeschlossen: Gilmore Girls, Staffel 4 (TV-Serie)

Viel muss ich zu dieser Wohlfühl-Serie, glaube ich, nicht sagen: unvergleichliche Dialoge und beste Berieselung mit Niveau. Ich bin allerdings mal gespannt, ob sie das Level in den kommenden Staffeln halten können, denn so langsam nutzt sich die Basisformel doch ein wenig ab.

Abgeschlossen: Manhattan, Staffel 1 (TV-Serie)

Umso mehr gibt es zu Manhattan zu sagen, eine Serie, die vollkommen unter meinem Radar lief und auf die wir zufällig bei Netflix gestoßen sind. Glücklicherweise, denn die (fiktive) Geschichte des us-amerikanischen Atombomben-Projekts ist äußerst gut.

Auch wenn wir natürlich nicht erfahren, was tatsächlich in Los Alamos passiert ist, ist die Geschichte um Frank Winter, Reese Akley und Charlie Isaacs gleichzeitig spannend und plausibel: Winter und Akley leiten jeweils eine Forschungsgruppe zum Bau der Atombombe und verfolgen dabei unterschiedliche Herangehensweisen. Während Akleys “Thin Man” sehr erfolgversprechend ist, scheint Winter sich in eine fixe Idee der Implosion zu verrennen.

Und dann sind da noch die Ehefrauen und Kinder die sich mit dem Leben auf dem abgeschotteten Gelände arrangieren müssen. Die Serie fängt die angespannte Atmosphäre auf dem “Hill” extrem gut ein – sowohl was den Konkurrenzkampf der Wissenschaftler angeht als auch die gleichzeitige Enge des Lagers und die unendliche Weite der umgebenden Wüste, während in Europa jede Stunde tausende Soldaten sterben. Insgesamt also ein äußerst sehenswerter Blick in den Krieg “hinter der Front”.

Gesehen: Memento (Film)

Ich bin ja großer Fan von Christopher Nolan und seinen doch sehr markanten Filmen, in denen er es schafft, den Zuschauer gehörig zu verwirren und mental herauszufordern, gleichzeitig aber immer auch eine spannende Geschichte zu erzähen. Eine Kombination, die es in dieser Form leider zu selten gibt.

Memento ist Nolans Debutfilm und er zeigt in eher kleinem Rahmen schon alles, was seine Filme ausmacht: Ein Mann, der nach einem Unfall(?) sein Kurzzeitgedächtnis verloren hat und mit der Hilfe von Notizen auf der Suche nach dem Mörder seiner Frau ist. Doch Nolan muss natürlich auch noch mit der Erzählstruktur spielen: während er einen Strang in Farbe von hinten nach vorne erzählt, bewegt sich eine andere Geschichte in schwarz-weiß von vorne nach hinten. Die Auflösung des Films findet sich damit eigentlich in der Mitte der Geschichte. Ein Wendepunkt der Geschichte wird damit zum Finale des Films und das Ganze fühlt sich auch noch absolut schlüssig und befriedigend an.

Also: Anschauen!

Zu viel gespielt: Factorio (Computerspiel)

Tja, es war dann doch nicht mit einem Umbau meiner Ölproduktion getan, es gab in dem Feld einfach zu wenig Öl. Also musste ich ein paar Käfernester zerstören – auch um endlich Alien-Artefakte für die Forschung zu bekommen – und ein neues Ölfeld erschließen. So richtig mit Zug und so. Dabei ist das beim Öl noch ein wenig schwieriger, denn man muss auch die leeren Fässer einplanen und wieder zum Ausgangspunkt zurückbringen. Jetzt läuft es aber ausreichend effizient und es mangelt mir nicht mehr an Kunststoff und Schwefel. Nach einem anschließenden kurzen Kupferengpass läuft die Forschung jetzt aber wieder auf Hochtouren und das Raketensilo ist nicht mehr fern. Dann muss ich „nur noch“ die Rakete bauen…

Begonnen: Death’s End von Cixin Liu (Roman)

deathsendEndlich darf ich mich wieder in der von Cixin Liu erdachte Zukunft verlieren. Die Trisolarer sind auf dem Weg zur Erde und die Menschen müssen irgendwie mit dieser Gefahr umgehen. Dieses Mal scheint Liu sich stärker auf die Erde zu fokussieren und erzählt auch einige Geschichten, die parallel zu den Ereignisse aus Dark Forest ablaufen.

Wieder mit dabei ist der absolut unübertreffliche “Sense of Wonder”. Liu hat einfach gigantische Ideen und ganz ähnlich wie Robinson kann er soziale Dynamiken und technische Entwicklungen faszinierend in eine Handlung verpacken. Aber bei ihm wirkt irgendwie alles größer, sodass ich mich großen Augen umblättere und mich immer wieder aufs neue faszinieren lasse. Zu schade, dass dieser Band der letzte der Reihe ist…

Nils Müller
bringt nicht nur anderen Schreiben bei, sondern schreibt auch selbst leidenschaftlich gerne. Als Soziologe interessiert er sich für die Gesellschaft genauso wie für Wissenschaft und die Frage nach dem guten Leben. Er lebt und liest in Dortmund, Bielefeld und auf dem Weg im ICE. Mehr zu ihm gibt es unter nilsmueller.info

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